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Alte Geschichte

M. Meier u.a. (Hrsg.): Antike und Mittelalter im Film

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Katrin Pietzner <PietznerKgeschichte.hu-berlin.de>
Titel:Antike und Mittelalter im Film. Konstruktion - Dokumentation - Projektion
Reihe:Beiträge zur Geschichtskultur 29
Herausgeber:Meier, Mischa; Slanička, Simona
Ort:Köln
Verlag:Böhlau Verlag Köln
Jahr:
ISBN:978-3-412-24405-7
Umfang/Preis:kart.; 473 S.; € 46,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Martin Lindner, Carl-von-Ossietzky-Universität Oldenburg
E-Mail: <martin.lindneruni-oldenburg.de>

Die filmische Rezeption der Antike – seltener auch die des Mittelalters – rückt zunehmend in den Fokus wissenschaftlichen Interesses. Dies gilt in besonderem Maße für die große Zahl von Sammelbänden, häufig als Resultat einschlägiger Tagungen.[1] Der vorliegende Band bündelt die Erträge einer 2003 am Zentrum für interdisziplinäre Forschung Bielefeld veranstalteten Konferenz. Die zeitliche Diskrepanz von rund vier Jahren wird durch zwei Sammelbibliografien zur neueren Literatur über Antike und Mittelalter im Film überbrückt. Einige der offenbar zeitnah zur Tagung verfassten Beiträge können diese Aktualität notgedrungen nicht gewährleisten.

Ein grundlegendes Problem bei der Erforschung der filmischen Geschichtsrezeption besteht in den interdisziplinären Herausforderungen des Themas. Während eine Einzelperson diesen kaum in gewünschter Breite begegnen kann, fehlt Sammelbänden oftmals die für einen Modellentwurf nötige Einheitlichkeit. Die Herausgeber sind sich dieses Dilemmas bewusst, wenn sie in ihrer Einleitung den Anspruch von sich weisen „eine derartige theoretische Grundlegung zu formulieren“ (S. 11). Vielmehr sollten die verschiedenen Studien „Bahnen weisen, auf denen in Zukunft weitergedacht werden könnte“ (ebd.). Diese Vorgabe wird durch eine gute Strukturierung und hohe Qualität der – im Folgenden nur knapp zu behandelnden – Beiträge erreicht.

Die gut zwanzig Einzelstudien werden positiverweise nicht nach Epochen getrennt, sondern in drei Themenfeldern (Genrediskussion, Motivik und moderne Projektion) zusammengefasst. Hierbei ermöglicht gerade das Nebeneinander antiker und mittelalterlicher Stoffe einen bislang nur selten fruchtbar gemachten Vergleich von Charakteristika des Historienfilms in seinen unterschiedlichen Subkategorien.[2]

Mit der gewohnten Materialkenntnis und Lesbarkeit eröffnet Anja Wieber in ihrem Beitrag „Antike am laufenden Meter“ die Diskussion um eine Positionsbestimmung des Historienfilms aus Sicht der Altertumswissenschaften. Als Gegenstück liefert Hedwig Röckelein mit „Mittelalter-Projektionen“ einen Überblick über die Erscheinungsformen des Mittelalterfilms. Nach Ausführungen zu den biografischen Dimensionen des Mittelalterfilms und der Bedeutung von Literaturverfilmungen liegt Röckeleins Hauptaugenmerk auf der „Message“: das Mittelalter als Fluchtwelt, als Utopie oder als Folie für nationale Mythenbildung. Ebenso knapp wie anregend sind die abschließenden Bemerkungen zu Bildsprache und Authentizität.

