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Zeitgeschichte (nach 1945)

H.H. Hahn u.a.: Die Vertreibung im deutschen Erinnern

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan-Holger Kirsch <kirschzzf-pdm.de>
Autor(en):;
Titel:Die Vertreibung im deutschen Erinnern. Legenden, Mythos, Geschichte
Ort:Paderborn
Verlag:Ferdinand Schöningh Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-506-77044-8
Umfang/Preis:839 S., 29 SW-Abb., 32 Tabellen, Karten; € 88,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Mathias Beer, Institut für donauschwäbische Geschichte und Landeskunde, Tübingen
E-Mail: <mathias.beeridgl.bwl.de>

‚Flucht und Vertreibung’ sind im Deutschen zu einer Chiffre geworden. Diese umfasst eine Reihe von Bedeutungsfeldern, darunter die gesellschaftspolitischen und wissenschaftlichen Debatten zur deutschen Zwangsmigration. Solche Debatten durchziehen die gesamte Geschichte der Bundesrepublik wie ein roter Faden. Der jahrelange Streit über ein „Zentrum gegen Vertreibungen“ oder neuerdings über die „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ sind lediglich die beiden jüngsten Beispiele dafür.

Als pointierten Beitrag zu diesen Debatten verstehen die beiden Historiker Eva und Hans Henning Hahn ihre (zu) umfangreiche Studie. Sie ist das Ergebnis von vier Jahrzehnten der Beschäftigung mit dem Themenkomplex (S. 16). Dem Buch liegt im Kern eine These zu Grunde, die die Autoren in einem Beitrag von 2001 skizziert haben[1]: In der Bundesrepublik seien von Anfang an bewusst Legenden über das Vertreibungsgeschehen in die Welt gesetzt worden. Ein Labyrinth von Fehlinformationen und -deutungen habe sich im Laufe der letzten sechs Jahrzehnte im kollektiven Gedächtnis der Deutschen zu einem falschen Bild von den Deutschen als weitgehend unschuldigen Opfern alliierter Politik verwoben. Es ebne die Vielfalt der Erinnerungen an das komplexe Vertreibungsgeschehen ein und sei zudem „rechtslastig“. Das deutsche Erinnern an die Vertreibung sei bestimmt von einem überwiegend konstanten Narrativ, „das sich empirisch nicht überprüfter Aussagen und einiger weniger gefestigter Redewendungen bedient und daher als ein ‚Mythos Vertreibung’ zu bezeichnen“ sei (S. 10).

Von diesem Credo geleitet, hinterfragen Hahn und Hahn die gängigen deutschen Vertreibungsbilder. Sie ziehen dafür die umfangreiche publizierte Überlieferung einschließlich der breiten Forschungsliteratur heran. Dabei legen sie Wert auf die Gleichzeitigkeit der Ereignisse und deren angemessene Kontextualisierung; sie verzichten daher auf eine linear konzipierte, chronologisch und geographisch strukturierte Erzählform (S. 14). Die Studie ist in vier große Kapitel gegliedert. Auf eine „Galerie der Erinnerungsbilder“ folgen „Verdrängte Erinnerungen“, die „Gründerzeit des Erinnerns“ und schließlich die „Vielfalt des Erinnerns“. Nach den Legenden und dem Mythos stellt ein umfangreicher Anhang historisch-statistisches Material zu den „Massenumsiedlungen 1939–1949“ bereit und liefert damit die „richtigen Fakten“ zu Flucht und Vertreibung. Die Argumente, mit denen Hahn und Hahn die nicht neue These von der Vertreibung als einem „Geschichtsmythos“[2] zu untermauern suchen, betreffen im Wesentlichen drei Bereiche: den Stellenwert des Zweiten Weltkriegs für das Vertreibungsgeschehen, die bundesdeutsche Geschichtspolitik der frühen Nachkriegszeit sowie ihre bis in die Gegenwart anhaltende Wirkung.

