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Europäische Geschichte

D. Shearer: Policing Stalin's Socialism

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Maike Lehmann <m.lehmannuni-koeln.de>
Autor(en):
Titel:Policing Stalin's Socialism. Repression and Social Order in the Soviet Union, 1924-1953
Reihe:Yale-Hoover Series on Stalin, Stalinism, and the Cold War
Ort:New Haven
Verlag:Yale University Press
Jahr:
ISBN:978-0-300-14925-8
Umfang/Preis:brosch.; 507 S.; € 52,99

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Christian Teichmann, Institut für Geschichtswissenschaften, Humboldt-Universität zu Berlin
E-Mail: <christian.teichmannstaff.hu-berlin.de>

Ist zum stalinistischen Terror in der Sowjetunion nicht schon alles gesagt und aufgeschrieben? All die Fragen, die vor der Öffnung der sowjetischen Archive in den 1990er-Jahren Zündstoff für passionierte und ideologiegeladene Debatten geliefert hatten, können nunmehr als überholt gelten. Nicht nur herrscht heute mehr Klarheit über die Höhe der Opferzahlen und den Ablauf der Operationen, sondern auch über die Schlüsselrolle Stalins bei der Initiierung, Steuerung und Beendigung der Repressionskampagnen und Massendeportationen.[1] Nur noch Ewiggestrige behaupten, der Terror von 1937 hätte Züge eines populistischen Ostrazismus getragen oder Formen eines quasi-demokratischen Strafrituals angenommen.[2] David Shearer zeigt in seiner Studie über die sowjetische Polizei jedoch, dass wir bisher wenig über die lange Vorgeschichte, die kumulative Steigerung und die bürokratische Dynamik der stalinistischen Terrorkampagnen wussten. Sein Buch zeichnet die Geschichte des sowjetischen Polizeiapparats im Stalinismus nach und analysiert die systematische Ausrichtung der Polizeiarbeit auf Massenrepressionen.

Shearers Untersuchung schildert diese Entwicklung in zwölf Kapiteln und behandelt drei große Themenkomplexe: die ideologischen Grundlagen der Polizeiarbeit, den institutionellen Ausbau des Polizeiapparats und die Entwicklung spezifischer bürokratisierter Polizeimethoden, mithilfe derer die Massenoperationen abgewickelt werden konnten. Dementsprechend stehen nicht die Angst und der Schrecken im Vordergrund, die die staatsterroristischen Übergriffe des stalinistischen Regimes in der sowjetischen Bevölkerung verbreiteten. Vielmehr interessieren Shearer die institutionellen Abläufe, polizeilichen Methoden und ideologischen Begründungen des Massenterrors. Trotz aller Willkür in der alltäglichen Polizeipraxis misst er daher der polizeilichen Erfassung potentieller Opfer, der Identitätsdokumentation und der Überwachung der Bevölkerung hohe Relevanz zu. Der stalinistische Massenterror der Jahre 1937 und 1938 beruhte – so Shearers Hauptthese – auf der jahrelangen Einübung, Routinisierung und Professionalisierung bürokratischer Überwachungsverfahren. Anders als die „ganz normalen“ deutschen Polizisten portraitiert er ihre sowjetischen Kollegen nicht als potentielle Henkersknechte und Massenmörder, sondern als pflichtbewusste Schreibtischtäter. Die Arbeit an den Erschießungsstätten blieb dagegen Stalins engsten Vertrauten in den Spezialkommandos des Geheimdienstes vorbehalten.[3]

Der in den 1930er-Jahren erfolgte Ausbau des Polizeiapparats und die damit einhergehende ideologische Aufwertung der Polizeiarbeit sind nicht zu verstehen, wenn man nicht bedenkt, wie mittellos und unprofessionell die sowjetische Zivilpolizei in den 1920er-Jahren war. Während die organisierte Kriminalität florierte, waren die sowjetischen Polizisten schlecht ausgerüstete und schlecht bezahlte Parias im Staatsapparat, denen selbst Schusswaffen und Pferde fehlten. Folglich trieben Korruption und Vetternwirtschaft ungeahnte Blüten (S. 65-80). Außerdem lieferten sich Zivilpolizei und Geheimdienst Kompetenzgefechte und bürokratische Kleinkriege. Doch diese Lage änderte sich zwischen 1930 und 1934: In mehreren Etappen gelang es dem effizienten Geheimdienstchef Genrich Jagoda, Kontrolle über die Zivilpolizei zu erlangen und sie in den Apparat des Geheimdienstes einzugliedern. Nach Jagodas Vorstellung sollte Polizeiarbeit nicht nur eine reaktive Antwort des Staates auf Verbrechen sein, sondern ihre Wirkung zuvorderst in der Verbrechensprävention entfalten (S. 124-126, 139-142).

