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Alte Geschichte

W. Letzner: Ephesos

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Udo Hartmann <hartmannugeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Ephesos. Eine antike Metropole in Kleinasien
Reihe:Kulturführer zur Geschichte und Archäologie
Ort:Mainz am Rhein
Verlag:Philipp von Zabern Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-8053-4090-8
Umfang/Preis:120 S.; € 19,90

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Oliver Hülden, Institut für Klassische Archäologie, Ludwig-Maximilians-Universität München
E-Mail: <Oliver.Hueldenlmu.de>

„Einfach mehr wissen!“ – so lautet das Motto der 2010 von den Herausgebern Holger Sonnabend und Christian Winkle im Programm des Verlags Philipp von Zabern initiierten Reihe archäologischer und historischer Kulturführer. „Regionen, Städte und Monumente“ sollen „in den neuartigen Reiseführern“ laut Verlagsprogramm „in ihrem jeweiligen historischen und geografischen Kontext“ sowie „mit ihren topografischen und archäologischen Besonderheiten präsentiert“ werden. Während die fünf anderen bisher publizierten oder demnächst erscheinenden Bände die Ara Pacis, Tivoli und die Villa Hadriana, das Umland der Stadt Rom, Tarquinia sowie Aquileia behandeln und somit alle auf Italien fokussiert sind, nimmt sich Wolfram Letzner mit Ephesos der „beliebtesten antiken Stätte der Türkei“ an. Letzner ist promovierter Klassischer Archäologe und seit Jahren als freier Autor und Reiseleiter tätig. Insofern scheint er – da an der Nahtstelle zwischen Wissenschaft und interessierter Öffentlichkeit tätig – prädestiniert für das Schreiben eines solchen Führers zu sein.

Mit Ephesos hat sich Letzner ein Objekt ausgesucht, das in den letzten Jahren und Jahrzehnten keinen Mangel an wissenschaftlichen wie populärwissenschaftlichen Betrachtungen gelitten hat.[1] Die Suche des englischen Architekten John Turtle Wood nach dem Artemision hatte 1863 die systematische wissenschaftliche Beschäftigung mit dem antiken Ort eröffnet, die seit 1895 in den Händen des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI) liegt und sich zu einem der größten und erfolgreichsten Grabungsprojekte in der Türkei entwickelt hat. Der letzte archäologische Führer durch die Ruinen von Peter Scherrer ist Mitte der 1990er-Jahre erschienen [2], und allein schon die Berücksichtigung und Wertung der Forschungsergebnisse der seither vergangenen rund 15 Jahre lässt eine Neubearbeitung der Thematik ebenso sinnvoll wie begrüßenswert erscheinen. Dennoch birgt es Gefahren, sich auf ein dermaßen beackertes Terrain zu begeben, zumal das Werbeversprechen, einen neuartigen Zugang zur Thematik gefunden zu haben, eine hohe Erwartungshaltung geradezu provoziert. Im Folgenden sollen daher zwei Fragen im Vordergrund stehen: ob es Letzner einerseits gelungen ist, einen allgemein verständlichen Führer zu Ephesos auf der Basis des aktuellen Forschungsstandes zu verfassen, und ob dieser Führer andererseits tatsächlich Neues zu bieten hat.

Mit seinen gerade einmal 120 Seiten kommt der Band in handlichem Format, aber reichlich schlank daher; Scherrer hatte für seine Beschreibung des antiken Ephesos mehr als die doppelte Seitenzahl benötigt. Kürze muss sicherlich kein grundsätzliches Manko sein, zumal sie bei einem für die Verwendung am Ort vorgesehenen Führer durchaus angebracht sein kann und zudem den Gewohnheiten und Bedürfnissen einer jüngeren und vor allem breiteren Leserschaft Rechnung trägt. Verkürzung bedeutet aber immer auch Weglassen, und hier drängt sich als weitere Frage auf, ob ihr nicht wichtige Informationen zum Opfer gefallen sind und wie sich dies mit dem eingangs genannten Motto der Reihe vereinbaren lässt. Neben diesem offenbar bewussten Hang zur Kürze wird der erste Eindruck von der allgemeinen Gliederung des Buches geprägt, die ebenso einfach wie bewährt ausfällt: Den obligatorischen einleitenden Kapiteln zur geographischen Lage und zum historischen Hintergrund folgt der mit teilweise ganzseitigen Farbfotos und Plänen reich bebilderte Hauptteil, der die Beschreibung der Baudenkmäler umfasst. Eine Besonderheit stellen die in den Text eingestreuten blauen Kästchen dar, die entweder zusätzliche Erklärungen oder antike Textstellen beinhalten und bestimmte Sachverhalte illustrieren sollen. Abgerundet wird der Band schließlich durch ein Nachwort, ein Glossar und ein kleines Literaturverzeichnis.

