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Mittelalterliche Geschichte

S. Patzold: Episcopus

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Wolfgang Eric Wagner <wolfgang-eric.wagneruni-muenster.de>
Autor(en):
Titel:Episcopus. Wissen über Bischöfe im Frankenreich des späten 8. bis frühen 10. Jahrhunderts
Reihe:Mittelalter-Forschungen 25
Ort:Ostfildern
Verlag:Jan Thorbecke Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-7995-4276-0
Umfang/Preis:geb.; 656 S.; € 79,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Monika Suchan, Fachbereich Geschichte und Soziologie, Universität Konstanz
E-Mail: <monika.suchanuni-konstanz.de>

Im "Frankenreich des späten 8. bis frühen 10. Jahrhunderts" spielte das "Wissen über Bischöfe" eine zentrale Rolle in der zeitgenössischen Gesellschaft und Politik. In der Mittelalterforschung hat Steffen Patzold an der entsprechenden Position eine auffällige "Lücke" (S. 21) ausgemacht, die er mit seiner im Wintersemester 2005/06 an der Universität Hamburg eingereichten Habilitationsschrift schließen will. Vordergründig sieht es so aus, und dazu mag auch der sperrige, wenngleich treffende Untertitel seinen Beitrag leisten, dass hier für die Zeit zwischen den "Herrschaften" des spätantiken "Adelsbischofs" und den "ottonisch-salischen Reichsbischöfen" fleißig und in einem entsprechend angemessenen Umfang von weit über 600 Seiten systematisch zusammengetragen worden sei, was die zeitgenössischen Quellen bieten. Doch inhaltlich und methodisch leistet diese Arbeit weitaus mehr.

Zunächst sei ein Blick auf die Felder der Mittelalterforschung geworfen, auf denen der Episkopat des früheren Mittelalters positioniert ist. Die Bischöfe zeigten in Person und Amt, was das Mittelalter von der Moderne fundamental unterschied, nämlich die unauflösbare Verflechtung von "Kirche" und "Welt". Denn sie übten neben ihren geistlichen auch profane Ordnungs- und Verwaltungsaufgaben aus, die sie aufgrund ihrer zumeist adligen Herkunft behaupteten oder als Lehen vom König erhalten hatten. Gericht zu halten, eine Stadt zu regieren oder am Hof zu beraten werden aus dieser Perspektive als Delegation königlicher Hoheitsrechte oder als Form autogener Adelherrschaft gedeutet.[1] Dahinter steht das "Kernproblem, wie Ordnung und Zusammenhalt früh- und hochmittelalterlicher Regna eigentlich konzeptionell zu erfassen sind".[2] Diese Frage nach dem Verständnis der politischen Strukturen des Frankenreiches wird in der deutschen Mediävistik nach wie vor mit unterschiedlichen, an die jeweiligen Forschungstrends angepassten Modellen von ‚Herrschaft’ beantwortet, obwohl mittlerweile unbestritten erscheint, dass der Begriff durch völkisch-nationales und nationalsozialistisches Gedankengut belastet ist und als Unikat des deutschen Sprachraumes in der internationalen Forschung nicht kommunizierbar ist.[3]

Patzold verzichtet daher auf den Herrschaftsbegriff und die dahinter stehenden, mehr oder minder verborgenen verfassungsgeschichtlichen Prämissen. Den Schlüssel zum Verständnis frühmittelalterlicher Bischöfe sucht er mit Hilfe von klassischen Positionen der Wissenssoziologie und ihren modernen Adaptionen. Diese begreifen bekanntlich Wirklichkeit als komplexes Geflecht von materiellen Rahmenbedingungen und sozialen Beziehungen sowie deren Wahrnehmungen, Vorstellungen und Deutungen aufgrund von individueller und gemeinschaftlicher Erfahrung. Das dabei produzierte Wissen schafft erst soziale Wirklichkeit und dient umgekehrt dazu, der erfahrenen Wirklichkeit Sinn zu verleihen und Orientierung zu ermöglichen.[4] Welche Pflichten ein Bischof im Frankenreich zu erfüllen hatte, welche Kompetenzen ihm zugebilligt wurden, welches Ansehen er genoss – all dies ist Gegenstand sozialen Wissens. Patzold stellt die wissenssoziologisch begründete Frage, worauf die Macht der Bischöfe beruhte. Weil der zugrunde gelegte Wissensbegriff relativ allgemein und daher mit Blick auf den Erkenntnisertrag begrenzt ist, sucht ihn Patzold zu schärfen. Dazu greift er die von Achim Landwehr vorgenommene Differenzierung in materiales und kategoriales Wissen auf, die das praktische, "Allerwelts- und Alltagswissen" vom diskursiven Wissen abgrenzt.[5]