Ausgehend von einer begründeten Skepsis gegen „den Mittelalterfilm“ als Etikett sucht Thomas Scharff in „Wann wird es richtig mittelalterlich?“ nach Spezifika, die jenseits von Ausstattung oder Gebäuden als Klammer dienen können. Hier wie in den folgenden Erläuterungen zum populären Geschichtsbewusstsein und zur Themenwahl schwächen jedoch methodische Probleme die Argumentation: Zum einen ist die Materialbasis zu schmal für die oft weitreichenden Aussagen. Zum anderen irritieren wertende Einschübe wie „vollkommen abstruse Rahmenhandlung“ (S. 79) oder verknappende Schlüsse zur Prägewirkung von Filmen.[3]

In „Fruchtbare Missverständnisse – Oper, Film und Antike“ beleuchtet Mischa Meier die einflussreichen Beziehungen zwischen Musik- und Filmtheater, die sich bis in die frühe Stummfilmzeit zurückverfolgen lassen. Neben dem Selbstverständnis der Kunstschaffenden wird die Bedeutung des Antikfilms für eine Verbindung zwischen Bühne und Leinwand hervorgehoben, die sich etwa in den orchestralen Prä- und Interludien von „Spartacus“ bis zu „The Fall of the Roman Empire“ zeigen. Es bleibt zu hoffen, dass der von Meier präsentierte Ansatz zu einer breiteren Beschäftigung mit diesem oft übersehenen Konnex führen wird.

Die letzten beiden Texte zur Gattungsbestimmung widmen sich in Fallstudien den Parallelen zwischen Film und antikem Drama beziehungsweise moderner Fantasy. „Adoption und Adaption des griechischen Dramas in Woody Allens Mighty Aphrodite“ von Manuel Baumbach überzeugt in seiner Deutung der anachronistischen Brüche durch den Einsatz des Theaterchors in einem neuzeitlichen Setting. Gleiches gilt für die Aufschlüsselung der Deutungsmöglichkeiten nach dem Vorwissen der Rezipienten. In „Fantasy. Die Spuren eines historischen Unbewussten“ stellt Wolfgang Struck am Beispiel von "Legend" dem Historienfilm die Erzählstruktur fantastischer Literatur und Filme entgegen. So detailliert die Beispielanalyse ausfällt, so sehr macht sich bei der definitorischen Abgrenzung der fehlende Einbezug neuerer Literatur bemerkbar.[4]

Im zweiten Hauptteil des Bandes zur Motivik des Historienfilms finden sich neun Einzelstudien, die ersten vier davon zu herausragenden historischen Figuren: Odysseus (von Uwe Walter), Iulius Caesar (von Jan David Schmitz), Nero (von Thomas Paulsen) und Jeanne d'Arc (von Morten Kansteiner). Walter, Schmitz und Kansteiner argumentieren auf einer breiten Basis von Filmen mit zum Teil sehr guten Einzellesungen; die ersten beiden bieten zudem ausführliche Filmografien am Ende ihrer Texte. Der Beitrag von Paulsen zeigt Chancen und Gefahren einer engeren Ausschnittswahl: Nero ist einer der am häufigsten porträtierten antiken Kaiser und „Quo Vadis“ von 1951 wohl einer der populärsten Antikfilme überhaupt. Die Bedeutung von Peter Ustinovs Interpretation der Nero-Figur lässt sich nur durch eine entsprechende Kontextualisierung ermessen. Paulsen leistet eine gute Untersuchung der antiken Quellen, klammert jedoch die Romanvorlage von Henryk Sienkiewicz und die mediale Tradition, in der „Quo Vadis“ als einer unter vielen Nero-Filmen steht, praktisch aus.[5]

Die verbliebenen fünf Einzelstudien zur Motivik hinterfragen die Ausprägung von Geschichtsmythen anhand der Beispiele Herrmannschlacht (von Wiebke Kolbe), Wikinger (von Heike Peetz) und Sumerer (von Regina Heilmann). Gleich zwei Beiträge widmen sich dem Thema Nibelungensage (Lothar van Laak zur Verfilmung von Fritz Lang in den 1920er-Jahren, Karin W.F. Samblebe zur Umsetzung durch Harald Reinl in den 1960er-Jahren). Die Texte schwanken stark in ihrem Umfang, doch gerade die kürzeren Studien von Samblebe und Peetz leisten einen Einstieg in bislang stiefmütterlich behandeltes Material. Umso bedauerlicher ist es, dass bei allen vorgestellten Einzelstudien kein einheitliches System für den Nachweis von Filmpassagen gewählt wurde. Gelegentlich wird über den Timecode einer Heimvideo-Fassung zitiert, häufiger nur eine Sequenz umschrieben. Solange weder die benutzte Fassung noch der exakte Zeitpunkt der besprochenen Ausschnitte eindeutig angegeben wird, erschwert dies die Überprüfbarkeit der Ergebnisse in nicht geringer Weise.

