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Alte Geschichte

A. Herda: Der Apollon-Delphinios-Kult in Milet

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Udo Hartmann <hartmannugeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Der Apollon-Delphinios-Kult in Milet und die Neujahrsprozession nach Didyma. Ein neuer Kommentar der sog. Molopoi-Satzung
Reihe:Milesische Forschungen 4
Ort:Mainz am Rhein
Verlag:Philipp von Zabern Verlag
Jahr:
ISBN:3-8053-3560-1
Umfang/Preis:XIII, 543 S.; € 65,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Oliver Hülden, München
E-Mail: <oliver_hueldenyahoo.de>

Alexander Herda ist 1998 von A. H. Borbein an der Freien Universität Berlin promoviert worden, acht Jahre später liegt nun seine Dissertation zum Apollon-Delphinios-Kult in Milet vor. Den Ausgangspunkt für seine Untersuchungen bildet die so genannte Molpoi-Satzung, bei der es sich um ein Kultgesetz handelt, das insbesondere den Ablauf des zu Ehren des Apollon Delphinios abgehaltenen milesischen Neujahrsfestes regelte und von einem entsprechenden Kultverein, den Molpoi („Sänger und Tänzer“), erlassen worden ist. Die Festlichkeiten bestehen im Wesentlichen aus einer großen Prozession, die ihren Anfang am Heiligtum des Gottes in der Stadt nahm und über die Heilige Straße zum Tempel von Didyma führte. Dort endete sie schließlich mit einer „Hekatombe“ an dem von Herakles erbauten Altar des Apollon Didymeus und leitete zu Festivitäten zu Ehren dieser Gottheit über.

Angesichts des genannten Ausgangspunkts löst schon der erste Eindruck von Herdas im wahrsten Sinne des Wortes gewichtiger Studie Erstaunen aus, vermag man doch zunächst kaum glauben, dass sich die Besprechung einer aus lediglich 45 Zeilen bestehenden Inschrift zu einer mehr als 500 Seiten starken Monographie ausweiten lässt. Die anfängliche Skepsis verfliegt indes, sobald man die Strukturierung des Werkes erfasst hat und erkennt, dass der Autor die immense Anstrengung unternommen hat, tatsächlich alle Aspekte der Inschrift und dies bei nahezu gleicher Gewichtung zu durchleuchten. Allerdings ist in diesem Zusammenhang bereits eine Problematik der Arbeit anzusprechen, auf die weiter unten nochmals zurückzukommen sein wird. Sie besteht hauptsächlich in der Fülle und einer gewissen Disparität der Informationen, die in dem 3254 Anmerkungen umfassenden wissenschaftlichen Apparat zusammengetragen sind. Es wäre freilich verfehlt, hierin lediglich eine Fleißarbeit erkennen zu wollen, denn die Anmerkungen stellen keineswegs nur eine bloße Ansammlung zahlloser Quellen- und Literaturverweise oder eine Aneinanderreihung von zusätzlichen Informationen dar, in ihnen werden vielmehr ganze Teilaspekte kritisch diskutiert. Herda macht es seiner Leserschaft angesichts einer solchen Überfülle an Informationen gewiss nicht leicht, gleiche Augenhöhe mit ihm zu gewinnen. In dieser Hinsicht muss auch der Rezensent, der kaum den Anspruch erheben kann, ein Experte für frühe griechische Heiligtümer und ihren Kultbetrieb zu sein, nahezu kapitulieren. Insofern sollen sich die folgenden Ausführungen weitgehend darauf beschränken, die wesentliche Stoßrichtung des Buches adäquat wiederzugeben, während darüber hinaus nur punktuelle Beobachtungen mitgeteilt werden können.

