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Hist. Publikationen auf elektron. Trägermedien

Lexikon d. Mittelalters CD-ROM

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Markus Sehlmeyer <Markus.Sehlmeyeruni-rostock.de>
Titel:Lexikon des Mittelalters
Herausgeber:Bretscher-Gisinger, Charlotte; Meier, Thomas
Ort:Stuttgart u.a.
Verlag:J.B. Metzler Verlag
Jahr:
ISBN:3-476-01819-9
Umfang/Preis:1 CD-ROM; € 844,90

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Dedo-Alexander Müller, Georg-August-Universität Göttingen
E-Mail: <dedo.muellergmx.de>

Das Lexikon des Mittelalters, das 1977 begonnen und nach über zwanzig Jahren Arbeit 1999 mit einem Registerband abgeschlossen wurde, gehört heute zu den unverzichtbaren Arbeitsinstrumenten für Studierende und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen. Mit seinen mehr als 36.000 Artikeln ermöglicht es darüber hinaus auch einem interessierten Laienpublikum einen Zugang zum derzeit aktuellen Wissen über die Zeit von 300 bis 1500 n. Chr. in allen europäischen Ländern sowie in der arabischen, byzantinischen und jüdischen Welt. Entsprechend weit gestreut ist die Verbreitung des Lexikons, das sich in allen wichtigen Bibliotheken Europas findet. Zu seinem Erfolg trägt neben der guten Lesbarkeit und des einfachen, übersichtlichen Aufbaus auch die fächerübergreifende Arbeitsweise während der Erstellung der Artikel bei, die Benutzer vieler Disziplinen ansprechen.

Das Standardwerk der Mediävistik ist nun auch komplett elektronisch verfügbar. Dabei wurden alle 10.000 Buchseiten des Lexikons digital erfaßt. Zusammen mit einer zusätzlichen Fehlerkontrolle sollte dies Eingabefehler ausschließen.[1] Die Artikelstichwörter und Quellenangaben entsprechen jenen der Buchausgabe, so daß die CD-ROM zitierfähig ist und als Ersatz für die Print-Version genutzt werden kann. Auch die Indizes des 1999 erschienenen Registerbandes sind in die elektronische Version übernommen worden, wodurch eine gezielte inhaltlich-thematische Recherche ermöglicht wird.[2]

Erfreulich ist, daß die CD-ROM-Ausgabe mit minimalen Systembedingungen auskommt.[3] Nach einer auch für ungeübte Benutzer problemlos zu bewältigenden Installation und Lizenzierung wird man in ein Fenster geleitet, das zunächst relativ einfach zu bedienen ist, da der Windows-Standard eingehalten wurde. So findet man leicht auch ohne Vorkenntnisse im Eingabefeld der Stichwortsuche den erwünschten Artikel.[4] Sucht man beispielsweise den Artikel über Bischof Leo von Vercelli, erscheinen nach Eingabe des Stichwortes "Leo" die zwanzig zugehörigen Unterartikel. Hat man den passenden Artikel (Nr. 13) mit der Tastatur oder per Mausklick ausgewählt, so kann man sich hier über Schaltflächen zur Literaturliste, zur Quellenangabe, zu einer Liste mit der Auflösung der Abkürzungen oder ggf. zu den Abbildungen weiterhangeln. In den Texten selbst sind Verweise auf andere Artikel (Einzelstichwörter oder Synonyme) in Form eines Links blau gekennzeichnet und führen per Mausklick weiter. Leider fällt auf, daß die Verweise aus der unvollständigen Print-Version übernommen und damit in einigen Artikeln schlichtweg vergessen wurden.[5]

