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Geschichtsvermittlung und Geschichtsdidaktik

H. Heske: Erdkundeunterricht im Nationalsozialismus

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Heike Christina Mätzing <h.maetzingtu-bs.de>
Autor(en):
Titel:"..und morgen die ganze Welt".Erdkundeunterricht im Nationalsozialismus
Ort:Norderstedt
Verlag:Books on Demand - BoD
Jahr:
ISBN:978-3-8370-1021-3
Umfang/Preis:440 S.; 36,90 €

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Stephan Weser, Historisches Seminar, Universität Leipzig
E-Mail: <weseruni-leipzig.de>

Bereits der Titel weist den direkten Weg in den nationalsozialistischen Kosmos von Schule und Ideologie. Das Zentrum der Untersuchung bildet hierbei die „Konzeption des Erdkundeunterrichts in der Zeit des Nationalsozialismus“ (S. 19). Als zentrale Quellen nutzt Heske die beiden fachdidaktischen Zeitschriften der Zeit, nämlich den „Geographischen Anzeiger“ und die „Zeitschrift für Erdkunde“ sowie die Aktivitäten der Reichssachgebiete Erdkunde und Geopolitik im Nationalsozialistischen Lehrerbund (NSLB). Als Ausgangspunkt dient ihm die Preußische Schulreform von 1925, die dem Leser eine klare Grundlage und Einführung in die komplexe Thematik gibt.

Der strukturierten Arbeit liegt ein deutlicher roter Faden zugrunde, der das Ziel der Aufklärung über Situation, Konzeption und Entwicklung des Erdkundeunterrichts verfolgt. Im ersten Teil setzt Heske gezielt Akzente, wie etwa die Geopolitik oder die Verstrickungen einzelner Wissenschaftler der Disziplin mit dem nationalsozialistischen Herrschaftsapparat. So wird gerade die Umgestaltung innerhalb des Nationalsozialistischen Lehrerbundes anhand von Sitzungsprotokollen und -ergebnissen eindrucksvoll belegt und verdeutlicht dem Leser die individuellen Handlungsräume einzelner Schulgeographen, Wissenschaftler und Lehrer, die insbesondere in der Besetzung von Vorstandstellen bevorzugt mit Akademikern zum Tragen kommen. Gerade die Darstellung der Aktionsräume so bekannter Protagonisten wie Hermann Haack oder Joachim Perthes, deren Namen wahrscheinlich jedes Schulkind kennt, machen das Lesen noch spannender.

Hier gelingt es dem Autor aufzuzeigen, wie der nationalsozialistische Herrschaftsapparat einerseits verschiedene Protagonisten der Geographie vereinnahmt und andererseits von einzelnen als Karriereleiter benutzt wird. Damit ist es dem Leser möglich den Weg einer Wissenschaft, hier die Schulgeographie, und ihrer wichtigsten Personen in die Diktatur zu verfolgen.

Noch eindrucksvoller wird die Indoktrinierung durch den NSLB gezeigt, wenn Heske beispielhaft von dessen Schulungslager berichtet. Das Reichssachgebiet für Erdkunde und Geopolitik veranstaltete ein solches Lager, um den Teilnehmern „den Kampf um den Lebensraum“ (S. 144) aufzuzeigen. Der Tagesablauf bestehend aus Frühsport, Flaggenparade, Singen und Marschieren, Hören der Rede des Führers und dem abendlichen Zapfenstreich (S. 145) zeigt eindrücklich, wie nah die nationalsozialistische Weltanschauung bei den Lehrkräften sein sollte. Schon im Kleinen zeigen sich hier die großen ideologischen Züge (Lebensraum oder „Blut und Boden“), welche die Erdkunde der zukünftigen Generation auf den Weg zu geben hat. Die Grenze zwischen Heimatkunde und Wehrgeographie wurde hier überschritten.

Der zweite Teil, die qualitative Analyse der fachdidaktischen Zeitschriften, zeigt eine klare ideologische Ausrichtung des nationalsozialistischen Erdkundeunterrichts auf. Dabei wird deutlich, dass es zu einer großen Verschiebung der Dimensionen innerhalb der Schulgeographie kam. Die Gewichtung verlagerte sich mehr und mehr auf die „politische Erdkunde“ beziehungsweise die Geopolitik. Damit war der Erdkundeunterricht im Zentrum nationalsozialistischer Bildungspolitik angelangt und bot genügend Raum für eine ideologische Erziehung.

