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Nationalsozialismus

F. Hielscher: Die Leitbriefe der Unabhängigen Freikirche

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Thomas Hase <haseuni-leipzig.de>
Autor(en):
Titel:Die Leitbriefe der Unabhängigen Freikirche. Mit einer Einführung herausgegeben von Dr. Peter Bahn
Ort:Schwielowsee
Verlag:Telesma-Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-941094-02-4
Umfang/Preis:105 S.; € 19,95

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Sandra Groß, Historisches Seminar, Universität Leipzig
E-Mail: <san.groweb.de>

Bei dem vorliegenden Werk handelt es sich um die erstmalige Veröffentlichung der bereits 1956/57 verfassten Leitbriefe der Unabhängigen Freikirche (im Folgenden UFK) des in Vergessenheit geratenen Religionsstifters Friedrich Hielscher. Dies ist ein wichtiger Beitrag zur Erforschung der religiös-devianten Landschaft Deutschlands im 20. Jahrhundert und die maßgebliche Quelle zum Verständnis von Hielschers Theologie.

Den Leitbriefen vorangestellt ist eine zehnseitige Einführung von Peter Bahn zum Leben und Wirken Friedrich Hielschers.[1] Darin zeichnet er dessen Lebensstationen von der Geburt 1902 in Plauen bis zu seinem Tod 1990 nach. 1920 begann der protestantische Kaufmannssohn Friedrich Hielscher ein Jurastudium in Berlin, welches 1926 mit einer Dissertation abgeschlossen wurde. Während dieser Zeit begann auch sein politisches Engagement auf deutsch-nationaler Seite. Peter Bahn betont jedoch in diesem Zusammenhang die strikte Ablehnung des Nationalsozialismus und seiner Rassenideologie von Beginn an. Auch seine ersten Auseinandersetzungen mit religiösen Fragen fallen in diese Zeit und nahmen immer konkretere Formen an. Der 27. August 1933 gilt schließlich als Gründungsdatum der UFK. Die Leitbriefe, die den Hauptteil der vorliegenden Publikation ausmachen und das Grundgerüst von Hielschers religiösen Anschauungen darstellen, entstanden jedoch erst 23 Jahre später und wurden an die einzelnen Mitglieder verschickt. Bisher waren sie nur im Kreisarchiv des Schwarzwald-Baar-Kreises zugänglich.

Insgesamt handelt es sich um zwölf Leitbriefe, eine Zahl, die keinesfalls zufällig gewählt scheint und in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder auftaucht. Im ersten Leitbrief werden die drei wesentlichen und zentralen Glaubenssätze bzw. Bekenntnisse dargelegt, welche in den folgenden Leitbriefen eingehend erläutert und begründet werden. Dabei handelt es sich um den Glauben an „Gott den Alleinwirklichen“ (S. 19), an „seine zwölf göttlichen Boten“ (S. 20) sowie an „ihr ewiges Reich, Gottes Welt und unsere Kirche“ (S. 21). Als erste Erläuterungen dazu folgen im 1. und 2. Leitbrief „das Ich“ und „der Glaube“. Im Abschnitt über das „Ich“ postuliert Hielscher, dass der Mensch nicht wie im christlich-jüdischen Kulturkreis angenommen, eine Seele besitze, sondern vielmehr eine Seele sei. Diese Seele definiert er als „ein ewiges, unteilbares, seiner selbst bewußtes Wesen“, welches aus Gott, dem „Alleinwirklichen“ gebildet sei (S. 22).

Die Leitbriefe 3 bis 5 widmen sich der Gestalt Gottes als „Alleinwirklicher“, „Grund“ und „Vater“. Quintessenz dieser sehr metaphysischen Abhandlung ist der Glaube an einen Gott, der als Schöpfer der Welt nicht wie im pantheistischen Sinne Teil der Welt und all ihrer Elemente ist, sondern dem umgekehrt die Welt innewohnt (S. 27). Da aber außer Gott nichts vollkommen ist und jemals sein kann, ist „Gott unermeßlich viel mehr als die Welt“ (S. 28) und – was der Terminus „alleinwirklich“ beinhaltet – es existiert nichts außer ihm (S. 30). In seiner Existenz als allumfassendes, ewiges und vollkommenes Wesen ist Gott Ursprung und Schöpfer aller Wesen, die er als Teil seiner Selbst ewig liebt (S. 32).

Da das Wesen Gottes in seiner übermächtigen Vollkommenheit, seine „Fülle und Herrlichkeit“ von einem einfachen Menschen nicht zu ertragen, geschweige denn zu begreifen wären, bedient er sich laut Hielscher zwölf göttlicher Boten (S. 36). Leitbrief 6 und 7 erläutern diese zunächst im Allgemeinen und werden durch die Leitbriefe 8 bis 12 ergänzt, die sich im speziellen dem „König“, der „Königin“ und dem „Ostergott“ als herausragenden Vertretern der „Götter“ widmen. Das „Wissen“ von den göttlichen Boten erlange der Mensch durch deren Offenbarungen auf den Feldern der „Begegnung“, des „Gewissens“ und der „Sitte“, welche mit „Verstand“, „Sinnlichkeit“, „Gemüt“ und „Willen“ erfahren werden können (S. 37). Immer wieder betont Hielscher in diesem Zusammenhang die phänomenologische Methode des Erfahrens, des intuitiven Wahrnehmens. Die zwölf göttlichen Boten (auch „Himmlische“ oder „Götter“ genannt) sind eine spätere Ergänzung zu Hielschers zunächst monotheistischem Religionskonzept und lassen sich in ihrem Wesen und ihrer Funktion nur schwer einordnen. Hielscher gibt ihnen zwar die Namen germanischer Gottheiten und positioniert sie deutlich über die Menschen, aber auch ebenso deutlich unterhalb des „alleinwirklichen“ Gottes, von dem auch sie ein Teil sind. Es ist also schwierig, hier von einem polytheistischen Konzept zu sprechen, vielmehr sind Hielschers „Götter“ doch Mittler zwischen Gott und Mensch, also eher vergleichbar mit Engeln.