Hahn und Hahn sehen in dem vom nationalsozialistischen Deutschland ausgegangenen Eroberungs- und Vernichtungskrieg zu Recht den wesentlichen Grund für die Vertreibung der deutschen Bevölkerung. Aber im Gegensatz zum überwiegenden Teil der Forschung bezeichnen sie die NS-Politik als ausschließlichen Motor für die Vertreibung (S. 347). Andere Gründe, etwa das Streben nach ethnisch reinen Nationalstaaten oder die Umsiedlungspraxis als Instrument der europäischen Politik spätestens seit dem Ersten Weltkrieg, spielten ihrer Meinung nach keine Rolle. Völkischen Traditionen folgend habe bereits die nationalsozialistische Politik den Bewohnern der östlichen Reichsgebiete und den angeblich in hohem Maß dem Nationalsozialismus verhafteten deutschen Minderheiten ihre Lebensgrundlagen entzogen. Schon während des Kriegs sei bis zur Hälfte der späteren Vertriebenen zu Opfern geworden – allerdings der nationalsozialistischen Räumungspolitik und nicht alliierter Politik. Erst der deutsche Eroberungs- und Vernichtungskrieg habe die Pläne für die Umsiedlungen nach Kriegsende reifen lassen. Dabei seien nicht die ostmitteleuropäischen Staaten, sondern allein die alliierten Großmächte maßgeblich gewesen. Im vom deutschen Opferdiskurs bestimmten Mythos Vertreibung habe eine Entkoppelung des Erinnerns vom historischen Kontext stattgefunden.

Eine kritische Prüfung fordern Hahn und Hahn auch mit Blick auf die frühe bundesrepublikanische Geschichtspolitik. Denn in Fortführung der während der NS-Zeit geschaffenen Grundlagen sei in den Anfangsjahren der Bundesrepublik als Ergebnis „des staatlichen Interventionismus“ (S. 436) der Mythos Vertreibung zielgerichtet geschaffen worden. Förderlich sei dabei der Kalte Krieg gewesen. Er habe es erlaubt, die von Rache und Vergeltung getriebenen Schuldigen für die Vertreibung, wie bereits während der NS-Zeit, ausschließlich in den osteuropäischen Staaten zu sehen. Viele der damals auch von namhaften deutschen Historikern bewusst in die Welt gesetzten Fehlinformationen seien nie korrigiert worden und verzerrten die Geschichtsbilder bis heute. In den angeblich weitgehend dem Nationalsozialismus verhafteten Vertriebenenverbänden sehen Hahn und Hahn geradezu die Personifizierung des Mythos Vertreibung. Die Bundesregierungen hätten nicht nur das politisch missbrauchte Erinnern an die Vertreibung gefördert, sondern hätten „auch zu dessen symbolischer Verankerung im deutschen kollektiven Gedächtnis“ beigetragen (S. 482).

Hinweise für das Fortleben des Mythos und damit eines, wie sie meinen, alt-neuen Trends in der Gegenwart liefern Hahn und Hahn unter anderem die Auseinandersetzungen um das vom Bund der Vertriebenen (BdV) initiierte „Zentrum gegen Vertreibungen“. Sie sehen darin – sowie insbesondere in der Vorsitzenden des BdV, Erika Steinbach, und „ihren Historikern“ (S. 593ff.) – eine doppelte Gefahr. Das Zentrum könnte die in der völkischen Tradition angelegten, während des Nationalsozialismus propagierten und in der frühen Bundesrepublik etablierten falschen Bilder von der Vertreibung dauerhaft im kulturellen Gedächtnis der Deutschen verankern. Und es würde die Vielfalt der Erinnerungen an die Vertreibung endgültig unterpflügen und einer notwendigen Geschichte der Vertriebenen jenseits des Mythos Vertreibung ebenso den Weg versperren wie der Versöhnung mit den ostmitteleuropäischen Nachbarstaaten. Daher lautet der Appell von Hahn und Hahn: „Die deutsche Nation verdient es nicht, dass ihre Geschichte mit einem Mythos Vertreibung vernebelt wird.“ (S. 632)

