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Zeitgeschichte (nach 1945)

D. Schulze-Marmeling (Hg.): Davidstern und Lederball

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Uffa Jensen <jensenmpib-berlin.mpg.de>
Titel:Davidstern und Lederball. Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball
Herausgeber:Schulze-Marmeling, Dietrich
Ort:Göttingen
Verlag:Verlag Die Werkstatt
Jahr:
ISBN:3-89533-407-3
Bemerkungen:Mit einem Grusswort von Paul Spiegel
Umfang/Preis:509 S.; € 26,90

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Kurt Schilde, Fachbereich Erziehungswissenschaft, Psychologie und Sportwissenschaft, Universität Siegen
E-Mail: <schildesozeuro.uni-siegen.de>

Warum dieses Buch? Diese Frage beantwortet der Herausgeber Dietrich Schulze-Marmeling mit dem Hinweis, dass heute viele Menschen sehr wenig über die jüdische Bevölkerung in Deutschland wissen und wenn, dann überwiegend im Zusammenhang mit dem Holocaust: "Juden existieren nur als namenlose Opfer eines wegen seiner gigantischen Dimension unfassbaren Verbrechens." (S. 23) Mit dem Buch soll für die Sportgeschichte nachgeholt werden, was andere Disziplinen bereits geleistet haben: zu zeigen, dass Juden in nahezu allen gesellschaftlichen Bereichen präsent waren und sind und nicht vergessen werden dürfen. Die Idee, die gesammelten Erkenntnisse über das in offiziellen Chroniken entweder verschwiegene oder nur am Rande behandelte Wirken jüdischer Mäzene, Funktionäre, Trainer und Spieler zusammenzutragen und zugänglich zu machen, entstand vor zehn Jahren. Die Arbeit an einem Buch über "Fußball und Rassismus" [1] sowie zum Antisemitismus im europäischen Fußball weckte "Wehmut und Trauer über den ungeheuren Verlust, den der Holocaust – in diesem Falle aus der Perspektive des Sport- und Fußballfans – für die europäische Fußballkultur bedeutete" (S. 23). Nachdem am Holocaust-Gedenktag, dem 27. Januar 2003, der Staatsvertrag zwischen dem Zentralrat der Juden in Deutschland und der Bundesregierung unterzeichnet wurde, verband sich nicht nur für den Herausgeber und die Beiträger die Hoffnung auf eine Renaissance jüdischen Lebens in Deutschland. Ein wichtiges Anliegen dieses Buches ist es, einen kleinen Beitrag dazu zu leisten.

Seit seinen Anfängen am Ende des 19. Jahrhunderts gehörte der Fußballsport zu den beliebtesten Leidenschaften der nichtjüdischen ebenso wie der jüdischen Bevölkerung. Er übte auf nichtjüdische wie auf jüdische Jungen seine Faszination aus, völlig unabhängig davon, ob diese Kinder und Jugendlichen assimiliert oder zionistisch, religiös oder sozialistisch aufgewachsen waren. Ebenso spielten jüdische Sportler und Mäzene in der Geschichte des deutschen und internationalen Fußballsports eine wichtige Rolle. Der Gründer des ältesten heute noch bestehenden deutschen Fußballvereins, des BFC Germania 1888, war z.B. ein Fußballpionier mit dem Namen Georg Leux. Wer kennt diesen Mann noch? Auch ist fast vergessen und teilweise verdrängt, dass jüdische Männer an der Entstehung heute noch prominenter Sportvereine wie FC Bayern München, Eintracht Frankfurt, Ajax Amsterdam oder Austria Wien beteiligt waren. Selbstverständlich spielten jüdische Kicker auch in der deutschen Fußballnationalmannschaft. Schließlich trugen Juden als Sponsoren – wie man heute sagen würde – dazu bei, den Fußball zu einer Massensportart zu entwickeln, wie wir sie heute kennen. Juden waren also integraler Bestandteil der deutschen Fußballgeschichte.