In seiner Einleitung skizziert Herda zunächst den Forschungsstand und legt seine Motivation und seine Zielsetzungen im Hinblick auf die Bearbeitung der Molpoi-Satzung dar, die immerhin schon 1904 von Ulrich von Wilamowitz-Moellendorff erstmalig ediert und kommentiert worden ist und auch danach einige Beachtung fand. Im Gegensatz zu seinen Vorgängern strebt Herda eine nunmehr allumfassende Betrachtung der im Text enthaltenen Informationen, wie etwa der bislang vernachlässigten genauen Abläufe des milesischen Neujahrsfestes, an. Im Wesentlichen geht es ihm um die Offenlegung der historischen und insbesondere politisch-religiösen Hintergründe, die in der zweiten Hälfte des 6. Jahrhunderts v.Chr. dazu führten, dass zwischen Milet und Didyma eine ca. 18 km lange Prozessionsstraße angelegt wurde, wobei Herda die Anregung dazu unter anderem aus den in den 1980er-Jahren erzielten Fortschritten bei der archäologischen Erforschung dieser Heiligen Straße bezieht. Nach der Neuedition des Textes mit nachfolgender Übersetzung (Kapitel I), widmet sich Herda diversen Datierungsfragen (Kapitel II), da es sich bei der erhaltenen Inschriftenstele nicht um das Original, sondern um eine Kopie handelt, die wohl um 200 v.Chr. aufgestellt wurde. Im Kern dürfte die originale Satzung jedoch in das Jahr 525/24 oder sogar 540/39 v.Chr. zurückreichen, wobei Herda zudem davon ausgeht, dass der Kult und seine Institutionen durchaus schon im 7., wenn nicht 8. Jahrhundert v.Chr. entstanden sind. Anschließend versucht der Autor, aus den Fundumständen den ursprünglichen Aufstellungskontext der hellenistischen Inschriftenstele zu erschließen (Kapitel III). Diese dürfte nicht freistehend aufgestellt gewesen sein, Herda macht vielmehr eine Anbringung vor einer der Wände der frühhellenistischen Hallen des Apollon Delphinios-Heiligtums wahrscheinlich. Über den Aufstellungsort der originalen Stele kann hingegen nur spekuliert werden.

Bereits in der Einleitung weist Herda auf das Problem hin, dass die Satzung sich zwar im philologischen Sinne einwandfrei übersetzen lasse, in Teilen aber unverständlich bleibe. Um so höher ist zu bewerten, was er dem Text im folgenden Kernstück seiner Untersuchung (Kapitel IV) an Informationen abzuringen vermag. So lässt der akribisch verfasste Kommentar, der fast 400 Seiten umfasst und in 143 sich an den einzelnen Abschnitten der Inschrift orientierende Unterkapitel aufgeteilt ist, nicht einen Aspekt der Satzung aus. Grob lässt sich deren Inhalt in folgende Bereiche unterteilen: Die ersten sechs Zeilen umfassen ein anhand der Nennung des eponymen Aisymnetes Philtes in das Jahr 450/49 v.Chr. zu datierendes Präskript, das den Vorstand der Molpoi und dessen Beschluss zur Aufzeichnung und Aufstellung der Satzung nennt. Im Anschluss folgen Regelungen zum Fest der Hebdomaia und zu weiteren drei Festtagen, die im Delphinion von Milet begangen wurden. Ein Einschub geht kurz auf andere Apollonfeste ein und untersucht die Stellung des „Basileus“, der bei allen Festen „assistiert“ und denselben Anteil am Opfer wie die übrigen Molpoi erhält. Des weiteren findet sich eine Reihe von Anweisungen, die das Abhalten und den Ablauf der Neujahrsprozession zum Tempel von Didyma betreffen, woraus sich sowohl deren Vorbereitungsrituale als auch deren Wegeverlauf und Zielpunkt, der von Herakles erbaute Altar des Apollon Didymeus, herleiten lassen. Zum Abschluss sind Bestimmungen aufgeführt, welche die Leistungen und Anteile diverser Teilnehmer an den Festlichkeiten – zu nennen sind die Onitadai (sakrale Metzger und Köche), der Herold und der Kitharodos – betreffen.

