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Plattform Weltregionen und Interaktionen: Area Studies Transregional

 

Informationen zu diesem Beitrag

Institution:Universität Erfurt, Erfurt
Datum:21.10.2008

Die "Plattform Weltregionen und Interaktionen - Area Studies Transregional" gründete sich im Jahre 2008 als transdisziplinärer Forschungsverbund. Es gehören ihr Wissenschaftler/innen aus der Geschichts-, Religions-, und Literaturwissenschaft an, welche die folgende Grundüberlegung und Zielsetzung miteinander teilen: Die ausgeprägten regionalwissenschaftlichen Kompetenzen an der Universität Erfurt sollen durch den Zusammenschluss zu einem Forschungsverbund nachhaltig gebündelt und vernetzt werden, um auf diese Weise eine besondere Stärke des Erfurter Universitätskonzepts – die Erforschung und das Studium unterschiedlicher Weltregionen innerhalb einzelner Fächer sowie über Fächergrenzen hinweg – weiter auszubauen.

Darüber hinaus fungiert die Plattform zudem als geeigneter Rahmen für ein individuell, weltregional und disziplinär stärker vernetztes Promotionsstudium.

Mittelfristig soll aus der Plattform ein fest an der Universität institutionalisierter Forschungsverbund gleichen Namens hervorgehen, in welchem die akademische Arbeit jeweils für längere Phasen auf ein bestimmtes Forschungsthema konzentriert wird. Den Anfang macht hier das Forschungsthema „Weltregionen und Wissensräume“, für das momentan Drittmittel eingeworben werden. Dabei sollen in innovativer Weise auf zwei Analyse-Ebenen Regionalstudien und Weltregionen als Wissensräume untersucht werden, indem zum einen selbstreflexiv nach dem „regionalen Wissen“ der Wissenschaften, mit dem Weltregionen nicht selten erst geschaffen wurden und zum anderen nach den Verflechtungen und dem Austausch von Wissen in der Interaktion von Weltregionen gefragt wird. Mit dieser reflexiven Verschränkung sollen in konkreten Projekten sowohl für die Regionalstudien als auch für die Disziplinen neue Erkenntnisse gewonnen werden.

So veranstaltete die Plattform Weltregionen und Interaktionen im Wintersemester eine internationale und interdisziplinäre Vortragsreihe unter dem Motto „Ways of Knowledge: Wissenswelten – Wissenswanderungen – Wissensweisen“, die aus weltregional diversen Perspektiven und mit Hilfe der folgenden Grundfragen dem WeltWissen auf den Grund gingen:

Woraus besteht ‚Wissen’? – Wie und von wem wird Wissen produziert, repräsentiert, tradiert und performiert? Wo ‚findet’ Wissen ‚statt’ – und in welcher Weise unterscheidet sich dies je nach Weltregionen und –kulturen?

Welches Wissen vermitteln zum Beispiel die in den westlichen Medien seit dem 11. September omnispräsenten Madrasas? Der Religionswissenschaftler Jamal Malik (Universität Erfurt) zeichnete in seinem Vortrag nicht nur die historische Entwicklung der Madrasen in Südasien als private Bildungseinrichtungen nach, sondern relativierte auch das Bild von der reinen Religions- oder Koranschule. Vielmehr erklärte er die Radikalisierungstendenzen in den Lehrplänen zum einen als Reaktion auf die Homogenisierungstendenzen der Globalisierung, zum anderen jedoch auch als Gegenreaktion auf die Homogenisierungsbestrebungen innerhalb des Islams, welche ihrerseits ebenfalls als Gegenwehr gegen eine westliche imprägnierte Modernisierung interpretiert werden kann.

Wissensarten, Wissenstraditionen, Wissensbestände und Wissenstransfers, kurz: das ‚Wissen’ selbst als sozial konstruiertes, als kulturell und historisch jeweils kontingentes Phänomen, das sich in seiner Prozesshaftigkeit durch Transfers und Verflechtungen in und zwischen Weltregionen ständig verändert, steht gerade seit dem ‚spatial turn’ in den Kulturwissenschaften immer wieder im Fokus unterschiedlicher Untersuchungen und Ansätze. Wie der Raum selbst als Wissensspeicher und Wissensmedium funktioniert und instrumentalisiert wird, machte Bert Hoppe (Berlin) am Beispiel des Städtebaus am Rande des sowjetischen Imperiums (Kaliningrad) deutlich.