Zur besseren Überwachung und Kontrolle der Bevölkerung erprobten Jagoda und seine Mitarbeiter verschiedene Methoden. Nicht nur wuchs die Zahl der Polizisten und ihre Entlohnung verbesserte sich. Vor allem sollten zivile Spitzelnetzwerke aufgebaut und ein landesweites System der Identitätsdokumentation installiert werden. Die Ende 1932 eingeführten Inlandspässe wurden durch geheime Kartotheken ergänzt, mithilfe derer die Zivilpolizei personalisierte Informationen über alle Passinhaber sammeln sollte. Doch erwiesen sich diese Methoden als impraktikabel. Die angeworbenen Spitzel waren unzuverlässig und die Motivation der mit Arbeit überlasteten Mitarbeiter in den Polizeiwachen, ein aufwendiges Netz von Agenten und informellen Zuträgern zu unterhalten, hielt sich in engen Grenzen (S. 146-153). Gleiches galt für die Kartotheken. Dieses Informationssystem erwies sich als zu kompliziert und zu zeitraubend für die Polizisten, die von ihrer Alltagsarbeit absorbiert waren (S. 171-174). Allein Passregistrierung und Passkontrollen verblieben so als effektive Methoden zur Kategorisierung und Überwachung der Bevölkerung (S. 192, 240, 247).

Obwohl Passfotos und Fingerabdrücke erst spät in den 1930er-Jahren eingeführt wurden, fixierten die Pässe nicht nur die nationale Identität ihrer Inhaber und deren, für die sowjetischen Machthaber essentiell wichtigen, Angaben zur sozialen Herkunft. Shearers Untersuchung zeigt akribisch, wie die Einführung der Inlandspässe ein ausgefeiltes System von Residenz- und Mobilitätsprivilegien entstehen ließ, dem die gesamte sowjetische Bevölkerung unterworfen werden sollte. Nachdem Stalin im Januar 1933 fast zeitgleich mit der Einführung der Passgesetze einen „neuen Klassenkampf“ gegen „sozial schädliche Elemente“ ausgerufen hatte, setzten in den größeren sowjetischen Städten turnusmäßige Deportationskampagnen ein, denen eine Vielzahl unerwünschter Bevölkerungsgruppen – Kriminelle, Kulaken, Prostituierte, Waisenkinder, Zigeuner, Arbeitslose, Spekulanten, Hooligans und Marginale – zum Opfer fielen. Die meisten Deportierten landeten in Lagern oder den berüchtigten sibirischen Spezialsiedlungen.[4] Die erste Deportationswelle begann, nachdem die Polizei im Frühjahr 1933 6,5 Millionen Pässe in 13 sowjetischen Städten ausgegeben hatte, und forderte in den Jahren 1933 und 1934 ungefähr eine Million Opfer (S. 192-205). Auch 1935 und 1936 wurden in den Städten Hunderttausende festgenommen und deportiert, wenn sie keine Pässe besaßen oder von der Polizei als „sozial schädliche Elemente“ eingestuft wurden. Shearer schildert diese Kampagnen in zwei beeindruckenden Kapiteln über die Verfolgung von „Marginalen“ und jugendlichen „Kriminellen“.

Angesichts der exorbitanten Opferzahlen ist zu fragen, ob das Regime mit seinen Passkampagnen tatsächlich „Feinde“ und „Kriminelle“ treffen wollte oder ob die Säuberungskampagnen ein willkommenes Terrorinstrument eines diktatorischen Polizeistaats waren. Shearers Antwort auf diese Frage ist eindeutig: Auch wenn willkürliche Verhaftungen an der Tagesordnung waren, hatte die Kriminalität sich in den 1930er-Jahren derart verbreitet, dass Massenverhaftungen und Deportationen angesichts des Fehlens alternativer polizeilicher Kontrollmöglichkeiten als effizienteste und praktikabelste Lösung erscheinen mussten. Shearer räumt aber auch ein, dass die bürokratisierten Verfolgungsverfahren und die (bereits vor Beginn der Deportationskampagnen festgelegten) Verhaftungsquoten zur Intensivierung und Verselbstständigung des Terrors beitrugen.