Es ist hier nicht der Raum, die einzelnen Unterabschnitte zu den genannten inhaltlichen Bereichen der Satzung detailliert besprechen zu können, weshalb lediglich einige, mir besonders wichtig erscheinende Aspekte zur Sprache kommen sollen: In erster Linie ist die Bedeutung des Apollon Delphinios-Kultes nochmals hervorzuheben. Diese offenbart sich nicht zuletzt darin, dass der Kult über einen Zeitraum von vermutlich mehr als 1000 Jahren eine zentrale Bedeutung für die Polis Milet spielte. Herda kann vor diesem Hintergrund schlüssig zeigen, dass es sich bei den Stephanephoroi um das Paar des ausscheidenden und des neuen Aisymnetes handelt, wobei die Amtsübergabe während des milesischen Neujahrsfestes erfolgte. Wir haben es insofern nicht mit Priestern zu tun, sondern mit den obersten Kultfunktionären der Molpoi, die gemeinsam mit den Proshetairoi wohl das Prytanenkollegium von Milet bildeten. Diese Argumentation baut auf einem Abschnitt der Inschrift zu den Festlichkeiten am dritten Tag auf, dem zu entnehmen ist, dass der scheidende Aisymnetes-Stephanephoros vor dem Opfermahl eine Art „Abschiedsopfer“ an Hestia zu entrichten hatte, was im Molpon, dem entsprechend benannten Vereinshaus der Molpoi, geschah. In der Hestia des Molpons ist nun die Göttin des Heiligen Herdes von Milet, die Hestia Prytaneia, zu erkennen; ihre Kasse ist mit der Staatskasse der Polis gleichzusetzen. Daraus resultiert freilich, dass das Kulthaus der Molpoi mit dem milesischen Prytaneion identisch war und dass der Aisymnetes-Stephanephoros als führender Prytanis zu betrachten ist. Während all dies schon früher, jedoch nicht in dieser dezidierten Form bekannt war, vermag es Herda darüber hinaus anhand der Molpoi-Satzung und anderer Hinweise herauszuarbeiten, dass das Molpon-Prytaneion mit großer Wahrscheinlichkeit im Delphinion von Milet lag. Hier, im zentralen Heiligtum der Stadt, fanden wohl im Anschluss an das Neujahrsopfer für Apollon Delphinios in der Südhalle die gemeinsamen Opfermähler nach der Sitte der Molpoi statt, wobei die Mahlzeiten in homerischer Tradition wahrscheinlich im Sitzen eingenommen wurden. Diesem Befund zufolge ist das Molpon-Prytaneion und mithin das Delphinion zu Recht als das kultische und politische Zentrum der Polis Milet anzusehen, und insofern lässt sich an diesem Beispiel ein besonders deutlicher Zusammenhang zwischen Religion und Politik im Sinne eines elementaren Bestandteils bei der Genese griechischer Poleis herstellen.

Auf weitere, oben nur knapp angedeutete Aspekte des Kommentars, wie etwa Herdas Herausarbeiten der einzelnen Stationen und Rituale der Prozession oder das Überleiten zu den Feierlichkeiten zu Ehren des Apollon Didymeus, kann hier nicht weiter eingegangen werden. Es ist aber zu betonen, dass sich der Autor auch in diesen Fragen durchgängig als exzellenter Kenner der Materie erweist und zu scharfsinnigen Schlussfolgerungen gelangt. Als willkürlich herausgegriffenes Beispiel mögen die Ausführungen zur bekannten Sitzfigur des Chares, dem „Archos von Teichiosa“, dienen, deren Aufstellung er in einem an der Heiligen Straße noch vor Didyma gelegenen gentilizischen Apollonheiligtum plausibel macht (S. 327–350). Mit diesem Beispiel lässt sich allerdings auch auf jene Problematik im Hinblick auf den Anmerkungsapparat zurückkommen, die oben schon angedeutet wurde. Herda demonstriert in den Fußnoten unbestreitbar, dass er nicht nur äußerst belesen ist, sondern all das, was hier zusammengetragen wurde, auch tatsächlich verarbeitet hat. Allerdings wirkt manche Diskussion etwas „sophisticated“ und steht bisweilen in einem eher peripheren Zusammenhang mit der eigentlichen Thematik des Buches. Hier hätte der Autor sich manchmal durchaus kürzer fassen oder sich zu einer separaten Betrachtung an anderem Ort durchringen können. Gelegentlich ist ferner eine gewisse Redundanz zu bemerken. Angesichts der Fülle von gesammelten Informationen und der großen Zeitspanne zwischen Abgabe der Dissertation und Drucklegung des Buches bleibt es mitunter nicht aus, dass manche Diskussion nicht ganz vollständig wiedergegeben ist. So wäre Herdas leichte Skepsis hinsichtlich der Lokalisierung von Teichiosa (oder Teichiussa) auf der Halbinsel von Saplı Adası (S. 339) wohl durch die Ergebnisse der erneuten Untersuchung der Ruinen des als Alternative vorgeschlagenen Ortes Doğanbeleni durch Hans Lohmann auszuräumen gewesen [1]; als weitgehend redundant erweisen sich daher die mit dieser Diskussion verknüpften Anmerkungen 2413 und 2426.

