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Ausstellungen

Saargeschichte seit 1870

 

Informationen zu diesem Beitrag

Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan-Holger Kirsch <kirschzzf-pdm.de>
Ort:Saarbrücken
Veranstalter:Historisches Museum Saar Dauerausstellung "Saargeschichte seit 1870" (ab November 2008)

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Bernhard M. Hoppe, Fachbereich Soziale Arbeit, Hochschule Mittweida (FH)
E-Mail: <BernhardHoppeaol.com>

In einem Zeitraum von weniger als 100 Jahren wurden im Saarland (damit ist im Folgenden stets das Gebiet des heutigen Saarlandes gemeint) fünf verschiedene Pässe ausgegeben: Pässe der preußischen beziehungsweise der bayerischen Provinz, des Saargebietes, des Deutschen Reiches, des Saarlandes und der Bundesrepublik Deutschland. Mit diesem Hinweis und der Vorstellung jeweils einer Inhaberin oder eines Inhabers des Passes, die später allerdings nirgends mehr auftreten, begrüßt das Historische Museum Saar seine Besucherinnen und Besucher an der Außenwand des ersten Ausstellungsraumes. Der Text in der Laibung des Eingangs verspricht, die Ausstellung werde erklären, warum dem so war und was dies für die Menschen im Saarland bedeutete.

Die seit dem 18. November 2008 vom Historischen Museum Saar im Untergeschoss des Schlosses und unter dem Schlossplatz in Saarbrücken gezeigte Dauerausstellung gliedert sich in fünf Abschnitte: zur Kaiserzeit 1870–1914, zum Ersten Weltkrieg 1914–1918, zum Saargebiet 1920–1935, zum Nationalsozialismus 1935–1945 und zum Saarland vom Kriegsende bis zum Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland 1957. Das auf der Website des Museums gegebene Versprechen einer Ausstellung „bis zum Ende des 20. Jahrhunderts“ wird damit leider nicht eingelöst.

In vier Abschnitten wird eine weitgehend einheitliche Ausstellungsarchitektur eingesetzt, in der jeweils eine andere Farbe dominiert, so dass immer deutlich wird, was zusammengehört und wo ein neues Kapitel beginnt. Hilfreich wäre es allerdings, wenn dieses Gliederungsprinzip anfangs auch erläutert würde – schon um einen Überblick gewinnen zu können und zu wissen, was quantitativ auf die Besucherinnen und Besucher zukommt. So erschließt sich die eigentlich sehr klare Gliederung leider erst nach und nach. Der Raum zur Zeit des Ersten Weltkriegs fällt mit seinen Bauten aus unbehandeltem Holz völlig aus dem Rahmen der sonstigen Gestaltung und wirkt deshalb wie ein Fremdkörper. Die durchgängig in deutscher und in französischer Sprache präsentierten Texte werden in der gesamten Ausstellung sparsam, aber in ausreichendem Maße eingesetzt. Im Mittelpunkt stehen die historischen Objekte, hinter die erfreulicherweise auch der zurückhaltend und bewusst konzipierte Medieneinsatz zurücktritt.

Ausgangspunkt der Ausstellung ist der deutsch-französische Krieg von 1870/71, mit dem die Reihe der Grenzverschiebungen einsetzte. Die Ausstellung beginnt mit der Schlacht bei Spichern, einem Dorf bei Saarbrücken. Die Schlacht am 6. August 1870 wird nicht nur als historisches Ereignis vermittelt, sondern auch als Mythos, der die Gedankenwelt der folgenden Jahre und Jahrzehnte prägte. Der Ausstellungsabschnitt zum Kaiserreich stellt vor allem die Ideologie der Geburt des Reiches aus dem Geist des Sieges über Frankreich dar, die in der Kaiserproklamation am 18. Januar 1871 im Versailler Schloss anschaulich wird. Die deutsch-französische Feindschaft war fortan in beiden Gesellschaften ein konstitutives Element. Zahlreiche Exponate veranschaulichen den Militarismus als prägendes Gedankengut des Kaiserreiches. Thematisiert werden darüber hinaus Aspekte wie die Volksfrömmigkeit, der industrielle Aufstieg mit den Saargruben und den Saarhütten sowie die Kindheit im Kaiserreich. Ein besonderes Dokument ist der 1904 uraufgeführte und nur durch einen Zufall wiederentdeckte älteste erhaltene Film über Saarbrücken mit dem Titel „Straßenszenen aus Saarbrücken“.

Der Abschnitt „Der Erste Weltkrieg 1914–1918“ unterstreicht vor allem die sozialen Aspekte der Epoche. So zeigt eine Vitrine die Entwicklung von Prothesen für Kriegsversehrte. Ein Propeller und zahlreiche Fotografien stehen für den seinerzeit erstmals geführten Luftkrieg.

