C. Brenner u.a.: Geschichtsschreibung zu den böhmischen Ländern

Cover
Titel
Geschichtsschreibung zu den böhmischen Ländern im 20. Jahrhundert. Wissenschaftstraditionen - Institutionen - Diskurse


Herausgeber
Brenner, Christiane; Franzen, K. Erik; Haslinger, Peter; Luft, Robert
Reihe
Bad Wiesseer Tagungen des Collegium Carolinum 28
Erschienen
München 2006: Oldenbourg Verlag
Anzahl Seiten
VI, 485 S.
Preis
€ 59,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Michal Kopeček, Institut für Zeitgeschichte, Prag

Auch wenn im Titel dieser auf den Jahrestagungen 2003 und 2004 des Münchner Collegium Carolinum basierenden Publikation von der Geschichtsschreibung im 20. Jahrhundert die Rede ist, liegt der Schwerpunkt dieses Bandes chronologisch betrachtet doch auf dem „kurzen 20. Jahrhundert“, also der Zeit von der Gründung der ersten Tschechoslowakischen Republik 1918 bis zum Niedergang der sozialistischen Diktatur 1989. Ganz im Sinne eines Konferenzbandes besteht das Ziel der Publikation nicht darin, eine bestimmte Forschungsrichtung stark zu machen oder zu propagieren, sondern eher darin, auf die methodologische und thematische Breite der gegenwärtigen deutschen, tschechischen und in viel geringerem Maße auch internationalen Forschung im Bereich der Historiographiegeschichte zu den böhmischen Ländern im vergangenen Jahrhundert aufmerksam zu machen.

Dennoch hat es sicher mehr als nur symbolische Bedeutung, dass der Band mit einem Beitrag von Martin Sabrow beginnt, der als einziger thematisch von den anderen abweicht, da er sich nämlich nicht mit der Geschichtsschreibung zu den böhmischen Ländern, sondern mit der ostdeutschen Historiographie beschäftigt. 1 Das Hauptanliegen dieses ausgewiesenen Kenners der DDR-Historiographie ist es, einen analytischen Weg jenseits der bisher dominierenden moralisch-politischen Bewertungskategorien zu finden, der die Diktatur, bzw. in diesem konkreten Fall die Historiographie dieser Zeit, nicht nur hinsichtlich ihrer Folgen, sondern eher auf Grundlage ihrer inneren Funktionsmechanismen und Voraussetzungen behandelt und bewertet. Sabrow charakterisiert dabei allgemein den Fachdiskurs der ostdeutschen Geschichtsschreibung anhand seiner Kernelemente, wie dem integritätsfördernden Feindbild von außen und dem homogenitätsstiftenden Konsensprinzip von innen. Es ist schade, dass es, auch wenn Sabrows Text allen anderen vorangestellt wurde, seitens der Herausgeber, im Interesse der Forschung zur Geschichtsschreibung in den böhmischen Ländern, keine Bewertung oder keinen Kommentar zu diesem Ansatz gibt.

Das wäre nicht unwesentlich, da auf dem Gebiet der modernen Geschichtsschreibung zu den böhmischen Ländern eine Diskussion über Analyseinstrumente und Beschreibungsmodelle erforderlich scheint. Der Sammelband selbst gibt in dieser Hinsicht einen interessanten Überblick über mögliche Zugänge zur Geschichte der Historiografie. Die Beiträge reichen von der Kritik an der Ideologie oder den ideologisch-politischen Voraussetzungen des historiographischen bzw. politisch-historischen Diskurses (Martin Zückert, Josef Harna, Hans Lemberg, Tobias Weger, Ivan Šedivý, Michal Frankl, Maciej Górny, Samuel Salzborn) über die hauptsächlich institutionell orientierte Analyse (Andreas Wiedemann, Jiří Pešek, Thekla Kleindienst, Edita Ivaničková) bzw. eine Kombination beider Ansätze (Gerhard Seewann, Christoph Corneließen, Robert Luft), oder über Zugänge, die durch die Soziologie des Wissens und die historische Soziologie der Intelligenz inspiriert wurden (Miloš Havelka), bis hin zu kulturhistorischen Fragen nach Mentalitäten und Erfahrungshorizonten sowie bestimmten Dispositionen oder sozialen Praxen der Geschichtsschreibung (Martin Sabrow, Pavel Kolář). Auch wenn der hier rezensierte Konferenzband keinen ausführlichen Forschungsüberblick darstellt, gibt er dennoch wesentliche Auskünfte über den gegenwärtigen Stand des Faches. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Studien, die sich der Analyse konkreter Fächer, Traditionen, Diskurse oder allgemein dem historischen Denken widmen, ungefähr genauso stark vertreten sind wie Beiträge, die den Schwerpunkt auf die institutionelle Entwicklung legen, und das sowohl für die Zeit vor (Teil I) als auch nach 1945 (Teil II).

