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Zeitgeschichte (nach 1945)

W. Kraushaar (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan-Holger Kirsch <kirschzzf-pdm.de>
Titel:Die RAF und der linke Terrorismus. 2 Bde
Herausgeber:Kraushaar, Wolfgang
Ort:Hamburg
Verlag:Hamburger Edition, HIS Verlag
Jahr:
ISBN:3-936096-65-1
Umfang/Preis:1415 S.; € 78,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Annette Vowinckel, Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam
E-Mail: <vowinckelzzf-pdm.de>

Angesichts der Tatsache, dass Terroranschläge und Selbstmordattentate im Irak Woche für Woche mehr Todesopfer fordern als die Rote Armee Fraktion (RAF) in den 28 Jahren ihres Bestehens, erscheint die Geschichte des Linksterrorismus in Deutschland als eine Brise im Wasserglas vergangener Zeiten. Gleichwohl ist es nicht primär die Zahl der Opfer, die der RAF Bedeutung verlieh, sondern der Umstand, dass sie fundamental das Selbstverständnis einer Gesellschaft erschütterte, die zu Beginn der 1970er-Jahre glaubte, nach Jahren der Gewalterfahrung und -ausübung im Nationalsozialismus endlich ihren Frieden in einer parlamentarischen Wohlstandsdemokratie gefunden zu haben. Nicht anders ist das nachhaltige Interesse an einer Terrororganisation zu verstehen, die Jan Philipp Reemtsma als einen „Haufen stammelnder Idioten“ beschrieben hat.[1]

Nun hat Wolfgang Kraushaar eine umfangreiche zweibändige Sammlung vorgelegt, in der auf 1.415 Seiten die Geschichte der RAF und anderer linker Terrorgruppen in (fast) allen Facetten beleuchtet wird. Kraushaar selbst weist in der Einleitung darauf hin, dass sich die Wirkungsweise der RAF in vielerlei Hinsicht deutlich von derjenigen neuerer internationaler Terrororganisationen wie Al Qaida unterscheidet – sowohl im Hinblick auf ihre hierarchische Struktur als auch auf den historischen Kontext. Darüber hinaus steckt er in der Einleitung den Rahmen ab: Was ist Terrorismus? Welche Ideologien und Theorien liegen ihm zugrunde? Welche Bedeutung hatten einzelne Protagonisten? Wie entstanden und in welchen Phasen agierten die RAF und andere linke Terrorgruppen in der Bundesrepublik? Welche internationalen Kontakte und Netzwerke unterhielten deutsche Terroristen? Welche Parallelen gibt es zu anderen Ländern? Welche Rolle spielte der Staat, und wie erfolgreich zeigte er sich in der Terrorbekämpfung? Welchen Stellenwert haben die Medien für die Entstehung (und Bekämpfung) des Terrors? Welche Bedeutungen werden dem Linksterrorismus retrospektiv zugeschrieben, und wie können wir ihn in die Geschichte der Bundesrepublik integrieren?[2]

Entlang dieser Fragen hat Kraushaar die insgesamt 62 Aufsätze und zwei Interviews auf elf Sektionen verteilt. Zu den Autoren gehören neben Kraushaar, der mit neun Aufsätzen vertreten ist, weitere renommierte Wissenschaftler wie Herfried Münkler, Wilfried Mausbach oder Uwe Wesel, eine Reihe thematisch ausgewiesener Nachwuchswissenschaftler wie Tobias Wunschik, Claudia Derichs oder Martin Klimke, zudem einige Juristen und Journalisten. Wie in jedem Sammelband differiert die Qualität der einzelnen Beiträge. So lässt zum Beispiel Irving Wohlfahrts Aufsatz über „Walter Benjamin und die RAF“ vor allem die Frage offen, was überhaupt die Frage ist: Denn dass man, wie Wohlfahrt selbst bemerkt, Benjamin nicht für die Taten von Jahrzehnte nach seinem Tod aktiv werdenden Terroristen verantwortlich machen kann, versteht sich von selbst. So bleibt es bei einer Sammlung von Zitaten, deren formende Kraft für das terroristische Gedankengut nicht recht deutlich wird.

