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Nationalsozialismus

B. Strebel: Das KZ Ravensbrück

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Vera Ziegeldorf <ziegeldorfvgeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Das KZ Ravensbrück. Geschichte eines Lagerkomplexes
Ort:Paderborn
Verlag:Ferdinand Schöningh Verlag
Jahr:
ISBN:3-506-70123-1
Umfang/Preis:615 S.; € 50,00

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Johannes Schwartz, Arbeitsstelle für Historische Anthropologie, Universität Erfurt
E-Mail: <johannesschwartz.eu.com>

An Gesamtdarstellungen zur Geschichte des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück lagen in Buchform bisher in deutscher Sprache nur zwei DDR-Veröffentlichungen[1], die Untersuchung der Ravensbrück-Überlebenden Germaine Tillion[2], das umfassende „Kalendarium der Ereignisse” von Grit Philipp[3] und die Darstellung des Häftlingsalltags von Jack Morrison[4] vor. Mit der überarbeiteten Fassung seiner im Mai 2001 an der Universität Hannover angenommenen Dissertation präsentiert Bernhard Strebel nun die bei weitem umfangreichste Gesamtdarstellung.

Er gliedert die Arbeit in vierzehn Kapitel. Nach der Vorgeschichte der Verfolgung von Frauen im Nationalsozialismus, dem Bau des Lagers und dem Bewachungspersonal werden sämtliche Lager, die der Ravensbrücker KZ-Kommandantur unterstanden, in einzelnen Kapiteln behandelt: das im Mai 1939 errichtete Frauenlager, das im April 1941 angeschlossene Männerlager, das zwischen Ende März und Mitte Juli 1942 Ravensbrück unterstellte Frauenlager in Auschwitz, das im Mai 1942 eröffnete „Jugendschutzlagers Uckermark” in der Nähe von Ravensbrück und die Fertigungsstelle der Firma Siemens & Halske in Ravensbrück (in der im August 1942 erstmals in größerem Maßstab in Deutschland weibliche KZ-Häftlinge in der Rüstungsindustrie ausgebeutet wurden). Jedes dieser Kapitel gliedert Strebel in Unterkapitel zur Bewachungsstruktur, zur Zusammensetzung und Herkunft der Häftlinge, zu den Existenz- und Arbeitsbedingungen, den Schikanen, Misshandlungen und Strafen. Im Anschluss gibt Strebel einen Überblick zu den ab Dezember 1942 aufgebauten 42 Außenlagern Ravensbrücks, schildert die letzten Kriegsmonate, rechnet die Gesamtzahl der in Ravensbrück ermordeten und verstorbenen Frauen, Kinder und Männer hoch und fügt als Anhang eine Studie zu Formen des Widerstandes im KZ an.

Diese umfassende, auf Vollständigkeit zielende Gesamtdarstellung ist im Charakter so angelegt, dass man bedauert, dass verschiedene Archive nicht aufgesucht[5], wichtige FunktionsträgerInnen im Frauenlager namentlich nicht aufgeführt[6], und Forschungsarbeiten zu speziellen Themen nicht ausgewertet wurden.[7] In einer solchen Detailkritik darf man allerdings nicht aus den Augen verlieren, in welchem Umfang Strebel Akten- und Literaturberge bewältigt und zu einer in ihrer Akribie, Sorgfalt und Zuverlässigkeit beeindruckenden Gesamtdarstellung ausgearbeitet hat. Gleichsam stellt sich die Frage, welche analytischen Zugänge Strebel gewählt hat und welche Erklärungen er für die Verbrechen im Konzentrationslager anbietet.

Zunächst einmal fällt auf, dass Forschungsstand und Fragestellung erstaunlich schnell abgehandelt werden. Kaum ein Begriff wird definiert, um zentrale Probleme zu analysieren. Den Begriff „System“ z.B., den Strebel häufig verwendet (z.B. S. 14, 21), erörtert er nirgends in theoretischer Hinsicht. Die Zielsetzung seiner Untersuchung erscheint allein deskriptiver Natur zu sein: „eine Geschichte des Lagerkomplexes” und „eine gesicherte Dokumentation der Ereignisse und Entwicklungen” zu schreiben. Dazu zählen die Herkunft der Täter, die Hintergründe der Verfolgung und Deportation der Gefangenen und die „himmelweiten Unterschiede” in den Lagerbereichen, d.h. in den Lebens- und Arbeitsbedingungen der einzelnen Verfolgtengruppen (S. 20f.).

