W. Burgdorf: Ein Weltbild verliert seine Welt

Cover
Titel
Ein Weltbild verliert seine Welt. Der Untergang des Alten Reichs und die Generation 1806


Autor(en)
Burgdorf, Wolfgang
Reihe
Bibliothek Altes Reich 2
Erschienen
München 2006: Oldenbourg Verlag
Anzahl Seiten
VIII + 390 S.
Preis
€ 49,80
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Julia A. Schmidt-Funke, Abteilung für Universalgeschichte, Institut für Europäische Geschichte

Ein Ausstellungs- und Veranstaltungsreigen erinnerte im vergangenen Jahr an die vor zweihundert Jahren vollzogene Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Er bestätigte, dass die reichsgeschichtliche Forschung der letzten Jahre erfolgreich an der Überwindung borussisch-kleindeutscher Deutungsmuster gearbeitet und das Alte Reich dem Vergessen entrissen hat. Gleichsam den umgekehrten Prozess einer direkt nach 1806 einsetzenden Damnatio memoriae schildert Wolfgang Burgdorfs noch rechtzeitig im Gedenkjahr erschienenes Buch. In seiner als zweitem Band der „bibliothek altes Reich“ erschienenen und für den Druck um die Hälfte gekürzten Münchner Habilitationsschrift fügt Burgdorf somit der Palette der reichsgeschichtlichen Themen und Interpretationen einen wesentlichen Aspekt hinzu. Sein Gegenstand ist die Wahrnehmung des Reichsendes durch die „1806er-Generation“ (S. 13) und deren Verdrängung im fortschreitenden 19. Jahrhundert.

Burgdorf legt gewissermaßen eine Schwesterstudie zu der gleichfalls in München entstandenen und im vorletzten Jahr publizierten Dissertation Eric-Oliver Maders vor: Während bei Mader die letzten Reichskammergerichtsassessoren im Mittelpunkt seiner „prosopographischen, geistes-, politik- und wahrnehmungsgeschichtlichen“ 1 Analysen stehen, ist es bei Burgdorf die letzte Kohorte der Regensburger Reichstagsgesandten. Burgdorf legt seinen Schwerpunkt allerdings mehr als Mader auf einen allein „wahrnehmungshistorische[n] Ansatz“ (S. 5) und entfernt sich stärker vom Untersuchungsgegenstand des „Reichspersonals“ 2, um sich dem eigentlichen Thema seines Buches zu widmen: der wirkmächtigen These vom „sang- und klanglosen Untergang“ (passim) des Alten Reiches, gegen die Burgdorf anschreibt. Gegen sie versucht er den Nachweis einer überwältigenden Kontingenzerfahrung zu erbringen, die erst durch eine Reihe folgenreicher geschichtspolitischer „Kompensationen“ (S. 225) überdeckt worden sei.

Nicht nur die derzeitige Konjunktur des Forschungsansatzes 3 lässt es naheliegend erscheinen, dass Burgdorf mit dem Begriff der Generation arbeitet. Eine intensive Auseinandersetzung mit Vorteilen und Problemen der Generationenforschung unterbleibt allerdings, denn Burgdorf will den Begriff „sehr pragmatisch“ (S. 11) verwenden, und so verzichtet er auch darauf, ihn zum roten Faden seiner Darstellung zu machen. Burgdorf versteht seine „Generation 1806“ (S. 18) als „politische Generation“ (S. 11) und charakterisiert sie anhand der Biographien der letzten Reichstagsgesandten als Funktionsträger adliger oder bürgerlicher Herkunft, die sich zum Zeitpunkt des Reichsendes mehrheitlich im fünften oder sechsten Lebensjahrzehnt (S. 12) befanden. Gemeinsame akademische Prägungen und politische Erfahrungen dieser Gruppe lassen ihn zudem von der „Generation Pütter“ (S. 13), einer „skeptischen Generation“ (S. 16) oder auch „der Generation des Korsen“ (S. 15) sprechen.

Mehr noch als von der Generationenforschung wird Burgdorfs Darstellung aber von seinem „wahrnehmungshistorische[n] Ansatz“ geprägt, der auf drei Ebenen angewendet werden soll: „1. die Wahrnehmung des Zusammenbruch des Alten Reiches, 2. die Möglichkeiten der Thematisierung dieser Wahrnehmung sowie 3. die Entstehung neuer Denkmuster“ (S. 5). Zum Tragen kommt dieser Ansatz aber bereits in der schönen und originellen Idee, im ersten Hauptkapitel die Lebenswelt des Alten Reiches aus den Augen des letzten Lübecker Komitialgesandten Johann Friedrich Hach zu schildern. Dessen erhaltene amtliche und private Korrespondenz bietet reichhaltiges Material, um ihn auf seiner Reise von der Trave an den Regen im Frühjahr 1806 zu begleiten und seine Wandlung vom hanseatischen Senator zum Reichstagsgesandten nachzuvollziehen. En passant kann Burgdorf somit allerlei reichsgeschichtliche Informationen in seine Erzählung einbinden. Zuweilen droht er allerdings dem Charme der Quellen zu erliegen und sich in Einzelbeobachtungen zu verlieren, etwa wenn er von den Gefahren einer Elbübersetzung (S. 43) oder dem reichhaltigen Reiseproviant des Gesandten (S. 48) berichtet. Leider vergibt sich Burgdorf zudem die Möglichkeit, seine Ausführungen zur Stadt Regensburg und zum Reichstag (S. 25-37) in diesen eleganten Erzählfluss einzubetten. Unnötig erscheint darüber hinaus die kursorische Schilderung der Reichsinstitutionen (S. 19-25). Sie kommt zwar eventuell der von den Reihenherausgebern erwünschten Wissenspopularisierung entgegen, doch wäre hier ein Verweis auf die gängige Einführungsliteratur 4 zweckmäßiger gewesen.

