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Alte Geschichte

W. Scheidel (Hrsg.): Rome and China

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Udo Hartmann <hartmannugeschichte.hu-berlin.de>
Titel:Rome and China. Comparative Perspectives on Ancient World Empires
Herausgeber:Scheidel, Walter
Ort:Oxford
Verlag:Oxford University Press
Jahr:
ISBN:978-0-19-533690-0
Umfang/Preis:XV, 240 S.; £ 41,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Josef Löffl, Lehrstuhl für Alte Geschichte, Universität Regensburg
E-Mail: <Josef.Loefflgeschichte.uni-regensburg.de>

Bei diesem Sammelband in englischer Sprache, der in erster Linie auf eine Konferenz aus dem Jahre 2005 an der Stanford University zurückgeht [1], handelt es sich um den zweiten Band der Reihe „Oxford Studies in Early Empires“. Während in der Vorgängerpublikation [2] die Entwicklung von Staaten des Mittelmeerraumes und des Nahen Ostens ausgehend von der assyrischen Geschichte bis hin zum byzantinischen Reich abgehandelt wurde, wagt diese Publikation einen vergleichenden Blick auf einschneidende historische Prozesse im Rahmen der Entwicklung des chinesischen und des römischen Reiches.

Auf eine kurze Einführung von Walter Scheidel, in der zu Recht die Bedeutung des vergleichenden und über den „Tellerrand“ hinaus gewandten Blickes in der modernen historischen Forschung betont wird (S. 3-10), folgt der erste der beiden hier aufgenommenen Beiträge von Scheidel, in dem die Formierung des römischen Staatssystems und des Qin-Han-Staates im Vergleich unter Berücksichtigung verschiedener Faktoren wie der geographischen und klimatischen Gegebenheiten erörtert wird (S. 11-23). Daran schließt sich der Aufsatz „War, State Formation, and Evolution of Military Institutions in Ancient China and Rome“ (S. 24-51) von Nathan Rosenstein an, der darin besonders die unabdingbare Notwendigkeit von Massen-Heeren in der Kriegsführung der einzelnen Staaten Chinas sowie die damit verbundenen weit reichenden Folgen für den Aufbau der Bürokratie und für das Steuerwesen (S. 27) betont. Ein derart effizientes System wurde von der res publica Romana nie entwickelt (S. 28). Des weiteren werden hier auch das Potential und die Auswirkungen äußerer Bedrohungen auf die Entwicklungen beider Systeme prägnant im Vergleich gegenübergestellt, wobei Rosenstein klar herausarbeitet, dass die römische Republik im Gegensatz zum Raum des chinesischen Reiches im Grunde nur im hannibalischen Krieg einer wirklich ernsthaften auswärtigen Gefahr ausgesetzt war; und das auch nur für eine sehr kurze Zeitspanne (S. 29). Die Parallelen, die Rosenstein in seinem Beitrag zwischen dem römischen und chinesischen Kriegswesen auflistet, sind weitreichend und umfassen selbst Aspekte wie die individuelle Auszeichnung von Soldaten (S. 33f.). Lediglich die Regierungsform – das Modell der Republik auf der einen, die Monarchie auf der anderen Seite – tritt in diesem Überblick als klare Divergenz hervor. Der Aufsatz gestaltet sich in seinem Aufbau und seiner Struktur als prägnante Einführung, wobei manche Bereiche durchaus eine differenziertere Sichtweise benötigt hätten: So zählt laut Rosenstein etwa das enge, kameradschaftliche Verhältnis der römischen Kaiser zu ihren Soldaten zu den wichtigsten Charakteristika dieser Form der Herrschaft. Bei diesem Aspekt muss aber meines Erachtens stark differenziert werden: Ein princeps wie Augustus betonte seine auctoritas eben auch durch eine gewisse soziale Distanz zu seinen Soldaten [3], weshalb derartige generalisierende Auffassungen Rosensteins nicht ganz überzeugen – was aber den grundlegenden Wert dieses Beitrages nur minimal schmälert.

