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Visual History Archive (FU Berlin)

 

Informationen zu diesem Beitrag

Institution:Freie Universität Berlin, Berlin
Datum:01.11.2006

Mit rund 52 000 Interviews ist das „Visual History Archive“ (VHA) das weltweit größte historische Video Archiv. Ab sofort können Lehrende, Forschende und Gastwissenschaftler das Archiv an der Freien Universität Berlin nutzen.

Das VHA wird von vielen mit dem Filmregisseur Steven Spielberg assoziiert, der im Jahre 1994 die Gründung der gemeinnützigen Organisation "Survivors of the Shoah Visual History Foundation" (Shoah Foundation) initiierte, um die Lebensberichte von Zeitzeugen des Holocaust für die nachfolgenden Generationen zu bewahren. Von 1994 bis 1999 zeichnete die Organisation rund 52.000 Video-Interviews in 56 Ländern und 32 Sprachen auf. Mehrheitlich wurden Überlebende des Holocaust interviewt: Juden, Homosexuelle, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, politisch Verfolgte und "Euthanasie-Opfer". Aber auch andere Zeitzeugen wie Helfer, Retter, Befreier und Zeugen der Befreiung sowie Involvierte in den Kriegsverbrecherprozessen wurden befragt. Die Videos beinhalten lebensgeschichtliche Interviews, die Erfahrungen in der Zeit vor, während und nach dem Holocaust wiedergeben.

Die Aufzeichnung der Interviews in dem genannten Umfang stellt eine außergewöhnliche Leistung dar, die nur aufgrund der Mitwirkung von 2000 Ehrenamtlichen möglich war. Für die Durchführung der Interviews wurden diese im Vorfeld während eines Seminars aus einer Gruppe von Bewerbern ausgewählt und auf die Interview-Situation vorbereitet. Regionalgeschichtliche Schwerpunkte wurden dabei thematisiert sowie methodische und praktische Vorgehensweisen trainiert.

Beginnend 1995 bis 2006 hat die „Shoah Foundation“ das gesammelte Filmmaterial mit einer Gesamtdauer von etwa 120.000 Stunden gesichtet, verschlagwortet, katalogisiert und auf digitalen Datenträgern archiviert. Verschiedene Suchoptionen ermöglichen das gezielte Auffinden von Interviews. Darüber hinaus ermöglicht eine Schlagwortsuche mit einem Thesaurus von über 50 000 Begriffen die direkte Anwahl von Segmenten innerhalb von Interviews, in denen über eine spezifische Thematik, besondere Personen oder auch Orte gesprochen wird.

Bei den Video-Zeitzeugen-Interviews handelt sich um eine elektronisch gestützte Form der mündlichen Tradierung (Weitererzählen von Erlebtem). Damit knüpft das "Visual History" an die zweifellos älteste Form geschichtlicher Überlieferung an. Der Begriff "Visual History" ist analog zu dem der "Oral History" zu verstehen. Das Medium Video erweitert die Arbeits- und Forschungsmöglichkeiten der "Oral History" um ein visuelles Element. Aufgrund ihrer "scheinbaren Authentizität" bieten Bildquellen erhebliche pädagogische Chancen, stellen aber gleichzeitig die quellenkritische Forschung vor die Schwierigkeit einer "scheinbaren Authentizität".

Da der Zeitraum zwischen den Erlebnissen während des Holocaust und der Aufzeichnung der Interviews sehr groß war, kann kritisch angemerkt werden, dass die Aussagen in den Interviews aufgrund von Vergessensvorgängen und der Verzerrungen von Erinnerungen durch spätere Lektüre, Gespräche, usw. nur beschränkt die historische Realität wiedergeben. Dieser Vorwurf ist sicherlich ernst zu nehmen. Tatsächlich sind die in den Interviews verbalisierten Erinnerungen an Orte, Daten und auch Ereignisse nicht immer richtig. Doch werden emotional besetzte Ereignisse, wie sie während des Holocaust stattfanden, von Zeitzeugen unabhängig von der inzwischen verstrichenen Zeitspanne meist klar und deutlich erinnert.
Ferner kann keine historische Quelle für sich allein die historische Richtigkeit garantieren. Erst durch den kritischen Vergleich verschiedenster Quellen kann eine gesicherte Rekonstruktion von Ereignissen erfolgen. Das Visual History Archive bildet ohne Zweifel eine für die Auseinandersetzung mit dem Holocaust wichtige Ressource.

Im Jahre 2006 wurde die „Shoah Foundation“ Teil der „University of Southern California“ und zum „Shoah Foundation Institute for Visual History and Education“. Das derzeitige Ziel des Instituts ist es, die persönlichen Erinnerungen und Lebenswege zu bewahren und als Unterrichts- und Ausbildungsmaterial zur Verfügung zu stellen, um Vorurteile abzubauen und religiöse und politische Toleranz zu fördern. Aus diesem Grund stellt das „Shoah Foundation Institute“ ausgewählten Universitäten und Institutionen das Archiv zu Schulungs- und Forschungszwecken zur Verfügung. Seit November 2006 ist an der Freien Universität - als erster Institution außerhalb der USA - das vollständige Archiv verfügbar. Für die Betreuung des „Visual History Archive“ an der Freien Universität Berlin ist CeDiS, das Kompetenzzentrum für e-Learning und Multimedia, zuständig. Einführungsveranstaltungen zur Nutzung des „Visual History Archive“ finden jeden Donnerstag ab 14.00 Uhr statt.

Seitens der Freien Universität werden neben der Weiterentwicklung des Archivs auch gemeinschaftliche Projekte mit WissenschaftlerInnen und anderen Forschungseinrichtungen angestrebt. Geplant ist zudem die Entwicklung von didaktisch anspruchsvollen E-Learning-Anwendungen, die speziell auf die Anforderungen von Schulen in Deutschland abgestimmt sind.

Kontakt:

Dr. Doris Tausendfreund
Verena Lucia Nägel
CeDiS - Center für Digitale Systeme
Projekt "Visual History Archive"
Ihnestr. 24
14195 Berlin
vhacedis.fu-berlin.de
Tel: 030/838-52775
Fax: 030/838-52843

URL:Projektwebsite: Visual History Archive an der Freien Universität Berlin
URL zur Zitation dieses Beitrageshttp://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/projekte/id=211

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