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Neuere Geschichte

K. C. Führer: Carl Legien

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Ewald Frie <ewald.frieuni-tuebingen.de>
Autor(en):
Titel:Carl Legien 1861–1920. Ein Gewerkschafter im Kampf um ein „möglichst gutes Leben“ für alle Arbeiter
Reihe:Veröffentlichungen des Instituts für soziale Bewegungen, Reihe A: Darstellungen 42
Ort:Essen
Verlag:Klartext Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-8375-0186-5
Umfang/Preis:Festeinband; 368 S.; € 34,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Michael Ruck, Politikwissenschaft und Zeitgeschichte, Universität Flensburg
E-Mail: <ruckuni-flensburg.de>

Der Name Carl (Karl) Legien ist in den Straßenverzeichnissen deutscher Städte allgegenwärtig. Doch die Person des Namensgebers ist weithin unbekannt. Nur wenige Menschen dürften mit ihm vage den Aufstieg der sozialistischen Gewerkschaften zur Massenbewegung im Kaiserreich und zur staatstragenden Kraft zu Beginn der Weimarer Republik, vor allem aber das „Stinnes-Legien-Abkommen“ von Anfang November 1918 und den Generalstreik gegen Kapp und Lüttwitz im Frühjahr 1920 verbinden. Über das Leben und den Werdegang des drei Jahrzehnte amtierenden ersten Dachverbandsvorsitzenden der sozialistischen Gewerkschaften war bislang selbst unter Historikern kaum Nachlesbares bekannt. Diese Unterbelichtung ist umso vermerkenswerter, als zwar die kurze Konjunktur der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegungshistoriografie bereits in den 1990er-Jahre wieder verebbte[1], die biografische Forschung davon jedoch unberührt geblieben ist[2] Die von Karl Christian Führer nun vorgelegte Lebensbeschreibung liegt mithin im Trend und sie verspricht, ein immer wieder beklagtes Desiderat zu beseitigen.

Der Hamburger Historiker hat einen Mangel an persönlichen Selbstzeugnissen bestätigt gefunden, der im Widerspruch zu dem Jahrzehnte währenden öffentlichen Wirken des Gewerkschaftsführers und SPD-Reichstagsabgeordneten steht. Ein persönlicher Nachlass Legiens hat wohl existiert (S. 11). Das mutmaßlich sehr umfangreiche Material wurde Ende 1929 vom ADGB als Depositum an das Reichsarchiv in Potsdam gegeben[3] und ist dort während der NS-Zeit bis auf wenige Überreste, die heute im Bundesarchiv Berlin verwahrt werden, verloren gegangen.[4] Wenige Dokumente sind in der im selben Jahr vom ADGB herausgegebenen „Gedenkschrift“ seines Weggefährten und Nachfolgers Theodor Leipart überliefert.[5] Ansonsten musste Führer sich überwiegend auf gedruckte Quellen stützen: neben Kongressberichten und Gremienprotokollen vor allem das von Legien begründete, viele Jahre größtenteils von ihm persönlich verfasste und redigierte „Correspondenzblatt der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands“. Außerdem konnte er auf recht umfangreiche Berichte des obrigkeitsstaatlichen Überwachungsapparats zurückgreifen, die freilich nur ein perspektivisch verzerrtes Bild des öffentlich agierenden Arbeiterfunktionärs Legien zeichnen. Gleichwohl darf er für sich in Anspruch nehmen, „ein differenziertes Bild von Legiens Person und seiner Arbeit als Gewerkschaftsführer“ (S. 11f.) gezeichnet zu haben.

Zunächst schildert Führer, vor allem gestützt auf einen entlegenen Aufsatz von Klaus Saul[6], die beiden ersten Lebensjahrzehnte Legiens als Weg eines zwar katholisch getauften, aber kirchenfern und areligiös geprägten Sprösslings einer vielköpfigen Kleinbürgerfamilie, der als Waise im westpreußischen Garnisonsstädtchen Thorn zunächst die Mittelschule durchlief, dann eine Drechslerlehre absolvierte, parallel dazu freiwillig die örtliche Fortbildungsschule mit großem Engagement und Erfolg besuchte, um anschließend zwei Jahre Militärdienst in Altenburg hinter sich zu bringen, ohne dabei nennenswerte Spuren in der Quellenüberlieferung zu hinterlassen (S. 32). Immerhin wird deutlich, dass Legien aus diesen formativen Jugendjahren ein doppeltes Antriebsmoment mitnahm, welches sein gewerkschaftliches Engagement zeitlebens geprägt hat: das ausgeprägte Streben nach dem individuellem Aufstieg aus der proletaroiden Existenz und das aktive Eintreten für eine durchgreifende Verbesserung der kollektiven Lebensbedingungen der deutschen Arbeiterschaft. Sein „enormer Bildungswille“, die eigenen Ausgrenzungserfahrungen während der Wanderschaft und die kritische Wahrnehmung der „verdammte[n] Bedürfnislosigkeit“ (S. 25) vieler Klassengenossen bereiteten offenbar den Entschluss vor, sich seit Ende 1886 in Hamburg gewerkschaftlich zu betätigen. Führer deutet diese „Konversion zum überzeugten Sozialisten“ (S. 34), die Legien im bewussten Bruch mit seiner kleinbürgerlich-national(istisch)en Sozialisation vollzogen habe, nicht als „Karrierismus“, sondern als einen eigenständigen „Akt der Sinngebung“, für den kein persönliches Vorbild auszumachen sei (S. 39; vgl. S. 28).