Den ersten Teil dominieren einerseits Artikel zur tschechischen Geschichtsschreibung der Zwischenkriegszeit, andererseits zur deutschen Geschichtsschreibung in Böhmen und deren Reaktion auf tschechische historische Narrative, wobei die wachsende Rolle der Geschichtspolitik in Zeiten sich radikalisierender Volkstumspolitik fokussiert wird. So konzentriert sich Pavel Kolář auf die Prager deutsche Historiographie der Zwischenkriegszeit und untersucht ihre enge institutionelle Bindung an die Wiener Universität und die Formen der akademischen Sozialisation, geprägt einerseits durch den gesamtdeutschen akademischen Kontext und andererseits durch lokale Spezifika. Im Widerspruch mit einseitigen Interpretationen, die mit Konzepten der Instrumentalisierung oder Gleichschaltung der akademischen Welt arbeiten, bietet er einen differenzierten Blick auf die Interaktion zwischen neuen, mehrheitlich von außen kommenden volksgeschichtlichen Denkmodellen und (außer)akademischen Praktiken, Denkweisen und mentalen Dispositionen, die sich aus dem lokalen, regionalen oder fachlichen Kontext ergaben. Den Blick über die böhmischen Länder hinaus erweitert Gerhard Seewann, der das institutionelle Gerüst (das Netz Berlin-München-Prag-Wien) sowie Paradigmen und wissenschaftspolitische Praxen der sogenannten Volks- und Kulturbodenforschung der 1930er-Jahre betrachtet und auf das Überdauern dieses institutionalisierten Netzes in reduzierter Form nach 1945 aufmerksam macht.

Die Frage nach der Kontinuität der sudetendeutschen bzw. reichsdeutschen Forschung zu den böhmischen Länden findet sich auch im zweiten Teil der Publikation mit Schwerpunkt auf die Zeit nach 1945, wobei der historiographische Aspekt mal mehr und mal weniger stark betont wird. Es ist durchaus kein Zufall, dass gerade hier in verstärktem Maße die Geschichte der Institutionen ins Zentrum des Interesses rückt, gilt doch für die meisten der deutschen Forschungseinrichtungen der Nachkriegszeit, die sich mit der historischen Forschung zu den böhmischen Ländern bzw. den Ländern Mitteleuropas beschäftigen, dass ihre eigene Geschichte bisher nur bruchstückhaft aufgearbeitet wurde. 2 Christoph Corneließen konzentriert sich in seinem Beitrag über die Gründungsjahre des Collegium Carolinum 1955-1956, speziell auf die personelle und wissenschaftliche Vorgeschichte dieser bedeutendsten bundesdeutschen Forschungsstelle der historischen Bohemistik. Durch die Analyse des institutionell-organisatorischen Rahmens des Collegiums und seiner Forschungsausrichtung während der ersten Phase seines Bestehens zeigt der Autor nicht nur, in welchem Umfang organisatorische Strukturen und personelle Netze weiterexistierten, sondern auch, wie wissenschafts-theoretische Modelle und Perspektiven der sogenannten Volksgeschichte, die aus dem Prager-Reichenberger Kreis deutscher Historiker der böhmischen Länder der Zwischenkriegs- und Kriegszeit hervorgegangen waren, ihre Gültigkeit bewahrten. Gleichzeitig skizziert er jedoch die mit der Zeit immer erfolgreicheren Versuche des Collegiums, tradierte sozio-politische Haltungen im Namen der Autonomie der wissenschaftlichen Forschung und ihrer Entpolitisierung zu überwinden.

