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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Peter Helmberger <peter=helmbergerrz.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert. Bürgerliche Kultur, naturwissenschaftliche Bildung und die deutsche Öffentlichkeit 1848-1914
Ort:München
Verlag:Oldenbourg Verlag
Jahr:
ISBN:3-486-56337-8
Umfang/Preis:617 S.; DM 148,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Helen Müller, Europa-Universitaet Viadrina Frankfurt (Oder)
E-Mail: <helen.muellerstudent.hu-berlin.de>

Ein erster Blick auf die umfangreiche Dissertation zu einem in Deutschland laengst ueberfaelligen Thema ist beeindruckend. Wer immer sich in Zukunft mit der Geschichte der Naturkunde sowie deren Vermittlung im 19. Jahrhundert beschaeftigen wird, kommt nicht mehr an diesem opus vorbei, und es steht zu vermuten, dass das Daumsche Werk auf lange Sicht das letzte gewesen sein koennte, was zu diesem bisher vernachlaessigten Bereich der deutschen Wissenschaftsgeschichte geschrieben wurde.

Der Prozess des verstaerkten Ineinandergreifens der Sphaeren "Wissenschaft" und "Oeffentlichkeit" im 19. Jahrhunderts, d.h. nach Daum die "Ausweitung des Prinzips der Oeffentlichkeit auf den Bereich von Wissenschaft und Bildung" (S. 1), ist das komplexe Thema dieser Arbeit. Um die vielfaeltigen Quellen zu strukturieren, die dieser Prozess hinterlassen hat, stuetzt sich der Verfasser auf einen historisch-pluralistischen Wissenschaftsbegriff und will vor allem die vielfaeltigen "Kontexte" von Wissenschaft und ihrer Verbreitung in seine Untersuchung mit einbeziehen. Ausgehend von dem auch im Titel genannten Terminus der "Wissenschaftspopularisierung", die als kulturelle Praxis eigener Art im Rahmen der Buergertumsforschung untersucht werden soll, widmet sich Daum daher vor allem den Phaenomenen einer in der gebildeten Oeffentlichkeit seit 1848 zunehmend diskutierten naturkundlichen Populaerwissenschaft. Dass diese mit der oeffentlichen Aufwertung der Natur- gegenueber den Geisteswissenschaften einherging, zeigt er nicht nur anhand der sich gegen Ende des Jahrhunderts veraendernden Curricula an den (preussischen) Schulen, sondern auch anhand der Vielfalt des sich seit der Jahrhundertmitte ausdifferenzierenden naturkundlichen Vereins-, Vortrags- und Festwesens. Popularisierungsstrategien und Verweltanschaulichungsprozesse auf einem sich staendig verbreiternden populaerwissenschaftlichen Markt werden in die Untersuchung ebenso miteinbezogen wie "die Traegerschicht der Popularisierung", die sich parallel zum Professionalisierungsschub innerhalb der sich universitaer verankernden Naturforschung herausbildete.

Um dieses ambitionierte Programm zu verwirklichen, fasst Daum sein Thema methodisch gleich von mehreren Seiten an. Es geht ihm um "die Idee des Popularisierens" und deren Verwirklichung auf verschiedenen Ebenen: der kommunikativen, der institutionellen, der weltanschaulichen, der literarischen sowie der personalen Ebene. Diese Vielschichtigkeit spiegelt sich dann auch in den einzelnen Kapiteln wider, in denen - immer ausgehend von den Popularisierungsphaenomenen - erste Ansaetze fuer eine "soziokulturelle Wissenschaftsgeschichte" entworfen werden sollen, "welche bereit ist, die Erkenntnisse der neueren kulturhistorischen, kulturwissenschaftlichen und wissenschaftssoziologischen Forschungen und der Gender Studies aufzunehmen" (S. 27). Dass dabei die inhaltliche Ebene, naemlich das eigentliche Wissen, welches popularisiert wurde, mitunter zu kurz kommt, ist allerdings bedauerlich und fuehrt zu einigen Problemen in der systematischen Gliederung. So kommt es zum Beispiel zu der nicht ganz einsichtigen Trennung des Kapitels "Naturwissenschaftliche Bildung als organisierte Weltanschauung" (Kap. IV), unter welches auch die "Weltanschauungsvereine" subsumiert werden, von dem Kapitel ueber "Vereine, Vortraege und Feste" (Kap. III.); oder dem Auseinanderhalten der "Populaerwissenschaftlichen Publizistik" (Kap. VI.) von der "Popularisierung auf dem literarischen Markt" (Kap. V.).

Da Ueberlegungen zur Rezeption vom Autor weitgehend ausgeklammert werden, bleibt letztlich auch unklar, um welches (buergerliche) Publikum es sich eigentlich handelte, an das sich die Popularisierer wandten, und inwieweit dieses sich in dem immerhin 66 Jahre umfassenden Zeitraum genau so veraendern konnte, dass man am Ende des hier behandelten zeitlichen Rahmens schliesslich von einer "Pluralisierung der buergerlichen Oeffentlichkeit" (Schlusswort) sprechen kann.

