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Zeitgeschichte (nach 1945)

I. Gilcher-Holtey (Hg.): 1968

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Titel:1968. Vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft
Reihe:Geschichte und Gesellschaft, Sonderheft 17
Herausgeber:Gilcher-Holtey, Ingrid
Ort:Goettingen
Verlag:Vandenhoeck & Ruprecht
Jahr:
ISBN:3-525-36417-2
Umfang/Preis:307 S.; € 36,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Axel Schildt, Forschungsstelle fuer Zeitgeschichte in Hamburg
E-Mail: <schildtfzh.uni-hamburg.de>

Es ist wirklich seit langem ueberfaellig. Wer die massenmediale Mythologisierung und die mittlerweile zu jedem Jubilaeumsdatum faelligen Selbststilisierungen zeitgenoessischer Protagonisten, der sogenannten "68er", ebenso enervierend findet wie die umgekehrte konservative Anklage, diese seien fuer Hedonismus, Leistungsverfall und Egoismus unserer Gegenwart verantwortlich (welch grenzenlose Ueberschaetzung!), wird es lebhaft begruessen, dass die nuechterne historische Rekonstruktion einer besonders interessanten gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Umbruchperiode nicht nur in der Bundesrepublik, sondern in allen Laendern der westlichen Welt und darueber hinaus, auf die Tagesordnung gesetzt wird.

Die Herausgeberin, ausgewiesen durch eine umfangreiche Habilitationsschrift ueber den Pariser Mai 1968, hat 19 Beitraege versammelt, die ueber die westdeutsche, franzoesische, italienische und amerikanische Studentenbewegung und teilweise ueber deren Zusammenhang mit der Arbeiterbewegung jener Zeit Auskunft geben. Status und Qualitaet der Beitraege sind unterschiedlich, zumal sich, wie mitgeteilt wird, der Plan nicht verwirklichen liess, bei der vergleichenden Analyse gaenzlich auf die Mitwirkung damaliger Akteure zu verzichten. Leider werden die Autorinnen und Autoren des Bandes nicht biographisch vorgestellt, wodurch eine faire Kritik insbesondere derjenigen erschwert wird, die offenbar auf der Basis von gerade begonnenen Projekten argumentieren oder keine Geschichtswissenschaftler sind.

Analytischer Ausgangspunkt etlicher Beitraege sind "Theoreme der systematischen Bewegungsforschung" (S. 13), die von Dieter Rucht definitorisch dargelegt werden. Das "Phaenomen 1968" solle als "soziale Bewegung" behandelt und diese wiederum als ein "auf gewisse Dauer gestelltes und durch kollektive Identitaet abgestuetztes Handlungssystem mobilisierter Netzwerke von Gruppen und Organisationen" verstanden werden, welche "sozialen Wandel mit Mitteln des Protests - notfalls bis zur Gewaltannwendung - herbeifuehren, verhindern oder rueckgaengig machen wollen" (S. 117). Diese in einigen Beitraegen wiederholte Definition stellt das theoretische Geruest des gesamten Sammelbandes dar.

Besonders deutlich exemplifiziert wird es von Ingrid Gilcher-Holtey in einer periodisierenden Skizze des Pariser Mai 1968. Soziale Bewegungen nach erwaehnter Definition konstituieren sich demnach durch "cognitive praxis" (Ron Eyerman/Andrew Jamison), die Herausbildung einer "internen Kommunikationsstruktur, eines symbolischen Systems der Selbstverstaendigung und der Selbstgewissheit, die Handlungsrichtung und intersubjektive Handlungsbereitschaft bestimmen." (S. 14) Dadurch wird der Blick auf intellektuelle Stroemungen - hier der Nouvelle Gauche - seit den 50er Jahren gelenkt, in denen die Ueberwindung erstarrter organisatorischer Strukturen, die Suche nach einem neuen Traeger revolutionaerer Politik und die Dimension umfassender Emanzipation von aller Entfremdung thematisiert wurden. Auf die studentische Rezeption solcher Gedanken wird zwar nicht eigens eingegangen, aber sie wirkte wohl als Hintergrund des Pariser Mai 1968. Dieser wird geschildert als rascher Ueberholprozess der Protestbewegungen in anderen westlichen Laendern, die zu diesem Zeitpunkt ihren Hoehepunkt schon erreicht hatten. Die Dynamik, so die These der Autorin, entfaltete sich dabei in einem "Wechselspiel von studentischer Aktion und staatlicher Repression" (S. 19), wobei allerdings nicht die Repression selbst, sondern das Schwanken des Regierungsapparats zwischen Haerte und Nachgiebigkeit entscheidend gewesen sei. Ergebnis der "Nacht der Barrikaden" vom 10. auf den 11. Mai, die von Polizeitruppen mit grosser Brutalitaet geraeumt wurden, war der Durchbruch zur massenmedialen Beachtung, die Ausweitung der Protestbewegung auf ganz Frankreich und die Solidarisierung der Arbeiter- und Gewerkschaftsbewegung, zuerst der verstaatlichten Industrieunternehmen.

