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Neuere Geschichte

R. Melville: Adel und Revolution in Böhmen

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Adel und Revolution in Böhmen. Strukturwandel von Herrschaft und Gesellschaft in Österreich um die Mitte des 19. Jahrhunderts
Reihe:Veröffentlichungen des Instituts für Europäische Geschichte, 95
Ort:Mainz
Verlag:Philipp von Zabern Verlag
Jahr:
ISBN:3-8053-1176-1
Umfang/Preis:368 S., 3 Karten; € 45,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Rene Schiller, Institut für Geschichtswissenschaften, Technische Universitaet Berlin
E-Mail: <rene.schillerrz.hu-berlin.de>

Pünktlich zum Jubiläumsjahr der 1848er Revolution und zeitgleich mit der breiteren Hinwendung zur Erforschung des neuzeitlichen Adels erschien vor wenigen Monaten die bereits 1977 angenommene Freiburger Dissertation von Ralph Melville zum böhmischen Adel. Das Thema ist auf eine Adelslandschaft konzentriert, die in der deutschen historischen Forschung - von wenigen Überblicksdarstellungen abgesehen - fast unbehandelt geblieben ist. Dies ist jedoch angesichts der Tatsache, daß auch über große Gruppen des (klein-)deutschen Adels nach wie vor, gemessen an der Bürgertumsforschung, nur begrenzte Kenntnisse bestehen, auch nicht weiter verwunderlich.

Im ersten Abschnitt der Studie wird zunächst versucht, die wirtschaftlichen Grundlagen des böhmischen Adels sichtbar zu machen. Dabei werden erhebliche Unterschiede der Region zu den zentralösterreichischen Gebieten festgestellt. Diese bestanden vor allem im Umfang des grundherrlichen Gebietes und der Größe des selbstbewirtschafteten Dominikallandes. Während die zentralen Provinzen grundherrschaftlich verfaßt waren, schreibt Melville die 'slavischen Provinzen' Böhmen, Mähren und Galizien dem Typus der 'Gutsherrschaft' zu (S. 44). Die großen geschlossenen Gutswirtschaften der böhmischen Länder wurden seit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert zur 'Avantgarde der rationellen Landwirtschaft' in Österreich, da die Eigenwirtschaft den größten Teil des Herreneinkommens sicherte. Ähnlich wie in Oberschlesien wurde der ungebrochene ökonomische Vorrang der großen Herrschaftsbesitzer außerdem durch ihre Monopolstellung in der Montanindustrie weiter gefestigt. Im Vergleich zu anderen Gebieten Österreichs zeigt der Verfasser den teilweise riesigen Umfang der böhmischen Herrschaften auf. Diese Latifundien gehörten bis auf wenige Ausnahmen einem reichen Magnatenadel. Die Schlußfolgerung, daß Böhmen 'ein Land ohne Gentry' sei (S. 32), läßt sich jedoch so nicht nachvollziehen. Immerhin unterschritten 68 % aller Dominien (Herrschaften) eine Grenze von 1.450 ha und sind damit wohl nicht als Magnatenbesitzungen zu kennzeichnen. (Errechnet nach Tabelle 4, S. 37. Eine einheitliche Umrechnung der zeitgenössischen Maßangabe Joch in ha wäre der Benutzung nicht abträglich gewesen!). Im weiteren Verlauf der Arbeit werden dann diese kleineren Besitzungen und ihre Inhaber - unter denen auch Bürgerliche waren (S. 74) - ausgeblendet und der böhmische Adel vielfach mit den Magnaten gleichgesetzt.

Wesentlich für die Verhältnisse in Böhmen war, wiederum im Gegensatz zu anderen österreichischen Gebieten, die weitgehende Identität zwischen Grundherrschaft und Verwaltung, die dazu führte, daß der dortige Adel in den Jahren vor der Revolution strikt die altständische Verfassung und damit vor allem die Patrimonialgerichtsbarkeit verteidigte. In anderen Teilen der Habsburger Monarchie, in denen - wie beispielsweise in Niederösterreich - statt geschlossener Herrschaften die grundherrlichen Rechte in der Hand einer Vielzahl von Besitzern waren, ist der Adel dagegen bereits im Vormärz vor allem aus Kostengründen bereit gewesen, auf diese weitgehend zu verzichten (S. 63). Konsequent und erfolgreich in die Richtung der Ablösung der alten Patrimonialverwaltung zugunsten einer Gemeindeselbstverwaltung wirkte im vormärzlichen Habsburgerreich jedoch vor allem der aus böhmischem Adel entstammende Verwaltungsfachmann und Politiker Graf Franz Stadion, der zunächst in den Küstenlanden um Triest (1845) und dann in Galizien seine diesbezüglichen Pläne in die Tat umsetzen konnte. Obwohl Stadion nicht in Böhmen direkt wirkte, wird in der Arbeit seinen Vorhaben und seiner Tätigkeit als führendem Beamten sehr viel Platz eingeräumt, da Melville dessen Selbstverwaltungskonzept als ein Kernstück der postfeudalen Ordnung in Österreich betrachtet (S 89).