Insgesamt erhaelt der Leser jedoch einen hilfreichen Ueberblick ueber die vielfaeltigen Auspraegungen naturkundlicher Vermittlungsbemuehungen und ihrer Traeger. Wichtige Aspekte wie die sprachliche Gestaltung der populaerwissenschaftlichen Texte werden ebenso ausfuehrlich bearbeitet wie die Kapitel ueber die Bedeutung einzelner Vereine und Gesellschaften fuer den Prozess der Popularisierung. Als zwei gegensaetzliche Modelle buergerlicher Vereinskultur werden hier vor allem die eher akademisch gepraegte "Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Aerzte" sowie die vom "naturgeschichtlichen Volkslehrer" Emil Adolf Rossmaessler initiierten, aufgrund ihrer geringen Mitgliederzahlen letztlich jedoch bedeutungslos verbleibenden Humboldt-Vereine gegenuebergestellt.

Ueberhaupt ist das Werk Alexander von Humboldts, insbesondere sein auf naturwissenschaftliche Ganzheitlichkeit bedachtes "Kosmos"-Projekt, in seiner Vorreiter-Funktion fuer die Genese populaerwissenschaftlicher Literatur als eines eigenen Genres kaum zu ueberschaetzen. Anhand dieses Werkes kann die schon frueh einsetzende Kommerzialisierung des naturkundlichen Buchmarktes demonstriert werden. Aehnliche Beobachtungen gelten auch fuer die publizistischen Vielfalt des Darwinismus oder die Gruendung solcher "Popularisierungs-Institutionen" wie der Berliner "Urania". An der Wende zum 20. Jahrhundert aenderten sich die Vermarktungsstrategien der Autoren und Verlage jedoch noch einmal erheblich durch die Konzeption neuer Vermittlungsformen wie der populaerwissenschaftlichen Buchserien und -reihen. Hier bietet Daums Buch in verschiedenen Tabellen einen ausgezeichneten Ueberblick ueber die populaerwissenschaftlichen Titel und ihre Verlage, unter denen man allerdings vergeblich den sozialdemokratischen Dietz-Verlag und seine ueberaus erfolgreichen naturwissenschaftlichen Reihen sucht, welche sich so gar nicht in das Bild eines buergerlichen Popularisierungsdiskurses einfuegen wollen.

Der abschliessende und umfangreiche biographische Teil laesst dieses Buch schliesslich zu einer Fundgrube werden fuer die bisher auch in der angelsaechsischen Forschung stark vernachlaessigten personellen Verknuepfungen innerhalb des "populaerwissenschaftlichen Milieus" (S. 381). Ueber siebzig Biographien naturkundlicher Vermittler hat der Verfasser ausgewertet, um sie in eine von ihm selbst entwickelte Systematik einzuordnen. Dabei unterscheidet er anhand von Professionalisierungskriterien innerhalb naturkundlicher Medien und Institutionen vier Typen von Popularisierern: die "professionellen", die "okkasionellen", die "universitaeren oder akademischen" Popularisierer bzw. solche, die als "akademische Meinungsfuehrer und wissenschaftliche Standespolitiker" bezeichnet werden koennen. In diesem Schema nehmen erwartungsgemaess die professionellen Popularisierer, zu denen Daum vor allem die fruehen Wissenschaftsjournalisten rechnet, den groessten Raum ein. Zu dieser Personengruppe gehoeren neben dem bereits erwaehnten, im Vergleich zu anderen interessanten Figuren allerdings erheblich ueberrepraesentierten Emil Adolf Rossmaessler auch der langjaehrige Direktor der Berliner "Urania" Max W. Meyer sowie der Journalist Otto Zacharias.

Gerade der biographische Abschnitt der Arbeit zeigt jedoch noch einmal die Schwierigkeiten auf, mit denen man bei diesem Thema zu rechnen hat, denn zweifellos gehoeren viele der genannten "popularisierenden Taetigkeiten" der einzelnen Personen zu jenen neu entstehenden intellektuellen Berufsfeldern, deren kulturgeschichtliche Bedeutung mit professionalisierungs- oder sozialgeschichtlichen Erklaerungsmodellen nur schwer erfasst werden kann. Mit grosser Detailtreue ist Daum jedoch bemueht, der Gefahr eines kuenstlichen Schematismus Vorschub zu leisten. Bei der Vielzahl der aufgefuehrten Namen sind fuer den Leser daher auch die Kurzbiographien sehr hilfreich, die am Ende dieses Kapitels aufgefuehrt werden.

Bei aller Materialfuelle und der vielseitigen Bearbeitung, die der Verfasser seinem Thema angedeihen laesst, soll jedoch abschliessend noch ein wichtiger Diskussionspunkt nicht unterschlagen werden: Mit seiner eingangs unterstellten These, die "Idee der Popularisierung" ziele vor allem auf die Naturwissenschaften, provoziert er hoffentlich eine ganze Reihe von Gegenargumenten, und dieses Buch wird dann wohl doch nicht das letzte gewesen sein, was ueber Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert geschrieben wurde.

ZitierweiseHelen Müller: Rezension zu: Daum, Andreas: Wissenschaftspopularisierung im 19. Jahrhundert. Bürgerliche Kultur, naturwissenschaftliche Bildung und die deutsche Öffentlichkeit 1848-1914. München 1998, in: H-Soz-u-Kult, 24.02.1999, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/id=101>.

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