S. Asal u.a. (Hrsg.): Was war Bielefeld?

Cover
Titel
Was war Bielefeld?. Eine ideengeschichtliche Nachfrage


Herausgeber
Asal, Sonja; Schlak, Stephan
Reihe
marbacher schriften neue folge 4
Erschienen
Göttingen 2009: Wallstein Verlag
Anzahl Seiten
195 S.
Preis
€ 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Eva Bürger, Seminar für Zeitgeschichte, Eberhard-Karls-Universität Tübingen

Der Tagungsband „Was war Bielefeld?“ ist das Ergebnis eines Symposiums anlässlich der Einführung der „Zeitschrift für Ideengeschichte“ (<http://www.z-i-g.de>). Bei der Veranstaltung im Februar 2007 in Weimar befassten sich die Referenten mit der Frage, welche ideengeschichtlichen Anstöße von der Universität Bielefeld ausgingen. In Anlehnung an Hans-Ulrich Wehlers Epochendefinition der Blütezeit der Sozialgeschichte setzen die Herausgeber Sonja Asal und Stephan Schlak die Hochzeit von Bielefeld als Mikrokosmos westdeutscher Geistesgeschichte in der alten Bundesrepublik an – vom Beginn des Forschungsbetriebs an der Reformuniversität 1969 bis zur deutschen Einheit 1990. Das Buch versucht der Frage auf den Grund zu gehen, ob in jenen zwei Jahrzehnten in Bielefeld ein Denkstil vorhanden gewesen sei, der die dort lehrenden Sozial- und Geisteswissenschaftler und möglicherweise auch Studierenden vereint habe.

Die Beiträge setzen sich mit der Gründungsgeschichte der ostwestfälischen Hochschule sowie mit den Theorieentwürfen und Paradigmen von Bielefelder Wissenschaftlern auseinander, die in ihren Fächern eine Vorreiterrolle einnahmen. Daneben werden in den essayistisch gehaltenen Abhandlungen persönliche Eindrücke aus der Studien- und Promotionszeit in Bielefeld verarbeitet und die emblematischen Komponenten der Zweckbauarchitektur des Universitätsgebäudes verhandelt.

Maßgeblich gesteuert wurde die Gründungsphase Bielefelds von dem Soziologen Helmut Schelsky1, einem Schüler von Hans Freyer und Arnold Gehlen. Die frühen hochschulpolitischen Weichenstellungen Schelskys befürwortend, sieht der Philosoph Hermann Lübbe dessen Verdienst darin, eine leistungsstarke, spezialisierte Forschungsuniversität ins Leben gerufen zu haben. Über die Schwerpunktbildung in bestimmten Fachbereichen, die Einrichtung des „Zentrums für interdisziplinäre Forschung“ und die Berufung ausgezeichneter Wissenschaftler habe Bielefeld den Modernisierungsanforderungen der Industriegesellschaft besser genügen können als andere in dieser Zeit des Hochschulausbaus gegründete Universitäten. Der Kultursoziologe Clemens Albrecht erkennt in Schelskys Programmatik hingegen einen Politikstil der adaptiven Modernisierung, der die Anpassung der Ideen an die gesellschaftliche Wirklichkeit eingefordert habe. Aus der Konversion des Großteils der dem Nationalsozialismus verfallenen Intellektuellen entstanden, habe sich dieser Denkstil in Bielefeld zu einem Habitus und einer politischen Mentalität verdichtet, die bis heute wirksam seien. Luhmanns soziologische Systemtheorie habe diesen Denkstil theoretisch höchst anspruchsvoll fortgesetzt.