Der Beitrag von Henner Hess („Die neue Herausforderung. Von der RAF zu Al-Qaida“) wiederholt vieles, was Kraushaar bereits in der Einleitung dargelegt hat, ohne qualitativ mithalten zu können oder neue Thesen zu entwickeln. Ähnliches gilt für Christopher Daases Aufsatz „Die RAF und der internationale Terrorismus“, der zu den gleichen Ergebnissen kommt wie der vorangehende Text von Thomas Skelton-Robinson. Latent unbefriedigend bleibt auch die Lektüre von Kraushaars Beitrag über den „Mythos RAF“ – ein Titel immerhin, der ursprünglich für die Berliner RAF-Ausstellung vorgesehen war und dieser im Vorfeld schärfste Kritik eingebracht hatte. Hier wird die analytische Differenzierung zwischen der performativen Kraft des Terrors und dessen (vermeintlicher) Mythologisierung nicht konsequent durchgehalten. Wenn Kraushaar – ganz richtig – konstatiert, dass popkulturelle Rekurse auf die RAF einer Mythologisierung eher entgegenwirken, so bleibt die Frage offen: Was ist der „Mythos RAF“, und warum ist jede öffentliche Auseinandersetzung mit dem Terrorismus der 1970er- und 1980er-Jahre immer noch ein Gang durch politisch und ideologisch vermintes Gebiet?

Insgesamt jedoch ist die Qualität der Beiträge hoch. Auch quer zu den Sektionen bilden sich thematische Schwerpunkte, die dem Werk insgesamt Gewicht verleihen. Dies gilt vor allem für die Erforschung der internationalen Beziehungen linker Terrorgruppen in der Bundesrepublik, in den USA, Japan, Italien und Uruguay sowie für die kulturhistorische Einordnung der RAF, der Revolutionären Zellen (RZ) und der Bewegung 2. Juni.

Gute Übersichtsdarstellungen liefern zum Beispiel Ingo Juchler in seinem Beitrag über die US-amerikanischen Weathermen und Claudia Derichs in ihrem Aufsatz über die Japanische Rote Armee. Derichs’ Beitrag ist insofern von großer Bedeutung, als die Autorin ein nicht nur im deutschen Sprachraum unterrepräsentiertes Thema gut lesbar darstellt. Überzeugend ist auch der Text von Thomas Skelton-Robinson über die Beziehungen des deutschen Linksterrorismus zur Volksfront für die Befreiung Palästinas (PFLP), der mit einem Umfang von 78 Seiten ein kleines Buch im Buch darstellt (zumal die Seiten großformatig und eng bedruckt sind). Skelton-Robinson verarbeitet in großem Umfang Primärquellen und Forschungsliteratur und zeigt sehr eindrücklich, dass der deutsche Linksterrorismus ohne die Hilfe palästinensischer Gruppen kaum existenzfähig gewesen wäre.

