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Alte Geschichte

A. Giovannini: Les relations entre États dans la Grèce antique

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Katrin Pietzner <PietznerKgeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Les relations entre États dans la Grèce antique. Du temps d'Homère à l'intervention romaine (ca. 700-200 av. J.-C.)
Reihe:Historia Einzelschriften 193
Ort:Stuttgart
Verlag:Franz Steiner Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-515-08953-1
Umfang/Preis:445 S.; € 74,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Christian Wendt, Friedrich-Meinecke-Institut, Freie Universität Berlin
E-Mail: <c.wendtkloas.de>

Bislang hat noch kein umfassendes modernes Überblickswerk die in völkerrechtlichen Kategorien zu fassenden Phänomene der griechischen Welt systematisch behandelt und so ein Bild der „zwischenstaatlichen“ Beziehungen im antiken Hellas gezeichnet.[1] Giovannini wagt einen derartigen Blick, und bereits seine Gliederung macht die Konstruktion eines großen Bogens deutlich: Von den „loseren“ sozialen Voraussetzungen und den Grundlagen der Polis-Welt (Première partie) spannt sich dieser über Konflikte und Verträge bis zu den entstehenden „systèmes d’États“ (Cinquième partie). Die Perspektive engt sich mit dem Fortschreiten des Buchs daher mehr und mehr ein, um in den sich herausbildenden großen Strukturen zu münden. Ein solches Vorgehen überzeugt in seiner logischen Anlage auf Anhieb.

Eine souveräne Quellenkenntnis ist das Fundament, auf dem Giovannini seine Darstellung entwickelt. Dabei fällt besonders positiv auf, dass entscheidende Verträge und Übereinkünfte im Auszug – übersetzt – abgedruckt und knapp kommentiert sind (S. 249–289 sowie S. 316–343). Ohne Nachschlagewerk zu sein, birgt das Werk daher durchaus den Vorzug, einen ebenso raschen wie fundierten Einstieg in ausgewählte Verhältnisse zu ermöglichen und dabei die enge Anlehnung an die zu Grunde liegenden Texte bzw. Überreste zu betonen.

Ein zentrales Problemfeld des Buchs liegt jedoch im Umgang mit der Forschungsliteratur. Während – wie erwähnt – die Quellen intensiv und umfassend behandelt werden, ist der Rückgriff auf die Ergebnisse der Althistorie nur sehr spärlich vorhanden. Dieser Umstand spiegelt sich auch im Fehlen einer übergreifenden Bibliografie; lediglich knappe Literaturempfehlungen leiten die verschiedenen Teile ein. So nützlich derartige Umrisse sein mögen, als Ersatz für eine explizite Auseinandersetzung mit den einschlägigen Publikationen taugen sie nicht. Dies gilt umso mehr, als es sich beim behandelten Thema um einen besonders interpretationsintensiven Bereich der Alten Geschichte handelt, eine Forschungsdiskussion im hier gewählten Rahmen mithin unverzichtbar gewesen wäre. Die eher deskriptive Annäherung zeugt vom Wunsch des Autors, einen Überblick anzubieten. Die Crux aber, äußerst umstrittene Topoi verkürzt und einseitig zu behandeln, ohne auch nur das Potential an Problematisierungen und Gegenmeinungen anzudeuten, kann Giovannini häufig nicht vermeiden; ebensowenig ist erkennbar, welche Aussage als gesicherter Forschungsstand und welche als Giovanninis Ansicht zu gelten hat. Die Komplexität des Themenfeldes hätte anderes geboten, der Umfang von gut 400 Seiten zumindest in Ansätzen mehr erlaubt. Auf die Appendizes zur homerischen Frage etwa hätte stattdessen gut verzichtet werden können.

Bemerkenswert ist insgesamt die Aufmerksamkeit, die die sakrale Ebene des zwischenstaatlichen Verkehrs erhält. Zu Recht betont Giovannini in diversen Bezügen, dass die Bindung an die göttliche Ebene als entscheidende Referenz für das interpolitische Handeln besonderes Interesse verdient. Plastisch entwickelt er im Abschnitt über die Moral des Krieges (S. 149–158) die Parallele zwischen der Orientierung am Göttlichen und der öffentlichen Meinung („opinion publique“, S. 153ff.), die als außerinstitutionelle Instanz auf ein rechtmäßiges Verhalten einwirkte. Die Schlussfolgerung, eine funktionierende griechische Völkerrechtsordnung habe auf dieser Basis existiert, ist womöglich Resultat einer sehr weitreichenden und optimistischen Interpretation, stellt sich aber wohltuend deutlich Tendenzen in den Weg, die – gern mit dem verkürzenden Verweis auf Thukydides – der bloßen Anarchie im antiken Hellas das Wort reden.[2] Ebenso deutlich verwirft der Autor (S. 146ff.) die noch immer häufig bemühte Wirkungsmacht eines „agonalen Prinzips“ in der griechischen Politik.[3] Nach Giovannini entspricht eine derartige Deutung in keiner Weise den Tatsachen, ja sie verfremde die Beweggründe zur Karikatur (S. 147). Stattdessen glaubt er an einen wesentlich pragmatischeren Ansatz zur Behandlung von Krieg und Frieden und vermag seine Ansicht mittels einer überzeugenden Quellenauswahl zu erhärten.