Die vom Autor geschickt gewählte methodische Kombination von quantitativer und qualitativer Analyse der fachdidaktischen Zeitschriften macht es einerseits möglich festzustellen, wie viel Raum bestimmten Sachverhalten gegeben worden ist und andererseits erlaubt das hermeneutische Vorgehen ein ideologiekritisches Verständnis.

So erfährt der Leser die Organisation und Struktur des Erdkundeunterrichts anhand eines Modells (S. 253), welches die Gruppierung sämtlicher Unterrichtsinhalte um die völkische Lebensraumkunde herum darstellt. Hier wird besonders deutlich, wie die NS-Ideologie von „Blut und Boden“, „Lebensraum“ oder „Volk ohne Raum“ ihre Resonanz in Schule und Wissenschaft fand. So zeigt sich der Umbau der geographischen Wissenschaften innerhalb des Nationalsozialismus sehr deutlich an der Ideologisierung der Heimatkunde oder der Geopolitik beziehungsweise der Neuaufnahme von Inhalten wie „Rassenkunde“ oder „Wehrgeographie“.
Greifbar wird diese Entwicklung, wenn der Autor Schulbücher analysiert, die gleichsam die Essenz nationalsozialistischer Ideologie nicht nur für die Schule darstellen. Heske macht an der negativen Darstellung Frankreichs beziehungsweise der judenfeindlichen Ausrichtung von Texten die oben genannten Propagandalinien deutlich. Die immer wiederkehrenden Formeln wie das Motiv vom „zersetzenden Einfluß des Judentums“ oder „Hitler als Mythos“ sind zwar nicht neu, machen jedoch die Argumentation hieb- und stichfest.

Herkes Untersuchungsergebnisse lassen sich in drei Punkten zusammenfassen. Erstens: Nationalpolitische Motive wie „Liebe zu Scholle, Heimat und Vaterland“ waren bereits während der Zeit der Weimarer Republik fester Bestandteil des Erdkundeunterrichts, wurden aber ab 1933 mehr und mehr zum „Blut und Boden“-Mythos pervertiert (S. 358). Zweitens: Durch den politischen Wechsel 1933 und die Gleichschaltung beziehungsweise Einverleibung des Verbandes Deutscher Schulgeographen in den NSLB „gelang es den Schulgeographen die bestimmende Rolle in der Geographie zu übernehmen“ (S. 359) und durch Eigeninitiative Inhalt, Struktur und Organisation des Erdkundeunterrichts mitzubestimmen.
Drittens: Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden dem Erdkundeunterricht zwei wesentliche Funktionen zugeteilt: zum einen die Wissensvermittlung durch eine vormilitärische Ausbildung (z.B. Wehrgeographie) und zum anderen die Integration in die Volksgemeinschaft und die Ideologievermittlung (z.B. Rassenkunde oder Lebensraumdenken) (S. 367).

Am Ende wird Heske seinem gesetzten Ziel, der Untersuchung wie und auf welche Weise, mit welchem Engagement, mit welchen ideologischen Prinzipien und welchen neuen Inhalten der Erdkundeunterricht im Nationalsozialismus umgestaltet wurde, mehr als gerecht.

Der jetzt vorliegenden Neuauflage fehlt jedoch eine Einbettung in die aktuelle Forschungslandschaft, zumal die Gründung des Arbeitskreises „Geschichte der Geographie“ bei der Deutschen Gesellschaft für Geographie auch schon wieder 17 Jahre her ist. Erfreulich wäre auch eine konkretere Beleuchtung des Themas Geopolitik gewesen, gerade unter Beachtung neuerer politischer Entwicklungen und dem Erfolg der Sendung „Mit offenen Karten“ beim deutsch-französischen TV-Sender ARTE.

Doch auch zwanzig Jahre nach der Erstauflage seiner Dissertation an der Universität Düsseldorf bleibt sein Werk ausschlaggebend für die Geschichte der Geographie. Ihm ist es zu verdanken, dass der Opportunismus „einer ganzen Schul- und Wissenschaftsdisziplin“ (S. 13) während der Zeit des Nationalsozialismus aufgedeckt wurde.

ZitierweiseStephan Weser: Rezension zu: Henning, Heske: "..und morgen die ganze Welt". Erdkundeunterricht im Nationalsozialismus. Norderstedt 2008, in: H-Soz-u-Kult, 07.11.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-4-118>.

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