Durch die vielen und langen Zitate aus den Erinnerungen der Überlebenden werden die Lebens- und Arbeitssituationen der Gefangenen in den unterschiedlichen Lagerbereichen in sehr dichter Form beschrieben. Darüber hinaus gelingt es Strebel, die großen Entwicklungslinien, Phasen und den Wandel der Funktionen der einzelnen Lagerbereiche herauszuarbeiten. Nur in diesem Zusammenhang wird die Kategorie „Geschlecht” als Vergleichsinstrumentarium eingesetzt: Das „Bewachungsmodell”, die Todeszahlen, die Arbeitsarten und Lebensbedingungen in Männer- und Frauenlagern werden systematisch miteinander verglichen (z.B. S. 52, 102, 523ff.).

Doch gerade hierin liegt auch ein Problem des methodischen Ansatzes. Abgesehen davon, dass in diesem Zusammenhang merkwürdige Formulierungen wie „das Bewachungsmodell [...] hinkte [...] hinterher” (S. 52, 102) verwendet werden, fragt man sich doch, was der Erkenntnisgewinn bei diesem Vergleich ist. Ist es so verwunderlich, dass in einer patriarchal strukturierten Gesellschaft die Nationalsozialisten zunächst ihre männlichen Gegner in Konzentrationslager internierten? Generell setzt der Ansatz, die Funktionen der Lager als einheitlich im Wandel zu beschreiben, auch immer voraus, dass die Interessen von SS und Wirtschaft zu einem konkreten Zeitpunkt homogen waren. Aber ist es nicht auch denkbar, dass die planenden und ausführenden TäterInnen zu unterschiedlichen Zeitpunkten eine Vielfalt von Plänen, Ideen und Konzepten, z.T. wohl auch zeitgleich, verfolgten?

Die hier geäußerte methodische Kritik zielt also vor allem auf die Darstellung der TäterInnen. Zwar werden die Intentionen der Verantwortungsträger der Rüstungsbetriebe, der Planungsstäbe und Abteilungsleiter der staatlichen Institutionen und KZ-Verwaltungen kenntnisreich und detailgenau geschildert. Doch gerade dort, wo auf der Ebene der TäterInnen Wahrnehmungsunterschiede und divergierende Zielsetzungen deutlich werden, die bei unserem heutigen Kenntnisstand mitunter auch als „makaber” erscheinen mögen (so Strebel z.B. auf S. 352, Anm. 62), stößt Strebels systematisierender Ansatz an seine Grenzen. Der Motivationsschub bei den TäterInnen für ihr Handeln durch eine besondere Kombination berufsspezifischer und ideologischer Orientierungsmuster wird kaum als solcher wahrgenommen.

So stellt Strebel z.B. die SS-Ärzte Percival Treite und Franz-Ferdinand Lucas als „schillernde“ und „zwiespältige Figuren“ dar, da Überlebende bezeugen, dass Treite ein „guter Organisator“ gewesen sei, sein Personal geschützt habe und „saubere Bettlaken und gewaschene Hände geliebt habe“. Gleichzeitig aber habe er „ungerechtfertigte Operationen an Häftlingen vorgenommen“ und z.B. „eine kleine Zigeunerin [...] mit offenen Bauch liegen gelassen“. Der SS-Arzt Lucas habe Tuberkulosekranken das Leben gerettet, aber gleichzeitig Sinti und Roma sterilisiert (S. 244f.). Abgesehen davon, dass man den Charakter von NS-Tätern nicht mit metaphorischen Verben wie „schillernd“ verherrlichen sollte, dürfte ein „Zwiespalt“ nur aus der Sichtweise eines einheitlich dämonisierenden Täterbildes erkennbar sein, war doch gerade die eigenwillige Mischung aus Berufsethos und antiziganistisch motiviertem Tatendrang charakteristisch für viele NS-Täter aus der wissenschaftlichen Elite.