Die Perspektive der Reichstagsgesandten behält Burgdorf auch noch bei, wenn er im folgenden den „Untergang“ (S. 98) der „Alten Welt“ (S. 19) beschreibt. In einer Art historischer Nahaufnahme schildert er die Geschehnisse und Befindlichkeiten unmittelbar vor der Reichsauflösung und thematisiert die fast vollständig zum Erliegen gekommene Reichstagstätigkeit anhand der „unerträgliche[n] Langeweile 1806“ (S. 87-93), die neben einer Hitzewelle im Frühsommer 1806 die in Regensburg verbliebenen Gesandten plagte. Beides interpretiert Burgdorf im folgenden als Faktoren, die den weiteren Verlauf der Ereignisse wesentlich mitbestimmten. Ennui und Hitze führten nämlich dazu, dass die Gesandten ungewöhnlich früh in die Sommerpause gingen und in Regensburg nur ein „Notbetrieb“ (S. 121) durch vertretende Legationsräte, -sekretäre und Kanzlisten aufrecht erhalten wurde. Mit ihnen aber hatte der napoleonische Geschäftsträger Bacher leichtes Spiel, als er Ende Juli die französische Erklärung zum Ende des Alten Reiches bekannt gab. Burgdorf ist deshalb überzeugt: „Dies sollte dem Reich zum Verhängnis werden.“ (S. 121)

Burgdorfs Blick weitet sich erst im dritten Hauptkapitel „auf die allgemeine Wahrnehmung der Ereignisse“ (S. 18), indem er die Reaktionen in Wien, Berlin und Norddeutschland, in den Kreisen der Klassiker und Romantiker analysiert. Die von ihm ausgewerteten Quellen – vorrangig gedruckte und ungedruckte Briefe, Tagebücher, Memoiren und Autobiographien – haben allerdings zur Folge, dass die soziale Reichweite seiner Untersuchung begrenzt bleibt. Burgdorf sieht jedoch im Wegfall der eigens thematisierten Fürbittengebete für Kaiser und Reich (S. 211-217) und der verbreiteten Empörung über die Abschaffung der Reichsgerichte ein Indiz dafür, dass über den Stand der Gebildeten hinaus große Teile der Bevölkerung vom Ende des Reiches erschüttert wurden. In seiner Zwischenbilanz stellt er deshalb generalisierend fest: „die Deutschen zeigten sich angesichts des Untergangs des Reiches verfassungs- und fassungslos.“ (S. 224)

Die daraus abgeleiteten Verdrängungsmechanismen und Bewältigungsstrategien skizziert Burgdorf im darauffolgenden letzten Kapitel. Er konstatiert eine weitgehende „Tabuisierung der Zeitgeschichte“ (S. 272), die in der verbreiteten Sprachlosigkeit unmittelbar nach Auflösung des Reiches ihren Anfang nahm und in der Folge durch die Geschichtspolitik der deutschen Staaten befördert wurde. Ihrer eigenen Geschichte beraubt, fand die „Generation 1806“ nun einen Rückzugsort in der Beschäftigung mit der mittelalterlichen Reichsgeschichte. Ihre „Mitglieder wandelten sich vom homo politicus zum homo historicus“ (S. 295) und überführten ihr staatsrechtliches Methodenrepertoire in die aufblühende Geschichtswissenschaft. Burgdorf kann diesem Prozess allerdings nur wenig Positives abgewinnen, stellt er sich doch die grundsätzliche Frage, „ob dieser Negationismus gegenüber der jüngsten Vergangenheit für die Deutschen insgesamt langfristig wohltätig war? Ob er sie nicht zu einer mangelnden Kenntnis ihrer selbst, zu mangelndem Selbstbewusstsein führte, was langfristig zu einer Belastung für sie und ihre Nachbarn wurde?“ (S. 251; ähnlich S. 283)

Selbst wenn man Burgdorf in diesem und anderen Punkten nicht folgen mag, besticht sein Buch doch durch eine Vielzahl anregender Gedanken und Beobachtungen. Es ist sein Verdienst, das Ende des Alten Reiches in neuem Licht dargestellt zu haben. Vom „sang- und klanglosen Untergang“ wird in Zukunft nicht mehr zu sprechen sein.

Anmerkungen
1 Mader, Eric-Oliver, Die letzten „Priester der Gerechtigkeit“. Die Auseinandersetzung der letzten Generation von Richtern des Reichskammergerichts mit der Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Berlin 2005 (Colloquia Augustana 20), S. 32.
2 Baumann, Anette; Ostmann, Peter; Wendehorst, Stephan; Westphal, Siegrid (Hrsg.), Reichspersonal. Funktionsträger für Kaiser und Reich, Köln u.a. 2004 (Quellen und Forschungen zur höchsten Gerichtsbarkeit im Alten Reich 46).
3 Zuletzt Jureit, Ulrike, Generationenforschung, Göttingen 2006 (Grundkurs Neue Geschichte).
4 Zuletzt Hartmann, Peter Claus, Das Heilige Römische Reich deutscher Nation in der Neuzeit 1486-1806, Stuttgart 2005; Stollberg-Rilinger, Barbara, Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. Vom Ende des Mittelalters bis 1806, München 2006.

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