Ebenfalls ausgehend von einem internationalen Vergleich – in diesem Fall zwischen den Kriegsverlierern Deutschland, Italien und Japan – dekonstruiert Dorothea Hauser die alte These, die kritische Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit habe die 68er-Generation dazu bewogen, politisch aktiv zu werden. Vielmehr habe die RAF, so Hauser, den Bruch mit der Generation der Eltern gerade deshalb vermieden, weil sie deren Unwillen über die Niederlage im Zweiten Weltkrieg teilte und reproduzierte. Folglich erscheint in Hausers Darstellung auch der radikale und häufig antisemitisch konnotierte Antizionismus der Linken (den Wolfgang Kraushaar in einem eigenen Beitrag beleuchtet) nicht als Ausrutscher, sondern als integraler Bestandteil einer Ideologie, die die Schuld der Väter dem US-amerikanischen Imperialismus überschreibt, ohne den es den Faschismus gar nicht gegeben hätte – so die ideologische Geschäftsgrundlage der RAF. Ausgehend von der Frage, warum gerade in den Ländern der Kriegsverlierer eine überdurchschnittliche Gewaltbereitschaft linker Terroristen zu verzeichnen war, nennt Hauser die Scham über die Niederlage und die in ihr wurzelnde Identifikation mit der Elterngeneration als Ursache für die hohe Gewaltbereitschaft der radikalen Linken in der Bundesrepublik, in Italien und auch in Japan. Damit liefert sie eine ernstzunehmende Alternative zu der nach wie vor verbreiteten These, die RAF habe sich kritisch mit der NS-Vergangenheit auseinandergesetzt.

Neben der Analyse internationaler Verbindungen liegt ein zweiter Schwerpunkt auf der kulturhistorischen Einordnung der RAF. Den Auftakt dazu bildet Kraushaars sehr gelungener Aufsatz über „Dezisionismus als Denkfigur“, in dem der Autor die RAF in der europäischen Ideengeschichte verortet und sie damit – statt an den Rand der Gesellschaft – ins Zentrum modernen politischen Denkens rückt. Ganz ähnlich beschreibt Sara Hakemi die bundesdeutsche Linke als Teil einer kulturellen Avantgarde und den Terror als eine ästhetische Form, die die Protagonisten nicht weniger faszinierte als diejenigen, die angetreten waren, den Terror zu bekämpfen. Um diese These zu stärken, verzichtet Hakemi im Haupttext meist darauf, die Urheber der von ihr angeführten Zitate zu nennen, und erzielt damit die gewünschte Wirkung: Häufig verschafft erst die Lektüre der Fußnoten Klarheit darüber, ob ein Freund oder ein Feind des Terrors spricht. Darüber hinaus erfährt man hier vor allem über Andreas Baader, seine „subversive antibourgeoise Ideologie“ und deren ideengeschichtlichen Kontext mehr als in manchen biografischen Texten.

Aufschlussreich ist auch Olaf Gäthjes Text zum „info“-System der RAF, einem über die beteiligten Anwälte organisierten Kassibernetzwerk, das den inhaftierten Terroristen die unzensierte Kommunikation untereinander ermöglichte. Gäthje liefert nicht nur eine überzeugende Quellenkritik an dem von Pieter Bakker Schut herausgegebenen Band „Das Info“[3], sondern vertritt eine ähnliche These wie Kraushaar und Hakemi: dass nämlich der Sprachduktus und -habitus der RAF eine Form antibourgeoisen Protestes darstellte, die „nach der sprachgeschichtlichen Zäsur 1968 ‚zu einem Teil der politischen Praxis’“ wurde (S. 733).[4]

Diese Diagnose bestätigt Herfried Münkler in einem Beitrag über die „Sehnsucht nach dem Ausnahmezustand“. Anhand ausgewählter Beispiele zeigt Münkler, dass es den Protagonisten der RAF weniger um die Durchsetzung politischer Ziele ging als darum, die eigene Biografie nach den Prinzipien des Protests, der Illegalität und des bewaffneten Kampfes umzugestalten. Doch was „als Selbstbefreiung intendiert war, erwies sich nun als Selbstverstümmelung“ (S. 1221). Statt die zunehmende Militarisierung der Bundesrepublik zu stoppen, hatten sich die Terroristen selbst radikal militarisiert. Der zeitweise durchaus wirksame Mythos von der existenziellen Bedeutung des bewaffneten Kampfes wurde, so Münkler, nicht zuletzt durch RAF- oder RZ-Aussteiger wie Volker Speitel oder Hans-Joachim Klein zerstört, die das Leben im Untergrund als durchaus unfrei beschrieben und zugaben, dass die erwünschte Intensität von der Langeweile im Alltag zerschlagen worden sei. Münkler bestätigt damit die Vermutung, dass der Mythos RAF sich längst selbst dekonstruiert hat.