Wie geht Letzner nun bei der Darstellung von Ephesos und seinen Bauten vor? Zunächst wendet er sich dem etwas separiert von der hellenistisch-kaiserzeitlichen Stadt gelegenen Artemision zu und versteht es, dem Leser die komplexe Abfolge der diversen Tempel seit dem 8. Jahrhundert v.Chr. zu vermitteln. Allerdings kann man hier bereits Kritik an der recht knappen Skizzierung üben. So erfährt der Leser zwar etwas über das recht merkwürdig anmutende Kultbild der Artemis und die Rolle des Altars sowie die sich dort abspielenden Tieropfer. Auch die Organisation der Priesterschaft sowie die Prozessionen und damit der Zusammenhang zwischen der Stadt und dem extraurbanen Heiligtum werden thematisiert. Mit keinem Wort erwähnt Letzner aber die mykenischen Funde und ihre mögliche Bedeutung; zudem unterschlägt er die nicht nur in quantitativer, sondern auch in qualitativer Hinsicht beachtlichen archaischen Opfergaben aus Gold- und Elfenbein, die sich heute im British Museum in London und im Archäologischen Museum Istanbul befinden. Wegen ihrer kunsthistorischen Bedeutung wäre zudem eine Erwähnung nicht nur der archaischen, sondern auch der spätklassischen columnae caelatae wünschenswert gewesen, die ebenfalls in London aufbewahrt werden.

Nach der Beschäftigung mit dem suburbanen Heiligtum wendet sich Letzner dem Stadtgebiet zu. Er wirft einen kurzen Blick auf den allgemeinen Stadtentwurf, die Wasserversorgung und die hellenistischen Befestigungsanlagen. Spätestens jetzt macht sich eine wirklich gravierende und kaum erklärbare Unzulänglichkeit bemerkbar: Der Band enthält keinen Übersichtsplan! Und einen solchen vermisst man fraglos bei dem folgenden Rundgang durch die Ruinen, der seinen Anfang am nahe dem Magnesischen Tor gelegenen südlichen Besuchereingang nimmt. An eine ausführliche Beschreibung der Bauwerke im Bereich des so genannten Staatsmarktes [3] schließt diejenige der Domitiansterrasse und der dortigen Monumente inklusive des Memmiusbaus an. Auch ein kurzer Hinweis in Form eines blauen Kastens auf das in der Kryptoportikus westlich der Staatsagora untergebrachte Inschriftenmuseum wird lobenswerterweise nicht vergessen. Von der Domitiansterrasse geht es über den Embolos mit seinen diversen Brunnenanlagen hinunter zum „Bibliotheksviertel“ und dann weiter über die Tetragonos-Agora mit dem Mazaeus- und Mithridates-Tor die Marmorstraße entlang zum Theater. Dabei finden neben weiteren bekannten Bauten wie dem so genannten Hadrianstempel, den Scholastikiathermen und der Bibliothek des Tib. Iulius Celsus auch weniger bekannte wie das Hadrianstor, das Grab des Dionysos Rhetor oder die „Neronische Halle“ die ihnen gebührende Beachtung. Als Beispiele für den Wohnluxus der Stadt werden zudem die so genannten Hanghäuser nicht vergessen, die innerhalb des Ruinengeländes als gesonderter Museumsbereich ein gewisses Eigenleben führen. Vom Theater aus bricht Letzner zur Beschreibung des verbleibenden Stadtgebiets auf, das im Wesentlichen aus dem Hafenviertel mit der Arkadiane sowie einigen Bauten im Umfeld der Marienkirche wie dem Olympieion oder der Plateia besteht. Mit Stadion und Vediusgymnasium sind schließlich der nördliche Besuchereingang und damit das Ende der beschriebenen Bauten erreicht.