Der beharrlich-energische, substanzverzehrende Einsatz Legiens in allen Ämtern, die er übernahm, mündete bald schon in eine „geplante Überforderung“ (S. 52). Sie war auch Konsequenz eines frustrierenden Erlebnisses des frisch gebackene Vorsitzenden des Drechsler-Verbandes: Nach dem ersten Streik seiner Berufsgenossen in Hamburg, dessen Erfolg nicht in eine Kollektivvereinbarung mit den Arbeitgebern umgemünzt worden war, musste er 1888/89 erleben, wie eine durch starken Zuzug Arbeitssuchender angeheizte individuelle Konkurrenz das mühsam Errungene binnen kurzer Zeit wieder zunichte machte. Gewerkschaftliche Interessenvertretung lebte nicht in erster Linie von „natürlicher“ Solidarität der Arbeiterschaft, sondern von rationaler, zentraler Planung und Organisation durch ihre Funktionäre. Dieses Credo lebte Legien fortan mit aller Konsequenz und Härte gegen sich und andere. Unbeirrt von Kritik aus den eigenen Reihen, vor allem von Seiten der Partei (S. 45ff.; vgl. S. 68). trieb er unter schwierigsten Umständen die Professionalisierung der Verbandsarbeit voran.

Obschon noch eine „Randfigur der sozialistischen Arbeiterbewegung“, war Legien zur Stelle, als im November 1890 in Berlin die „Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands“ gegründet wurde. Den Vorsitz dieses Koordinationsausschusses unbestimmtem Mandats nahm er mit ausgeprägtem „Sinn für strategisches Denken“ (S. 71) wiederum „sehr aktiv und planungsfreudig“ (S. 68) wahr. Zwar ließ der aufstrebende Gewerkschaftsführer sich dabei von „Widerstand und Opposition“ nicht beirren, doch forderte der andauernde Kraftakt schon früh seinen erkennbaren Tribut. Von Zeitgenossen wurde er einerseits als tatkräftig, diszipliniert und rational abwägend, andererseits als distanziert und sarkastisch-zynisch bis zur „Menschenverachtung“ (Theodor Leipart) charakterisiert (S. 68f.). Ansonsten dauerhaft unfähig zum Aufbau persönlicher Vertrautheit, lebte er mit der Gewerkschafterin und SPD-Agitatorin Emma Ihrer in einer „unkonventionellen“ Beziehung, welche ihn sozial noch weiter isolierte (S. 79, 86–89). Daraus flüchtete sich Legien in exzessiven Alkohol- und Nikotinkonsum. Seine fortschreitende physische und psychische Zerrüttung wurde begleitet von schweren Erkrankungen und Zusammenbrüchen. Nach dem Tod seiner Kampfgefährtin erlebte Legien 1911 eine „emotionale Katastrophe“. Als er nach Wochen seine Arbeit wieder aufnehmen konnte, trat seine selbstzerstörerische Fixierung auf die Organisationspolitik „in ihr letztes Stadium“ (S. 87). In der Revolutionszeit 1918/19 und während des Kapp-Putsches 1920 agierte schließlich ein „sozial ‚funktionaler‘ Alkoholiker“, der als „schwerkranker Mann“ erkennbar dem baldigen Tod entgegensah (S. 68–76).

