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Frühe Neuzeit

U. Reiter: Lärmende Geschenke

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Niels Grüne <niels.grueneuibk.ac.at>
Autor(en):
Titel:Lärmende Geschenke. Die drohenden Versprechen der Korruption
Ort:Weilerswist
Verlag:Velbrück Wissenschaft
Jahr:
ISBN:978-3-938808-60-3
Umfang/Preis:512 S.; € 49,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Felix Saurbier, Fakultät für Geschichtswissenschaft, Philosophie und Theologie, Universität Bielefeld
E-Mail: <felix.saurbieruni-bielefeld.de>

Auf etwas mehr als 500 Seiten widmet sich Uli Reiter aus soziologisch-historischer Sicht einem Klassiker der Selbstbeobachtung von Gesellschaften: dem Thema „Korruption“ und damit einem Phänomen, das stark negativ konnotiert ist und zumeist Reflexe moralischer Entrüstung provoziert. Denn gemeinhin assoziiert man Korruption mit Habgier und heimlichen Machenschaften auf Kosten der Allgemeinheit. Konsens ist, dass Korruption vor allem dysfunktional und zu bekämpfen sei. Gegen eine solchermaßen einseitige Perspektivierung schreibt Reiter, Kommunikationsberater und Künstler, in seiner umfangreichen Darstellung an. Er möchte sich dem Thema „entmoralisierend“ und „nüchtern“ nähern (S. 19). Das heißt, Korruption soll nicht mehr nur als „moralisch abzulehnende Fehlentwicklung“ betrachtet werden, sondern zu fragen sei auch nach den „evolutionären und strukturverändernden Potenzialen der Korruption“ (S. 245). Ein derartiger Perspektivenwechsel mag zunächst befremdlich klingen, ist jedoch in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Korruption keineswegs neu. Bereits in den 1960er-Jahren entzündete sich eine Debatte um mögliche positive Effekte von Korruption im Kontext junger postkolonialer Nationen.[1] Mag dies auch teilweise für Unbehagen sorgen, so rechtfertigt die Persistenz des Phänomens es, nach dessen potenziellen Leistungen für die Gesellschaft zu fragen.

Reiter stellt diese Frage aus einer systemtheoretischen Perspektive und interessiert sich weniger für die „Handgreiflichkeiten“ der Korruption als vielmehr für ihre kommunikativen Formen und gesellschaftlichen Funktionen (S. 18). Im Zentrum seiner Analyse stehen nicht individuelle Handlungen, sondern ein besonderes Muster von Kommunikation: die sequenzielle Verschränkung von Verfahren und Verhandlung. Durch diese werde ein normiertes Entscheidungsverfahren einer auf Tausch basierenden Verhandlung ausgesetzt. Ziel sei dabei die Herbeiführung eines für das Verfahren ‚unrechtmäßigen‘ Ergebnisses in Form einer verfahrensmäßigen Entscheidung (S. 73f., 426). Je nach gesellschaftlichem Umgang mit diesen Verschränkungen unterscheidet Reiter „nicht verbotene Bestechung“ von „verbotener Bestechung“ (S. 73). Bei Ersterer handele es sich um Varianten der Verfahrensverhandlung, die zwar nicht verboten, aber auch nicht ausdrücklich erlaubt und potenziell anstößig seien. Letztere zeichne sich hingegen dadurch aus, dass sie in einem rechtlichen und/oder politischen Verfahren untersagt wurde. Zudem könne sie sich als strukturelles Merkmal eines Verfahrens letztlich zum „System der Korruption“ schließen (S. 437).

In dieser Betonung der kulturellen und historischen Bedingtheit von Korruption liegt sicherlich eine der Stärken von Reiters analytischem Zugang. Denn sie sensibilisiert dafür, dass es sich bei Korruption nicht um eine ontologische Größe handelt, sondern dass die Grenzen zwischen akzeptierten und korruptionsverdächtigen Verhaltensweisen im Verlauf der Geschichte immer wieder neu ermittelt wurden. Dementsprechend verfolgt Reiter die kommunikative Form der Verschränkung von Verfahren und Verhandlung, ihre Funktionen und zeitgenössischen Bewertungen in drei geschichtlichen Zeitabschnitten von der Vor- und Frühgeschichte bis zur Moderne.

Im ersten Kapitel (S. 93-222) beschäftigt sich Reiter vor allem mit mesopotamischen Stadtgesellschaften. Detailliert zeichnet der Autor nach, wie sich aus der ritualisierten Opfergabe an Götter und Schutzgötter eine Kommunikationsform entwickelte, in der das Verfahren der Schicksalsbeobachtung mit einer auf Tausch basierenden Verhandlung verschränkt wurde. Im Tausch gegen Opfergaben und Loyalität des Menschen gewährte ein Gott Schutz und günstige Zukunft. Das eigene Schicksal wurde so bis zu einem gewissen Grad verhandel- und beeinflussbar. Nach Reiter stand darin eine grundlegende „kommunikative Form“ und „Vorprägung der psychosozialen Konstellation“ bereit, die auf andere gesellschaftliche Verfahren wie Audienzen oder Gerichtsprozesse übertragbar war (S. 221). Die auf Tausch basierende Koppelung von Verfahren und Verhandlung habe in diesen Kontexten ein Instrumentarium zur Verfügung gestellt, um Ungerechtigkeiten und Ungleichheit zu begegnen. Zugleich sei diese Verschränkung jedoch zunehmend selbst als Gerechtigkeitsproblem wahrgenommen worden, da durch sie Verfahrenszwecke sabotiert und mit Nebenzwecken angereichert werden konnten. Reiter macht dies insbesondere am Begriff „datum“ fest, der neben neutralem Geschenk auch dessen dunkle Kehrseite, die verbotene Bestechung bezeichnen konnte (S. 183f.).