Der mit über 60 Seiten umfangreichste Beitrag des Bandes von Robert Luft, der nicht nur die vorangegangenen Artikel zusammenfasst, sondern auch einen Überblick über die bisherige Forschung zur Geschichte der gegenwärtigen deutschen Bohemistik gibt, würde eine eingehendere Beschäftigung verdienen, als es im Rahmen dieser Rezension möglich ist. In einem umfassenden Portrait der deutschsprachigen Forschung zur Geschichte der böhmischen Länder im 20. Jahrhundert kombiniert der Autor auf gelungene Weise verschiedene Ebenen und Aspekte der historiographischen Forschung, angefangen von ihrer institutionell-organisatorischen Entwicklung, über personelle und politische Zusammenhänge bis hin zur Problematisierung der Kontinuitäten und Diskontinuitäten im historischen Denken. Er beschreibt die entscheidende Entstehungsphase der deutschen historischen Bohemistik beginnend mit ihrer Vorgeschichte, d.h. in erster Linie der Prager deutschen Historiographie der böhmischen Länder bis 1945. Luft thematisiert die Etablierung der historischen Bohemistik und der Tschechoslowakeiforschung als Teildisziplin der „Ostforschung“ in den 1950er-Jahren und das allmähliche Herauskristallisieren der materiellen Forschungsgrundlagen sowie den Perspektivwechsel weg von der deutsch-zentrierten Sichtweise hin zu territorial begrenzter Forschung unter bilateralen Vorzeichen und zu allgemeinen Fragen, wie sie die Osteuropaforschung in den 1960er- und zu Beginn der 1970er-Jahre formulierte. Schließlich konstatiert er eine Phase weiterer methodologischer und thematischer Differenzierung und gegenwärtiger Integration der historischen Bohemistik in die allgemeine bundesdeutsche historische Forschung.

Die Selbstreflexivität der aktuellen deutschen Bohemistik korrespondiert mit einer breiteren Strömung innerhalb der deutschen Geschichtsschreibung, die sich um eine kritische Revision der Beziehung des Faches zu beiden deutschen Diktaturen des 20. Jahrhunderts bemüht. Im konkreten historisch-bohemistischen Fall liegt diese Entwicklung hauptsächlich in der kritischen Betrachtung der Traditionen und der politisch-gesellschaftlichen Rolle der historischen Ostforschung seit dem Ende des 19. Jahrhunderts begründet. Auf tschechischer Seite stößt man allerdings kaum auf ähnlich selbstkritische Forschungstendenzen. In eine neue Richtung weist jedoch die sicher nicht zuletzt durch die aktuelle deutsche Diskussion inspirierte zweite Studie von Pavel Kolář in diesem Sammelband, die sich mit den tschechischen nationalhistorischen Meistererzählungen der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts beschäftigt. Auf Grundlage einer überzeugenden Analyse der Rhetorik und thematischen Konstruktion einiger großen Synthesen der tschechischen bzw. tschechoslowakischen Geschichte vom Ende der 1950er- bis zum Beginn der 1990er-Jahre stellt Kolář die provokante These auf, dass der Einfluss der tschechischen nationalhistorischen Meistererzählung trotz der ideologischen Verschiebungen während der Zeit des Staatssozialismus und trotz der gesamtgesellschaftlichen Veränderungen nach dem Jahre 1989 noch immer dominierend ist.

