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Zeitgeschichte (nach 1945)

A. Huffschmid u.a. (Hrsg.): Kontinent der Befreiung?

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Matthias Middell <middelluni-leipzig.de>
Titel:Kontinent der Befreiung?Auf Spurensuche nach 1968 in Lateinamerika
Herausgeber:Huffschmid, Anne; Rauchecker, Markus
Ort:Berlin
Verlag:Assoziation A
Jahr:
ISBN:978-3-935936-88-0
Umfang/Preis:256 S.; € 16,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Johanna Wolf, Research Academy, Universität Leipzig
E-Mail: <jwolfuni-leipzig.de>

Für Lateinamerika sind die „Achtundsechziger“ mehr als „Che Guevara“; so wie für Westeuropa diese Zeit auch mehr als die studentische Revolte ist. Mit dem Buch „Kontinent der Befreiung? Auf Spurensuche nach 1968 in Lateinamerika“ wollen die Autor/innen eine solche kritische Blickrichtung auf das weitgehend unerforschte Terrain Lateinamerikas seit den 1960er-Jahren erreichen. Das westeuropäische Nicht-Wissen bzw. Mythologisieren bedeutender Ereignisse wird dabei zum Ausgangspunkt. Im Fokus steht die lateinamerikanische Geschichte von der Kubanischen Revolution 1959 bis zum Sturz der Allende-Regierung in Chile 1973 mit einem besonderen Augenmerk auf den sozialen Bewegungen. Die Autor/innen kommen aus einer Projektgruppe am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin, die nach einem Seminar und einer daraus folgenden Ausstellung ihre Ergebnisse in diesem Buch veröffentlichten.

Es beginnt mit einem fünfseitigen „Prolog“, in dem die Autor/innen ein Gespräch über ihr ganz persönliches Wissen von „Achtundsechzig“ reflektieren. Bereits hier wird der Charakter der Publikation deutlich: Es handelt sich um eine studentische Arbeit, die zu wenig wissenschaftlich-kritische Analyse bietet. Der Anspruch, sich von einer westlich-traditionellen Sicht auf diese Zeit zu befreien, wird nicht erfüllt, was bereits der Untertitel des Buches, „Spurensuche nach 1968“, erahnen lässt. Dabei gibt es gelungene Ansätze, die einen Einblick in bisher Unentdecktes geben. Was sich die Autor/innen vorgenommen haben, ist angesichts der wenig vorhandenen Literatur im deutschsprachigen Raum ein großes Unterfangen. Es macht deutlich, wie schwierig es ist, eine Zeit zu beschreiben, über die bereits im westeuropäischen und globalen Diskurs bestimmte Interpretationen vorherrschen. Die Annäherung an die lateinamerikanischen Ereignisse werden im vorliegenden Buch – mal reflektiert, mal unreflektiert – immer wieder an diesen Deutungen bemessen und wenig aus ihrem eigenen Kontext heraus erklärt.