Die Vorteile, die Patzold mit der Anwendung eines wissenssoziologischen Machtbegriffes verfolgt, überzeugen: Weil das Konzept prinzipiell zeitunabhängig ist, ist das Problem bisheriger Ansätze obsolet, nämlich moderne Vorstellungen und Modelle auf das Mittelalter zu übertragen. Das gilt auch und gerade für das Problem, ob die Bischöfe als politisch Handelnde immer auch Macht ausüben wollten. Setzte man dies voraus, ist damit die Gefahr verbunden, anachronistische Vorstellungen in das Frühmittelalter hinein zu tragen und darüber hinaus von vornherein den Blick auf das praktische oder Alltagswissen als Quelle zu verstellen. Indem Patzold dieses ausdrücklich einbezieht, erweitert er die einzubeziehende Quellenbasis enorm. Waren bislang nur "herrschaftlich" fassbare Zeugnisse wie Urkunden und die für die Karolingerzeit charakteristischen Kapitularien relevant, kommen nun auch Konzilsakten, Traktate, Geschichtsschreibung und Briefe in den Fokus, zumal sie vielfach aus dem "politischen Tagesgeschäft" (S. 509) stammen und damit selbst Bestandteile des Wissensbildungsprozesses sind.

Patzold analysiert anhand der verschiedenen Quellengattungen, wie die Bischöfe des Frankenreiches gehandelt haben, welches Wissens sie sich bedient, welches Wissen produziert und wie sie es vermittelt haben. Inhaltlich umfasst dieses Wissen einen traditionellen Kanon von Vorstellungen über Person und Amt des Bischofs sowie über die Verteilung von geistlichen und weltlichen Kompetenzen zwischen König und Geistlichkeit, getragen im wesentlichen durch die Regula pastoralis Papst Gregors I. und die Schriften Papst Gelasius' I. In den 820er-Jahren griffen gelehrte Geistliche und Berater um Ludwig den Frommen diese Elemente auf und stellten sie zu neuen, systematisch argumentierenden Texten zusammen, die als "Schlüsseltexte" von "neuen Modellvorstellungen über die Bischöfe und ihre Aufgaben im Reich" (S. 135ff.) gedeutet werden.

Die Verbreitung und Vermittlung dieses Modells in den unterschiedlichen zeitgenössischen Quellen bezeugt die Präsenz von sozialem Wissen über Bischöfe. Diesen Befund deutet Patzold konsequent und zu Recht im Sinn seiner methodischen Prämissen als Beleg für die Wirksamkeit dieses Wissens. Denn wenn beispielsweise die Kernaussagen der Konzilsakten von Paris 829, eines jener Schlüsseltexte, in den Protokollen von Synoden nachfolgender Jahrzehnte immer wieder aufgegriffen werden und wenn sich diese auch noch in zahlreichen historiographischen oder hagiographischen Texten identifizieren lassen, zeugt dies von der politischen Relevanz der vermittelten Inhalte: Ein im Kern theologisch begründetes Modell definiert und vermittelt zugleich, wie Bischöfe im Reich politisch verantwortlich handelten. Aus der geistlich begründeten Verantwortung der bischöflichen Hirten für ihre Herde wurde also ein politisches Amts- und Selbstverständnis des Episkopates abgeleitet. Texte als Trägersubstanzen dieses Wissens erfüllten eine doppelte Funktion: Sie vermittelten die Inhalte, modifizierten sie je nach situationsbedingtem Bedarf und wurden somit als Instrumente genutzt, um aktuelle politische Probleme zu bewältigen.