Der dritte Teil des Bandes vereint unter dem etwas sperrigen Titel „Projektion – Nationalismus und romantisierende Narrative seit 1950“ vier Untersuchungen zur populären Rezeption des Mittelalters im modernen Unterhaltungs- und Arthaus-Film sowie eine Studie zum Thema Fremdheit im Antikfilm. Der letztgenannte Beitrag von Jan Timmer spricht wichtige Fragen zur Konstruktion von Alterität in der inszenierten Vergangenheit an und bezieht mit Gewinn die osteuropäischen Produktionen ein. Sollten sich die hier angerissenen Konzepte mit Hilfe einer historisch vergleichenden Stereotypenforschung einordnen lassen, dürfte dies unser Verständnis des Phänomens Historienfilm in Zukunft deutlich voranbringen.[6]

Gleichsam lesenswert, aber etwas kurz fallen die Untersuchungen von Ursula Ganz-Blättler zu „Braveheart und First Knight aus filmsoziologischer Sicht“ und Thomas Klein über „Ritterturniere im Film“ aus. Mit „Kingdom of Heaven – Der Kreuzzug Ridley Scotts gegen den Irakkrieg“ gelingt Simona Slanička eine überzeugende Interpretation, bei der nur das fehlende Zitationssystem die guten intramedialen Querverweise beeinträchtigt. Widmen sich die meisten der bislang besprochenen Texte dem Mainstream des Mittelalter-Kinos, so zeigt Joanna Barck in „Das utopische Mittelalter in Pasolinis Verfilmung des Il Decamerone“ die Vielschichtigkeit dieses Meisterwerks auf. Ihre Analyse der Bildsprache demonstriert an einem komplexen Thema eindrucksvoll die Leistungsfähigkeit interdisziplinären Arbeitens.

Der Band wird abgeschlossen durch einen Ausblick von Simona Slanička („Der Historienfilm als große Erzählung“), zugleich der Versuch, die breit gestreuten Einzelansätze in einen größeren Gesamtzusammenhang einzubinden. Die behandelten Aspekte umfassen zentrale Erzählmuster des Antik- wie des Mittelalterfilms, etwa die Personenkonstellation oder die Anlage der Erzählung. Gerade diese übergreifenden Fragen, die uns eine bessere Einordnung des Einzelfalls ermöglichen, müssen jedoch aus den eingangs genannten Gründen unbeantwortet bleiben. Dem Ausblick folgen die bereits erwähnten zusätzlichen Bibliografien und ein umfangreiches Register. Letzteres erweist sich in der Praxis als zuverlässig, fällt jedoch etwas unübersichtlich aus, da es Film-, Sach- und Personenregister vereint. Einige Einträge wie „Rezeption“ (S. 468) wirken in einem Werk, das sich ausschließlich mit der modernen Geschichtsrezeption befasst, nicht unbedingt hilfreich.

Insgesamt bietet „Antike und Mittelalter im Film“ eine willkommene Vielfalt an Themen und Ansätzen. Die Mehrheit der Beiträge ist von überdurchschnittlicher Qualität und wird in der künftigen Erforschung der populären Historienrezeption mit Sicherheit ihren Niederschlag finden. Ein Ärgernis bei dem gewählten Themenfeld ist die Bildrechte-Politik der Filmindustrie, die wohl die Hauptursache für das Fehlen von entsprechenden Illustrationen im vorliegenden Band sein dürfte. Dem hohen Informationswert des Endproduktes tut dies ebenso wenig Abbruch wie die genannten kleineren Abstriche.

