G. Sachs: Phokaia und seine Kolonien im Westen

Cover
Titel
Phokaia und seine Kolonien im Westen. Handelswege in der Antike


Autor(en)
Sachs, Gerd
Reihe
Antiquitates 63
Erschienen
Anzahl Seiten
188 S.
Preis
€ 79,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Patrick Reinard, Seminar für Alte Geschichte, Philipps-Universität Marburg

„Ihre Einwohner waren die ersten Griechen, die weite Seefahrten unternahmen und so die Adria, Etrurien, Iberien und Tartessos entdeckten“. Phokaia war, wie die zitierte herodoteische Angabe (1,163) über die Polis andeutet, in archaischer und klassischer Zeit eine der ersten Städte mit weitreichenden Handelsverbindungen zu westlichen Tochterstädten. Eine ausführliche Untersuchung dieser Verbindungen stellte bisher ein Desiderat dar, dem die hier zu besprechende Arbeit Abhilfe schaffen möchte. Sie hat sich das Ziel gesetzt, Phokaia sowie ihre Koloniegründungen Massalia, Emporion, Alalia und Elea hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklungen zu untersuchen. Besonders der archäologische Befund der Mutterstadt sowie ihrer Kolonien wurde zu Themenbereichen wie „Stadtbild“, „Religion und Kulte“, „Wirtschaft und Handel“ oder „Nekropolen“ untersucht. Aber auch das Münzwesen sowie – beruhend auf den literarischen Zeugnissen – die Verfassungen der Städte und ihre allgemeine historische Entwicklung bis in frührömische Zeit hat der Autor in den Blick genommen.

Nach einer kurzen überblicksartigen Einführung zu den griechischen Kolonisationszügen (S. 11–18) wird Phokaia (S. 19–49) erörtert, wobei besonders der Seehandel in den Blick genommen wird. Am ausführlichsten analysiert Sachs dann aufgrund der Quellenlage die Kolonie Massalia samt ihrer eigenen Tochterstädte (S. 51–101). Kürzer werden Emporion inklusive der Siedlung Rodos (S. 102–131), Alalia (S. 132–135) und Elea (S. 136–169) bearbeitet. Gelungen und aufschlussreich ist die Darstellung zu den Routen des Zinnhandels durch Gallien (S. 47f.), an welchem Massalia und Phokaia maßgeblich partizipiert haben dürften. Die Ausführungen zu den massaliotischen Pflanzstädten ergeben ein gutes Bild der Vernetzung (S. 95ff.). Auch die Analyse der Keramikbefunde in Massalia (S. 88ff.) und Emporion (S. 129) bieten einige interessante Einblicke in die Handelsvernetzung, etwa nach Etrurien oder Attika. Durch den Vergleich der Städte wird zudem aufgezeigt, dass das kampanische Elea wahrscheinlich deutlich weniger in die phokäischen Handelswege eingebunden gewesen sein dürfte. Gute Detailbeobachtungen werden an manchen Stellen erzielt, so etwa in der Forschungsdiskussion zur Lage des Panionion (S. 21), zur Chronologie der nachgewiesenen Bauten im sogenannten Südwest-Heiligtum in Emporion (S. 114), zur Siedlung und Geschichte der Indiketen (S. 119f.) oder zur Diskussion über die vermeintliche Lage der Agora in Elea (S. 157f.).

Sachs’ Arbeit ist auch dahingehend verdienstvoll, dass sie zu den besagten Orten die spanische, französische und italienische Fachliteratur zusammenträgt. Einige Folgerungen sind jedoch als hypothetisch zu bezeichnen: So ist etwa aus den Quellen nicht ersichtlich, warum die Emission schwerer Drachmen im ersten Viertel des 4. Jahrhunderts v.Chr. in Massalia „mit der erzwungenen Aufnahme weiterer Personen in den zumindest ab jetzt aus 600 Bürgern bestehenden Rat“ zusammenhängen muss (S. 78). Auch bleibt Sachs’ Umgang mit den literarischen Quellen an vielen Stellen unkritisch: So wird beispielsweise die schwierige Interpretation der verschiedenen römisch-punischen Verträge nicht problematisiert (S. 133). Die Gründungslegende von Massalia, die besagt, dass ein Anführer der Kolonisten eine einheimische Prinzessin geheiratet habe, referiert Sachs im Schlussteil (S. 170) als einen authentischen Bericht.