So klar und pointiert sich der Autor in diesen und anderen Fragen positioniert, so wenig zwingend scheint seine Differenzierung zwischen Verträgen und Staatssystemen (Quatrième und Cinquième partie); die Kriterien bleiben vage und erschließen sich insbesondere demjenigen nicht, der sich des Fehlens einer solchen Trennung in antiken Verhältnissen bewusst ist und folglich zunächst eine terminologische Darlegung seitens des Autors erwartet. Die eingangs begrüßte Struktur der Darstellung entwickelt sich daher nicht logisch, sondern wirkt zum Ende hin leicht verwirrend. Die etwas disparate Behandlung diverser Konstrukte trägt zum Eindruck bei, die Systematik bedürfe noch schärferer Kategorisierungen. So werden die Symmachien äußerst knapp als „système d’États“ bezeichnet (S. 360f.) und begrifflich wenig überzeugend von den „Hegemonien“ geschieden, die Epimachie gilt dagegen als „alliance défensive“ (S. 241f.).

Zudem fallen einzelne Aussagen auf, die äußerst problematisch wirken, etwa: „Les ouvrages anciens sur les relations entre États dans le monde grec ont été rendus totalement obsolètes par la très abondante documentation épigraphique qui s'est accumulée depuis un siècle [...]“ (S. 18), oder unter Berufung auf Thuk. 2,65: „Périclès, qui mettait en garde ses concitoyens contre un expansionnisme démesuré et leur conseillait de consolider l’acquis“, ein Prinzip, das laut Giovannini (gegen seine Belegstelle Thukydides) direkt nach Kimons Tod Einzug in die athenische Politik hielt (S. 381).

Manche Aspekte werden in Giovanninis Werk nicht oder kaum behandelt, was durchaus als legitime wertende Auswahl des Autors zu sehen ist; eine kurze Darlegung über die Motive des Verzichts könnte dies allerdings deutlicher machen. Die häufig gestellte Frage nach der Mitgliedschaft Athens im Peloponnesischen Bund etwa [4] hätte man, wie auch einen Hinweis auf die Ritualforschung [5], in einem Überblickswerk durchaus vermutet.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass der Ansatz Giovanninis einem Desiderat begegnet, dem das Werk nicht vollständig abzuhelfen in der Lage ist. Der Detailreichtum und die stupende Kenntnis der verschiedenen Quellengattungen können nicht über manche Probleme hinweghelfen, deren größtes in der selten kenntlich gemachten Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur begründet liegt. Einige anregende und provokante Thesen leiden so bedauerlicherweise unter fehlendem Unterbau.

Anmerkungen:
[1] Bislang hat sich die Forschung vornehmlich auf – durchaus umfassende – Spezialuntersuchungen konzentriert, vgl. neben einer Vielzahl von einzelnen Titeln etwa die Sammelbände Olshausen, Eckart (Hrsg.), Antike Diplomatie, Darmstadt 1979; Cataldi, Silvio u.a. (Hrsg.), Studi sui rapporti interstatali nel mondo antico, Pisa 1981; Frézouls, Edmond; Jacquemin, Anne ( Hrsg.), Les relations internationales. Actes du colloque de Strasbourg 15–17 juin 1993, Paris 1995; Vernant, Jean-Paul (Hrsg.), Problèmes de la guerre en Grèce ancienne, Paris 1999.
[2] Auf dieser Prämisse basiert der Rückgriff, den die Theorie der „Internationalen Beziehungen“, insbesondere die Schule des „Realismus“, auf die griechischen Verhältnisse nimmt, vgl. etwa Morgenthau, Hans J., Politics among Nations – The Struggle for Power and Peace, New York 1985; dagegen jüngst Low, Polly, Interstate Relations in Classical Greece: Morality and Power, Cambridge 2007.
[3] Lonis, Raoul, Guerre et religion en Grèce à l'époque classique, Paris 1979; Gehrke, Hans-Joachim, Jenseits von Athen und Sparta. Das dritte Griechenland und seine Staatenwelt, München 1986; Stein-Hölkeskamp, Elke, Adelskultur und Polisgesellschaft. Studien zum griechischen Adel in archaischer und klassischer Zeit, Wiesbaden 1989; Sommer, Michael, Krieg im Altertum als soziales Handeln, in: MGZ 59 (2000), S. 297–322.
[4] Dazu eingehend Baltrusch, Ernst, Symmachie und Spondai. Untersuchungen zum griechischen Völkerrecht der archaischen und klassischen Zeit (8.–5. Jahrhundert v. Chr.), Berlin 1994.
[5] Wagner-Hasel, Beate, Der Stoff der Gaben. Kultur und Politik des Schenkens und Tauschens im archaischen Griechenland, Frankfurt u.a. 2000; Herman, Gabriele, Ritualised Friendship and the Greek City, Cambridge 1987.

ZitierweiseChristian Wendt: Rezension zu: Giovannini, Adalberto: Les relations entre États dans la Grèce antique. Du temps d'Homère à l'intervention romaine (ca. 700-200 av. J.-C.). Stuttgart 2007, in: H-Soz-u-Kult, 22.10.2007, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2007-4-063>.

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