Die Studentenbewegung wirkte in dieser Situation als Vorbild fuer andere gesellschaftliche Gruppen, ihre materiellen Interessen kaempferisch durchzusetzen. Dass die daraus folgende franzoesische Staatskrise von der Nouvelle Gauche nicht - fuer eine Uebergangsregierung unter Pierre Mendès-France - ausgenutzt werden konnte, fuehrt Ingrid Gilcher-Holtey auf die "Organisationsmacht" der alten Linken" (S. 24) zurueck. Bei aller Sympathie fuer die Akteure des Mai konstatiert die Autorin allerdings nuechtern, dass das Ergebnis der Praesidentschaftswahl 1969 nicht gerade auf eine revolutionaere Situation im vorhergehenden Jahr hindeutete. Im uebrigen scheint die von Jan Kurz in seinem Artikel ueber die italienische Studentenbewegung beschriebene Konzeption ultralinker Gruppen, die Universitaeten lediglich noch als Basis fuer die Rekrutierung und Ausbildung von Aktivisten zu nutzen, die den revolutionaeren Kampf in den Betrieben organisieren sollten (S. 79), in Frankreich eine geringere Rolle gespielt zu haben.

Im Vergleich der Interaktion zwischen Studenten- und Arbeiterbewegung in Italien und der Bundesrepublik zeigt Marica Tolomelli darueberhinaus, dass es diesbezueglich auch in Westdeutschland einige Kontakte gab, die allerdings nur eine kleine Minderheit der Gewerkschaften (etwa in der IG Metall) erfassten. Am Beispiel von Frankreich wiederum weist Michelle Zancarini-Fournel auf das nachwirkende Vorbild der Mai-Ereignisse in der ersten Haelfte der 70er Jahre hin, etwa in den Protestformen der diskriminierten auslaendischen Arbeiter.

Auch der Beitrag von Pavel A. Richter ueber die APO in der Bundesrepublik folgt dem Deutungsmuster von 1968 als "sozialer Bewegung". Zutreffend wird die Entwicklung der APO von 1966 bis 1968 als Kumulationsprozess begriffen. Die These, dass dabei die "Notstandsgesetze" als "Achsenthema" (S. 36) der verschiedenen zusammenwachsenden Teilbewegungen fungierten, scheint allerdings fraglich, zumal sich der Verfasser in chronologische Widersprueche verwickelt, wenn er etwa das Springer-Thema als Fortsetzung des Kampfes gegen die Notstandsgesetze ansieht (S. 37; dagegen S. 52). Unterstreichenswert ist die Differenzierung der Neuen Linken in eine linkssozialistische Stroemung, als deren geistiger Mentor Wolfgang Abendroth angesehen werden kann, und eine antiautoritaere Stroemung, die in einigen Gruppen des SDS dominierte. Sah sich erstere als konsequente Hueterin der demokratischen Freiheiten im Rahmen des Grundgesetzes, das auch den Uebergang zum Sozialismus nicht ausschliesse, suchte die letztere vor allem nach libertaeren Quellen fuer revolutionaer-utopische Veraenderungen. Die Analyse des kurzzeitigen Zusammenwirkens dieser beiden Stroemungen liefert in der Tat einen Schluessel fuer das Verstaendnis der bundesdeutschen APO. Dabei sollte beachtet werden, dass nur wenige Akteure eindeutig einer Stroemung angehoerten. Dass deren "Einigkeit" (S. 49), Herbert Marcuse folgend, in der pessimistischen Bewertung der Rolle der Arbeiterklasse als revolutionaeres Subjekt gelegen haette, muesste wohl noch genauer ueberprueft werden, waehrend die Differenz antiautoritaerer Provokation als Aufklaerung gegenueber herkoemmlicher Propaganda der Linkssozialisten zweifelsfrei ein sich durchziehendes Moment der APO kennzeichnete. Einzubeziehen waere im uebrigen die Rolle der westdeutschen Kommunisten, die in den einzelnen Bewegungen nicht unbedeutend war. Dass seit dem Verbot der KPD im Oktober 1956 eine "eigenstaendige westdeutsche kommunistische Partei" fehlte (S. 41), stimmt aber in doppelter Hinsicht nicht. Eigenstaendig war die von der SED unmittelbar angeleitete KPD auch vor 1956 nicht, und die Illegalitaet der Partei hielt ihre Kader nicht davon ab, in der APO Einfluss zu gewinnen. Erst die Intervention der Ostblock-Staaten in der CSSR im August 1968 fuehrte zum offenen Bruch zwischen Linkssozialisten und Kommunisten, die sich dann in der legalisierten DKP sammelten und in den Hochschulen den "traditionalistischen" Fluegel des SDS und die daraus hervorgegangene Assoziation Marxistischer Studenten (AMS) Spartakus (spaeter MSB Spartakus) dominierten. Dass "viele Vertreter" (S. 55) der linkssozialistischen Stroemung ihre neue Heimat in den rigiden maoistischen Sekten der fruehen 70er Jahre fanden, ist im uebrigen schlicht falsch. Deren Gruender standen naemlich vorher in der Regel im antiautoritaeren Lager.

