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Neuere Geschichte

R. Schilling: "Kriegshelden"

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Ewald Frie <ewald.frieuni-tuebingen.de>
Autor(en):
Titel:"Kriegshelden". Deutungsmuster heroischer Männlichkeit in Deutschland 1813-1945
Reihe:Krieg in der Geschichte 15
Ort:Paderborn
Verlag:Ferdinand Schöningh Verlag
Jahr:
ISBN:3-506-74483-6
Umfang/Preis:Festeinband; 436 S.; € 49,00

Rezensiert für H-Soz-Kult von:
Thomas Kühne, Pädagogische Hochschule Weingarten
E-Mail: <KuehneTt-online.de>

Anzuzeigen ist eine Verfallsgeschichte. Dem bürgerlichen Kriegshelden war zwar ein langes Leben beschieden, aber nur in symbolischer Hinsicht, und selbst dieses symbolische Leben war gezeichnet vom Niedergang. Erfunden im Zuge der Befreiungskriege nach 1813, konstruiert als Integrationsfigur, die es dem männlichen bürgerlichen Individuum erlaubte, in die Rolle des Soldaten zu schlüpfen, ohne seine zivile Identität preisgeben zu müssen, war die Geschichte des Kriegshelden im Kaiserreich und in der Weimarer Republik geprägt von obrigkeitsstaatlichen und völkisch-nationalistischen Umdeutungen, bis er schließlich vom nationalsozialistischen Führerkult vereinnahmt wurde und nach 1945 der Verdammung anheim fiel und in Vergessenheit geriet.

Diese Geschichte entfaltet Rene Schilling am Beispiel von vier Musterexemplaren des „Kriegshelden“. Zum einen geht es um den Dichter Theodor Körner und den Pädagogen Friedrich Friesen, die zunächst entschieden bürgerliche Lebenswege eingeschlagen hatten, bevor sie sich 1813 dem Lützowschen Freikorps anschlossen und als Offiziere fielen. Zum anderen handelt es sich um zwei Berufssoldaten der neuen, elitären Waffengattungen des Ersten Weltkrieges: um Manfred von Richthofen, der mit 80 Abschüssen als der erfolgreichste Jagdflieger seiner Zeit galt, bis er 1918 selbst einem Luftgefecht zum Opfer fiel, sowie den U-Boot-Kommandanten Otto Weddigen, der ein neues Kapitel der Marinegeschichte schrieb, als er im September 1914 drei britische Panzerkreuzer versenkte.

An der Schnittstelle zwischen Bürgertums-, Militär- und Geschlechtergeschichte angesiedelt, fragt Schillings Untersuchung nach den Beziehungen zwischen Zivilgesellschaft, Militär und Krieg in der Moderne, die seit zehn bis fünfzehn Jahren in wachsendem Maße Gegenstand der Forschung sind. Schilling möchte mit einer Rezeptionsgeschichte der vier Opferhelden Aufschlüsse gewinnen über Entstehung, Schübe, Perioden und Erscheinungsformen der Militarisierung der deutschen Gesellschaft. Er geht von einem wissenssoziologisch inspirierten Ansatz aus. Das Konstrukt des „Helden“ wird als Deutungsmuster aufgefasst, das Wahrnehmungen strukturiert, Erfahrungen interpretiert und Verhalten motiviert. Aufgrund seines normativen, soziale Relevanz erheischenden Gehalts kann es zumindest in pluralistischen Gesellschaften nicht anders als – mehr oder weniger - umstritten sein. Vermittelt wird das Deutungsmuster durch Texte und Reden, aber als Gegenstand sozialer Verhandlungen ist es auch etwa bei Besuchen und Festen zum Gedenken an die Helden präsent. Schillings Materialbasis bilden daher eine Vielzahl von monographisch oder unselbständig publizierten Biografien und Gedenkartikeln, auch in der meinungsführenden Tagespresse unterschiedlicher Provenienz, sowie archivalisches Material, das die Vorbereitung, Durchführung und Resonanz der Gedenkveranstaltungen zu Ehren der vier Helden beleuchtet.