Der Ausstellungsbereich „Das Saargebiet 1920–1935“ dokumentiert die Zeit, in der das Saarland nach den Regelungen des Versailler Vertrages vom Deutschen Reich abgetrennt war und der Verwaltung einer Regierungskommission des Völkerbundes unterstand. Im Jahre 1935 sollte die Bevölkerung in einer Volksabstimmung selbst über die drei Optionen Wiederangliederung an das Deutsche Reich, Beibehaltung der Verwaltung durch den Völkerbund oder Anschluss an Frankreich entscheiden. Allerdings herrschte schon in den 1920er-Jahren quer durch alle saarländischen Parteien und Gruppierungen ein breiter Konsens für die Rückkehr zu Deutschland. Ein eindeutiges Votum galt deshalb als selbstverständlich, bis sich infolge der Übernahme der Herrschaft durch die Nationalsozialisten die Umstände radikal änderten. Eine gemeinsame Haltung der Saarländer zur Frage der territorialen Zugehörigkeit gab es nach 1933 nicht mehr. Bei der Abstimmung am 13. Januar 1935 entschieden sich dennoch über 90 Prozent der Saarländer für eine Wiederangliederung an Deutschland und bereiteten Hitler damit seinen ersten großen außenpolitischen Erfolg. Als Dank für das Abstimmungsergebnis schenkte Hitler nach der Lesart der Propaganda der Bevölkerung das „Gautheater Saarpfalz“ (heute Saarländisches Staatstheater); die Kosten mussten allerdings zu einem Großteil von der Stadt Saarbrücken aufgebracht werden. Nach dem Willen der Machthaber sollte das 1937/38 errichtete Theater an der Grenze des Deutschen Reiches ein kulturelles „Bollwerk“ gegen Frankreich bilden.

Im Abschnitt „Der Nationalsozialismus an der Saar 1935–1945“ verdeutlicht die Ausstellung, dass das Saarland in jeder Hinsicht in die Strukturen des nationalsozialistischen Deutschlands integriert war. Ein Plakat von „Kraft durch Freude“ offerierte Reisen von Saarbrücken in den Bayerischen Wald, in das Erzgebirge, in die Eifel und in das Seebad Büsum; dies führt vor Augen, dass die Arbeits- und Sozialpolitik des Nationalsozialismus auch das Saarland erfasst hatte. Nicht weniger war die Region in die Verbrechen des nationalsozialistischen Regimes verstrickt. Dafür steht die Auflistung der Namen der ermordeten Juden aus dem Saarland und der Todesfälle im Konzentrationslager „Neue Bremm“ in Saarbrücken. Hier zeigt sich besonders deutlich das durchgängige und erfolgreiche Bemühen der Ausstellungsmacher, geschichtliche Ereignisse nicht nur zu referieren, sondern sie durch exemplarische Lebensläufe anschaulich werden zu lassen. Zu den vorgestellten saarländischen Biographien aus der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft gehören so unterschiedliche Lebenswege wie diejenigen Erich Honeckers und Willi Grafs.

Eine besondere Nachdrücklichkeit gewinnt dieser Ausstellungsabschnitt dadurch, dass eine der fünf Arrestzellen erhalten geblieben ist, die die Gestapo nach 1935 im Kellergeschoss des Saarbrücker Schlosses bauen ließ. Sie ist als historischer Ort in die Ausstellung einbezogen – samt der Inschriften (an den Wänden im Original, die verlorenen an der Tür als Reproduktion nach einem Foto), die dort inhaftierte Menschen hinterlassen haben.

Im März 1945 marschierten amerikanische Truppen im Saarland ein, am 10. Juli 1945 wurde das Saarland Teil der französischen Besatzungszone. Die darauf folgende Zeit wird im letzten Ausstellungsabschnitt „Das Saarland 1947–1957“ dokumentiert. 1946 wurde das Saarland der Zuständigkeit des alliierten Kontrollrates entzogen, und es wurde eine Zollgrenze zum restlichen Deutschland errichtet. Kurz darauf entstand ein selbstständiger, faktisch aber von Frankreich abhängiger Staat. Zahlreiche Objekte der industriellen und der handwerklichen Produktion aus dieser Zeit veranschaulichen, dass das Saarland aufgrund dieser Konstellation früher als die westlichen Besatzungszonen in den Genuss eines wirtschaftlichen Aufschwungs kam. International demonstrieren konnte man die Selbstständigkeit aber fast nur auf dem Gebiet des Sports: Zu den Olympischen Spielen in Helsinki 1952 entsandte das Saarland eine eigene Mannschaft, die allerdings ohne Medaillen blieb. Auch um die Fußballweltmeisterschaft 1954 kämpfte eine eigene Nationalmannschaft, die unter ihrem Trainer Helmut Schön – dem späteren Bundestrainer – aber bereits in der Qualifikationsrunde am späteren Weltmeister Deutschland scheiterte. Wie eine in der Ausstellung in Funktion befindliche Saarbrücker Ampel von 1955 zeigt, die die deutsche Ampelkonstruktion mit den Details französischer Ampeln verband, konnte sich das Saarland auf seinem Sonderweg auch als Prototyp einer deutsch-französischen Zusammenarbeit im Alltag bewähren. Die Ausstellung vermittelt aber zugleich, wie sich in den 1950er-Jahren eine Opposition gegen diesen Status des Saarlandes und vor allem gegen die Abhängigkeit von Frankreich zu etablieren begann. Vor dem Hintergrund der sich entwickelnden deutsch-französischen Verständigung wurde der Status des Saarlandes schließlich von beiden Seiten als Hindernis wahrgenommen.

