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Zeitgeschichte (nach 1945)

E. Arsian: Türkische Graue Wölfe

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Christoph Schumann <christoph.schumannpolwiss.phil.uni-erlangen.de>
Autor(en):
Titel:Der Mythos der Nation im Transnationalen Raum. Türkische Graue Wölfe in Deutschland
Ort:Wiesbaden
Verlag:VS Verlag für Sozialwissenschaften
Jahr:
ISBN:978-3-531-16866-1
Umfang/Preis:266 S.; € 39,90

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Hüseyin Cicek, Institut für Politische Wissenschaft, Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
E-Mail: <hueseyin.cicekgmail.com>

Eine Gemeinsamkeit aller nationalistischen oder ultranationalistischen Traditionen ist, dass sie ihre Vergangenheit besonders ruhmreich darstellen. Der Erfolg wird unter anderem darauf zurückgeführt, dass die Gemeinschaft erfolgreich äußere und innere Intrigen bekämpfen und abwehren konnte. Falls es in der Geschichte nationalistischer Bewegungen eine Niederlage zu thematisieren gilt bzw. aufgearbeitet werden muss, so wird dies unter der Richtschnur einer spezifischen sowie exklusiven Erinnerungstradition getan. Um dies zu gewährleisten, wird auf politische Mythen zurückgriffen. Anders gesagt: Die Vergangenheit wird stets unter Berücksichtigung gegenwärtiger Ansprüche, Interessen, Herausforderungen und Notwendigkeiten interpretiert sowie ausgelegt.

Zum Ziel und Anspruch politischer Mythen gehört unter anderem eine klare Verortung des Ursprungs; ebenso stellen sie auch ein Selbstbild und Fremdbild zur Verfügung. Jedoch sind politische Mythen (ebenso auch Gründungsmythen ohne politischen Anspruch) sehr anpassungsfähig und je nach Herausforderungen wird ihr Inhalt immer wieder neu gedeutet oder verstanden. Somit sind sie eine „sichere“ Quelle für Orientierung und das Erzeugen eines „Wir“-Gefühls bzw. Homogenität (S. 55). Aus den erwähnten Gründen, sowie vieler anderer Gründe, ist es wichtig sich genau vor Augen zu halten, (1.) wer sich politischen Mythen bedient und (2.) wie sie öffentlich inszeniert werden sowie (3.) wessen Interessen sie dienen. Hierzu weiter unten mehr.

Die zentrale Frage des Buches bzw. die „grundlegende Hypothese“ (S. 54) lautet, dass sich eine wissenschaftliche Untersuchung, die die Grauen Wölfe bzw. türkische Ultranationalisten „Ülkücüs“ zum Gegenstand der Analyse erhebt, explizit an deren Mythen orientieren muss. Die Methoden, mit denen Arslan sein Vorhaben realisieren will, sind aus verschiedensten Disziplinen entliehen. Zumal durch die Verwendung einer Methodenkombination (Triangulation) wichtige Ebenen parallel oder nacheinander vor allem aber komparativ in Beziehung gesetzt werden können (S. 39–66). Anhand der Grounded Theory sowie quantitativer und qualitativer Methoden will Arslan sein Forschungsziel erreichen. Der Begriff Transnationalität spielt für den Autor eine wichtige Rolle. Vor allem, weil er damit die symbiotische Beziehung der in Deutschland und Türkei lebenden Ülkücüs und die besondere Rolle ihrer politischen Mythen bzw. die Interaktionen zwischen Ursprungsland und neuer Heimat hervorheben will.

Emre Aslan untersucht das Thema in zehn Hauptkapiteln. In den Kapiteln zwei, drei und vier wird die Thematik und ihre wissenschaftliche Einbettung sowie die verwendeten Methoden vorgestellt und diskutiert. Im Kapitel fünf und sechs werden die Gründungsmythen der „Ülkücüs“ aufgezeigt sowie ihre symbiotische Beziehung zum Islam. Kapitel sieben versucht anhand von verschiedenen Interviews, die Arslan mit jungen Mitgliedern der „Ülkücüs“ geführt hat, herauszufinden, welche Ursachen türkische Migranten in der BRD veranlassen, der Bewegung der Grauen Wölfe (Bozkurt) beizutreten. Im Kapitel acht wird die türkisch-nationalistische Bewegung der Ülkücüs als „Subjekt“ diskutiert und im Kapitel neun widmet sich Arslan dem nationalen „Wesen oder Eigenheit“ der türkischen Nationalisten im transnationalem Raum. Im zehnten und letzten Kapitel wird nochmals über den Werdegang türkischer Migranten zu den „Ülkücüs“ reflektiert.