Im Aufsatz „Law and Punishment in the Formation of Empire“ (S. 52-82) arbeitet Karen Turner die historische Entwicklung des chinesischen und römischen Reiches aus rechtshistorischer Perspektive auf. In diesem Zusammenhang wird die Rolle des Herrschers in der Legislative des jeweiligen Systems (S. 61-64) und auch die Frage der Todesstrafe (S. 67-70) sowie die damit verbundenen intellektuellen Auseinandersetzungen (S. 64-67) so anschaulich thematisiert, dass dem Leser daraus ein übersichtlicher Gesamteindruck zu den angeführten Gesichtspunkten erwächst. Maria H. Dettenhofer nimmt in ihrem Beitrag „Eunuchs, Women, and Imperial Courts“ (S. 83-99) zunächst eine historische Einordnung des Phänomens der Eunuchen in verschiedenen Regierungssystemen vor, wobei hierbei ein sehr breites Spektrum von der Antike bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts abgedeckt wird (S. 83f.). Ihre Ausführungen über Fähigkeiten und Aufgaben der Eunuchen am Hofe (S. 87-89) sowie berühmte historische Beispiele (S. 89f.) beziehen sich ausschließlich auf die chinesische Geschichte. Der Bogen zur römischen Geschichte wird in einem Abschnitt über Frauen und deren politische Macht gespannt, welcher beginnend mit Livia und Agrippina, der Mutter Neros, auf zwei exempla außergewöhnlicher Frauengestalten des Imperium Romanum verweist. Im Folgenden offeriert Dettenhofer einen prägnanten Überblick über die Entwicklungen in der römischen Kaiserzeit: Zunächst waren mächtige liberti im direkten Umfeld der Herrscher für zahlreiche Aufgaben der Staatsverwaltung verantwortlich gewesen (S. 95-96), erst in der Spätantike stiegen auch Eunuchen in Positionen auf, die mit der unmittelbaren Nähe zu den Kaisern verbunden waren (S. 96-98).

Der mit „Commanding and Consuming the World. Empire, Tribute, and Trade in Roman and Chinese History“ betitelte Aufsatz von Peter Fibiger Bang (S. 100-120) verfolgt zugleich einen wirtschaftshistorischen wie auch einen wirtschaftsphilosophischen Ansatz, aus dem beispielsweise ersichtlich wird, dass die Einstellung der chinesischen und römischen Eliten zum Konsum durchaus Ähnlichkeiten aufwiesen und in beiden Fällen die Ausprägung von Zentralorten, denen die Rolle von Hauptabnehmern der Produktion zukam (S. 104), nachgewiesen werden kann. Die Beständigkeit des römischen und des chinesischen Kaiserreiches erscheint auf Grund ihrer räumlichen Dimensionen und in Relation zu den Gegebenheiten von Kommunikation und Transport als Widerspruch zu den Voraussetzungen: Ein Grundstein des Erfolges waren pragmatische Lösungen etwa im Abgaben- und Steuersystem, so Bang (S. 108), wobei hier den lokalen Oberschichten zum Teil entscheidende Funktionen zukamen (S. 109). Auch Phänomene wie Großgrundbesitz sind in beiden Reichen in ähnlicher Form anzutreffen (S. 110f.). Zudem ist im Steuerwesen beider Reiche ein Hauptproblem dasselbe: Werden die Abgaben in „Naturalien“ oder mit Geld beglichen – und wie sind die entsprechende Modelle organisiert (S. 112-117)? Am Ende seiner Ausführungen kommt Peter Fibiger Bang zu dem für den Leser klar nachvollziehbaren Fazit, dass sich in der Perspektive des Handels für beide Welten, so unterschiedlich sie auch gestaltet sein mögen, durchaus zahlreiche Parallelen aufzeigen lassen (S. 120). An dieser Stelle sei auf kleines Manko des Sammelbandes verwiesen: Der Aspekt der Raumerfassung, der Raumordnung und der Raumeinteilung bleibt leider etwas außen vor. Zwar wird diese Thematik von Bang kurz aufgegriffen, ein entsprechender eigenständiger Beitrag hätte aber der Publikation sicherlich gut getan.[4]

Im Beitrag „Gift Circulation and Charity in the Han and Roman Empires“ (S. 121-136) führt Mard Edward Lewis Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Systeme im Bereich des Euergetismus auf: Bemerkenswert hierbei ist etwa die Abhängigkeit der Ausrichtung dieser wohltätigen Unternehmungen lokaler Oberschichten von der Art der jeweiligen Machtbasis wie etwa Grundbesitz (S. 132). In seinem Resümee belegt Lewis die Wichtigkeit einer differenzierten Sichtweise auf die jeweiligen Gegebenheiten (S. 135f.). Der letzte Beitrag des Bandes nimmt mit Abstand den größten Raum in der Publikation ein: Es handelt sich dabei um einen monumentalen Aufsatz von Walter Scheidel mit dem Titel „The Monetary Systems of the Han and Roman Empires“ (S. 137-207), welcher nicht nur auf Grund seiner Dimensionierung als herausragendes Kernstück dieser Veröffentlichung anzusehen ist. Scheidel gelingt darin ein strukturierter und parallelisierender Überblick zur Entwicklung des Geldwesens im chinesischen und römischen Herrschaftssystem, der aber bei aller Detailgenauigkeit nie den Gesamtzusammenhang außer Acht lässt. Dieser Abschnitt ist schlechtweg als thematisch allumfassend zu charakterisieren und eröffnet in der Tat neue Perspektiven.