Der Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 in Deutschland und wenige Jahre später fast in ganz Europa schien das Ende des jüdischen Sports zu sein. Damit die Geschichte – an die nach 1945 nur teilweise wieder angeknüpft werden konnte – nicht völlig vergessen wird, ist dieser Sammelband ein sehr wichtiges Buch: Die Spuren der aus dem kollektiven Gedächtnis der deutschen Bevölkerung verdrängten und auch von der Historiografie weitgehend vernachlässigten jüdischen Fußballsportler werden hier wieder entdeckt und bekannt gemacht.[2]

Das voluminöse Werk enthält rund dreißig Beiträge von einem Dutzend Autoren, die "das in der Regel verschwiegene oder nur mit wenigen Sätzen abgehandelte Wirken jüdischer Mäzene, Funktionäre, Trainer und Kicker" (S. 23) darstellen. Alle Aufsätze stammen von Männern – keiner einzigen Frau! – aus in der Regel publizistischen und journalistischen Arbeitszusammenhängen. Die in der Erforschung des jüdischen Sports Engagierten haben mit der wissenschaftlichen, historischen, sporthistorischen und jüdischen Geschichtsforschung in der Regel nicht viel zu tun. Dafür sind sie als professionelle Schreiber sehr gut in der Lage, 'ihre' Themen populär zu präsentieren, ohne groß auf Forschungsfragen und Kontroversen einzugehen. Um einen möglichen Kritikpunkt gleich anzusprechen: Das Buch wäre fehlgelesen, würde man es mit wissenschaftlichen Maßstäben beurteilen.

Gleich zu Beginn wird an "jüdische Fußballpioniere" erinnert: "Der in Birmingham geborene deutschstämmige Jude John Bloch wirkte Anfang der 1890er Jahre in Berlin als Gründer diverser Cricket- und Fußballorganisationen." (S. 13) Eine besondere Würdigung verdient Walther Bensemann, ein Fußballfanatiker, der sich an zahlreichen Vereinsgründungen beteiligte und die ersten Länderspiele einer deutschen Auswahl organisierte.[3] Auf ihn sowie die Brüder Fred und Gus Manning und einige andere wichtige Personen wird in zahlreichen Beiträgen hingewiesen, was leider häufige Wiederholungen mit sich bringt.

Dieses Manko hätte im Fall von Bensemann durch Insistieren des Herausgebers und Lektors vermieden werden können, denn auf diesen Mann wird gesondert in einem biografisch orientierten Beitrag eingegangen: Er stammt aus einer wohlhabenden jüdischen Familie in Berlin, soll bereits als 14-jähriger Schüler an der Gründung eines Fußballklubs mitgewirkt und als Student in Straßburg, Baden-Baden, Mannheim, Freiburg, Gießen, Würzburg und Frankfurt als Vereinsgründer und -förderer gewirkt haben. Bensemanns wichtigstes Projekt wurde der 1920 gegründete 'Kicker', eine noch heute existierende Fußballzeitschrift. Zu Beginn der nationalsozialistischen Zeit ging er als kranker Mann in die Schweiz, wo er 1934 starb. Leider sind viele Informationen in diesem Text und bei den vielen anderen Aufsätzen häufig entweder gar nicht, nicht immer oder unzureichend belegt.

Weitere biografische Skizzen rufen wichtige Personen ins Gedächtnis zurück: Julius Hirsch – "der Nationalspieler, der in Auschwitz starb", Gottfried Fuchs – "Nationalspieler mit Torrekord", Simon Leiserowitsch –"Berliner Fußballlegende", die Zwillinge Jenö und Kalman Konrad, den Trainer Hugo Meisl – "Monsieur Hugo, le Chef d'Orchestre" – und dessen Bruder Willy Meisl – "König der Sportjournalisten", Béla Guttmann – "Weltenwanderer ohne Kompromiss", Jean Bernard-Lévy – "der Fußballverrückte von Paris" sowie Friedrich Torberg – "Schriftsteller und Fußballfan". Viele weitere biografische Einzelheiten enthalten auch die Vereinsgeschichten über die "jüdischen Wurzeln" des FC Bayern München, der Frankfurter Eintracht, von Ajax Amsterdam sowie die regional bzw. national angelegten Beiträge zum jüdischen Fußball in Berlin, Wien, Budapest, Prag, Süddeutschland, im Ruhrgebiet und in Österreich, in denen den Spuren jüdischer Spieler, Trainer, Funktionäre und Sponsoren nachgegangen wird.