Seine Vorhaben spielten jedoch innerhalb der vormärzlichen, böhmischen 'Ständeopposition' keine Rolle. Die maßgeblichen Vertreter dieser Richtung waren vielmehr vorrangig darum bemüht, sich mit der als absolutistisch interpretierten Wiener Regierung auseinanderzusetzen. Während die Grundherrschaft für sie, trotz der verbreiteten Bereitschaft, auf die bäuerlichen Dienste gegen angemessene Entschädigung zu verzichten, unanfechtbar blieb, diskutierten sie bereits vor 1848 eine stärkere Einbeziehung des Bürgertums in die Ständische Versammlung.

Die Märzrevolution in Prag erlebten die führenden böhmischen Aristokraten dennoch zunächst nur passiv. Es gelang ihnen jedoch sehr schnell, die Entwicklungen zu beeinflussen und die ursprüngliche Vorlage der 'Ersten Prager Bürgerpetition', die unter anderem Forderungen nach Beseitigung der Patrimonialgerichtsbarkeit, nach Aufhebung der Untertänigkeit, nach politischer Emanzipation der Bauern und - wirtschaftlich besonders schwerwiegend - nach Ablösung der bäuerlichen Dienste (Robot) enthielt, auf indirektem Wege weitgehend zu entschärfen. Dies war unter anderem auch deshalb möglich, weil im Vielvölkerstaat der Habsburger Monarchie die Konfliktlinien zwischen der Zentrale und den einzelnen Ländern, diejenigen zwischen Adel und Bürgertum immer wieder überlagerten. Im Ergebnis setzten sich in dieser ersten Phase der Märzbewegung die moderaten Aristokraten durch, die durch eine Kooperation mit dem Bürgertum Kompromisse in den für den Großgrundbesitz wichtigen Fragen erreichen konnten. Möglicherweise wurde dies dadurch begünstigt, daß es den böhmischen Ständen nicht gelang, formell zusammenzutreten und damit den Vertretern eines altständischen Kurses kein Forum geboten wurde, auf dem sie sich artikulieren konnten, während die gemäßigten Aristokraten zum Teil direkt an den Bürgerversammlungen teilnahmen.

Diese Teilerfolge böhmischer Adelspolitiker wurden jedoch innerhalb kurzer Zeit von den Revolutionsereignissen überholt. Neben der Unzufriedenheit der Prager Bürger über die Veränderung der ursprünglichen Petition erregte vor allem die Tatsache Unmut, daß die Wiener Regierung jegliche Zugeständnisse in Verfassungsfragen an die Zustimmung der alten Landstände geknüpft hatte. Dies führte innerhalb kurzer Zeit zu einer zweiten 'Bürgerpetition', die eindeutig antiständisch war und auch neuständischen Konzepten eine Absage erteilte. Damit wurde jedoch den bisher involvierten adligen Politikern die weitere Teilnahme unmöglich gemacht, und sie verloren ihre bis dahin einflußreiche Rolle innerhalb der Petitionsbewegung. Als Reaktion auf den Druck des Bürgertums erließ die Regierung die sogenannte 'böhmische Charte', die eine gemischte Repräsentation aus Ständevertretern und gewählten Abgeordneten vorsah. Während hier dem Adel noch deutliche Konzessionen gemacht wurden, bedeutete die verordnete Aufhebung der Patrimonialverwaltung für ihn eine herbe Niederlage, auf die er, im Gegensatz beispielsweise zum preußischen Adel weitgehend kampf- und sprachlos reagiert hat.

Für die politische Flexibilität der böhmischen Adelspolitiker, die eine wesentliche Ursache sicher auch darin hatte, daß diese ökonomisch sehr gut abgesichert waren, spricht, daß sie es trotz dieser Entwicklungen vermochten, wieder in ein Arrangement mit der liberalen tschechischen Bewegung zu kommen. Die Zusammenarbeit wurde auch durch die weitgehend gemeinsam getragene Entscheidung vertieft, keine Abgeordneten in die Paulskirche zu entsenden. Allerdings gab es durchaus auch Adlige, die sich für die Entsendung von Parlamentariern aussprachen und auf eine Organisation der deutschen Bevölkerung hinarbeiteten. Hier wäre eine detailliertere Analyse, die uns darüber unterrichtet, ob das Zusammengehen mit der tschechischen Nationalbewegung nur politischem Kalkül entsprang, oder auch einer nationalen Selbstverortung der böhmischen Herrschaftsbesitzer entsprach, sicher weiterführend gewesen. So wurde die Zusammensetzung der Besitzer der knapp 1200 Dominien aus tschechischem und deutsch-österreichischem Adel (und Bürgertum) leider nicht untersucht. Dieses Defizit wiegt um so schwerer, da die Ostmitteleuropaforschung der letzten Jahrzehnte gerade die besondere Bedeutung des Adels im Zuge der Nationsbildung herausgearbeitet hat.