Hat man sich einmal im Dschungel der Verweise von dem ursprünglichen Artikel entfernt, so wird man zunächst einige Schwierigkeiten haben, zu ihm zurückzukehren. Zwar besteht die Möglichkeit, im elektronischen Dokument durch eine Tastenkombination oder die sogenannte "Protokollfunktion" zu blättern, doch sind diese Lösungen schwerfällig im Vergleich zu den einfachen Navigationsmöglichkeiten, die etwa jeder Internetbrowser bietet. Die Herausgeber versuchen zwar, dieses Manko mit der Möglichkeit zu umgehen, Artikel in ein neues Fenster "abzukoppeln". Allerdings ist diese Funktion relativ unpraktisch und führt oft nach kurzer Zeit zu einem überfüllten Desktop. Hier wünscht man sich bisweilen die Buch-Version zurück, in der das Blättern unendlich leichter fällt. Überhaupt wäre für die Benutzerfreundlichkeit eine fest eingebundene Funktionsleiste, in der die wichtigsten Funktionen (etwa das Ausdrucken von Artikeln oder der Export zur Weiterverarbeitung im Textprogramm) per Symbol steuerbar sein könnten, sehr hilfreich gewesen.

Unschlagbar und das im Vergleich zur Print-Version einzig Neue der CD-ROM-Ausgabe ist der Gesamtwörterindex. In ihm können alle Wörter der 36.000 Artikel gesucht werden. Dies ist eine wahre Fundgrube für Stichwörter, die in den bisher vorhandenen Registern nicht vorkommen. Möchte man sich zum Beispiel über die Bedeutung des Wortes "claustrum" informieren, so findet man im normalen Stichwortverzeichnis kein Ergebnis. Erst die Suche im Gesamtindex verweist auf vier Artikel, die in einem separaten Ergebnisfenster angezeigt werden. Leider hat der Verlag jedoch darauf verzichtet, die unterschiedlichen Schreibweisen ("klaustrum", "claustrum"), sowie Abkürzungen oder Genitiv-Formen oder gar die Groß- und Kleinschreibung der Stichwörter unter einem zentralen Begriff zusammenzufassen. So findet man im vorliegenden Beispiel nach Eingabe des Suchwortes mit einem Majuskel-C fünf weitere und bei der Schreibung mit K (diesmal nur Majuskel) einen zusätzlichen Artikel. Die ganze Phantasie des Nutzers ist gefragt, wenn er nach einem gängigen Begriff wie "König" sucht. Hier führen der Hauptbegriff sowie die Abkürzungen und Kasus-Endungen ebenso wie zahlreiche orthographische Mängel im Register [6] zu insgesamt 17 Stichwörtern, die jeweils einzeln aufgerufen werden müssen, obwohl sie denselben Begriff "König" bezeichnen. Eine effiziente Arbeit mit dem Lexikon wird dadurch unnötig erschwert. Ähnlich unerfreulich ist, daß auch jene Abkürzungen unaufgelöst in den Gesamtindex übernommen wurden, die nicht jedem Benutzer unbedingt geläufig sind.[7]

Berücksichtigt man die dargestellten Mankos, so kann man mit einer Suchmaske komplexe Abfragen mit logischer Verknüpfung mehrerer Stichwörter durchführen. Der oben erwähnte Artikel R. Paulers über Bischof Leo von Vercelli erhält zum Beispiel nur einen Verweis auf die Stadt Vercelli. Sucht man im normalen Gesamtindex, so findet man unter dem Begriff "Leo" nicht weniger als 459 Einträge. Über die Suchmaske läßt sich die Trefferquote durch Eingabe von "Leo" und "Vercelli" auf immerhin 16 Treffer eingrenzen. Besonders wertvoll ist hier, daß sich weitere Fundstellen zu diesem norditalienischen Bischof auftun, die in Paulers Artikel nicht erwähnt werden, etwa ein Hinweis auf die für Bischof Leo zentrale "Renovatio Imperii".

Die Weiterverarbeitung der gefundenen Artikel gestaltet sich ähnlich umständlich wie die übrige Benutzerführung. Zwar steht eine Ausdruckfunktion mit Druckvorschau zur Verfügung und auch der Export in ein Schreibprogramm ist möglich. Jedoch wäre hier eine einfachere Ansteuerung der Funktionen durch Symbole ebenso hilfreich gewesen, wie eine genaue Quellenangabe mit Autor und Artikelüberschrift nicht auf einem Extrablatt, sondern auf jeder ausgedruckten Seite.