Eine positive Einschätzung von Schelskys Bemühungen beim Aufbau des Universitätsstandorts vermittelt auch der emeritierte Pädagoge Hartmut von Hentig. Humboldts Postulat der „Einsamkeit und Freiheit“ des Forschens sei von Schelsky zeitgemäß in das Bielefelder Paradigma der Umwandlung von kühner und notwendiger Veränderung in verwaltbare Reform übersetzt worden. Das Neuland der Bielefelder Forschungslandschaft konnte von Hentig selbst für die Bildungsprojekte der Laborschule und des Oberstufenkollegs nutzen. Wie der Pädagoge Jürgen Oelkers beschreibt, habe von Hentig bei dieser Pionierarbeit einen Mittelweg eingeschlagen. Die Bildungsidee Platons, welche die ganzheitliche Persönlichkeitsentwicklung ins Zentrum rückt und Erkenntnis von empirischen Handlungsbezügen loslöst, sei bei von Hentig eine Synthese mit den pragmatischen Leitgedanken John Deweys eingegangen, der auf die Beförderung der Gesamtgesellschaft Wert legt.

Ähnlich wie einige andere Beiträge des Sammelbandes changiert Wolfgang Braungarts Bewertung der „Alma Mater“ Bielefeld, eines erfolgreichen Produkts der nordrhein-westfälischen Bildungsexpansion zwischen 1965 und 1975, zwischen dem Lob der Reformbemühungen einer an den Erfordernissen der modernen Industriegesellschaft orientierten Wissenschaftsagenda und dem Unbehagen ob der eilfertig vollzogenen Ablösung von Bildungsidealen Humboldt’scher Provenienz. In dem langgezogenen Bielefelder Universitätsgebäude nach Art einer Bauhausarchitektur der Nachkriegsmoderne spiegelt sich dem in Bielefeld lehrenden Professor für Literaturwissenschaft zufolge die Ambivalenz des bildungs- und gesellschaftspolitischen Profils. Im Gewand einer Wissens- und Lernfabrik paare sich das Streben nach Kommunikation und Geselligkeit sowie nach interdisziplinärer Zusammenführung und Transparenz mit einem zum Pathos erhobenen Stil der kargen Funktionalität und einer Atmosphäre des Unterwegsseins.

Neben dem Pädagogen Hartmut von Hentig sowie dem Literaturwissenschaftler Karl Heinz Bohrer, zeitweilig auch Chef des Literaturteils der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und bis heute Mitherausgeber der Zeitschrift „Merkur“, wird die Bielefelder Identität insbesondere mit drei anderen Professoren verbunden, die als Exponenten bestimmter methodischer Ansätze ihrer Fächer gelten: mit dem Soziologen Niklas Luhmann sowie den Historikern Reinhart Koselleck und Hans-Ulrich Wehler, an dessen Seite Jürgen Kocka als zweiter Gewährsmann der Bielefelder Schule der Geschichtswissenschaft zu nennen ist. Diese Intellektuellen vermochten ihre theoretischen Ansätze in ihrer Zunft und teils über sie hinaus nachhaltig zu verbreiten.

Zwei Aufsätze zu Luhmanns Zettelkasten beschäftigen sich mit der Kommunikationsgemeinschaft, die zwischen dem Urheber der Theorie sozialer Systeme und dem elaborierten Verweis- und Anschlusssystem seines legendären Apparats bestand. Markus Krajewski und Jürgen Kaube gehen sowohl auf das verblüffende Eigenleben dieses von Luhmann über Jahrzehnte hinweg immer weiter ausgebauten wissenschaftlichen Hilfsmittels mit Tausenden beschrifteter Notizblätter ein wie auch auf deren Verwendbarkeit zur interaktiven Analyse. Der „Dialog mit dem Zettelkasten“ habe entscheidend zur außergewöhnlichen wissenschaftlichen Produktivität Luhmanns beigetragen.

Während die Unterschiede zwischen dem sozialgeschichtlichen Ansatz Wehlers und dem begriffsgeschichtlichen Ansatz Kosellecks hinlänglich bekannt sind, hebt Frank Becker in seiner umsichtigen Skizze auch auf Aspekte ab, welche die Denkweisen der Bielefelder Kollegen Wehler und Koselleck miteinander verbunden hätten. Die Historiographien Kosellecks und Wehlers seien gleichermaßen durch eine bestechende Systematik und theoretische Versiertheit gekennzeichnet. Trotz unterschiedlich gelagerter Forschungsschwerpunkte hätten zudem beide die Zeit um 1800 als Epochenscheide angesetzt. Schließlich seien Kosellecks umfassende, ins Philosophische hinüberreichende Reflexionen auch eine Bereicherung einer weiter gefassten Gesellschaftsgeschichte gewesen.