Eine weitere Kooperation zwischen dem böhmischen Adel und der tschechischen Nationalbewegung wurde dann allerdings nach der gewaltsamen Niederschlagung des Prager Pfingstaufstandes durch den Fürsten Windischgrätz - der ebenfalls böhmischer Herrschaftsbesitzer war - auf lange Sicht blockiert. Als eine der wichtigsten politischen Folgen ist die Tatsache anzusehen, daß sich die führenden Adelspolitiker aus der Vorbereitung des Landtages zurückzogen und ihre Standesgenossen zum Verzicht auf eine Teilnahme aufriefen. Dementsprechend waren auch unter den böhmischen Abgeordneten für den Reichstag in Wien keine Adligen. Noch gravierender gestalteten sich für den Adel jedoch die Auswirkungen der Gemeindereform, die das Vakuum nach Aufhebung der Patrimonialverwaltung füllen sollte. So gelang es den Besitzern der Dominien nicht, innerhalb ihres Machtbereiches die Herrschaft in Form von eigenständigen Gutsbezirken, wie es sie etwa in Preußen gab, zu sichern. Dadurch gab es zwischen den neuen Bezirken der unteren Ebene und den alten Herrschaften kaum räumliche Kontinuitäten.

Entscheidender war jedoch, daß die neue Gemeindeordnung, die Graf Stadion wesentlich mitgestaltet hatte, nur teilweise umgesetzt wurde und dabei vor allem die Gemeinden 'höherer Ordnung', in denen die Herrschaftsbesitzer mit hoher Wahrscheinlichkeit bedeutenden Einfluß gehabt hätten, gänzlich wegfielen. Vor allem dadurch erlahmte das anfänglich starke Interesse der böhmischen Adligen an dem 'gemäßigten Konstitutionalismus Stadion'scher Prägung', der bis dahin durchaus für breitere Kreise akzeptabel gewesen war. In der Folge gewann die 'feudal-konservative' Opposition um den Fürsten Windischgrätz eine immer breitere Anhängerschaft. Sie benutzte dazu zunächst vor allem die Propaganda gegen die Grundentlastung, also die Kapitalisierung feudaler Dienste, die den meisten böhmischen Herrschaftsbesitzern jedoch erhebliche finanzielle Mittel zuführte. Im weiteren Verlauf der Entwicklung richtete sich diese Strömung dann vor allem gegen die neoabsolutistische Tendenz der Wiener Regierung und verfocht eine gegen die Ergebnisse der Revolution gerichtete Politik. Durch die unvollständige Umsetzung der von Graf Stadion geplanten Reformen wurde die Chance vertan, den böhmischen Adel an einen gemäßigten Konstitutionalismus zu binden. Damit wurde auch der Kompromiß mit der tschechischen Nationalbewegung, der in erster Linie ein Kompromiß zwischen altem Ständeadel und aufstrebendem Bürgertum war, massiv in Frage gestellt.

Die vorliegende Studie von Ralph Melville liefert einen sehr detaillierten Einblick in die Denkweisen und das politische Verhalten führender böhmischer Ständepolitiker zur Zeit des großen gesellschaftlichen Umbruchs im Österreich der Revolutionsjahre. Sie korrigiert dabei auf einer breiten Grundlage archivalischer Überlieferung sowie vor allem österreichischer und tschechischer Literatur Fehleinschätzungen zur Rolle des böhmischen Adels und seiner wichtigsten Exponenten. Ein umfangreicher Anhang bisher unbekannter Quellen sowie ein Kartenteil trägt darüber hinaus zur Untermauerung der vorgetragenen Thesen bei. Die Arbeit, die einen erheblichen Wissenstransfer leistet, ist als ein weiterer Baustein für die vergleichende Adelsforschung anzusehen, die Informationen zu einer in der deutschen Forschung bislang kaum beachteten Adelslandschaft liefert. Während das Augenmerk auf die führenden Politiker - vor allem der gemäßigten, zeitweise konstitutionellen Richtung - gelenkt wird, erscheint der böhmische Adel als soziale Gruppe jedoch sehr schemenhaft. Leider bleibt seine Binnenstruktur und hierbei vor allem die nationale Zusammensetzung weitgehend unterbelichtet. Auch die historische Genese dieser ökonomisch außerordentlich mächtigen und politisch einflußreichen Adelsgruppe erschließt sich dem Leser kaum. Letztendlich fehlt auch der Vergleich mit ähnlichen Adelslandschaften, zu denken wäre vor allem an die oberschlesischen Magnaten, die süddeutschen Standesherren oder die großen englischen Landbesitzer, der sicher zur Gewichtung der böhmischen Entwicklungen beigetragen hätte.

ZitierweiseRené Schiller: Rezension zu: Melville, Ralph: Adel und Revolution in Böhmen. Strukturwandel von Herrschaft und Gesellschaft in Österreich um die Mitte des 19. Jahrhunderts. Mainz 1998, in: H-Soz-Kult, 05.05.1999, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=129>.

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