Anmerkungen:
[1] Zum Antikfilm: Winkler, Martin M. (Hrsg.), Gladiator. Film and History, Malden 2004; Boschi, Alberto u.a. (Hrsg.), I Greci al Cinema. Dal peplum „d'autore“ alla grafica computerizzata, Bologna 2005; Lindner, Martin (Hrsg.), Drehbuch Geschichte. Die antike Welt im Film, Münster 2005; Winkler, Martin M. (Hrsg.), Troy. From Homer’s Iliad to Hollywood Epic, Malden 2007; Winkler, Martin M. (Hrsg.), Spartacus. Film and History, Malden 2007.
Zum Mittelalterfilm: Macconi, Massimiliano (Hrsg.), Il Santo Graal, un mito senza tempo. Dal Medioevo al cinema, Genua 2002; Centre Européen d'Art et de Civilisation Médiévale (Hrsg.), Le Moyen Age vu par le cinéma européen, Conques 2001.
[2] In der älteren Forschung: Hirsch, Foster, The Hollywood Epic, South Brunswick 1978; Elley, Derek, The Epic Film. Myth and History, London 1984; Searles, Baird, Epic! History on the Big Screen, New York 1990.
[3] Zur kommunikationstheoretischen Sicht: Berghaus, Margot, Geschichtsbilder. Der „iconic turn“ als „re-turn“ zu archaischen visuellen Erlebnisweisen, in: Lindner, Martin (Hrsg.), Drehbuch Geschichte. Die antike Welt im Film, Münster 2005, S. 10–24.
[4] Stellvertretend sei verwiesen auf: Friedrich, Andreas (Hrsg.), Filmgenres. Fantasy- und Märchenfilm, Stuttgart 2003; Jahraus, Oliver; Neuhaus, Stefan (Hrsg.), Der fantastische Film. Geschichte und Funktion in der Mediengesellschaft, Würzburg 2005; Stratyner, Leslie; Keller, James R. (Hrsg.), Fantasy Fiction into Film, Jefferson 2007.
[5] Zur Nero-Figur im Antikfilm einleitend Wyke, Maria, Projecting the Past. Ancient Rome, Cinema, and History, New York 1997, S. 110–146 und Wieber, Anja, Vom Kaiser zum Leinwandstar, in: damals 8 (2005), S. 34–40. Ustinovs Interpretation und die Bezüge zur Romanvorlage untersuchen Krebs, Ralf, Nero. Despot, Wahnsinniger oder Dämon? Die filmische Konstruktion einer „Bestie“ in Quo Vadis, in: Korenjak, Martin; Töchterle, Karlheinz (Hrsg.), Pontes II. Antike im Film, Innsbruck 2002, S. 201–211; Krebs, Ralf, Brandstifter, Christenverfolger, Princeps, Künstler, Antichrist. Kaiser Nero in Quo Vadis, in: Brodersen, Kai (Hrsg.), Die Antike außerhalb des Hörsaals, Münster 2003, S. 117–127; Kittstein, Ulrich, Heidnisches Rom und christlicher Glaube in Quo Vadis? Zu den Erzählstrategien des Romans von Henryk Sienkiewicz und der Verfilmung von Mervyn LeRoy, in: Lindner, Martin (Hrsg.), Drehbuch Geschichte. Die antike Welt im Film, Münster 2005, S. 86–104.
[6] Hahn, Hans Henning; Hahn, Eva, Nationale Stereotypen. Plädoyer für eine historische Stereotypenforschung, in: Hahn, Hans Henning (Hrsg.), Stereotyp, Identität und Geschichte. Die Funktion von Stereotypen in gesellschaftlichen Diskursen, Frankfurt am Main 2002, S. 17–56; Konrad, Jochen, Stereotype in Dynamik. Zur kulturwissenschaftlichen Verortung eines theoretischen Konzepts, Tönning 2006.

ZitierweiseMartin Lindner: Rezension zu: Meier, Mischa; Slanička, Simona (Hrsg.): Antike und Mittelalter im Film. Konstruktion - Dokumentation - Projektion. Köln 2007, in: H-Soz-u-Kult, 18.12.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-226>.

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