In einem klugen - aber leider nicht besonders gut uebersetzten - Essay ueber die amerikanische Studentenbewegung betont Todd Gitlin bereits im einleitenden Satz, soziale Bewegungen sollten in erster Linie nicht als "Episoden der Geistesgeschichte", sondern eher als "Kulturphaenomene" angesehen werden, die "nicht in erster Linie durch Weltanschauungen hervorgerufen", sondern mit diesen in eine "komplizierte Wechselwirkung" treten wuerden (S. 56). Zu unterscheiden seien hinsichtlich des Selbstverstaendnisses der Bewegung zwei Phasen, eine erste (von 1960 bis 1967), gekennzeichnet von Kritik buerokratischer Rationalitaet und Gewaltlosigkeit, und eine zweite (von 1968 bis 1970), in der radikaler Revolutionarismus vorherrschte. Interessant ist der Hinweis auf den Wechsel in der sozialen Traegerschaft der Bewegung(en) in den beiden Phasen, von belesenen und oftmals juedischen Studenten zu wenig intellektuellen Kindern der Arbeiterklasse (S. 59). In diesem Zusammenhang wird - wie auch in einem Beitrag von Donatella della Porta ueber "Zwischennationale Diffusion und Transnationale Strukturen" (S. 131 ff.) - das wachsende Gewicht der Massenmedien fuer die Dynamik und internationale Ausbreitung des Protests zumindest erwaehnt.

Im zweiten Teil des Sammelbandes finden sich einige Beitraege unter dem Obertitel "Programmatik und Praxis: Die Neue Linke in Aktion". Richard Flacks informiert ueber die "philosophischen und politischen Urspruenge der New Left" und betont den Einfluss C. Wright Mills (S. 150 ff.), Ingrid Gilcher-Holtey geht auf den Zusammenhang von "Kritischer Theorie und Neuer Linker" ein (S. 168 ff.), und Michael A. Schmidtke betrachtet die Entwicklung der Strategiedebatte im deutschen und amerikanischen SDS in den 60er Jahren (S. 188 ff.). Waehrend ueber diese Themen schon einiges bekannt war, betritt Jakob Tanner ein noch weitgehend unerforschtes Terrain. In seinem Beitrag "zur subkulturellen Dynamik der 68er Bewegungen" wird endlich angedeutet, dass sich diese eben nicht einfach auf ihre "kognitive (politische) Praxis" reduzieren laesst, wird die Sphaere der Aesthetik und vor allem die enorme Bedeutung der rock music in ihr Recht gesetzt. Hier scheint auf, dass ohne Einbeziehung des jugendgenerationellen Aufbruchsgefuehls, ohne Woodstock, die Doors und LSD etc., also die gesamte "counterculture", auch die politischen Prozesse im engeren Sinne nicht zu verstehen sind, dass das Phaenomen 1968 - aehnlich wie die Lebensreformbestrebungen der Jahrhundertwende - nur als "Kernfusion" (Walter Grasskamp) von "movement" und "counterculture" adaequat erfasst wird. Daneben gab es dann allerdings auf hochkultureller Ebene auch die "Politisierung" des buergerlichen Theaters, wie Wolfgang Matthias Schwiedrzik als zeitgenoessischer Akteur am Berliner Beispiel berichtet.