Daran anschließend untersucht Reiter das Motiv der Verschränkung von Verfahren und Verhandlung für das Mittelalter und die Frühe Neuzeit (S. 223-361). Reiter identifiziert dazu zahlreiche Themenkomplexe von der Patronage bis zum Ablasshandel, in deren Rahmen Verfahren der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen „Schichtgesellschaft“ (stratifizierte Gesellschaft) der Einflussnahme durch Verhandlung ausgesetzt worden seien. So beschreibt er Patronagebeziehungen und -netzwerke als durch Gaben, Hilfe, Dank und Schutz geprägte Variante, mittels derer das „Verfahren der Schichtzugehörigkeit durch Herkunft“ verhandelt werden konnte und die zudem der Rekrutierung und Ausbildung von Verwaltungspersonal diente (S. 244). Ebenso habe es sich beim Ablass um die Verhandlung des „Straf-Verfahrens von Heil und Verdammnis“ (S. 304), beim Wergeld um die Verhandlung des Verfahrens der Blutrache (S. 282) und bei der Miete um die Verhandlung des Verfahrens der Zugehörigkeit zu einem städtischen Haushalt gehandelt (S. 344).

Schließlich entfaltet Reiter seine Überlegungen zu Bestechung und Korruption in einem letzten Kapitel ausführlich vor dem Hintergrund einer idealtypischen funktional differenzierten Gesellschaft (S. 363-486). Systematisch geht er hier nochmals der Ausgangsfrage nach den gesellschaftlichen Funktionen von Korruption nach. So sei die nicht verbotene Bestechung in erster Linie ein „Experimentierfeld“ gesellschaftlicher Evolution gewesen, auf dem neue, unerprobte und mitunter riskante Formen der Übertragbarkeit von Knappheiten – wie begrenzte Haushaltsfinanzen und Möglichkeiten der Zugehörigkeit zu einem Haushalt – geprüft werden konnten (S. 397). Auf diesem Weg habe Bestechung, so der Autor, Abweichungen und Variationen ermöglicht und damit Innovationen in den evolutionären Prozess eingebracht. Leider bleiben Reiters Ausführungen dabei anders als in den Kapiteln zu Mesopotamien und zu Mittelalter und Früher Neuzeit jedoch sehr abstrakt. Lediglich durch einige kleinere Ausblicke werden die sehr theoretischen Erörterungen exemplarisch konkretisiert. Von einer stärkeren Rückbindung an konkrete Einzelfälle – etwa die anhaltende Debatte um ein Verbot von Parteisponsoring – hätten sowohl die Argumentation als auch der Leser hier profitieren können.

Resümierend bleibt festzuhalten, dass in den größten Stärken des Bandes zugleich auch seine größten Schwächen liegen. So bestechen Reiters Ausführungen einerseits durch eine beachtliche Themenvielfalt und die historische Bandbreite des Materials. Ebenso beeindrucken Detailreichtum und Akribie, mit denen der Autor seine Überlegungen zu Genese und Funktion von Bestechung und Korruption entwickelt. Andererseits mangelt es der Argumentation Reiters jedoch mitunter an problemorientierter Stringenz. Angesichts der Materialfülle verliert sich der Autor oftmals in Detailfragen und längeren Exkursen – zum Beispiel zu Heil und Verdammnis (S. 285-300), Individuum und Person (S. 28-40) oder der Entstehung der Keilschrift (S. 208-214) – und erschwert es dem Leser dadurch, den argumentativen „roten Faden“ im Blick zu behalten. Zudem erweisen sich Reiters Darstellungen geschichtlicher Entwicklungen in Anbetracht des sehr langen Untersuchungszeitraums mitunter als stark vereinfachend, holzschnittartig und teilweise nur bedingt an historischen Realitäten orientiert (etwa in den Abschnitten über die Entstehung der „Miete“ in mittelalterlichen Städten, S. 337ff.; oder über das Verhältnis von Rache und der Etablierung der Geldwirtschaft, S. 314ff.). Hinzu kommt ein stark durch Luhmann und die Systemtheorie geprägtes Vokabular, das insbesondere dem unerfahreneren Leser den Zugang versperren mag.

Nichtsdestotrotz handelt es sich bei Reiters Buch um eine anregende Lektüre, deren Verdienst insbesondere darin besteht, den Blick auf die thematische Bandbreite und die historischen Dimensionen des Phänomens „Korruption“ zu lenken. Gerade Reiters Plädoyer für eine Sichtweise, die weniger durch moralische Entrüstung verzerrt als durch wissenschaftliches Erkenntnisinteresse geleitet ist, gilt es vor diesem Hintergrund zu würdigen.

Anmerkung:
[1] Vgl. stellvertretend für die Debatte Nathaniel H. Leff, Economic Development through Bureaucratic Corruption, in: American Behavioral Scientist 8 (1964), S. 8-14.

ZitierweiseFelix Saurbier: Rezension zu: Reiter, Uli: Lärmende Geschenke. Die drohenden Versprechen der Korruption. Weilerswist 2009, in: H-Soz-u-Kult, 23.10.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-4-064>.

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