Ein wesentlicher Grund für die separate Organisation jüdischer Fußballspieler am Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts in eigenen Vereinen war der Antisemitismus, auf dessen Bedeutung bereits die Einleitung eingeht, in der insbesondere die Tradition des antisemitischen Klischees vom „kraftlosen“ Juden hervorgehoben wird. Er steigerte sich zu Beginn des 'Dritten Reiches' mittels 'Arierparagrafen' in Vereins- und Verbandssatzungen. Der daraus resultierende massenhafte Ausschluss jüdischer bzw. als jüdisch definierter Fußballsportler und -funktionäre aus den nun 'arischen' Vereinen hatte – neben erzwungenen Auswanderungen aus dem nationalsozialistischen Deutschland – für die Hiergebliebenen paradoxerweise eine "Blütezeit des jüdischen Sports" zur Folge. Darauf gehen mehrere Beiträge ein, die sich mit der Geschichte der zionistisch orientierten Makkabi-Bewegung, des 'assimilatorischen' Sportbundes Schild und dem Verband jüdischer neutraler Turn- und Sportvereine befassen. Sie erinnern an heute vergessene Vereine wie den Zionistischen Sportclub Köln, Hakoah Gelsenkirchen, den Jüdischen Arbeiter-Sport-Klub in Frankfurt am Main oder Makkabi Zwickau. Auf sechs Seiten werden die jüdischen Fußballmeister und Adressen von Makkabi- und Schild-Vereinen und deren Anschriften aufgelistet.

Die jüdischen Sportvereine verschwanden nach den Novemberpogromen 1938. Viele Akteure wurden mit den Massendeportationen in Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt und ermordet. Für die wenigen Überlebenden aus Deutschland und die vor den Nachkriegspogromen aus Osteuropa geflohenen Juden fand die Geschichte des jüdischen Fußballs nach dem Ende des nationalsozialistischen Deutschlands seine Fortsetzung in den Lagern der Displaced Persons - wo z.B. Hapoel Bayreuth gegen Makabi Münchberg spielte. Ergänzend sei hinzugefügt, dass 1946/47 an den internen Ligameisterschaften der Displaced Persons Camps über hundert Mannschaften teilgenommen haben.[4]

Ein heikles Thema ist bis heute die nationalsozialistische Vergangenheit des Deutschen Fußballbundes, deren Aufarbeitung ein Skandal ist. Dies ist nicht verwunderlich, bestand doch die komplette Führungsriege des Deutschen Fußballbundes aus Parteigenossen der NSDAP. Auf die „vergessene“ Geschichte des DFB wird in einem besonderen Beitrag eingegangen.

Der zweite Teil des Sammelbandes thematisiert die aus Europa ausgewanderten, vor dem nationalsozialistischen Regime aus Deutschland und den von diesem okkupierten Staaten geflohenen Sportler, Trainer und Funktionäre. Einer von ihnen war der Boxer und Fußballer Robert H. Winokur, ein "typischer Berliner Junge", der bei Hertha BSC spielte. 1938 hielt es seine Familie in der Reichshauptstadt nicht mehr aus und emigrierte nach Schanghai. Hier machte der junge Mann als Boxer und Fußballer Karriere, die er – nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in die USA eingewandert – auf dem Fußballplatz fortsetzte, während er nicht mehr in den Boxring stieg. Nicht unerwähnt bleiben soll, das in dem Buch 19 biografische Portraits von in die USA gegangenen jüdischen Akteuren wiedergegeben werden (S. 455-458). Mit dem Fußball in Israel befasst sich ein weiterer Aufsatz.

Zusammenfassend ist zu wiederholen: Die Beiträge stammen in der Regel von offensichtlich gut informierten Redakteuren, Publizisten und Lektoren. Deren Artikel sind dementsprechend flüssig geschrieben, allerdings ist die Herkunft ihrer Informationen nicht immer nachvollziehbar oder belegt. Da sie selbst für Zeitungen und Zeitschriften schreiben bzw. Verfasser von Vereinschroniken sind, halten sie solche Quellen offenbar für zuverlässig. Diesen Optimismus kann der Rezensent leider nicht teilen. Mit Michael John und Albert Lichtblau sind nur zwei an wissenschaftlichen Institutionen arbeitende Beiträger vertreten. Den Autoren ist offensichtlich bei der Abfassung ihrer Beiträge freigestellt worden, wie sie diese verfassen. Die einen nennen die von ihnen benutzte Literatur, andere belegen ihre Angaben in Endnoten etwas genauer, ein Beitrag enthält Anmerkungen und eine Bibliografie. Mehr Vereinheitlichung wäre hier besser gewesen.

