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Zeitgeschichte (nach 1945)

W. Winkler: Die Geschichte der RAF

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Jan-Holger Kirsch <kirschzzf-pdm.de>
Autor(en):
Titel:Die Geschichte der RAF
Ort:Berlin
Verlag:Rowohlt Berlin Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-87134-510-4
Umfang/Preis:528 S.; € 22,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Nicolas Büchse, Hamburg
E-Mail: nbuechsegmx.de

„Deutscher Herbst“ und kein Ende: Zum 30. Jahrestag der Ereignisse von 1977 wurde die RAF noch einmal zu einem Medienereignis. Die Debatte um das Begnadigungsgesuch Christian Klars zeigte, wie schnell alte politische Grabenkämpfe wieder aufbrechen und wie die RAF noch immer zu einem Politikum werden kann. Die Nachforschungen des Sohnes des ermordeten Generalbundesanwalts Siegfried Buback machten deutlich, wie viele Fragen noch offen sind. Da die zeitgeschichtliche Erforschung des bundesdeutschen Terrorismus sich größtenteils noch in den Anfängen befindet[1], dominierten weitgehend die journalistischen Darstellungen in Zeitungen, Magazinen und Fernsehdokumentationen die Debatte. Dabei kam wenig Neues zu Tage.

Willi Winkler, Journalist bei der „Süddeutschen Zeitung“, hat nun eine Gesamtdarstellung der RAF auf den Markt gebracht, die flott geschrieben ist und einen zuverlässigen Überblick bietet – nicht mehr und nicht weniger. Zwar orientiert sich Winklers Darstellung der ersten RAF-Generation oft an Stefan Austs Pionierwerk „Der Baader-Meinhof-Komplex“[2], integriert aber darüber hinaus die Geschichte der zweiten und dritten Generation der RAF und ihre Verflechtungen mit der Bewegung 2. Juni und den Revolutionären Zellen. Von Butz Peters’ reißerischer RAF-Kriminalgeschichte „Tödlicher Irrtum“[3] unterscheidet sich das Buch angenehm durch den Versuch der Kontextualisierung des bundesdeutschen Terrorismus.

Die RAF machte sich „zum Werkzeug der Studentenbewegung der 60er Jahre, setzte deren Idealismus ebenso fort wie deren Hybris“ (S. 14), lautet die (nicht neue) Ausgangsthese des Buches. Winkler legt eingangs detailliert die einzelnen Stränge der Diskurse um Radikalität in den 1960er-Jahren offen und beschreibt die Faszination deutscher Intellektueller für revolutionäre Vordenker wie Régis Debray oder Che Guevara. Hans Magnus Enzensberger schwante 1967 ein „permanenter Kriegszustand“, der von Südamerika übergreifen könnte; Rudi Dutschke sprach schon 1966 von der „Stadtguerilla“. Von Böll und Fried, Haffner und Biermann bis Adorno und Marcuse zeichnet Winkler das ideologische Panorama intellektueller Wegbegleiter der Studentenbewegung im Hinblick auf die Kernfrage nach – die Frage der Gewalt. Dem stellt er hysterische Schlagzeilen der Springer-Presse gegenüber und beschreibt eine sich immer weiter aufheizende öffentliche Diskussion, ohne die die weitere Eskalation der 1970er-Jahre nicht denkbar gewesen wäre.

In seinem Bemühen um Einbettung der RAF in die bundesdeutsche Geschichte formuliert Winkler jedoch in einigen Fällen plakative Thesen. Er schreibt in seinem Prolog, „dass die Gewalt beim starken Wort begann und erst in der Reaktion auf staatliche Gewalt in Terror“ umgeschlagen sei (S. 15). Wäre es also nicht zum Terror gekommen, wenn der Staat nicht überreagiert hätte? Besonders hebt Winkler auf die Rolle des Verfassungsschutz-Agenten Peter Urbach ab, der die Berliner linksextreme Szene der späten 1960er-Jahre mit Sprengstoff und Waffen versorgte. „Vielleicht wäre es nie bis zur RAF gekommen“, mutmaßt Winkler, wenn Urbach früher enttarnt worden wäre (S. 69). Überlegungen zum Aufbau einer Stadtguerilla gab es jedoch auch ohne die Waffenversorgung durch Urbach, wie Winkler zuvor selbst darlegt.

