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Nationalsozialismus

M. Gailus: Protestantismus und Nationalsozialismus

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Vera Ziegeldorf <ziegeldorfvgeschichte.hu-berlin.de>
Autor(en):
Titel:Protestantismus und Nationalsozialismus. Studien zur nationalsozialistischen Durchdringung des protestantischen Sozialmilieus in Berlin
Reihe:Schriftenreihe des Arbeitskreises für moderne Sozialgeschichte 61
Ort:Köln
Verlag:Böhlau Verlag Köln
Jahr:
ISBN:3-412-07201-X
Umfang/Preis:X, 735 S.; € 75,50

Rezensiert für H-Soz-u-Kult von:
Ellen Ueberschär, Theologische Fakultät Fachbereich Kirchengeschichte,
Phillips-Universität Marburg
E-Mail: <ueberschmailer.uni-marburg.de>

Die umfangreiche, 1999 von der TU Berlin angenommene historische Habilitationsschrift fasst die Veränderungen des Protestantismus in der Reichshauptstadt Berlin näher ins Auge, die sich im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten abspielten.

Während der Mythos ‚Wehrmacht’ durch die berühmte Ausstellung erst in den 1990er Jahren hinterfragt wurde, weist der Mythos ‚Bekennende Kirche’ als Gesamtidentifikation für den deutschen Protestantismus schon seit längerem Risse auf. Der ahnenden Gewissheit, dass sich unter den Evangelischen Berlins eine große Zahl von Pfarrern und gemeindlich Aktiven befand, die eine deutsch-christliche, also pronationalsozialistische Veränderung der Kirche nicht nur resigniert hinnahmen, sondern begeistert unterstützten, fügt Gailus profunde Belege bei, die er aus einer sorgfältigen Auswertung von Gemeindearchiven schöpft. Die dichte Regionalstudie teilt sich in sechs größere Kapitel, in denen sich das Material einer langjährigen Forschungsarbeit drängt. Der entscheidende Teil entfällt auf Kapitel 4, das den Weg der Kirchengemeinden nachzeichnet und 5, das eine Gruppenbiografie evangelischer Pfarrer zu erstellen versucht. Auf beides wird einzugehen sein. Gründlicher Recherche verdankt sich auch das dritte, konfessionsstatische Kapitel, das im Ergebnis noch einmal bestätigt, was seit dem Aufkommen der sozialen Frage innerevangelischem Selbstgefühl entsprach, nämlich, dass „protestantische Kirchentreue mit dem Grad an ‚Bürgerlichkeit’ zunahm“ (S. 67).

Gailus bettet seine detaillierten Forschungen in einen ambitionierten theoretischen Rahmen, der aber im Vergleich zur bisherigen Kirchengeschichtsforschung nicht so originell ist, wie er zu sein vorgibt: Die zur Charakterisierung von Landeskirchen in der institutionengeschichtlich orientierten Kirchengeschichte eingebürgerte Einteilung in intakte und zerstörte Kirchen empfindet Gailus als „wenig hilfreich“ (S. 14). Er entscheidet sich dagegen für eine 4-Typen-Einteilung, die nazifizierte von angepassten, gespaltenen und resistenten Gemeinden unterscheidet. Der Teufel lauert im Detail: die Schwierigkeiten des Anpassungsbegriffes sind in der Diktaturforschung seit Gerhard Besiers provokanten Thesen zur Kirche in der DDR bekannt. Gailus subsumiert unter angepasst sowohl Gemeinden, die seit 1933 eine „ausgeprägte Bereitschaft zur freiwilligen Gleichschaltung“ zeigten (S. 125), als auch den Exponenten der bekenntniskirchlichen Front, Gerhard Jacobi, als dieser ab 1938 einen Kurs der Versöhnung verfolgte (S. 283). Weiter ist zu fragen, ob die Einführung der Kategorie „resistent“ nicht der Aufrichtung einer moralhistorischen Messlatte dient, wenn es bei genauerem Hinsehen keine „resistente“ Gemeinde gab. Als problematisch erscheint auch die statische Anwendung des 4-Typen-Konzepts. Gailus differenziert zeitlich kaum, wiewohl er Phasen des „Kirchenkampfes“ kennt (S. 127). Dass die Deutschen Christen ab 1935 in vielen Gemeinden den Rückzug antraten und ihre Anziehungskraft zunehmend einbüßten, findet in dem 4-Typen-Schema keine Berücksichtigung. In diesen Zusammenhang gehört auch der unterschiedslos angewandte Begriff „Kirchenkampf“, der in dieser Verwendung schon Joachim Mehlhausen als ‚wenig hilfreich’ erschienen war, weswegen er ihn auf die Jahre 1933-1934 begrenzte.[1]

Was die 4-Typen-Einteilung jedoch am stärksten in die Tradition der ‚Kirchenkampf-Forschung’ stellt, ist die Tatsache, dass sie sich wie die ältere von intakt und zerstört an den kirchenpolitischen Gruppenbildungen von Deutschen Christen und Bekennender Kirche orientiert, obwohl Gailus sozial- und politikhistorisch argumentieren möchte.