Hielscher entwickelt in den letzten vier Leitbriefen konkrete, personalisierte Bilder seiner göttlichen Boten, denen er nicht nur Namen, sondern auch Charakteristika gibt und ihnen Feste, Monate, Farben, Töne, Pflanzen, Sternbilder und weiteres zuordnet. Besonders ausführlich beschreibt er dabei das „Götterpaar“ Wode und Frigga („König“ und „Königin“) sowie den „Ostergott“ Fro. Zu den übrigen „Göttern“ finden sich entweder nur kurze Erläuterungen (so zu Freya, Loki und Sigyn) oder sie fehlen ganz. Dies sowie die fehlende Erörterung des 3. Glaubenssatzes („Ich glaube an Ihr ewiges Reich, Gottes Welt und unsere Kirche“, S. 21) lassen darauf schließen, dass die Leitbriefe ursprünglich noch vervollständigt werden sollten.

Im Anhang finden sich kurze Übersichten von Peter Bahn über die zwölf „Götter“ und 24 Feste der UFK. Friedrich Hielschers religiöses Konstrukt lässt sich keiner eindeutigen Richtung zuordnen, vielmehr handelt es sich um einen Synkretismus, der sich einerseits an der (Re)konstruktion des germanischen Glaubens orientiert und aus volkstümlicher Überlieferung, Märchen und Sagen gespeist wird, aber andererseits den Einfluss einer christlich geprägten Umwelt und Erziehung – Hielscher war bis 1924 Mitglied der evangelischen Kirche – nicht zu verbergen vermag. Deutlich wird dies beispielsweise in der Terminologie und der Verwendung christlicher Elemente. So spricht Hielscher etwa von Wode als „König der Könige“, von Taufe, Kirche und Ehe und verwendet christliche Bezeichnungen für die wichtigsten Feste (Ostern, Pfingsten, Weihnachten). Darüber hinaus bedient er sich weiterer Elemente verschiedenster religiöser Anschauungen, die sich etwa in seinem pantheistischen Gottesbild oder der Erwähnung Ischtars im Gefolge der Göttin Freya finden lassen.

Mit seiner Rezeption germanischer Mythen und der Wiederbelebung germanischer Religion – bzw. dem, was dafür gehalten wurde – reiht sich Friedrich Hielscher in eine lange Reihe Germanengläubiger, Neuheiden und Völkischer ein. Seit der Zeit der Romantik und des aufkommenden Nationalismus im frühen 19. Jahrhundert begann unter anderem im deutschen Raum eine „Rückbesinnung“ auf die „germanischen Vorfahren“ und ihre Mythen.[2] Einhergehend mit der Suche nach einer deutschen Identität und der wachsenden Kritik am christlichen Glauben traten die spärlichen Überlieferungen aus germanischer Zeit mehr und mehr in den Vordergrund. Dies geschah sowohl auf politisch-nationaler als auch auf religiöser und wissenschaftlicher Ebene. Im Kaiserreich und der Weimarer Republik entwickelten sich zunehmend vor allem völkische neogermanische Religionsentwürfe, von deren rassenideologischer Unterfütterung sich Hielscher jedoch distanziert. Die Beschäftigung mit dem Germanentum sowie dessen Verklärung und Instrumentalisierung erlebte unter der nationalsozialistischen Herrschaft einen weiteren Höhepunkt und ebbte nach 1945 zunächst ab. Neue Impulse kamen schließlich aus den USA durch die verschiedenen neuheidnischen Bewegungen wie das sogenannte Earth Religions Movement oder das Wiccatum und später auch durch die New-Age-Bewegung. Friedrich Hielschers UFK und seine Leitbriefe bilden ohne Zweifel einen, wenn auch kleinen, Bestandteil der devianten modernen Religionsbewegungen in Deutschland, zu deren Erforschung mit der vorliegenden Publikation ein weiterer wertvoller Beitrag geleistet wurde.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Peter Bahn, Friedrich Hielscher 1902 – 1990. Einführung in Leben und Werk, Schnellbach 2004 und auch Friedrich Hielscher, Fünfzig Jahre unter Deutschen, Hamburg 1954.
[2] Vgl. Sylvia Siewert, Germanische Religion und neugermanisches Heidentum. Zur Rezeptionsgeschichte germanischer Religion und zum Problem der Kontinuitätsfrage aus religionswissenschaftlicher Sicht, Frankfurt am Main 2002.

ZitierweiseSandra Groß: Rezension zu: Hielscher, Friedrich: Die Leitbriefe der Unabhängigen Freikirche. Mit einer Einführung herausgegeben von Dr. Peter Bahn. Schwielowsee 2009, in: H-Soz-Kult, 21.01.2010, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2010-1-049>.

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