Dass Menschen, die zu jung sind, um die 1970er-Jahre bewusst erlebt zu haben, T-Shirts mit RAF-Logo tragen, tut dem keinen Abbruch. Im Gegenteil: Rolf Sachsse konstatiert in einem Text über „Prada Meinhof. Die RAF als Marke“, dass sich mit der Produktion modischer Terror-Icons der „Kreis als Regelwerk“ schließt: „Die rein geschichtliche Betrachtung nonverbaler Kommunikationen evoziert unmittelbar neue, ebenso nonverbale Formen der Kommunikation; jedes Design entsteht aus Vorhandenem und bezieht sich darauf. Ist ein solcher Prozess einige Male durchlaufen worden, festigt sich ein Begriff als Marke von hoher emotionaler Bindung, aber geringerer Sachreferenz. Diese Entwicklung hat am Beginn des 21. Jahrhunderts öffentlich auch die RAF eingeholt.“ (S. 1268) Dass man eine solche historische Entwicklung weder mit politischen noch mit moralischen Argumenten aufhalten kann, erschließt sich dem Leser der Texte von Hakemi, Münkler und Sachsse unmittelbar – wenngleich entsprechende Debatten in der Öffentlichkeit weit davon entfernt sind, die moralische Frage selbst zu historisieren.

Kritisch anzumerken wäre schließlich, dass einige wenige Themen trotz des beeindruckenden Gesamtumfangs unterbelichtet bleiben – etwa der antiimperialistisch verbrämte Antiamerikanismus der deutschen Terrorszene und, besonders bedauerlich, das Verhältnis der RAF zu den Medien. Zwar wird in einigen Beiträgen die Bedeutung der RAF für einzelne Medien (Film, Literatur, Presse) untersucht. Offen bleibt jedoch – außer in Klaus Kreimeiers brillantem Text über die RAF und den deutschen Film – die Frage nach der Medialität des Terrors selbst, die in Zeiten perfekter Symbiose zwischen Terror und Fernsehen durchaus unter den Nägeln brennt. Gleichwohl hat Wolfgang Kraushaar mit seinen Sammelbänden einen Meilenstein gesetzt und gute Grundlagen dafür geschaffen, dass mit der analytischen Distanz eine gewisse Entspannung in die öffentlich geführten RAF-Debatten einziehen möge. Der 30. Jahrestag des „Deutschen Herbstes“ ist Anlass, der Opfer des Terrors zu gedenken; er ist aber auch Anlass zu bedenken, dass der Linksterrorismus in Deutschland Historie geworden ist.

Anmerkungen:
[1] In einem Vortrag, den Reemtsma auf der Tagung „Das Phänomen RAF“ in der Evangelischen Akademie Arnoldshain gehalten hat (16. bis 19. September 2004, siehe <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/tagungsberichte/id=606> 12.10.2007).
[2] Die Einleitung ist auch online verfügbar: <www.zeitgeschichte-online.de/portals/_rainbow/documents/pdf/raf/kraushaar_rafb1_einf.pdf> 12.10.2007.
[3] Bakker Schut, Pieter H. (Hrsg.), Das Info. Briefe der Gefangenen aus der RAF 1973–1977, Kiel 1987.
[4] Gäthje zitiert hier Polenz, Peter von, Deutsche Sprachgeschichte vom Spätmittelalter bis zur Gegenwart. 19. und 20. Jahrhundert, Bd. 3, Berlin 1999, S. 323.

ZitierweiseAnnette Vowinckel: Rezension zu: Kraushaar, Wolfgang (Hrsg.): Die RAF und der linke Terrorismus. 2 Bde. Hamburg 2006, in: H-Soz-u-Kult, 24.10.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-070>.

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