Seine eingangs gestellte „Frage nach der Identität der Täter und Täterinnen” und „ihrer psychosozialen Disposition” (S. 20) beantwortet Strebel in seiner Schlussfolgerung schließlich mit Kategorien wie „Autoritätshörigkeit“, „Opportunismus, Anpassung, Gleichgültigkeit und Abstumpfung” erstaunlich verallgemeinernd und homogenisierend (S. 527f.). So wird in keiner Weise die Vielfalt berufsspezifischer, alltagsweltlicher, ideologischer und geschlechtsspezifischer Orientierungen deutlich, die zu den Motiven der Vielen und Einzelnen gezählt werden können, sich auf ihre oft eigensinnige Art und Weise an der Organisationsaufgabe und an den Verbrechen in den Konzentrationslagern zu beteiligen.[8]

Auch wenn somit die Täterdarstellung Bernhard Strebels in ihrem analytischen Zugriff unbefriedigend erscheint, kann man als Fazit dennoch nicht umhin zu betonen, dass ihm in zehnjähriger Recherchearbeit ein in seinem Umfang und in seiner Genauigkeit fast unübertreffbares Grundlagenwerk der Ravensbrück-Forschung gelungen ist. Weitere Studien werden nun vor allem analytische und methodische Diskussionen führen müssen, die das Handeln und Verhalten der TäterInnen und Opfer genauer in Begriffe fassen, um so die ungeheuren Verbrechen in den Konzentrationslagern besser erklären zu können.

Anmerkungen:
[1] Buchmann, Erika, Die Frauen von Ravensbrück, Berlin 1959; Zörner, G., Frauen-KZ Ravensbrück, Berlin 1973.
[2] Tillion, Germaine, Frauenkonzentrationslager Ravensbrück, Lüneburg 1998.
[3] Philipp, Grit, Kalendarium der Ereignisse im Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück 1939-1945, Berlin 1999.
[4] Morrison, Jack, Ravensbrück. Everyday Life in a Woman’s Concentration Camp 1939-45, Princeton 2000, Dt.: Ravensbrück. Das Leben in einem Konzentrationslager für Frauen 1939-1945, Zürich 2002.
[5] Zahlreiche Archive wurden nicht besucht, so z.B. diejenigen in Colmar und Moskau, die Staatsarchive in Ludwigsburg, Düsseldorf, Speyer, München und Bremen u.v.a.m. Besonders erstaunt jedoch, dass nicht einmal der einschlägige Tagungsband von Eschebach, Insa; Kootz, Johanna (Hgg.), Das Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück. Quellenlage und Quellenkritik, Berlin 1997; erwähnt wird, in der sich weitere vertiefende Studien zum Quellenbestand im In- und Ausland zu Ravensbrück befinden, der von Strebel bei weitem nicht in diesem Maße erschlossen wurde.
[6] Der Leiter der Personal-Abteilung, Xaver Simon, die stellvertretende Schutzhaftlager-Oberaufseherin Else Krippner, die Rapportführerinnen Knack, Olga Nickel und Hildegard Knop, u.v.a.m. werden nicht erwähnt.
[7] Überhaupt nicht ausgewertet wurden z.B. die Videofilme des Oral-History-Projektes von Loretta Walz (vgl. dazu: www.loretta-walz.de), der umfangreiche Tagungsband von Eschebach, Insa; Jacobeit, Sigrid; Wenk, Silke (Hgg.), Gedächtnis und Geschlecht. Deutungsmuster in Darstellungen des nationalsozialistischen Genozids, Frankfurt am Main 2002 und Stoll, Katrin, Walter Sonntag – ein SS-Arzt vor Gericht, in: Zeitschrift für Geschichtswissenschaften 50 (2002), S. 918-939.
[8] Vgl. dazu z.B. als Fallstudie: Schwartz, Johannes, Das Selbstverständnis Johanna Langefelds als SS-Oberaufseherin, in: Fritz, Ulrich; Kavcic, Silvija; Warmbold, Nicole (Hgg.), Tatort KZ, Neue Beiträge zur Geschichte der Konzentrationslager, Ulm 2003, S. 71-95.

ZitierweiseJohannes Schwartz: Rezension zu: Strebel, Bernhard: Das KZ Ravensbrück. Geschichte eines Lagerkomplexes. Paderborn 2003, in: H-Soz-u-Kult, 24.01.2005, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2005-1-056>.

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