Anstelle eines Resümees rufen die Darlegungen von Gustav Seibt und Valentin Groebner, die auf eigenen Erfahrungen während des Studiums oder der Promotionszeit beruhen, den Blick für den Gesamtzusammenhang Bielefelder Denkhorizonte und für die Atmosphäre der 1980er-Jahre in der ostwestfälischen Provinz ins Gedächtnis. Seibt zufolge hat sich in der Zeit der Nachrüstungsdebatte 1983/84 in Bielefeld eine gewisse Weltabgewandtheit westdeutscher Stimmungslagen niedergeschlagen. Zu tagesaktuellen Fragen hätten die Bielefelder ein distanziert-spielerisches Verhältnis eingenommen. Für Groebner repräsentierte die Reformuniversität eine Theoriehochburg mit einer ganz eigenen Sprache, mit spezifischen Publikationsorganen sowie mit den Soziologen Max Weber, Norbert Elias und Jürgen Habermas als verbindlichen Referenzgrößen.

Im Rahmen des feuilletonistischen Zugriffs gelingt es dem Sammelband insgesamt recht gut, die schwer greifbare ideengeschichtliche Materie von Denkweisen und Haltungen darzustellen, deren Herkunft der Bielefelder Universität zugerechnet wird. Das Buch zeichnet ein facettenreiches Bild der beachtlichen, meist scharf konturierten Theorieentwürfe und der allgemein fruchtbaren Forschungslandschaft der Universität Bielefeld in der Zeit der alten Bundesrepublik. Dieser erste Schritt einer Aufarbeitung der ideengeschichtlichen Wirkung von Bielefeld lässt zunächst eine spezifische, erkenntnisleitende Argumentations- und Forschungsweise aufscheinen, die dort in den 1970er- und 1980er-Jahren verbreitet war. Diese äußerte sich in einem stets mitschwingenden, gesellschaftstheoretischen und gesellschaftspolitischen Interesse sowie in der Konzeption breit angelegter Denkmodelle, die nicht selten in die Ausbildung von Schulen mündeten. Auch eine gewisse habituelle Tendenz zur Abgeklärtheit, Nüchternheit und Bejahung von funktionaler Pragmatik mag in Bielefeld den einschlägigen Beobachtungen nach anzutreffen gewesen sein. Die Rede von einem so komplexen und tiefgehenden Phänomen wie einem kollektiv geteilten Bielefelder Denkstil erscheint nach der Lektüre hingegen als zu hoch gegriffen und irreführend.

Deutlich macht der Tagungsband jedenfalls, dass Bielefeld in den aktuellen Selbstverständigungsdiskursen von Sozial- und Geisteswissenschaftlern – zumal von denjenigen, die sich mit Ideengeschichte beschäftigen – als mehrfach konnotierte Allegorie weiterhin sehr präsent ist. Als Möglichkeit zur Identifikation und Abgrenzung fordern Bielefelder Denkströmungen auch noch in der Berliner Republik zu provokativen wie konstruktiven Selbstdarstellungen heraus. Unter anderem zeigt sich dies auch an der Wahl der mit Bielefeld assoziierten Denkwelten als Thema des Symposiums zum ersten Heft der „Zeitschrift für Ideengeschichte“ und an dem impliziten Nah- oder Fernverhältnis, welches sich in den Argumentationsformen der einzelnen Aufsätze zu den vermuteten Bielefelder Positionen auffinden lässt. Die ideengeschichtliche Nachfrage, was Bielefeld war, ließe sich insofern um die Frage erweitern, was Bielefeld ist oder künftig werden könnte.

Anmerkung:
1 Dieser brachte seine wissenschaftspolitische Stellung in der Münsteraner Antrittsvorlesung von 1960 und ausführlicher in einer Monographie von 1963 zum Ausdruck. Siehe Helmut Schelsky, Einsamkeit und Freiheit. Idee und Gestalt der deutschen Universität und ihre Reformen, Reinbek bei Hamburg 1963.

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