Somit gingen Bürokratisierung und Militarisierung bei den Passoperationen in der Mitte der 1930er-Jahre Hand in Hand. Die Terrorkampagnen der 1930er-Jahre waren Shearer zufolge „monströs in ihrer bürokratischen Banalität“ (S. 370). Entsprechend dieses Befundes findet Shearer im Terror der Jahre 1937-1938 zwar eine neue Quantität, aber keine grundsätzlich neue Qualität. Vielmehr war der Große Terror in operativer Hinsicht eine Fortsetzung und Intensivierung der Passkampagnen (S. 318-319, 352-361). Diese These illustriert Shearer am faszinierenden Beispiel des „Kriminellen“ Kiril Korenew, der an einem Novembertag 1937 von der Polizei auf einer Moskauer Straße als „sozial schädliches Element“ verhaftet wurde. Nach seiner Verurteilung zu einer jahrelangen Haftstrafe begann Korenew eine Odyssee durch den sowjetischen Gulag, in deren Verlauf er aus mehreren Lagern flüchtete, seine Identität mehrfach wechselte und schließlich zum Mörder wurde (S. 371-404).

Die Massenrepressionen und Massendeportationen waren zerstörerische Methoden der Bevölkerungspolitik. Doch waren sie von bürokratischen Verfahren gelenkt. Daher erscheint aus Shearers Sicht die Nachkriegszeit als eine Periode der Normalisierung. Das Regime hatte seine sozialpolitische Agenda durchgesetzt. Während die Massenrepressionen sich nun auf die neuen ukrainischen und baltischen Territorien der Sowjetunion konzentrierten, etablierte sich in den alten Gebieten ein Polizeiregime, das auch ohne Massenoperationen auskommen konnte.[5] Auch das Verhältnis zwischen Staat und Bevölkerung entspannte sich in den letzten Lebensjahren Stalins merklich (S. 438).

An jedem Buch kann man Kritikpunkte finden: Während Shearer die bürokratische Seite des Terrors systematisch ausleuchtet, fehlen in seinem Buch Ausführungen zur Rolle von Willkür und Einschüchterung, die fester Bestandteil der sowjetischen Repressionspraxis waren. Die Polizisten und Geheimdienstleute in Shearers Buch sind Bürokraten und Schreibtischtäter, aber Leser erfahren wenig über das Alltagsleben oder den Habitus der Täter. Schließlich vergleicht Shearer die sowjetische Polizei zwar mit ihrer zarischen Vorgängerorganisation und kolonialen Polizeitruppen im britischen Empire, nicht hingegen mit den Sicherheitsorganen anderer Diktaturen des zwanzigsten Jahrhunderts. Und dennoch: Shearer hat ein vielseitiges, tiefschürfendes und überraschendes Buch vorgelegt. Auf der faktensatten Grundlage, die er mit seiner Studie über die sowjetische Polizeiorganisation, die Repressionskampagnen und die Rolle der Bürokratisierung im Sowjetstaat gelegt hat, kann man über die Interpretation des stalinistischen Terrors wieder neu streiten.

Anmerkungen:
[1] Paul Gregory, Terror by Quota. State Security from Lenin to Stalin, New Haven 2009.
[2] Wendy Z. Goldman, Terror and Democracy in the Age of Stalin. The Social Dynamics of Repression, Cambridge 2007.
[3] Jörg Baberowski, Verbrannte Erde. Stalins Herrschaft der Gewalt, München 2012, S. 334-341, 393-395.
[4] Die Deportationen konnten in willkürliche Vernichtungsaktionen gegen die Aussätzigen des Sowjetsystems ausarten, vgl. Nicholas Werth, Die Insel der Kannibalen. Stalins vergessener Gulag, München 2006.
[5] Ausnahmen waren auch der Kaukasus und die Schwarzmeerregion, vgl. u.a. Jamil Hasanli, Stalin and the Turkish Crisis of the Cold War, 1945-1953, Lanham 2011, S. 270-277, 380-382.

ZitierweiseChristian Teichmann: Rezension zu: Shearer, David R.: Policing Stalin's Socialism. Repression and Social Order in the Soviet Union, 1924-1953. New Haven 2009, in: H-Soz-Kult, 28.09.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-3-194>.

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