Im Zusammenhang mit politischen Mythen aus der Türkei ist die erste oben gestellte Frage, „wer sich politischen Mythen bedient“, „leicht“ zu beantworten: sie dienen türkischen Nationalisten „Ülkücüs“. Es gibt sehr viele und facettenreiche politische Mythen aus der türkisch-nationalistischen Tradition und diese werden von türkischen Nationalisten immer wieder beansprucht. Zu den wichtigsten türkisch-ultranationalistischen Mythen gehören: Grauer Wolf, Ergenekon, Turan und Roter Apfel und einige mehr, die vom Autor erwähnt werden (S. 94–127). Emre Aslans Anspruch in seinem Buch ist nicht, die gesamte Palette an politischen Mythen aus der türkischen Tradition aufzulisten, sondern diejenigen die im Internet bzw. auf den verschiedenen Homepages sowie sonstigen Websites der türkischen Nationalisten aufzufinden sind (S. 93). Dies aus einem wichtigen Grund, zumal das Word Wide Web die Möglichkeit bietet, dass die „Ülkücüs“ ihr Gedankengut und Ideologie auf diesen Websites – wie Arslan treffend formuliert – „unkontrolliert“ (S. 93) verbreiten und somit eine gute Fundstelle für Wissenschaftler bieten, die sich damit auseinandersetzen. Arslan konzentriert sich dabei auf diejenigen Texte, die sehr häufig zur Sprache kommen. Diese werden im Buch in mehreren Schritten analysiert und kritisch kommentiert. Beispielsweise werden die Texte kontextspezifisch untersucht und je nach Herausforderungen, mit denen sich die politischen Mythen auseinandersetzen, kann Arslan aufzeigen, dass „Bedeutungsverschiebungen“ zum elementaren Wesen solcher Texte gehören.

Anhand mehrerer Interviews bzw. Biografieanalyse will Arslan herausfinden, weshalb sich ein türkischer Jugendlicher dazu entschließt in Deutschland den Ülkücüs beizutreten. Ein Interviewpartner namens „Bahadir“ erzählt von seinem Werdegang und weshalb er sich im Laufe seines jungen Lebens mehr und mehr für die Grauen Wölfe zu interessieren begann. Für Bahadir, so stellt Arslan fest, standen verschiedene Gründe im Vordergrund, weshalb er sich für die Ülkücüs entschieden hat. Dabei ist wichtig zu erwähnen, dass der Interviewpartner aus einer intakten türkischen Familie stammt. Auch weist Arslan darauf hin, dass sich die Eltern von Bahadir explizit gegen die Grauen Wölfe ausgesprochen haben und sich von ihnen immer distanziert hätten (S. 155). Für den Jugendlichen, der in verschiedenen Jugendbanden aktiv war, boten die Ülkücüs einen Weg, nicht nur von der Straße wegzukommen, sondern nach geordneten Strukturen und Werten zu leben. Der Antrieb sich der Ülkücü-Bewegung anzuschließen ist gekoppelt an die Erfahrungen, die der Jugendliche außerhalb der familiären Umgebung gemacht hat. Dazu gehören die medialen „Angriffe“ gegen Ausländer bzw. Türken sowie die Angriffe rechtsradikaler Deutscher in den 1990er Jahren auf türkische Familien. Ebenso zu diesen Erfahrungen gehören Ereignisse, die der Interviewpartner als besonders demütigend für seine Mutter oder andere Familienmitglieder erfahren haben will. Ein Konglomerat aus subjektiven und gesellschaftlichen Erfahrungen ist verantwortlich dafür, dass sich Bahadir für die Ülkücüs entschieden hat.

Abgesehen von den persönlichen Herausforderungen, die Bahadir bewältigen musste, geht es in den Ülkücü-Mythen ständig um die Bewältigung verschiedener Krisensituationen, die die „wahren Türken“ meistern müssen. In den politischen Mythen der türkisch-ultranationalistischen Bewegung sowie politischen Mythen im allgemeinen werden die Protagonisten stets als Opfer böser und hinterlistiger Menschengruppen ausgezeichnet. Gegen diese Kräfte wehren sich Graue Wölfe seit Anbeginn der Zeit und immer wieder müssen sie ihre Tradition und Werte verteidigen. Beispielsweise spielt der Islam bzw. Religion in ultranationalistischen Bewegungen insofern eine Rolle, zumal er für die spezifische Besonderheit der eigenen Gruppe in Anspruch genommen werden kann. Ist dies nicht der Fall oder stellen sich religiöse Führer gegen eine partikulare Auslegung ihrer Religion, so werden auch die Geistlichen als Feinde deklariert. Arslan kann aufzeigen, dass in den politischen Mythen türkischer Ultranationalisten und auch in den Biografien seiner Interviewpartner die Opferrolle bzw. Opfernarrative eine wichtige Rolle spielen und als Identifizierung dienen. Dabei bedeutet das nicht, dass sich die Bewegung oder die einzelne Mitglieder als „Subjekt bzw. Subjekte“ fühlen, die sich ihrem Schicksal ausgeliefert sind, sondern sich aufgrund der Erfahrungen nicht mehr beugen wollen. Deswegen spielt Transnationalität auch eine wichtige Rolle in diesem Zusammenhang, weil Raum bzw. die negativen Erfahrungen des türkischen Volkes bzw. türkischer Ultranationalisten aus verschiedenen Zeiten und geografischer Verortungen, immer wieder in Beziehung gebracht werden und durch die Vermittlung von politischen Mythen bekämpft werden. Zu Recht hält Arslan fest, dass politische Mythen im transnationalen Raum Sicherheit bieten und kulturelle sowie moralische Überlegenheit propagieren.

ZitierweiseHüseyin I. Cicek: Rezension zu: Arslan, Emre: Der Mythos der Nation im Transnationalen Raum. Türkische Graue Wölfe in Deutschland. Wiesbaden 2009, in: H-Soz-Kult, 03.04.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-2-006>.

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