Vier Leitfragen bestimmen Schillings Untersuchungsgang. Erstens: Welche individuellen Qualitäten machten den Helden zum Helden, und in welcher Relation standen dabei militärische und zivile Tugenden? Zweitens: Wie ordnen sich die Helden ins polare Gefüge der Geschlechterordnung ein? Wie „männlich“ waren sie, welche Rolle spielten Frauen im Heldenkult? Drittens: „Für welche politische und soziale Gesellschaftsordnung der Nation starb der ‚Held‘“ (S. 21)? Viertens: Welche gesellschaftlichen Gruppen trugen den Kult um den Helden? Die Antworten bestätigen im Wesentlichen die gängigen Periodisierungen der deutschen Geschichte, sie vertiefen aber die in jüngster Zeit verschiedentlich unternommenen Bemühungen um eine differenzierte Sicht auf „den“ lange Zeit als homogen missverstandenen sozialen Militarismus.[1] Sie zeigen im übrigen, dass namentlich Körner und Friesen von praktisch jeder politischen Richtung zur historisch-mythischen Absicherung des eigenen Programms in Anspruch genommen werden konnten, wenn von dieser Möglichkeit auch in unterschiedlichem Maße Gebrauch gemacht wurde. Die „Verehrergemeinde“ der Kriegshelden verbreiterte sich zwar vom 19. Jahrhundert bis in die NS-Zeit zusehends und schloss auch kleinbürgerliche Kreise ein. Dominant aber blieb durchweg, wie Schillings Recherchen zur Trägerschaft der Heldenfeiern zeigen, das akademisch gebildete Bürgertum.

Bis in die 1860er Jahre firmierten Körner und Friesen als Inkarnationen des patriotisch-wehrhaften Bürgerhelden. Dieser ‚arbeitete‘ der allgemeinen Wehrpflicht als eines Motors der elitär-bürgerlich oder demokratisch-egalitär konzipierten politischen Partizipation der Gesellschaft und ihrer nationalen Einigung vor. Der Soldat war in erster Linie Staatsbürger, er forderte die Zivilisierung des Militärs ein – und nicht die Militarisierung der Zivilgesellschaft. Dieser Held richtete sich einerseits am ganzheitlichen, individualistischen bürgerlichen Bildungskonzept und am kosmopolitischen Humanitätskonzept aus; auch da, wo er auf die Franzosen einschlug, wahrte er ritterliche Qualitäten, zügelte seinen Hass. Andererseits war diese Heldenfigur nicht ausschließlich von Männern besetzt. Zumindest ausnahmsweise traten in der kollektiven Erinnerung an die Befreiungskriege Frauen als Soldatinnen auf, die eine gewisse Durchlässigkeit der Grenzen der dichotomischen Geschlechterordnung (Frauen und Familie, Männer und Öffentlichkeit) anzeigten.

Die politisch oppositionellen, gegen den Obrigkeitsstaat gerichteten Elemente dieser Heldenfigur, der sich durch die Offizierswahl als einem Charakteristikum der Landwehr legitimierte, gerieten seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts immer mehr in Vergessenheit. Sie wurden allenfalls noch im linksliberalen und im sozialdemokratischen Milieu bewahrt. An die Stelle des Bürgerhelden trat der „reichsnationale Kriegsheld“ (S. 169). Seine Biografie hielt zur „Einordnung des Einzelnen in disziplinierende, obrigkeitlich ausgerichtete Ordnungsmodelle“ an. In deren Zentrum stand das Militär als eines „nun von Frauen unangefochtenen Schutzraums zur Entfaltung seiner soldatisch definierten Männlichkeit“. Sein dezidiert antifeministischer und antidemokratischer Impetus verband sich mit dem aggressiven Nationalismus, der das politische Klima der wilhelminischen Zeit prägte.