Grundlegend wurden im Rahmen der Vortragsreihe die verschiedenen möglichen Konzepte von Wissen, seien sie aus der Anthropologie, der Soziologie, den Naturwissenschaften oder der Philosophie einer kritischen Prüfung unterzogen und entlang der Achsen Zeit und Raum Verschiebungen in den Wissensarten, Wissenstraditionen und Wissensbeständen von Gesellschaften herausgearbeitet. Ein breites und gleichzeitig intellektuell höchst anregendes Panorama zum aktuellen Stand der Forschungen zur Wissenschaftspopularisierung in den USA und in Europa eröffnete hier gleich zum Auftakt der Vortragsreihe Andreas W. Daum (Varieties of Popular Science and the Transformations of Public Knowledge), in das auch die grundsätzliche Problematik der (Un-)Übersetzbarkeit von Wissenschaft und Sprache aufschien und zu einer gelungenen Einstiegsdiskussion anregte.

Wie das Beispiel der Wissenschaftspopularisierung schon zeigt, sind Wissensordnungen, gleich ob sie nun nach den Ansätzen der Wissenssoziologie (Mannheim, Scheler) oder dem der ‚Archäologie des Wissens’ (Foucault), oder den älteren (evolutionären) und neueren (neurobiologischen) naturwissenschaftlichen Ansätzen untersucht – und etabliert! - werden, Teil eines sozialen und politischen Kraftfeldes (Bourdieu), das sich nicht auf Universitäten beschränkt sondern Bestandteil der Gesellschaft ist. Damit gingen die im Rahmen der Vortragsreihe vorgestellten Untersuchungen von Wissen also über den engen Bereich einer bloßen Wissenschaftsgeschichte weit hinaus. Gerade die kulturgeschichtliche Situierung naturwissenschaftlichen Wissens – einerseits in seiner kulturell kontingenten Entstehungsgeschichte und andererseits in seiner Wanderung hinein in größere gesellschaftliche Diskurse – war Thema mehrerer Präsentationen: Wie Myriam Spörri (Universität Zürich) aufzeigte, war die „Entdeckung“ der Blutgruppen und ihre Verwendung für eine von der tiefenkulturell nachwirkenden Metapher von der Blutsverwandtschaft stark kontaminierten Biologisierung der Vaterschaft in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hochgradig kulturell beeinflusst, wofür nicht zuletzt die eklatanten Unterschiede in der Rezeption und praktischen Anwendung dieser Entdeckung in Deutschland und den USA in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts sprechen. Mit der genetischen Genealogie der heutigen Leitparadigmen in den Lebenswissenschaften stellt sich – so Marianne Sommer (ETH Zürich) auch die Frage der kulturellen Kontingenz des genealogischen Konzepts an sich und es droht wechselseitig die Entzauberung der naturwissenschaftlichen und der geisteswissenschaftlichen (De-)Konstruktion von Genealogien.

Der Einbruch der Geschichte selbst in die vermeintlich objektive Empirie der Naturwissenschaften wurde am Beispiel Ludwik Flecks besonders deutlich. So spielten er und seine wissenschaftsgeschichtlichen Überlegungen – als theoretisches Konzept für Wissenswandel und gleichzeitig auch als empirisches Beispiel für Wissenswanderung hervorragend von Katrin Steffen (Nordost-Institut Lüneburg) herausgearbeitet – auch im Vortrag von Myriam Spörri eine Rolle, um die fatalen Auswirkungen der Zuschreibung „jüdisch“ auf die Artikulationsmöglichkeiten von Autoren und die Verbreitungsbedingungen während der 1930er- und 1940er-Jahre aufzuzeigen.

Das Vortragsprogramm befasste sich also insgesamt mit den oben skizzierten Fragestellungen in Australien, West- und Südasien, Europa und den USA in einer historischen Perspektivierung von mehreren Geschichtsepochen, wobei gerade die außereuropäischen Weltregionen in ihrer Rolle als Produzenten (und eben nicht nur Importeure) von „Wissenskulturen“ gezeigt werden sollten. Ein eindringliches Beispiel hierfür lieferte etwa Anthony Dirk Moses (University of Sydney) in seinem Vortrag über das komplexe Spannungsverhältnis von „Indigeneity“ und „Wissenschaft“ am Beispiel von „aboriginal intellectuals“ in Australien.

Bericht: Florian Heintze, Claudia Gresser, Ninon Thiem.

Weitere Informationen zur Plattform im Internet unter:
www2.uni-erfurt.de/plattform-weltregionen.

Kontakt:

Birgit Schäbler

Lehrstuhl für Westasiatische Geschichte
Uni Erfurt
0361 7374441
0361 7374419
birgit.schaebleruni-erfurt.de

URL:http://www2.uni-erfurt.de/plattform-weltregionen/
URL zur Zitation dieses Beitrageshttp://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/projekte/id=326

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