Im dritten und letzten Teil des Sammelbandes wird unter der Ueberschrift "Macht und Mythos der 68er Bewegungen" ihren Folgen nachgegangen. Ingeborg Villinger unterscheidet solche fuer das "politisch-soziale System", etwa eine Wendung in Richtung "Partizipationsdemokratie" (S. 247), und solche fuer die "politische Kultur", deren Gehalt als sehr widerspruechlich angesehen wird, eine allgemeine Liberalisierung (etwa der Sexualmoral) ebenso wie eine fortschreitende Vereinzelung umschliessend. Kristina Schulz fragt nach der Bedeutung von 1968 in Frankreich und Westdeutschland fuer die "Formierung der neuen Frauenbewegung" (S. 257 ff.) Anfang der 70er Jahre; in Frankreich gingen demnach von 1968 kaum direkte Impulse aus, ebensowenig wie in der Bundesrepublik, wenn man von den sattsam bekannten Tomatenwuerfen der SDS-Frauen als immer wieder zitiertes Urerlebnis absieht. Fuer Frankreich wagt Michel Wieviorka die These, dass sich auch fuer das Phaenomen des Terrorismus seit den 70er Jahren kaum eine Verbindung zum Mai 1968 herstellen lasse (S. 273) - vergleichende Aussagen im Hinblick auf Italien und die Bundesrepublik fehlen allerdings. Im uebrigen wird diese Aussage in einem Beitrag von Gerard Dupuy ueber die Gruendung der Zeitung "Liberation" 1973 weiter relativiert (S. 283). Intellektuell gehaltvolle Essays von Karl Heinz Bohrer "1968: Die Phantasie an die Macht?" und Robert Frank "1968 - ein Mythos?" schliessen den Band ab.

Man liest ihn durchaus mit einigem Gewinn, und die folgenden kritischen Anmerkungen sollen den Pioniercharakter etlicher Studien nicht schmaelern: Der Vorschlag, sich dem Phaenomen 1968 als einer sozialen Bewegung zu naehern, scheint ein gangbarer analytischer Weg zu sein. Allerdings bleibt die Definition der sozialen Bewegung doch so richtig wie allgemein und abstrakt und wird zudem in einigen Beitraegen zu einem kognitivistischen Skelett, wodurch die historische Spezifik jener Zeit, die besondere Verschraenkung von sozialer Bewegung, Gegenkultur - ueber die politische Kultur im engeren Sinne hinausgehend - und kommerzieller Indienstnahme (auch dieser Aspekt fehlt weitgehend) verschwommen bleibt.

Sehr blass wirken die nur am Rande erwaehnten Akteure dieser aufregenden Bewegungen, weil das Konzept der sozialen Bewegung keine biographische bzw. gruppenbiographische Ergaenzung findet. Und schliesslich waere es wohl notwendig, die historische Rekonstruktion von 1968 zu verbinden mit einer Sicht auf die jeweiligen Gesellschaften. Die zeitgeschichtliche Forschung naehert sich allmaehlich den 60er Jahren als einer Dekade tiefgreifender sozialhistorischer Transformationsprozesse (Stichworte: Uebergang zur Wohlstands-, Dienstleistungs-, Fernseh- und Erlebnisgesellschaft), und in diese Prozesse muss das Ereignis 1968 noch eingeordnet werden, wenn es zum bedeutsamen Gegenstand der Geschichtswissenschaft werden soll.

ZitierweiseAxel Schildt: Rezension zu: Gilcher-Holtey, Ingrid (Hrsg.): 1968. Vom Ereignis zum Gegenstand der Geschichtswissenschaft. Goettingen 1998, in: H-Soz-Kult, 04.01.1999, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=123>.

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