Der Übergang zum dritten „Idealtypus“, dem „charismatisch-kriegerischen Volkshelden“ (S. 316) setzte schon im späten Kaiserreich ein, um in der Weimarer Republik und vor allem im Nationalsozialismus zur vollen Entfaltung zu gelangen. Dieser Kriegsheld war erhaben über die bürgerliche Lebenseinstellung. Er verkörperte die „Überwindung aller individuellen Neigungen zugunsten der rassisch homogenen Volksgemeinschaft“, kompromisslose Kampf-, das heißt: Opfer- und Tötungsbereitschaft, Härte und Rücksichtslosigkeit gegen sich und andere. Diesem Ideal ließen sich Körner und Friesen nur noch mit Mühe einpassen. Der Erste Weltkrieg brachte denn auch neue Heldenpersönlichkeiten hervor, vor allem in Gestalt der technikbegeisterten und mit der Kriegstechnik virtuos hantierenden Berufsoffiziere. Körner und Friesen büßten – im und nach dem Ersten Weltkrieg – ihre Popularität zugunsten des U-Boot-Fahrers Weddigen und des „roten Barons“, des Jagdfliegers Richthofen ein Stück weit ein, ohne doch gänzlich vom Tableau des Heldenkults zu verschwinden. In der NS-Zeit und zumal in der Endphase des Zweiten Weltkrieges gelangten diese sogar wieder zu neuer Ehre, als das Regime alle Register des kulturellen Gedächtnisses zog, um die zunehmende Kriegsmüdigkeit zu bekämpfen und die Durchhaltebereitschaft der Bevölkerung anzustacheln.

Schillings klar geschriebene, leider – aber das geht wohl aufs Konto des Verlages - von Trenn- und anderen Druckfehlern wimmelnde Studie schließt mit einem Ausblick auf die Zeit nach 1945. Ganz in Vergessenheit gerieten die vier „Helden“ nicht. Aber viel mehr als lokale Bedeutung hatte die öffentliche Erinnerung an sie nicht. Die Stadt Herford übernahm die Patenschaft für das Unterseeboot U 9 der Bundesmarine, in der DDR knüpfte die NVA an den Körner-Kult an, indem sie den Helden als Kämpfer gegen die „Tyrannei“ des Feudalismus ihrem „nationalen Kulturerbe“ (S. 392) zuschlug. Aber auch hier blieb die Körnerverehrung im Wesentlichen auf dessen Geburtsstadt Wöbbelin beschränkt. Schilling deutet selbst an, dass der Eindruck, den seine auf vier exemplarische Heldenfiguren begrenzte Studie nahelegt, dass es nämlich nach 1945 keinen (militärischen) Heldenkult gegeben habe, problematisch ist. Seine Vermutung, dass die „Verherrlichung militärischer Traditionen“ in einer „Gesellschaft mit pluralen Lebensstilen“ in bestimmten Segmenten durchaus möglich ist, dürfte zutreffend sein, und vermutlich waren und sind diese nicht so klein, wie er meint (S. 393). Darauf deuten u.a. die enormen Auflagenzahlen der Landser-Hefte oder ähnlicher Produkte der popularen Kriegsliteratur sowie die einschlägigen Beiträge der Filmindustrie hin.

Die Begrenzung Schillings auf einige wenige Heldenfiguren ist arbeitsökonomisch sicher gerechtfertigt und für das „bürgerliche“ 19. Jahrhundert sachlich durchaus naheliegend. Sie ist zweifellos auch eine wichtige Voraussetzung für die methodische Stringenz, die diese Studie auszeichnet. Über die Auswahl lässt sich im Einzelnen immer streiten. Nach 1945 traten, wie schon nach 1918, an die Stelle der Helden aus älteren Kriegen solche aus dem jüngsten Krieg – Rommel ist nur der prominenteste; die oft und kritisch diskutierte Namensgebung der Bundeswehrkasernen zeigt, wie groß der personelle Radius des Heldenkults war und ist, den die kollektive Erinnerung an die Wehrmacht absteckt. Aber diese Zeit behandelt Schilling eben auch nur und aus guten Gründen in Form eines knappen Ausblicks, und ebenso enthält er sich, von wenigen Andeutungen abgesehen, komparatistischer Überlegungen, die seine Befunde in die Entwicklung des Deutungsmusters von Opfer- oder anderen Kriegshelden in anderen westlichen (oder östlichen?) Nationalstaaten einordnen könnten. Zumindest das britische Beispiel [2] spricht für Schillings Vermutung, dass die „Abwertung des bürgerlichen Ordnungsmodells in Verbindung mit einem heroisch-militärischen Gestus“ (S. 381) in anderen Staaten weniger nachhaltig war.