Gewichtiger als diese formale Kritik ist die weitgehend unreflektierte Begrifflichkeit zu problematisieren: Wer sich mit "Juden" im Fußball beschäftigt und darüber schreibt, sollte sich bewusst sein und verdeutlichen, wovon er spricht: Ist ein "Jude" oder "jüdischer Spieler" jemand, der eine jüdische Mutter oder eine jüdische Herkunft hat, der sich als Jude empfindet, ein gläubiger Jude ist oder gar nach den rassistischen und antisemitischen 'Nürnberger Gesetzen' von 1935 so definiert wird? Leider wird in der Regel auch nicht verdeutlich, was mit "jüdische Aktive" oder "jüdischer Herkunft" bzw. "jüdische Mäzene, Funktionäre, Trainer und Journalisten" gemeint ist. Immerhin wird erfreulicherweise in dem Beitrag von W. Ludwig Tegelbeckers über Béla Guttmann die "jüdische Matrix" thematisiert (S. 359f.). Unangenehm aufgestoßen sind auch Formulierungen wie "Hitler entkommen" (S. 499), mit der 'vergessen' wird, dass viele Millionen Deutsche hinter ihrem 'Führer' standen. Die Verfolgten sind doch der nationalsozialistischen 'Volksgemeinschaft' – aus der sie ausgeschlossen waren – entkommen und nicht nur deren 'Führer' allein.

Ein weiteres Problem ist, dass nicht alle Abkürzungen der Vereinsnamen aufgelöst werden, was das Lesen etwas erschwert. Auch hätte ein Glossar dem Band gut angestanden. Ebenso fehlen ein Personenregister und Ortsregister. Immerhin ist ein 20-seitiges Namensverzeichnis nur über die home page des Verlages <www.werkstatt-verlag.de/pages/2_ge.html> abrufbar - die paar Seiten anzufügen hätte sich gelohnt. Falls eine neue Auflage geplant wird, sollte das Register unbedingt als Anlage beigefügt werden.

Bei aller Kritik im Einzelfall ist ein wichtiges und gut lesbares Buch entstanden, mit dem der Einstieg in einen 'vergessenen' Teil der deutschen Zeitgeschichte und Sporthistoriografie erleichtert wird. Dieses umfangreiche Werk macht auf Defizite der etablierten wissenschaftlichen Forschung aufmerksam und bringt ein fast vergessenes und verdrängtes Forschungsfeld ins Licht der Öffentlichkeit. Zukünftige Forschungen werden sich an diesem Sammelband zu orientieren haben.

Anmerkungen:
[1] Beiersdorfer, Dietmar u.a., Fußball und Rassismus, Göttingen 1993.
[2] Zu den wenigen Ausnahmen gehören das Buch des Sporthistorikers Bernett, Hajo, Der Jüdische Sport im nationalsozialistischen Deutschland 1933-1938, Schorndorf 1978; vgl. aus jüngerer Zeit die illustrierte Darstellung von Friedler, Eric, Makkabi chai – Makkabi lebt. Die jüdische Sportbewegung in Deutschland 1898-1998, Wien 1998. Hinzuweisen ist noch auf die Zeitschrift SportZeiten. Sport in Geschichte, Kultur und Gesellschaft, in der in den vergangenen Jahren einige Aufsätze zum jüdischen Sport allgemein und auch zu Juden im Fußball erschienen sind, z.B. von den im besprochenen Sammelband ebenfalls vertretenen Buschbom, Jan; Eggers, Eric, "So wird ein guter Sportsmann gewöhnlich auch ein guter Staatsbürger sein ..." Deutsche Juden in den bürgerlichen Vereinen der Weimarer Republik – Das Fallbeispiel Tennis Borussia Berlin, in: SportZeiten 3,2 (2003); Oswald, Rudolf, "Ein Gift mit echt jüdischer Geschicklichkeit ins Volk gespritzt" (Guido v. Mengden): Die nationalsozialistische Judenverfolgung und das Ende des mitteleuropäischen Profifußballs, in: SportZeiten 2,2 (2002); Niewerth, Toni; Peiffer, Lorenz, "Jüdischer Sport in Deutschland" – eine kommentierte Bibliografie, in: SportZeiten 1,2 (2001).
[3] Vor kurzem ist eine Biografie über ihn erschienen: Beyer, Bernd M., Der Mann, der den Fußball nach Deutschland brachte. Das Leben von Walther Bensemann. Ein biographischer Roman, Göttingen 2003.
[4] Vgl. Becker, Hartmut, Jüdischer Sport in Displaced Persons Camps, in: Ders. u.a. (Redaktion), Die Gründerjahre des Deutschen Sportbundes. Wege aus der Not zur Einheit, hg. v. Deutscher Sportbund, Schorndorf 1990, S. 161.

ZitierweiseKurt Schilde: Rezension zu: Schulze-Marmeling, Dietrich (Hrsg.): Davidstern und Lederball. Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball. Göttingen 2003, in: H-Soz-u-Kult, 25.03.2005, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-1-219>.

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