Abschließend gilt es noch kurz auf „handwerkliche“ Gesichtspunkte dieser in vielerlei Hinsicht außergewöhnlichen Publikation einzugehen: Dem Aufsatzteil des Sammelbandes ist eine chronologisch geordnete Auflistung markanter Ereignisse in der chinesischen und der römischen Geschichte vorangestellt (S. xi-xiii), wobei diese aber jeweils in eigene Blöcke getrennt und nicht in einer Gesamtzusammenfassung vorgestellt werden, wobei es einer derartigen Untergliederung meines Erachtens nicht bedurft hätte, da ein wirklicher Gesamtüberblick wesentlich reizvoller gewesen wäre. Schade ist es zudem, dass diese Veröffentlichung nur eine Überblickskarte zum Imperium Romanum und zum Reich der Han enthält, deren Aussagekraft im Bezug auf den Inhalt der Aufsätze sich stark in Grenzen hält. Positiv anzumerken ist dagegen die Tatsache, dass „Rome and China“ über einen zusammenfassenden, alphabetisch geordneten Index ohne weitere Untergliederung (S. 229-240) verfügt, wodurch in jedem Falle das schnelle Nachschlagen von Details sichergestellt wird. Den Aufsätzen selbst ist keine eigenständige Bibliographie beigegeben; stattdessen findet sich am Ende eine zusammenfassende Bibliographie (S. 209-227), auf deren Kurztitel alle Beiträge in gleicher Weise Bezug nehmen, was ein hohes Maß an Übersichtlichkeit garantiert.

Als Fazit gilt es festzuhalten, dass mit dieser Publikation in jedem Falle Grundlagenarbeit geleistet wurde. Bemerkenswert ist die inhaltliche Ausgewogenheit der Beiträge: Die Autorenschaft dieses Sammelbandes setzt sich mehrheitlich aus Althistorikern zusammen.[5] Wer aber glaubt, dass deshalb der Blick auf die römische Geschichte dominiert und lediglich einige Facetten der Historie des Alten China zur Bereicherung beigesteuert werden, irrt völlig. Vielmehr handelt es sich hierbei um die konsequente Umsetzung eines bemerkenswerten Ansatzes, der die Einordnung historischer Prozesse in einen anderen Kontext ermöglicht und somit das Spektrum der jeweiligen Sichtweisen erheblich erweitert. Man kann nur hoffen, dass derart erfrischend unkonventionelle Ansätze im Fach Schule machen werden. In jedem Falle kann die Publikation „Rome and China. Comparative Perspectives on Ancient World Empires“ uneingeschränkt empfohlen werden.

Anmerkungen:
[1] „Institutions of Empire: Comparative Perspectives on Ancient Chinese and Mediterranean History“, 13.-14. Mai 2005, Stanford University.
[2] Ian Morris / Walter Scheidel (Hrsg.), The Dynamics of Ancient Empires, Oxford 2009.
[3] Siehe dazu u.a. Greg Woolf, Et tu, Brute? The murder of Caesar and political assassination, Cambridge, Mass. 2007, S. 38-39.
[4] Entsprechende Ausführungen finden sich u.a. bei Gerhard Dobesch, Wassergrenzen und Wasserwege aus urgeschichtlicher und römischer Sicht, in: Claus von Carnap-Bornheim u. a. (Hrsg.), Wasserwege: Lebensadern – Trennungslinien, Neumünster 2005, S. 11-70, hier S. 43.
[5] Fünf der sieben Beiträge dieses Sammelbandes wurden von Althistorikern verfasst.

ZitierweiseJosef Löffl: Rezension zu: Scheidel, Walter (Hrsg.): Rome and China. Comparative Perspectives on Ancient World Empires. Oxford 2009, in: H-Soz-Kult, 29.06.2009, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2009-2-232>.

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