Im umfangreichen und materialgesättigten Kapitel 4 beleuchtet Gailus anhand von gut lesbaren, zum Teil spannenden Fallbeispielen die Veränderungen des gemeindlichen Alltages, die bereits 1932 einsetzten, als die Deutschen Christen ohne äußeren Zwang in die Selbstverwaltungsgremien vieler Gemeinden einzogen (S. 89-101). Ein Viertel der Gemeinden kennzeichnet Gailus als „deutsch-christlich beherrscht“ (S. 642). Dass die treibenden Kräfte dieser protestantischen Umformung nicht von außen kamen, sondern „von erheblichen Teilen der Pfarrerschaft“ (S. 642), also aus dem Kern des protestantischen Sozialmilieus, gehört zu den gewichtigen Erkenntnissen der Studie. Der proportional größte Anteil entfällt jedoch auf die „gespaltenen Gemeinden, also auf solche, in denen der Kampf um die Vorherrschaft in der Offizialgemeinde weder zugunsten der Deutschen Christen, noch der sich seit September 1933 formierenden Bekenntnisgemeinschaften entschieden werden konnte. Nach der Klassifizierung von Gailus lag ihr Anteil bei über 50% (S. 284), was im Vergleich mit ländlichen Regionen der Mark Brandenburg außerordentlich hoch ist. Gailus beschreibt ausführlich die Kaiser-Wilhelm-Gedächtnisgemeinde, in der unter Georg Hauk und Gerhard Jacobi als den „maßgeblichen Identifikationsfiguren der sich bekämpfenden kirchenpolitischen Richtungen“ (S. 263) ein jahrelanger Kampf um Kanzel und Amtsgeschäfte tobte, der allerdings 1938, mit dem Tod des deutsch-christlichen Pfarrers Hauk endete. Aber bereits ein Jahr zuvor, so Gailus, musste der deutsch-christliche Amtsinhaber das „klägliche Scheitern seiner illusionären Konzepte von Volkskirche und Volksmission im Nationalsozialismus“ erleben (S. 269). Den „Kampf um die Seelen in der Gemeinde“ verloren nicht nur die Deutschen Christen in gespaltenen Gemeinden, sondern auch in den nazifizierten. Gailus bringt mehrere Beispiele bei, in denen die Herrschaft der Deutschen Christen einer Zerstörung des vormals „blühenden Gemeindelebens“ (S. 187) gleichkam. In Friedenau sanken die Zahlen der Abendmahlsteilnahme zum Ende der 1930er Jahre um mehr als drei Viertel gegenüber der Zeit vor 1933 (S. 163). Das kann als eine Abstimmung mit den Füßen gegen die DC gewertet werden. Gailus konzediert, dass in vielen Fällen die Gemeindekerne nicht nazifiziert werden konnten (S. 188, 213).

Einen besonderen Fall stellt die Jesus-Christus-Gemeinde in Dahlem dar, die als einzige zunächst das Prädikat „resistent“ erhält. Solange Martin Niemöller, der Initiator des Widerstands gegen die Einführung des Arierparagraphen in der Kirche, amtieren konnte, waren Offizial- und Bekenntnisgemeinde weitgehend identisch. Eine nicht unwesentliche Rolle spielte dabei die überdurchschnittliche Finanzkraft der Gemeindemitglieder, so dass Zumutungen der deutsch-christlichen Kirchenleitung mit der Androhung, Ausgleichszahlungen zu sperren, abgewehrt werden konnten. Nach der Inhaftierung des bekannten Predigers drängte der verbliebene Amtsinhaber Eberhard Röhricht, zunächst selbst der Bekennenden Kirche angehörend, die extreme Opposition zunehmend aus der Gemeinde. Aus Gailus Darstellungen geht hervor, dass Röhricht weniger von kirchenpolitischem, denn von persönlichem Konkurrenzempfinden gesteuert wurde. Die Einblicke, die Gailus in das Innenleben der an den Rand gedrängten Bekenntnisgruppe gewährt, sind in vielerlei Hinsicht aufschlussreich. Zwei davon seien genannt: Nicht nur die Dahlemer Bekenntnisgemeinschaft, sondern die Bekennende Kirche insgesamt ist von Frauen getragen worden, sie sei, so Gailus, eine „evangelische Frauenbewegung“ (S. 652) gewesen. Vikarinnen, als auch engagierte Gemeindechristinnen, die so genannten Laien, organisierten die für die Bekennende Kirche so kennzeichnenden Bibelkreise, die gleichzeitig als Informationsumschlagplatz fungierten. Zum Zweiten waren es dieselben Frauen, die für verfolgte Christen jüdischer Herkunft tätig wurden, und zunehmend in der Illegalität agierten (S. 656). Das ist nicht neu, im Vergleich zum Antijudaismus der richtungsprägenden Bekenntnispfarrer aber für die historische Genderforschung von besonderem Erkenntniswert.