Diese Entwicklung kulminierte in dem erbitterten Abstimmungskampf, der der Entscheidung vom 23. Oktober 1955 über das Saarstatut vorausging, das eine Europäisierung des Saarlandes vorsah. Eine raumfüllende Inszenierung mit Plakatreproduktionen veranschaulicht die Aggressivität und Emotionalität dieser Auseinandersetzung. 67 Prozent der Bevölkerung an der Saar stimmten schließlich gegen das Saarstatut und ebneten damit den Weg zu einer Eingliederung in die Bundesrepublik Deutschland. Am 1. Januar 1957 wurde das Saarland das zehnte Land (ohne West-Berlin) der Bonner Republik.

Dieses Ergebnis bildet den Abschluss der Ausstellung. Gezeigt werden die von der Wiedervereinigung ausgelöste Euphorie und Dankbarkeit, aber auch die bald darauf eintretende Ernüchterung, die vor allem deshalb aufkam, weil die heimischen Firmen in kürzester Zeit von den etablierten westdeutschen Konkurrenten vom Markt gedrängt wurden. Parallelen zu dem 33 Jahre später stattfindenden Beitritt von dann fünf neuen Ländern zur Bundesrepublik Deutschland zu ziehen wird dem Betrachter überlassen. Das in der Ausstellungssystematik letzte Objekt darf aber als Anstoß dazu interpretiert werden: Auf dem Foto einer Demonstration der Gewerkschaft ÖTV im November 1959 wird ein Banner mit der Aufschrift „Im Saarland herrscht soziale Not, die Bonner nehmen uns das Brot“ durch die Straßen getragen.

Für die Zeit nach 1957 gibt es nur noch ein kleines Schaudepot. Dies ist einerseits zu bedauern, weil seither immerhin ein halbes Jahrhundert vergangen ist und gerade im Saarland grundlegende gesellschaftliche Veränderungen stattgefunden haben. Andererseits macht das Schaudepot die Arbeit das Sammelns, Bewahrens und Forschens sichtbar und bietet dem Publikum damit einen kleinen, aber instruktiven Einblick in den sonst nicht öffentlich wahrnehmbaren Teil der musealen Arbeit. Ganz zuletzt gibt es schließlich etwas unvermittelt doch noch wenigstens einen künstlerischen Hinweis auf die neuesten Entwicklungen im Saarland: In einem Mauerdurchbruch steht eine Stahlskulptur von Sandro Antal aus dem Jahre 1990 – ein Stahlbesen, mit dem man nicht mehr kehren kann, eine Verkörperung des „Kehraus“ des Industriezeitalters an der Saar.

Leider ist die Besucherführung nicht immer eindeutig und sofort erkennbar. Aufgrund der vorgefundenen Raumsituation sind die einzelnen Räume sehr ungleichwertig, und nicht jedem thematischen Abschnitt steht ein eigener Raum zur Verfügung. Beides erschwert die Aufnahme der Ausstellung ebenso wie die Enge auf den Wegen und vor den Objekten, die oft auch nicht den erforderlichen Platz haben, um wirken und eingehender betrachtet werden zu können. In vielen Bereichen ist außerdem die Beleuchtung zu sparsam, was die unangenehme Kelleratmosphäre noch verstärkt. Diese Widrigkeiten sind schade, weil die Aussagekraft der meisten Objekte eine großzügigere Präsentation mehr als verdient hätte. Ein weiteres Desiderat bleibt der Katalog zur Ausstellung, der nach Auskunft des Museums aus Kostengründen in der nächsten Zeit leider auch nicht zu erwarten ist.

Die Geschichte des Saarlandes spiegelt ein besonderes Spannungsfeld wider: Einerseits komprimiert sich in ihr in vielen Bereichen der generelle Verlauf deutscher Geschichte, andererseits war das Territorium mit seinen Sonderwegen auf verschiedenen Gebieten immer wieder ein einmaliges Experimentierfeld. Darüber hinaus war die Geschichte des Saarlandes von der durchgängigen Polarität aus Eigenständigkeit und zentralstaatlicher Einheit geprägt – einem der wichtigsten Themen deutscher Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Ausstellung des Historischen Museums Saar vermittelt diese politischen, sozialen, ökonomischen und kulturellen Aspekte sehr anschaulich und vielfältig. Das im Eingangsbereich gegebene Versprechen wird damit voll und ganz erfüllt.

ZitierweiseBernhard M. Hoppe: Ausstellungs-Rezension zu: Saargeschichte seit 1870 Saarbrücken, in: H-Soz-u-Kult, 15.08.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=109&type=rezausstellungen>.

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