Die vorliegende CD-ROM-Ausgabe des Lexikons des Mittelalters zieht ihre Stärken hauptsächlich aus der historisch-fachlichen Zuverlässigkeit der Print-Version. Profitieren können von dieser Ausgabe vor allem jene, die sich die lohnende Mühe machen, sich in die aufgrund der beschriebenen Schwachstellen nicht einfach zu bedienenden Suchfunktionen einzuarbeiten. Besonders der Gesamtindex erweist sich als Fundgrube und führt in vielen Fällen zu Erkenntnissen, die durch die einfache Benutzung der Buch-Ausgabe nicht oder erst mit einiger Phantasie hätten erschlossen werden können. Empfohlen sei die elektronische Version auch denen, die auf eine rasche Einbindung der Artikel in ein Textverarbeitungsprogramm angewiesen sind. Alle anderen werden sich auf die im Oktober 2002 erscheinende Taschenbuchausgabe freuen.[8]

Anmerkungen:
[1] Nach Auskunft des Verlages wurden die Texte zweimalig manuell eingegeben und danach noch einmal kontrolliert. Gleichwohl erschweren zahlreiche Eingabefehler die Suche im Gesamtindex.
[2] Durch eigene Indizes erschlossen sind also die 11400 Personen-Artikel, die 1900 Städte-Artikel, 930 Artikel zu Klöstern, 890 zu Familien und 150 zu Dynastien, ferner die 92 Stammtafeln sowie die 3000 Verfasserinnen und Verfasser. Darüber hinaus findet sich ein ausführlicher Thematischer Index zum arabisch-islamischen, zum jüdischen, byzantinischen, russischen, sprachlich-literarischen Bereich und zu weiteren Spezialgebieten wie Münzkunde, Waffenkunde, Baugeschichte oder Medizin.
[3] Es reicht ein IBM-kompatibler PC (mind. 486) mit 8 MB Hauptspeicher, MS Windows 9x oder NT. Eine minimale Installation benötigt nur 8 MB freien Speicherplatz auf der Festplatte.
[4] Sonderzeichen wie Æ o. ä. erkennt das Programm nahezu selbständig. Eine einfache Möglichkeit, griechische Buchstaben einzugeben, besteht.
[5] So fehlt in dem Artikel über Havelberg ein Verweis auf den Artikel Prignitz. Der Aufsatz über Aachen gar verweist nicht auf Karl den Großen. Unzählige weitere Beispiele ließen sich anfügen. Besonders ärgerlich ist, daß die kursiven Titelzusätze zwar oft verlinkt, in dieser Funktion bisweilen jedoch nicht gekennzeichnet sind. So merkt man erst durch Zufall, daß der Namenszusatz des Bischofs Leo von Vercelli auch zur Stadt selbst weiterleitet.
[6] Im Gesamtindex findet man nicht nur den Eintrag "König", sondern auch orthographisch mangelhafte Einträge wie ">>König", ")König" oder "Kg.gewählt". Außerdem sind begrifflich gleiche Wörter wie "Könige", "Königs", oder die Abkürzung "Kg." nicht zu einem Stichwort zusammengefaßt. Der Gesamtindex wurde offenbar weder vereinheitlicht noch hinreichend korrigiert. All dies verzögert die Recherche unnötig, da man mitunter zahlreiche Einträge abfragen muß.
[7] Nicht jeder Nutzer vermutet hinter "Kg.sk" den Begriff Königskanzlei, zumal dieser als weiteres Stichwort noch an anderer Stelle im Index zu finden ist.
[8] Die ungekürzte Ausgabe wird nach Auskunft von dtv den Preis von € 250 haben.

ZitierweiseDedo-Alexander Müller: Rezension zu: Bretscher-Gisinger, Charlotte; Meier, Thomas (Hrsg.): Lexikon des Mittelalters . Stuttgart u.a. 2000, in: H-Soz-Kult, 06.09.2002, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/digital-2002-005>.

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