Einige Defizite im wissenschaftlichen Apparat erschweren zudem die Arbeit mit dem Buch: So gibt Sachs in einer Anmerkung zur Stadtbefestigung von Elea (S. 146, Anm. 427) an, dass die nachfolgenden Ausführungen auf zwei in dieser Fußnote genannten Studien sowie eigener vor Ort getätigter Beobachtungen basieren. Allerdings ist dann auf den folgenden Seiten nicht immer klar, woher die Informationen im Einzelnen genau stammen. Auch der Verweis auf Schautafeln im Museum (S. 127 u. 152) ist für den Leser kein dienlicher Beleg. Einige Angaben zur antiken Überlieferung sind gleichfalls zu bemängeln: So werden Strabon und Pausanias als Quellen für die Auswanderung und Koloniegründungen der Söhne des mythischen Königs Kodros genannt (S. 16), die entsprechende Stellenangaben (Strab. 14,1,1–3 p. 632–633; Paus. 7,2,1; 7,2,10; 7,3,5–7) fehlen aber; ergänzen darf man an dieser Stelle eine Passage aus Pherekydes von Athen (FGrH 3 F 155) zum Kodros-Sohn Androklos. Eine Angabe des älteren Plinius, nach welcher Milet die Kapitale Ioniens gewesen sei, wird wörtlich zitiert (S. 18, Anm. 16), die Stellenangabe (nat. hist. 5,112) bleibt allerdings ungenannt.

Mehrmals wird zudem auf Inschriften verwiesen, ohne die Quellenangaben zu geben: Auf S. 115 und 123 erwähnt Sachs eine Stifterinschrift des Tempels für Zeus-Sarapis und Isis, der im Südosten des Stadtgebietes von Emporion im 1. Jahrhundert v.Chr. errichtet wurde, und meint, „aus der hier in Bruchstücken gefundenen bilingualen Kalksteininschrift (lateinisch und griechisch)“ ergebe sich, „dass ein Alexandriner namens Noumas – wohl ein reicher Kaufmann – diesen Tempel den Göttern Isis und Zeus-Serapis geweiht hat“ (S. 115). Bei dieser nicht belegten Inschrift muss es sich um AE 1991, 116 handeln.1 Für die Annahme, Numas sei ein reicher Kaufmann gewesen, bietet die Inschrift indes kein Indiz. Von einer nur „schwer lesbaren römischen Inschrift aus der zweiten Hälfte des 1. Jh. v. Chr.“, die für Apollon gestiftet worden sei, ist auf Seite 124 die Rede. Welche Inschrift hier gemeint ist, konnte nicht eruiert werden. Ein Fragment einer Weihinschrift für Athena Polias (?) aus Elea führt Sachs auf Seite 143 mit Angabe des Wortlautes sowie des Fundortes, aber ohne Quellenangabe an. Es muss sich um SEG 32, 1074 handeln.2 Ebenfalls wörtlich zitiert sowie durch die allerdings wenig hilfreiche, da unkenntliche Abbildung 106 illustriert wird eine fragmentarische Weihinschrift von der Akropolis von Elea, die für Athena und Zeus gestiftet wurde. In Anmerkung 447 wird dann zwar auf aktuelle Forschungen zu den antiken Kulten in Elea verwiesen, die Angabe einer epigraphischen Edition (gemeint ist SEG 32, 1075) fehlt jedoch; ergänzen darf man im Zitat auch die Zeilentrennung vor ]ΝΙΟ.3 Auf Seite 156f. und 159 werden drei Stelen aus dem Bereich der sogenannten Zeus-Terrasse in Elea ohne Editionsangabe genannt und als Argument für eine frühe Datierung der Kulttätigkeit in das 5. Jahrhundert v.Chr. angeführt – der archäologisch fassbare terrassierte Bau datiert in das 3. Jahrhunderts v.Chr. Die Stelen gehören in der Tat in das 5. Jahrhunderts v.Chr., jedoch ist dies in Ermanglung einer Angabe nicht nachvollziehbar. Es muss sich hier aber um die drei Cippi handeln, die unter SEG 38, 1019 verzeichnet sind.4 Die auf Seite 160 zitierte Inschrift, die Poseidon gewidmet ist, wird im Wortlaut und mit der Abbildung 107 angegeben; erneut fehlt aber ein Quellenbeleg.5 Schließlich wird die für Hera gestiftete Inschrift SEG 26, 1211 auf Seite 160 ohne Angabe einer epigraphischen Edition zitiert.6 Zudem ist anzumerken, dass aus Elea noch weitere Weihinschriften aus dem Untersuchungszeitraum überliefert sind7, die jedoch von Sachs nicht berücksichtigt wurden. Mit Vorsicht ist auch Sachs’ Datierung der epigraphisch bezeugten Münzkonvention zwischen Mytilene und Phokaia zu betrachten. Diese ist nicht mit Sicherheit auf den Anfang des 4. Jahrhunderts v.Chr. zu datieren (S. 25), sondern könnte vielleicht auch bereits in der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts v.Chr. entstanden sein.8 Hinzu kommen kleinere Versehen: Der Vater des Eteokles und Polyneikes war bekanntlich Ödipus, nicht Kadmos (so S. 132 in Anm. 379). Verschiedentlich werden Eigennamen in unterschiedlichen (so Caesar und Cäsar, S. 99) oder falschen („Antalkides“ statt Antalkidas, S. 25) Schreibweisen bzw. in verdrehter Anordnung (Pompeius Trogus als „Trogus Pompeius“, S. 41, 51 oder 99) verwendet.