Diese eher kleinkarierte Kritik vermag freilich in keiner Weise den Wert von Herdas monumentalem Werk zu schmälern. Obgleich der Anmerkungsapparat vermutlich drei Viertel des Buches ausmacht, ist hervorzuheben, dass sich der Text durchweg sehr gut ohne sein Hinzuziehen lesen lässt. In dieser Hinsicht sollten sich die Leser also nicht abschrecken lassen, und für einige von ihnen dürfte sich Herdas Buch als wahre Fundgrube und Inspirationsquelle erweisen. In weiser Voraussicht hat der Autor seinem Kommentar zudem eine ausführliche Zusammenfassung (Kapitel V) sowie einen systematischen Überblick über den Inhalt der Molpoi-Satzung (Kapitel VI) folgen lassen. Gemeinsam mit dem Register ermöglichen sie selbst dem eiligen Leser einen schnellen und sicheren Zugriff auf die Studie.

Zum Abschluss ist darauf zu verweisen, dass Herda in seinem siebten und letzten Kapitel im Sinne eines Ausblicks noch offene Fragen formuliert. Dass Herda vorhat, die Beantwortung dieser Fragen nur partiell anderen zu überlassen, kommt auch durch sein 2004 begonnenes und von der DFG gefördertes Projekt am Delphinion von Milet zum Ausdruck. Dessen erste Ergebnisse zur Geschichte des Bauwerks und zu seinen Funktionen insbesondere im Zusammenhang mit der wohl südlich oder südwestlich gelegenen Agora liegen seit Kurzem vor[2] und sollten unbedingt parallel gelesen werden. Noch etwas ist am Ende anzumerken: Alexander Herda hat sich Zeit genommen, mehr noch: Er nimmt sich nach wie vor Zeit für seine soliden Grundlagenforschungen, die nicht nur Bestand haben werden, sondern weiterführend sind. Insofern unterscheidet sich seine Dissertation von so vielen anderen jüngerer Zeit, bei denen man den Eindruck haben möchte, sie seien eher unter dem Diktat fristgerechter Verwertbarkeit als aus einem längeren Nachdenken, ja einer Verinnerlichung der Thematik heraus verfasst worden.

Anmerkungen:
[1] Lohmann, Hans, Wo lag das antike Teichioussa? Ein Beitrag zur historischen Topographie des südlichen Ionien, in: Orbis Terrarum 7 (2001), S. 143–174.
[2] Herda, Alexander, Apollon Delphinios, das Prytaneion und die Agora von Milet, in: Archäologischer Anzeiger (2005), Halbband 1, S. 243–294.

ZitierweiseOliver Hülden: Rezension zu: Herda, Alexander: Der Apollon-Delphinios-Kult in Milet und die Neujahrsprozession nach Didyma. Ein neuer Kommentar der sog. Molopoi-Satzung. Mainz am Rhein 2006, in: H-Soz-u-Kult, 17.03.2008, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2008-1-208>.

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