Bei seinem Gang durch das Ausgrabungsgelände hat Letzner zweifelsohne viele Informationen zu den einzelnen Bauten wiedergegeben, die auch Andere schon zusammengetragen haben. Der Wert seiner Darstellung liegt aber darin, dass er zumindest im Hinblick auf das Stadtgebiet eine sinnvolle Auswahl von Bauwerken getroffen hat und die Informationen zu ihnen in der Regel auf das Wesentliche zu reduzieren weiß. Außerdem hat er es in der Tat verstanden, die mitunter komplexen und teilweise kontroversen Forschungsergebnisse der letzten Jahre in komprimierter und vor allem für den Laien verständlicher Form einfließen zu lassen. So erwähnt er etwa, dass sich das so genannte Lukasgrab mittlerweile als Brunnenanlage entpuppt hat (S. 31). Die offene Diskussion um die Deutung und Baugeschichte des „Hadrianstempels“ kürzt Letzner sinnvoll ab und verweist zugleich auf das mit der Klärung dieser Fragen befasste laufende ÖAI-Forschungsprojekt (S. 65f.). Darüber hinaus gelingt es ihm vor allem durch die bereits erwähnten Hinweiskästen, einzelnen Bauten „Leben einzuhauchen“ und damit insgesamt einen Eindruck von der Lebendigkeit der antiken Stadt zu vermitteln. Ein Beispiel in dieser Hinsicht stellt die Verknüpfung der Beschreibung der Scholastikiathermen mit einer vielzitierten Stelle bei Seneca dar, in der dieser sich über die Lärmbelästigung durch solche Anlagen beklagt (S. 69). Ein anderes bilden jene kurzen Ausschnitte aus antiken Texten, die dem Leser prominente Bewohner von Ephesos näherbringen – stellvertretend genannt sei etwa der als Gebäudestifter tätige Proconsul der Provinz Asia des Jahres 78/79 n.Chr. C. Laecanius Bassus (S. 51).[4] Diese Art der Kombination aus Text und Hinweiskästen ist sicherlich nicht als gänzlich neu zu bezeichnen, sie wird von Letzner aber durchwegs gelungen eingesetzt.

Letzner ist insgesamt ein informativer und gut lesbarer, in Teilen sogar tatsächlich innovativer Führer zu einer der bedeutendsten antiken Städte Kleinasiens gelungen. Über die exemplarisch angesprochenen Verkürzungen in der Darstellung lässt sich sicherlich ebenso diskutieren wie darüber, warum der Autor selbst bedeutende Funde nahezu völlig ausgeklammert hat.[5] Ferner vermag auch das etwas dürftige Nachwort (S. 115) nicht völlig zu erklären, warum der Führer nahezu ausschließlich auf den lediglich das hellenistisch-kaiserzeitliche Stadtgebiet umfassenden archäologischen Park beschränkt ist, wohingegen der Ayasoluk-Hügel mit seinen prähistorischen und byzantinischen Befunden, das Archäologische Museum von Selçuk, das so genannte Sterbehaus der Maria oder das Mausoleum von Belevi völlig außen vor geblieben sind – ein Umstand, den insbesondere Leser, die mehr mit der Materie vertraut sind, bedauern dürften. Sie werden daher vielleicht eher auf den „alten“ Führer von Scherrer zurückgreifen wollen. Letzners Führer ist aber dennoch einerseits demjenigen zu empfehlen, der einen Besuch von Ephesos plant und dafür am Ort und in aller Kürze über die wichtigsten Bauten informiert werden möchte. Andererseits eignet er sich auch als kompakter und aktueller Überblick über diese wichtige antike Stadt in Kleinasien für den heimischen Bücherschrank.

Anmerkungen:
[1] Allein 1176 wissenschaftliche Titel listet die Archäologische Datenbank „dyabola“ unter dem Stichwort „Ephesos“ auf, wobei hier Literatur vor 1956 nicht mitberücksichtigt ist. Unter den populärwissenschaftlichen Veröffentlichungen dürften vor allem die beiden ebenfalls im Philipp-von-Zabern-Verlag erschienenen Bildbände zu Ephesos bzw. zum Artemision besonders hervorstechen: Anton Bammer / Ulrike Muss, Das Artemision von Ephesos, Mainz 1996; Friedmund Hueber, Ephesos. Gebaute Geschichte, Mainz 1997.
[2] Peter Scherrer (Hrsg.), Ephesos – Der neue Führer, Wien 1995.
[3] Auch wenn es etwas kleinlich sein mag: Auf S. 48 hätte man die fehlerhafte Bezeichnung der am Staatsmarkt gelegenen Brunnenanlage des Laecanius Bassus als Hydrekodocheion statt Hydrekdochion durch schlichtes Weglassen dieses inschriftlich bezeugten Begriffs vermeiden können.
[4] Im Zusammenhang mit der von ihm gestifteten monumentalen Brunnenanlage ist allerdings darauf hinzuweisen, dass deren Baudatum nicht wie von Letzner S. 48 angegeben in die Jahre zwischen 80 und 82 n.Chr. fallen dürfte, sondern sich anhand einer entsprechenden Ehreninschrift (IK 13, 695) offenbar genau in das Jahr 79 setzen lässt.
[5] Neben den genannten Opfergaben aus dem Artemision hätten innerhalb des Stadtgebietes beispielsweise die vor der Celsus-Bibliothek sekundär verbauten Platten des Partherdenkmals Erwähnung finden können, die sich heute im Ephesos-Museum in Wien befinden.

ZitierweiseOliver Hülden: Rezension zu: Letzner, Wolfram: Ephesos. Eine antike Metropole in Kleinasien. Mainz am Rhein 2010, in: H-Soz-Kult, 04.04.2011, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2011-2-007>.

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