An manchen Stellen vermisst der Leser außerdem einen Verweis auf die einschlägige Forschungsliteratur: So wird etwa ohne jegliche Anmerkungen der Fund von Metallgegenständen im Süden des Stadtareals von Emporion angesprochen (S. 110), die als Bestandsteile eines Geschützes erkannt und entsprechend rekonstruiert werden konnten.9 Bedauerlich ist ferner, dass Forschungsergebnisse zur antiken Wirtschaftsgeschichte10 sowie zur Vernetzung der griechischen Welt11 unberücksichtigt geblieben sind. Aufgrund der beklagenswerten Mängel werden von Sachs’ Arbeit nur sehr eingeschränkte Impulse für die Forschung ausgehen.

Anmerkungen:
1 Vgl. auch María Paz de Hoz, Epigrafía griega en Hispania, in: Epigraphica 59 (1997), S. 29–96, hier S. 37. In der Hispania Epigraphica-Datenbank ist die Inschrift unter Record No. 12531 mit kompletter Bibliographie verzeichnet (<http://eda-bea.es/pub/record_card_1.php?rec=12531&newlang=eng=en>; Stand 01.05.2015).
2 Vgl. auch Luigi Vecchio, Le iscrizioni greche di Velia (Velia-Studien III), Wien 2003, S. 64, Nr. 17. Vecchio gibt jeweils die komplette Bibliographie zu den einzelnen Inschriften.
3 Vgl. Vecchio, iscrizioni, S. 34–36, Nr. 1.
4 Vgl. Vecchio, iscrizioni, S. 38–46, Nr. 2–4.
5 Vgl. Vecchio, iscrizioni, S. 50–53, Nr. 7.
6 Vgl. Vecchio, iscrizioni, S. 54–56, Nr. 9.
7 So z.B. Vecchio, iscrizioni, Nr. 10–13 (alle aus dem 4. Jahrhundert v.Chr.).
8 Vgl. SEG 34, 849 und Historische griechische Inschriften in Übersetzung 203 mit den Literaturangaben.
9 Vgl. Erwin Schramm, Die antiken Geschütze der Saalburg. Bemerkungen zu ihrer Rekonstruktion, Berlin 1918, S. 40–46.
10 Verwiesen sei hier exemplarisch nur auf die Literatur zu Emporion, die bei Michel Austin / Pierre Vidal-Naquet, Gesellschaft und Wirtschaft im alten Griechenland, München 1984, S. 210f. angegeben ist.
11 So etwa Irad Malkin, A Small Greek World. Networks in the Ancient Mediterranean, Oxford 2012, zu Phokaia und den westgriechischen „maritime networks“ besonders S. 143ff. u. 171ff.

Redaktion
Veröffentlicht am
Redaktionell betreut durch
Klassifikation
Region(en)
Mehr zum Buch
Inhalte und Rezensionen
Verfügbarkeit
Weitere Informationen
Sprache der Publikation
Sprache der Rezension