Wenn der Weg einer Gemeinde in die eine oder andere Gruppierung so stark von den Amtsinhabern bestimmt wurde, muss die Frage nach ihren biografischen Prägungen zwangsläufig werden. Von den 565 Pfarrern, die in Berlin während des NS tätig waren, gehörten 40% den Deutschen Christen an, die Hälfte von ihnen trug das Parteiabzeichen. Gailus fand heraus, dass deutsch-christliche Pfarrer „vergleichsweise jung“ waren, dass sie häufiger als bekenntniskirchliche Pfarrer aus „nichtakademischen, unterbürgerlichen Familien“ stammten, dass sie häufiger „aus den östlichen preußischen Provinzen“ kamen und ein „nicht verarbeitetes, paradoxes Weltkriegserlebnis“ mit sich herumtrugen (S. 645, 415-480). Dagegen macht Gailus die Gruppe der Bekenntnispfarrer aus, die ungefähr ein Drittel aller Berliner Amtsinhaber umfasste. In dieser Gruppe häufte sich die Anzahl derer, die aus Theologenfamilien oder dem gehobenen Bürgertum stammten (S. 648, 532-637). Mit ihren deutsch-christlichen Kollegen teilten sie die „allgemeine nationalprotestantische Mentalität“; aber die Rangfolge ihrer Werte lautete: „Erst Christus – dann Deutschland“ und nicht, wie auf der anderen Seite: „Christus und Deutschland“ (S. 649).

Die durch die Fülle der zusammengetragenen Daten beeindruckende Studie von Gailus wird als ein Kompendium Berliner Kirchengeschichte im Dritten Reich gelesen werden. Den Anspruch, „wesentliche Teilbereiche von ‚Protestantismus’ oder ‚protestantischer Kultur’ in Berlin zwischen 1930 und 1950“ zu untersuchen und daraus eine „Sozial- und Politikgeschichte protestantischer Volksreligiosität“ (S. 5) abzuleiten, kann sie jedoch nicht einlösen, und zwar aus folgendem Grund: Wie die klassischen Milieus der Katholiken und Arbeiter konstituierte sich das protestantische Sozialmilieu wesentlich durch sein ausgedehntes Vereinswesen. Gailus erkennt das auch an (S. 6), ohne zuzugestehen, dass die Pflege protestantischer „Kultur“ und Religiosität kaum von den Gemeinden allein geleistet werden konnte, auch nach den harten Verkirchlichungsmaßnahmen der frühen 1930er Jahre nicht. Die Konzentration auf die kirchenpolitischen Kämpfe in den Gemeinden und auf ihre Protagonisten erfasst, so aufschlussreich sie ist, nur einen Teil des Protestantismus. Und so sind auch die Fortschritte sozialgeschichtlicher NS-Kirchen-Forschung in den letzten Jahren auf genau jenem von Gailus ausgesparten Gebiet gemacht worden.[2]

Anmerkungen:
[1] Joachim Mehlhausen, Nationalsozialismus und Kirchen, in: Theologische Realenzyklopädie Bd. 24, 1994, S.43.
[2] Vgl. resümierend J.C. Kaiser, Forschungsaufgaben im Bereich der Kirchlichen Zeitgeschichte, in: Mitteilungen der Arbeitsgemeinschaft für Kirchliche Zeitgeschichte, 20 (2002), S.33.

ZitierweiseEllen Ueberschär: Rezension zu: Gailus, Manfred: Protestantismus und Nationalsozialismus. Studien zur nationalsozialistischen Durchdringung des protestantischen Sozialmilieus in Berlin. Köln 2001, in: H-Soz-u-Kult, 13.01.2003, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2003-1-017>.

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