Das Buch ist in verschiedene Teilüberschriften – wie „Repertoire“, „Bewegung“, „Repression & Gewalt“, „Alltagskultur & Kulturproduktion“ und „Erinnerung & Deutung“ – gegliedert, in denen neben den Länderstudien Kurzbiographien und Zitate von Persönlichkeiten lateinamerikanischer Bewegungen sowie zahlreiche Fotos, Bilder und Zeitungsausschnitte der damaligen Zeit auftauchen. Es beschreibt zunächst, wie Lateinamerika in den 1960er-Jahren überwiegend von Militärdiktaturen regiert wurde und in weiten Teilen von der US-amerikanischen Hegemonialmacht abhängig war. Der Kontinent war wirtschaftlich unterentwickelt und die Abhängigkeit führte zu Perspektivlosigkeit und Frustration in großen Teilen der Bevölkerung. Häufig entluden sich die Spannungen in gewaltvollen Auseinandersetzungen, bei denen es zu zahlreichen Todesopfern kam. Mit der Kubanischen Revolution schienen Lösungen für eine Transformation greifbarer. Das Buch erklärt den Tod Ernesto Che Guevaras zum Auslöser der Politisierung. Mit der Ermordung dieser symbolischen Figur im Oktober 1967 begannen in vielen lateinamerikanischen Regionen Guerillakämpfe zur Eroberung der nationalen Souveränität nach kubanischem Vorbild. Die Auseinandersetzungen spielten sich in ganz unterschiedlichen Situationen, Regionen und Gruppierungen ab. Aber aufgrund der gemeinsamen diktatorischen Erfahrung kam es häufig zu solidarischen Aktionen. Ein besonders herausragendes Beispiel für die Kooperation verschiedener gesellschaftlicher Bewegungen beschreibt Inga Kleinecke in ihrem Artikel über die Proteste in Cordoba, Argentinien. Arbeiter/innen hatten aufgrund von Lohnkürzungen und der Abschaffung des arbeitsfreien Samstags in der wirtschaftlich prosperierenden Region im Jahre 1969 mit Protesten ihre Meinung in der Stadt geäußert. Die durch zahlreiche Verhaftungen schon seit Längerem angespannte Situation entlud sich am 26. Mai 1969. Die Arbeiter/innen formierten mit der Studentenbewegung und einigen Befreiungstheolog/innen eine bisher ungewöhnliche Allianz und demonstrierten gemeinsam. Die Regierung beschloss die Eindämmung der Demonstration, es kam zu Toten, Verletzten und zahlreichen Verhaftungen. Trotz dieser heftigen Reaktionen konnte die Bewegung einen Erfolg auf ihre Fahnen schreiben, der von der Autorin sogar als symbolisch bedeutender Moment in der argentinischen Geschichte bezeichnet wird: Der Provinzgouverneur musste zurücktreten und kurze Zeit später verabschiedete sich auch die Regierung.

Die Autor/innen des Buches stellen an vielen Stellen den außergewöhnlich hohen Grad der Gewaltanwendung bei der Unterdrückung der lateinamerikanischen Bewegungen heraus. Anne Huffschmid spricht beispielsweise von dem im westeuropäischen Raum kaum bekannten Ereignis in Mexiko, das für den Staat bis heute das historisch Bedeutsamste der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts darstellt. Am 2. Oktober 1968 reagierte die mexikanische Regierung unter dem Druck der Olympischen Spiele und der damit einhergehenden weltweiten Öffentlichkeit außerordentlich heftig auf die Studentenbewegung, indem sie auf dem Platz der drei Kulturen in Mexiko-Stadt zahlreiche Demonstrant/innen erschoss.

Neben den Studierenden protestierten auch kirchliche Bewegungen in ganz Lateinamerika. Unter dem Namen „Befreiungsbewegung“ entwickelte sich in den „Campesinos“ – den wirtschaftlichen Randgebieten der Städte – bereits während der 1960er-Jahre im Zuge der sozio-politischen und wirtschaftlichen Veränderungen eine eigene Gruppe innerhalb der Gesellschaft. Der christliche Glaube wurde hier als umfassende Gesellschaftskritik interpretiert und im Dienste sozialer Gerechtigkeit als Protestform verstanden. Auch diese Bewegung war nicht selten mit Repressionen der Regierungen konfrontiert und hatte unter gewalttätigen Reaktionen zu leiden.