Die Schlussfolgerungen, die der Autor mit Blick auf die Bedeutung seines Ansatzes für die bislang vorliegenden einschlägigen Forschungen zum frühmittelalterlichen Episkopat zieht, sind überfällig und überzeugend. Der Begriff der ‚Reichskirche’ verortet das Wirken von Bischöfen in der Politik ausschließlich profan, erfasst also gar nicht die transzendente Dimension von Person und Amt des Bischofs, die das "Pariser Modell" im Rahmen einer gemeinsamen, universalen Regierung von König und Episkopat entwirft. Entsprechendes gilt für die verfassungsgeschichtliche Deutung, die Bischöfe politisch lediglich als Herrschaftsträger versteht. Mit Blick auf die Frage, ob das fränkisch-deutsche Reich staatliche Qualitäten aufwies, plädiert Patzold gegenüber der bisher vertretenen These der Alterität des Mittelalters für einen Wandel: Der dem Modell der "Königsherrschaft ohne Staat"[6] zugrunde liegende Gegensatz von relativ "moderner" Karolinger- und "archaischer" Ottonenzeit lässt sich demnach zu Recht nicht aufrecht erhalten. Die aktive Rolle der Bischöfe seit dem ersten Viertel des 9. Jahrhunderts wird hier in überzeugender Weise in Bezug gesetzt zu deren Auftreten im 10. und 11. Jahrhundert, noch dazu in Phasen, in denen das Königtum sich mit Widerstand und Machtverlusten auseinandersetzen musste. Auch hier kann Patzold die Verflechtung und gegenseitige Bedingtheit von Politik einerseits und Theologie andererseits deutlich herausarbeiten.

Dass im Frankenreich des 8. bis 10. Jahrhunderts mit Moral Politik gemacht worden ist, ja gemacht werden musste, zeigt Patzold mit seiner Analyse des "Wissens über Bischöfe" in aller Klarheit. Was nicht weit genug trägt, ist die Frage nach dem Umgang mit Macht, der davon eng berührt ist. So findet er keinen Hinweis darauf, dass die Bischöfe durch die von ihnen gezielt und bewusst herbeigeführte Verteilung von Wissen im Sinn ihres Politikmodells auch Macht ausüben wollten; ihnen sei es vielmehr lediglich darum gegangen, die ihrer Ansicht nach bedrohte gottgewollte Ordnung wiederherzustellen, indem sie die Traditionen ihres Amtes ernst nahmen und die darin enthaltenen politischen Konsequenzen in die Praxis umsetzten. Der Machtbegriff wird jedoch, auch und gerade wie Patzold ihn einführt, benutzt, um strukturbedingtes, beziehungs- und situationsabhängiges Verhalten zu deuten. Wenn die Bischöfe also als Apostelnachfolger den König in die Schranken wiesen und dabei ihre exklusiven sakramentalen Vollmachten einsetzten, übten sie Macht aus, und zwar wissentlich und willentlich. Damit trugen sie der religionsgeschichtlichen Deutung von Macht als Kennzeichen Gottes oder des Göttlichen Rechnung – für den/das sie letztlich handelten. Den methodischen Ertrag und den Erkenntniswert des Buches von Steffen Patzold mindert dies jedoch nicht. Das Werk bietet wichtige Anstöße, um überlebte moderne Vorstellungen von der frühmittelalterlichen Gesellschaft endlich abzulösen.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Rudolf Schieffer, Der geschichtliche Ort der ottonisch-salischen Reichskirchenpolitik, Opladen 1998.
[2] Walter Pohl, Staat und Herrschaft im Frühmittelalter. Überlegungen zum Forschungsstand, in: Stuart Airlie / Walter Pohl / Helmut Reimitz (Hrsg.), Staat im frühen Mittelalter, Wien 2006, S. 9–38, hier S. 15.
[3] Vgl. Walter Pohl, Art. "Herrschaft", in: Reallexikon für Antike und Christentum 14, Stuttgart 1999, S. 443–457; Bernd Schneidmüller, Von der deutschen Verfassungsgeschichte zur Geschichte politischer Ordnungen und Identitäten im europäischen Mittelalter, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaft 53 (2005), S. 485–500.
[4] Vgl. Peter L. Berger / Thomas Luckmann, Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit. Eine Theorie der Wissenssoziologie, 19. Aufl. Frankfurt am Main 2003.
[5] Achim Landwehr, Diskurs – Macht – Wissen. Perspektiven einer Kulturgeschichte des Politischen, in: Archiv für Kulturgeschichte 85 (2003), S. 71–117.
[6] Gerd Althoff, Die Ottonen. Königsherrschaft ohne Staat, 2. erw. Aufl. Stuttgart 2005.

ZitierweiseMonika Suchan: Rezension zu: Patzold, Steffen: Episcopus. Wissen über Bischöfe im Frankenreich des späten 8. bis frühen 10. Jahrhunderts. Ostfildern 2009, in: H-Soz-u-Kult, 27.07.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-3-077>.

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