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Nationalsozialismus

S. Roulin: Un credo anticommuniste

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Marc Buggeln <mbuggelngmx.de>
Autor(en):
Titel:Un credo anticommuniste. La commission Pro Deo de l’Entente internationale anticommuniste, ou la dimension religieuse d’un combat politique, 1924–1945
Ort:Lausanne
Verlag:Editions Antipodes
Jahr:
ISBN:978-2-88901-038-7
Umfang/Preis:517 S.; € 35,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Johannes Großmann, Saarbrücken
E-Mail: <jojogweb.de>

Das Bild auf dem Einband dieses Buches transportiert eine klare Botschaft: Ein von Hunger gezeichneter, körperlich und seelisch gebrochener Mensch, ein Märtyrer mit gesenktem Haupt, hängt an einem Kreuz aus Hammer und Sichel. Es waren solche Bilder, mit denen die Kommission „Pro Deo“ während der dreißiger Jahre ihr „antikommunistisches Glaubensbekenntnis“ in die Öffentlichkeit trug und gegen die antireligiöse Propaganda der sowjetischen Machthaber und ihrer (vermeintlichen) Sympathisanten Stellung bezog. In der ungekürzten Druckfassung ihrer 2009 an der Universität Fribourg verteidigten Dissertation zeichnet Stéphanie Roulin diese vielschichtige ideologische Auseinandersetzung mit akribischer Sorgfalt nach. Ihre Studie ist die erste von mehreren geplanten Darstellungen, die aus einem vom Schweizerischen Nationalfonds geförderten Forschungsprojekt zur Geschichte der „Entente Internationale Anticommuniste“ (EIA) hervorgehen sollen.[1]

Die EIA wurde offiziell 1924 in Paris unter dem Namen „Entente Internationale Contre la Troisième Internationale“ (EICTI) gegründet. Unter der Führung des Genfer Rechtsanwalts Théodore Aubert und des in die Schweiz emigrierten früheren zaristischen Delegierten beim Internationalen Roten Kreuz, Georges Lodygensky, verschrieb sich die fortan in Genf ansässige EIA dem Kampf gegen die Propaganda der Komintern und eine internationale Anerkennung der Sowjetunion. Bis Ende der 1920er-Jahre entwickelte sich die Organisation trotz chronischer Finanznot zu einer in konservativen Kreisen durchaus einflussreichen politischen Lobbygruppe und gewann über die Schweiz hinaus sogar in Japan und Lateinamerika Unterstützer.

Religiöse Argumentationsmuster gehörten von Beginn an zum ideologischen Repertoire der EIA. Die Absicht des Protestanten Aubert und des Orthodoxen Lodygensky, ein interkonfessionelles Bündnis gegen die antikirchliche Politik der sowjetischen Regierung und die in zahlreichen europäischen Ländern aktive „Gottlosenbewegung“ zu schmieden, stieß jedoch bei katholischen Geistlichen und Politikern zunächst kaum auf Resonanz. Erst mit der Annäherung der EIA an den im März 1930 von namhaften deutschen Aristokraten und Politikern gegründeten, gleichermaßen im protestantischen Konservatismus und im politischen Katholizismus verankerten „Bund zum Schutz der abendländischen Kultur“ entwickelte sich Religion zu einem zentralen Thema der Propagandaarbeit. Im Oktober 1933 entstand schließlich die formell unabhängige, personell und organisatorisch jedoch eng mit der EIA verflochtene Kommission „Pro Deo“, die sich mit kirchlicher und politischer Unterstützung zu einem europaweiten transnationalen Netzwerk entwickelte.

Stéphanie Roulin betrachtet die von ihren ideologischen Gegnern als eine Art „Schwarze Internationale“ (S. 227) beäugte Kommission „Pro Deo“ unter drei Gesichtspunkten. So fragt sie erstens nach dem tatsächlichen Einfluss ihrer Propagandakampagnen. Durch direkte Intervention bei politischen Entscheidungsträgern, durch Verteilung von Printpropaganda, insbesondere aber durch eine 1934/35 in mehreren europäischen Ländern gezeigte und von über 80.000 Besuchern gesehene Wanderausstellung (S. 265–300) konnte „Pro Deo“ zwar durchaus kleinere Erfolge in ihrem Bemühen um eine Sensibilisierung der diplomatischen Eliten und der europäischen Öffentlichkeit gegenüber den kirchenfeindlichen Exzessen in der Sowjetunion erzielen. Hinter dem Anspruch, einen schlagkräftigen Gegenapparat zur Komintern aufzubauen, blieben die EIA und „Pro Deo“ aber deutlich zurück.

Im Zentrum der Analyse steht zweitens der interkonfessionelle Charakter von „Pro Deo“. Wie Roulin zeigt, entsprang der von der Kommission propagierte Interkonfessionalismus in erster Linie taktischem Kalkül, konnten ihre Protagonisten sich auf diese Weise doch glaubhaft als „religiöses Gewissen der Politikwelt“ (S. 345) präsentieren. Dementsprechend war es in erster Linie das Feindbild des Bolschewismus, das die protestantischen, katholischen und orthodoxen Mitglieder von „Pro Deo“ verband, während theologische Fragen bewusst ausgeklammert wurden. Die beschränkte Tragweite dieses „pragmatischen Interkonfessionalismus“ (S. 435) wurde an der Zurückhaltung der katholischen Amtskirche ebenso deutlich wie daran, dass vereinzelte Überlegungen zu einer Einbindung von Muslimen, Juden oder freikirchlichen Vertretern nie konkrete Formen annahmen.