Eine Perspektive, die diese Art und Weise der historiographischen Selbstreflexion ergänzt und erweitert, eröffnet die Studie von Michal Frankl, die sich mit dem Platz des Holocaust im tschechischen historischen Denken befasst. Der Autor zeigt, dass, obwohl der Großteil der Dokumente über die Verfolgung und systematische Liquidierung der tschechischen Juden den tschechischen Historikern bereits kurz nach Ende des Krieges zur Verfügung stand, Themen wie die sogenannte Endlösung der Judenfrage oder die Geschichte der Juden in den böhmischen Ländern bis 1989 ausgespart blieben (bis auf Ausnahmen wie z.B. Miroslav Kárný), wohingegen die Forschung über die deutsche Okkupation und die Geschichte des Widerstands von der kommunistischen Macht stark gefördert wurden.

Die einzige Studie des Bandes mit einer ausgesprochen komparativen Perspektive ist der Beitrag von Maciej Górny über die Darstellung der französischen Revolution und der napoleonischen Kriege in der tschechischen, polnischen und ostdeutschen Geschichtsschreibung der 1950er- und 1960er-Jahre. Der polnische Historiker beschäftigt sich mit dem Dilemma der stalinistischen Historiographie in den einzelnen Ländern, das darin bestand, die allgemeinen, von der damaligen sowjetischen Wissenschaft als fortschrittlich proklamierten historischen Phänomene wie die französische Revolution oder gar das Kriegsheldentum des russischen antinapoleonischen Feldzugs mit den traditionellen Konnotationen und Interpretationsschemata der Nationalgeschichte, und sei es auch in der vulgarisierten marxistisch-leninistischen Form, interpretatorisch in Einklang zu bringen.

Wenn man bedenkt, dass die Herausgeber die Methode des Vergleichs, die Beziehung zwischen Struktur und Individuum, die Institutionengeschichte und die Frage nach Kontinuitäten bzw. Entwicklungsphasen zu zentralen Perspektiven erhoben haben, ist es erstaunlich, wie wenig der vergleichende Ansatz zwischen der tschechischen Historiographie auf der einen und der sudetendeutschen bzw. deutschen historischen Bohemistik auf der anderen Seite tatsächlich umgesetzt wird, und wie sehr – dem unbestrittenen und beiderseitigen Interesse und Informationsaustausch zum Trotz – in der Historiographie noch immer eine Art pseudokomparativer Parallelität vorherrscht, die dem wirklichen Vergleich in den Arbeiten bilateraler Kommissionen oder Projekte im Wege steht. Es hat den Anschein, als wäre die Linie, die beide stark der eigenen Geschichte und Kultur verhafteten akademischen Welten trennt, noch immer schwer zu überwinden, so dass es kaum Arbeiten gibt, denen es gelingt, sich auf beiden Seiten gleichermaßen zu bewegen und sie mit den selben Maßstäben zu messen. Diesen Zustand zu verändern, ist nicht einfach und für die Tschechen sicherlich noch schwerer. Denn im Unterschied zu ihren deutschen Bohemistik-Kollegen müssen die tschechischen Historiker ein grundlegend neues Problem lösen, und zwar das der Rückkehr des Nationalstaats als zentralem historischen Paradigma, das während der 1990er-Jahre im öffentlichen politischen Diskurs und in der historisierenden Publizistik die „bohemistische“ historische Perspektive ersetzt hat, die sich in der unabhängigen Geschichtsschreibung der letzten Jahre der kommunistischen Diktatur mühsam und unmerklich durchgesetzt hatte.

(Übersetzt aus dem Tschechischen von Rainette Lange)

Anmerkungen:
1 z. B. Sabrow, Martin, Das Diktat des Konsenses. Geschichtswissenschaft in der DDR 1949-1969, München, 2001; ders. (Hrsg.), Geschichte als Herrschaftsdiskurs. Der Umgang mit der Vergangenheit in der DDR, Köln 2000.
2 Als Zeichen der Veränderung auf diesem Feld ist zu nennen: Albrecht, Stefan; Malíř, Jiří; Melville, Ralph (Hrsg.), Die „sudetendeutsche Geschichtsschreibung“ 1918-1960. Zur Vorgeschichte und Gründung der Historischen Kommission der Sudetenländer, München 2008. Siehe dazu die Rezension von Karel Hruza: H-Soz-u-Kult, 30.06.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-2-206>.

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