Auch in der Schilderung der Sympathisantenszene im Terrorjahr 1977 greift Winkler auf die These von der Überreaktion des Staates zurück, ohne sie jedoch zu konkretisieren. Der RAF-Terrorismus liest sich bei Winkler als eine lineare Abfolge von sich gegenseitig aufschaukelnder Aktion und Reaktion. Die neuere Forschung betont indes, dass die Konfliktstruktur des bundesdeutschen Terrorismus nicht statisch war, sondern dass die Rollen ineinander übergingen.[4] Winklers Blick ist zu stark auf die Ebene des staatlichen Ermittlungsapparates gerichtet; dadurch übersieht er Nuancen in der öffentlichen Terrorismusdiskussion der 1970er-Jahre. Trotz vorübergehender Sympathisantenhysterie und autoritären Maßnahmen der Politik hat die Auseinandersetzung mit dem Terrorismus eine weitere Demokratisierung nicht verhindert, sondern als Katalysator bürgerlicher Emanzipationsbestrebungen hin zu mehr Bürgersinn gewirkt. Staatliche Maßnahmen gerieten verstärkt in den Blickpunkt einer kritischen Öffentlichkeit.[5]

Entweder würden die Studenten oder die Exponenten der Macht Amok laufen, schrieb Hannah Arendt 1969. Winkler nimmt dies auf und findet die einfache Formel: „Es waren dann beide.“ (S. 154) Dem Amoklauf der RAF widmet Winkler weite Passagen des Buches; der staatlichen Antiterrorpolitik bleibt jedoch nur sehr wenig Raum. Wann der Staat Amok gelaufen sein soll, schreibt Winkler nicht. Dies ist nicht nur ein Problem bei Winkler, sondern in den meisten bisherigen Publikationen: Sie sitzen oft selbst der Sicht der RAF auf, nämlich einer binären Konfliktanalyse Staat – RAF. Erst Analysen, die eine triadische Konstellation zwischen Staat, Terroristen und Publikum stärker in den Blick nehmen und auch die mediale Vermittlung dieser Konstellation kritisch berücksichtigen, entgehen der Gefahr, zeitgenössische Pauschalisierungen zu reproduzieren.

Befremdlich wirkt die hervorgehobene Rolle, die Winkler Horst Mahler zuschreibt. Eine Historisierung der RAF könne nicht gelingen, schreibt Winkler und zitiert dabei Mahler, „solange der Zusammenhang zwischen dem Sündenfall des Staates und der Feindschaft gegen den Staat nicht eingestanden wird“ (S. 452). Dieser Satz sei nicht falsch, nur weil er von Mahler stamme. Der bewaffnete Widerstand hätte nicht entstehen können ohne den moralischen Rückbezug auf den NS-Staat, ohne den „Sündenfall“ der unbewältigten Vergangenheit, die den RAF-Gründern in den 1960er-Jahren so lebendig vorgekommen sei, dass sie geglaubt hätten, sich dagegen in einem Akt nachholenden Widerstands erheben zu müssen. Gerade weil Winkler weit davon entfernt ist, Widerstands-Mythen der RAF weitererzählen zu wollen, fallen Beurteilungen wie diese unangenehm auf.

Für Einsteiger in die Materie gibt Winkler trotz solcher Unschärfen einen profunden Überblick. Neue Erkenntnisse zur Geschichte der RAF aber, so zeigt sich auch an diesem Buch, können nur zeitgeschichtliche Arbeiten liefern, die das Quellenkorpus erweitern und die inzwischen durchaus verfügbaren staatlichen Akten auswerten.

Anmerkungen:
[1] Vgl. zum Forschungsspektrum: Weinhauer, Klaus, Terrorismus in der Bundesrepublik der Siebziger Jahre. Aspekte einer Sozial- und Kulturgeschichte der Inneren Sicherheit, in: Archiv für Sozialgeschichte 44 (2004), S. 219-242, online unter URL: <www.zeitgeschichte-online.de/zol/_rainbow/documents/pdf/raf/weinhauer_as.pdf>; jüngst: Kraushaar, Wolfgang (Hg.), Die RAF und der linke Terrorismus, 2 Bde., Hamburg 2006.
[2] Aust, Stefan, Der Baader-Meinhof-Komplex, Hamburg 1985 (u.ö.).
[3] Peters, Butz, Tödlicher Irrtum. Die Geschichte der RAF, Berlin 2004.
[4] Vgl. Weinhauer, Terrorismus; ferner Schmid, Alex P., The Response Problem as a Definition Problem, in: Terrorism and Political Violence 4 (1992), S. 7-13.
[5] Vgl. Büchse, Nicolas, Von Staatsbürgern und Protestbürgern. Der Deutsche Herbst und die Veränderung der politischen Kultur in der Bundesrepublik, in: Knoch, Habbo (Hrsg.), Bürgersinn mit Weltgefühl. Politische Moral und solidarischer Protest in den sechziger und siebziger Jahren, Göttingen 2007, S. 311-332, online unter URL: <www.zeitgeschichte-online.de/portals/_rainbow/documents/pdf/raf/buechse_buergersinn.pdf>.

ZitierweiseNicolas Büchse: Rezension zu: Winkler, Willi: Die Geschichte der RAF. Berlin 2007, in: H-Soz-u-Kult, 24.10.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-069>.

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