Das Buch stellt viele grundsätzliche Fragen, ist aber in seiner Beweisführung zuweilen irritierend. Dem Plädoyer für die Vielfalt des Erinnerns ist uneingeschränkt zuzustimmen. Aber ist es nicht erforderlich, mit Hans Günter Hockerts zwischen Primärerfahrung, kommunikativem und kulturellem Gedächtnis einerseits und kritischer historischer Analyse andererseits zu unterscheiden?[3] Die Studie fordert vehement ein radikales und grundlegendes Überdenken der bundesdeutschen Erinnerungskultur an die Vertreibung. Dabei sieht sie aber weitgehend nur völkische Kontinuitätslinien und verliert den eingetretenen Wandel aus dem Blick. Um Differenzierung bemüht, neigt sie dennoch zu Pauschalierungen. Indem sie die nationalsozialistische Eroberungs-, Umsiedlungs- und Vernichtungspolitik als alleinige Erklärung für die Umsiedlung, Flucht und Vertreibung der Deutschen betrachtet und im „europäisierten Erklärungsansatz“ eine bloße Flucht aus der deutschen Verantwortung sieht, fällt sie in einem zentralen Punkt hinter den erreichten Forschungsstand zurück. Auch blendet sie den Umgang mit der Vertreibung in den ostmitteleuropäischen Staaten aus. Die Autoren argumentieren stellenweise bedenklich. War etwa das Erinnern an die Vertreibung in der DDR wirklich reflektierter (S. 578)?

Das Buch zieht die deutschen Erinnerungsbilder von Vertreibung in Zweifel, nicht immer mit einer überzeugenden Begründung. Ist die monumentale „Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa“, der die Autoren eine Reihe ihrer Argumente entnehmen, lediglich eine endlose Sammlung von Gräuelberichten (S. 475)? Hahn und Hahn stellen selbst den Begriff „Vertreibung“ in Frage, seien doch nur 4,8 Millionen Deutsche wirklich von den Alliierten vertrieben worden. Ja, sie stellen die gesamte bisherige Forschung zum Thema nicht nur in Frage, sondern geradezu an den Pranger. Sind, um lediglich ein Beispiel zu nennen, die Studien des einschlägig ausgewiesenen Historikers Detlef Brandes[4] „nur eine mühsame Suche nach den Ursachen der Vertreibung“, in denen er sich die Frage nicht einmal gestellt hat, wie es zur Vertreibung kam (S. 103)? Hahn und Hahn kritisieren zu Recht enthistorisierte Geschichtsbetrachtungen, sind aber vor ahistorischen Haltungen selbst nicht gefeit. Wäre eine frühe Anerkennung der Oder-Neiße-Linie durch die Bundesrepublik wirklich eine Alternative gewesen, die den Deutschen den Mythos Vertreibung erspart hätte (S. 484)?

Die Studie ist ein leidenschaftliches und streitbares Plädoyer für eine kritische, empirisch-analytische Forschung zu den „Massenumsiedlungen der Deutschen“. Das Buch will aufrütteln und unter bewusster Hinnahme von Wiederholungen aufklären. Dabei schießt es in seinen Schlussfolgerungen immer wieder über das Ziel hinaus und stellt seine guten Ansätze selbst in den Schatten. Vieles spricht dafür, dass die wissenschaftlichen Auseinandersetzungen über ‚Flucht und Vertreibung’ auch in Zukunft weitergehen werden.

Anmerkungen:
[1] Eva und Hans Henning Hahn, Flucht und Vertreibung, in: Etienne François / Hagen Schulze (Hrsg.), Deutsche Erinnerungsorte, Bd. 1, München 2001, 4., durchgesehene Aufl. 2002, S. 335-351.
[2] Klaus-Peter Friedrich, Vertreibung. Ein deutscher Geschichtsmythos, Marburg 1998.
[3] Hans Günter Hockerts, Zugänge zur Zeitgeschichte. Primärerfahrung, Erinnerungskultur, Geschichtswissenschaft, in: Konrad H. Jarausch / Martin Sabrow (Hrsg.), Verletztes Gedächtnis. Erinnerungskultur und Zeitgeschichte im Konflikt, Frankfurt am Main 2002, S. 39-73.
[4] Vgl. v.a. Detlef Brandes, Der Weg zur Vertreibung 1938–1945. Pläne und Entscheidungen zum ‚Transfer‘ der Deutschen aus der Tschechoslowakei und aus Polen, München 2001, 2., überarb. und erw. Aufl. 2005.

ZitierweiseMathias Beer: Rezension zu: Hahn, Hans Henning; Hahn, Eva: Die Vertreibung im deutschen Erinnern. Legenden, Mythos, Geschichte. Paderborn 2010, in: H-Soz-u-Kult, 03.06.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-2-182>.

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