Ganz im Sinne der westeuropäischen Tradition fragt das Buch nach den kulturellen Veränderungen in Lateinamerika der 60er-Jahre. Mareike Lühring geht in einem Artikel auf die „Contracultura“ ein, in deren Rahmen sich das „Cancionprotesta“ entwickelte – ein politisches Lied mit folkloristischen Elementen, das sich stark auf die traditionellen Werte der indigenen Wurzeln berief. Darin drückte sich der Versuch der Emanzipation von nordamerikanischer Dominanz aus. Diese Gegenhaltung offenbarte sich auch im Kino. Die argentinische Gruppe „CineLiberación“ befreite sich von der „Neokolonialisierung“ der US-Amerikaner, wie Inga Kleinecke am Beispiel des Künstlers Fernando Solanas beschreibt. Trotz dieser Einführungen in die lateinamerikanische Kultur gelingt es dem Buch aber nicht, sich von der gewohnten Blickrichtung zu verabschieden und die Studentenbewegungen nur als eine von vielen Varianten des sozialen Protestes zu analysieren. Obwohl gerade am letzten Beispiel deutlich wird, wie viele Impulse von ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen ausgingen, wird immer wieder nach den Reaktionen der jugendlichen Intellektuellen gesucht – aus dem bewährten westeuropäischen Habitus heraus. Dieser ständig indirekt mitschwingende Vergleich verbaut die Möglichkeit einer eigenen Geschichtsschreibung.

Darüber hinaus fehlen im gesamten Buch hermeneutische Erklärungen zu spezifisch lateinamerikanischen Begriffen sowie eine explizite Erklärung zur Struktur des Buches. Der innovative Ansatz, das Buch weder chronologisch noch räumlich zu trennen, führt durch die fehlende Erläuterung teilweise zur Orientierungslosigkeit und die verschiedenen Ereignisse können nicht immer kontextbezogen erinnert werden. Obwohl oder gerade weil das Buch – außer im Bezug auf Westeuropa – nicht vergleichend angelegt ist, besteht die Gefahr, dass Lateinamerika dadurch als eine homogene Bewegung wahrgenommen wird. Auch der Sinn der an vielen Stellen eingefügten Kurzbiografien wird nicht weiter erläutert, obwohl dieser Ansatz für weitere Forschung reizvoll ist. Nur müssen dazu an die skizzenhaften Ausschnitte Kontexte gefügt und Auswahlkategorien benannt werden und der Vergleich müsste im Sinne einer bourdieuschen Feldanalyse methodisch erarbeitet werden. Auch die Aneinanderreihung der Zitate dieser Führungspersonen ist problematisch. Die Herausgeber/innen bilden hier unkommentiert von Zeitzeugen konstruierte Geschichte ab, wodurch das Erzählte als Realität erscheint.

Trotz dieser eklatanten Schwächen lassen sich aus diesem Buch Fragen formulieren, welche die Bedeutung der lateinamerikanischen Geschichte für die 1960er-Jahre herausstellen – sowohl für Lateinamerika selbst, als auch im globalen Kontext. In der Forschung wird häufig nach dem transnationalen oder globalen Revolutionszusammenhang von 1968 gefragt. Lateinamerika steht hier als Inspirationsquelle und Auslöser vieler Bewegungen. Die kubanische Revolution als „Idee“ lässt sich als ein transnationales Element begreifen – indirekt, indem es Rückschlüsse auf viele spätere Bewegungen zulässt. Aber auch direkt wurde Havanna zum internationalen Ort des Austauschs. Die Frage nach der symbolischen Aufladung der Revolution und deren Führer durch westeuropäische Bewegungen wäre ein weiterer interessanter Forschungsansatz. Eine gesonderte Betrachtung könnte außerdem der Geschichte der Guerilla-Bewegungen geschenkt werden. Und wenn der Vergleich mit Westeuropa bemüht wird, ist eine ganz wesentliche Frage, wie das Ineinandergehen verschiedener sozialer Schichten funktionierte und weshalb hier die Revolte von unten gelang, auf die westliche Bewegungen so vehement und vergeblich hofften.

ZitierweiseJohanna Wolf: Rezension zu: Huffschmid, Anne; Rauchecker, Markus (Hrsg.): Kontinent der Befreiung? Auf Spurensuche nach 1968 in Lateinamerika. Berlin 2010, in: H-Soz-u-Kult, 25.01.2013, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2013-1-056>.

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