Der dritte und aus deutscher Perspektive wohl interessanteste Schwerpunkt der Studie liegt auf dem Verhältnis von „Pro Deo“ zu den „Rechtstotalitarismen“ der 1930er-Jahre. Denn seit 1933 arbeitete die EIA eng mit der vom Reichspropagandaministerium getragenen Antikomintern zusammen (S. 303–344). Mit Hilfe der EIA, die sich in offensichtlicher Doppelmoral jeglicher Kritik an den antikirchlichen Maßnahmen und den neuheidnischen Anwandlungen der Nationalsozialisten enthielt, konnte die Antikomintern in Kontakt mit andernfalls kaum für die nationalsozialistische Propaganda empfänglichen Kreisen in Frankreich, Großbritannien und Lateinamerika treten. Im Gegenzug bewilligte die Antikomintern der EIA finanzielle Unterstützung für die Fortführung und den Ausbau ihrer internationalen Aktivitäten. Konnte bereits „Pro Deo“ selbst als ein Produkt dieser Zusammenarbeit gedeutet werden, so galt dies umso mehr für die im November 1934 konstituierte Deutsche Pro-Deo-Kommission (DPK), die von der Antikomintern gezielt zur Bindung kirchlicher und konservativer Kräfte an das nationalsozialistische Regime instrumentalisiert wurde.

In methodischer Hinsicht handelt es sich bei der Studie um eine transnationale Geschichte par excellence. So arbeitet Roulin erstens die Bedeutung nichtstaatlicher Akteure in den internationalen Beziehungen der Zwischenkriegszeit überzeugend heraus, wobei sie die EIA und „Pro Deo“ weder isoliert betrachtet, noch in ihrer Handlungsfähigkeit überschätzt, sondern gerade in ihrer dynamischen Interaktion mit staatlichen und internationalen Einrichtungen erfasst. Zweitens differenziert Roulin zwischen unterschiedlichen räumlichen Untersuchungsebenen, bezieht die lokalhistorische Perspektive des multikonfessionellen Genfer Stadtmilieus ebenso ein wie die nationale Verankerung der einzelnen „Pro Deo“-Sektionen und die internationale Dimension der von der EIA und „Pro Deo“ verfolgten Aktivitäten. Drittens wechselt Roulin souverän zwischen unterschiedlichen methodischen Zugriffen. Ihre Studie ist Organisationsgeschichte, Kollektivbiographie und Milieustudie zugleich, verbindet gewinnbringend diplomatie-, ideen- und religionsgeschichtliche Perspektiven.

Dass Roulin diesen differenzierten methodischen Zugang nicht in einer ausführlicheren Einleitung erläutert, ist vielleicht die größte Schwäche des Buches. An manchen Stellen hätte man sich außerdem eine breitere zeitliche und inhaltliche Kontextualisierung gewünscht. So hätten Verweise auf ähnliche Organisationen, wie das 1870 entstandene und ebenfalls in Genf ansässige Comité de Défense Catholique[2], helfen können, die Spezifika von „Pro Deo“ herauszuarbeiten. Auch eine Gegenüberstellung des von „Pro Deo“ propagierten Interkonfessionalismus mit den Anfängen der ökumenischen Bewegung[3] wäre wünschenswert gewesen. Alles in allem aber handelt es sich um eine sorgfältig recherchierte, gut lesbare Studie, die unser Wissen über die strukturelle Bedeutung und die Organisationsformen des Antikommunismus im Europa der Zwischenkriegszeit deutlich erweitert und zahlreiche Anknüpfungspunkte für künftige Forschungen zum Antikommunismus vor und nach 1945 bietet. Dem Buch ist daher auch und gerade im deutschsprachigen Raum eine breite Rezeption zu wünschen.

Anmerkungen:
[1] Zur Verortung des Gesamtprojekts siehe Michel Caillat u.a. (Hrsg.), Histoire(s) de l’anticommunisme en Suisse – Geschichte(n) des Antikommunismus in der Schweiz, Zürich 2009 (siehe auch: Brigitte Studer: Rezension zu: Caillat, Michel; Cerutti, Mauro; Fayet, Jean-François; Roulin, Stéphanie (Hrsg.): Histoire(s) de l'anticommunisme en Suisse - Geschichte(n) des Antikommunismus in der Schweiz. Zürich 2009, in: H-Soz-u-Kult, 21.09.2009, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-3-218> [01.06.2012]).
[2] Siehe Emiel Lamberts (Hrsg.), The Black International 1870–1878. The Holy See and Militant Catholicism in Europe, Leuven 2002.
[3] Vgl. z.B. Jörg Ernesti, Kleine Geschichte der Ökumene, Freiburg im Breisgau 2007.

ZitierweiseJohannes Großmann: Rezension zu: Roulin, Stéphanie: Un credo anticommuniste. La commission Pro Deo de l’Entente internationale anticommuniste, ou la dimension religieuse d’un combat politique, 1924–1945. Lausanne 2010, in: H-Soz-u-Kult, 21.06.2012, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2012-2-195>.

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