Vor dem Hintergrund dieses ebenso eindringlich wie überzeugend gezeichneten Persönlichkeitsbildes charakterisiert Führer seinen Protagonisten als einen paradigmatischen „Politiker“ im Sinne Max Webers: Von Beginn seiner Funktionärslaufbahn an lebte Carl Legien für die Politik und von der Politik (S. 77f.). In dieser Rolle war er überaus erfolgreich. Binnen weniger Jahre wurde die Generalkommission unter Führung des „unbestechlichen Realisten“ und rastlosen Organisators zu einem „Zentrum der sozialdemokratischen Arbeiterbewegung“ (S. 92ff.). Im Anschluss an die Arbeiten von Klaus Schönhoven, Gerhard A. Ritter und Klaus Tenfelde würdigt Führer diese außergewöhnliche Lebensleistung, ohne dabei deren Begrenzungen zu beschweigen. Gefangen in einem engen Korsett „vulgär-marxistischer“ Interpretamente (S. 117; vgl. S. 142), zudem „kulturell blind“ für die Belange nicht-deutscher Völker und Nationalitäten, scheiterte er bis 1914 etwa daran, im Ruhrgebiet und in Elsaß-Lothringen eine wirkungsvolle „Gewerkschaftsarbeit in einem national und sprachlich inhomogenen Milieu“ zu organisieren (S. 103). Und seine wiederholten Versuche, Bürgertum und Obrigkeitsstaat die Gewerkschaften als eigentliche „nationale“ Bewegung nahe zubringen (S. 117f.), wurden dort erst – scheinbar – gewürdigt, als es seit dem Sommer 1914 darum ging, die Burgfriedenspolitik einzuleiten und gegen wachsende gesellschaftlich-politische Widerstände abzusichern (S. 169ff.). Daran, dass Legien hier wie im Herbst 1918 (S. 219ff.) durchweg als ein „nüchtern denkender Stratege“ (S. 115) den richtigen Kurs steuerte (S. 177) und nicht etwa als sozialpatriotischer Organisationsfetischist die gesellschaftlichen Entwicklungen wie auch die Kalküle seiner Ansprech- und Kooperationspartner auf staatlicher und industrieller Seite falsch einschätzte, bleiben auch nach der Lektüre der kritisch-zugewandten Darstellung gewisse Zweifel unausgeräumt. Doch ungeachtet aller Ambivalenzen wird man der abschließenden Würdigung folgen können, dass Carl Legien zu jenen „großen Politikern“ im Sinne Max Webers gezählt werden darf, welche „Deutschland im 19. und frühen 20. Jahrhundert“ hervorgebracht hat (S. 265).

Allen ungünstigen Voraussetzungen zum Trotz hat Karl-Christian Führer eine gediegene, jederzeit gut lesbare und durch 18 aussagefähige Dokumente (S. 271–348) ergänzte Biografie vorgelegt. Substanzielleres wird über diesen bedeutenden Gewerkschaftsführer wohl nicht mehr geschrieben werden können.

Anmerkungen:
[1] Vgl. dazu Klaus Schönhoven, Gewerkschaftsgeschichte als Sozialgeschichte. Überlegungen zu Forschungsstand und Forschungsperspektiven (1988), in: ders., Arbeiterbewegung und soziale Demokratie in Deutschland. Ausgewählte Beiträge, Hrsg. Michael Ruck / Hans-Jochen Vogel, Bonn 2002, S. 27–41; Stefan Remeke, Doch nur ein Strohfeuer? Von der „kurzen“ Geschichtsschreibung über die deutschen Gewerkschaften – ein Zwischenruf, in: Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen 36 (2006), S. 105–114.
[2] Jürgen Mittag, Biografische Forschung und Arbeiterbewegung: Einleitende Bemerkungen, in: ders. (Hrsg.), Biografische Ansätze zur Geschichte der Arbeiterbewegung im 20. Jahrhundert. (Mitteilungsblatt des Instituts für soziale Bewegungen, Nr. 45), Essen 2011, S. 5–21, hier: S. 11.
[3] Vgl. Quellen zur Geschichte der deutschen Gewerkschaftsbewegung im 20. Jahrhundert, Bd. 3,2, Köln 1986, Dok. 240 (25./26.11.1929), S. 1356 mit Anm. 33. Führers Annahme, die Unterlagen seien bereits in den 1920er-Jahren verloren gegangen, trifft mithin nicht zu.
[4] Vgl. Klaus Schönhoven, Expansion und Konzentration. Studien zur Entwicklung der Freien Gewerkschaften im Wilhelminischen Deutschland 1890 bis 1914, Stuttgart 1980, S. 18f.
[5] Theodor Leipart, Carl Legien. Ein Gedenkbuch, Berlin 1929 (Reprint Köln 1981). Danach die Skizze von Gerhard Beier, Carl Legien. Der weißhaarige Feuerkopf, in: ders., Schulter an Schulter, Schritt für Schritt. Lebensläufe deutscher Gewerkschafter, Köln 1983, S. 121–126.
[6] Klaus Saul, „Er liebte es nicht, darüber zu sprechen.“ Umrisse einer bürgerlichen Kindheit und proletarischen Jugend: Carl Legien (1861–1886), in: Ernst Hinrichs / Heinrich Schmidt (Hrsg.), Zwischen ständischer Gesellschaft und „Volksgemeinschaft“. Beiträge zur deutschen Regionalgeschichte seit 1750, Oldenburg 1993, S. 101–126.

ZitierweiseMichael Ruck: Rezension zu: Führer, Karl Christian: Carl Legien 1861–1920. Ein Gewerkschafter im Kampf um ein „möglichst gutes Leben“ für alle Arbeiter. Essen 2009, in: H-Soz-u-Kult, 18.12.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-228>.

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