Es stellt sich allerdings die Frage, ob die Fokussierung auf einzelne, herausragende Kriegerhelden für das 20. Jahrhundert überhaupt dasselbe zu leisten vermag wie für das 19. Jahrhundert. Im Zeitalter der Totalen Kriege war das Individuum als Akteur des Krieges – also nicht nur als Opfer, sondern auch als Täter der kriegerischen Gewalt – obsolet. Die Erfahrung des Destruktions- und Grausamkeitspotentials zu Beginn des 20. Jahrhunderts desavouierte die um das Individuum kreisende Moral der Gewissenskultur. Das massenhafte Bewusstsein von der aktiven Beteiligung an der Produktion riesiger Leichenberge begünstigte nach 1918 den Aufstieg eines Moralsystems, das versprach, an die Stelle der unsicheren und verunsichernden Introspektion durch das Ich die Sicherheit des sozialen Zwangs und die Geborgenheit im Wir zu setzen. Diese Moral bezeichnen Kulturanthropologen als Schamkultur. Die Schamkultur erzieht zur Konformität, zur Unauffälligkeit, zum Mitmachen. Sie verehrt die Gruppe – nicht das Individuum.[3]

Das Individuum hatte nur dann eine Chance, als Kriegsheld verehrt zu werden, wenn es sich der Gemeinschaft unterwarf oder, besser noch, als ihr Motor wirkte. Diese Qualität des Kriegshelden, als charismatischer, quasi-religiöser und gleichzeitig volkstümlicher Führer die Vergemeinschaftung der Soldatengruppe im Krieg zu garantieren, ist der umsichtigen Quellenschau Schillings keineswegs verborgen geblieben. Mehr noch als er annimmt, lösten sich jedoch in diesem Ideal die Geschlechterstereoype (nicht die Hierarchie der Geschlechter) auf. Denn der charismatische Führer einer kriegerischen Volksgemeinschaft hatte weitaus größere habituelle Freiheiten und Handlungsmöglichkeiten als der patriotische Bürgerheld – mit offenen Grenzen nicht nur zur männerbündischen Homoerotik, sondern auch zu vielfältigen Varianten des Normbruchs oder Verbrechens. Die „Deutungsmuster heroischer Männlichkeit“ dagegen, wie Schilling sie im Spiegel individueller Soldatenbiografien vorstellt, hatten zumindest in Deutschland im Ersten Weltkrieg ihren Zenit überschritten.

Anmerkungen:
[1] Vgl. zuletzt insbesondere Benjamin Ziemann, Sozialmilitarismus und militärische Sozialisation im deutschen Kaiserreich 1870-1914. Desiderate und Perspektiven in der Revision eines Geschichtsbildes, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 53 (2002), S. 148-164; zudem Thomas Kühne und Benjamin Ziemann, Militärgeschichte in der Erweiterung. Konjunkturen, Interpretationen, Konzepte, in: dies. (Hg.), Was ist Militärgeschichte?, Paderborn 2000, S. 9-46, hier S. 22ff.
[2] Dawson, Graham: Soldier Heroes. British adventure, empire and the imagining of masculinities, Routledge, London etc. 1994.
[3] Vgl. etwa meine Skizze: Der Judenretter und seine Kameraden. Gemeinschaftsmoral und Gemeinschaftsterror in der Wehrmacht, in: Wolfram Wette (Hg.), Retter in Uniform. Handlungsspielräume im Vernichtungskrieg der Wehrmacht, Frankfurt am Main 2002, S. 32-43.

ZitierweiseThomas Kühne: Rezension zu: Schilling, René: "Kriegshelden". Deutungsmuster heroischer Männlichkeit in Deutschland 1813-1945. Paderborn 2002, in: H-Soz-Kult, 07.04.2003, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-2-013>.

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