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Geschichte allgemein

P. J. Davies: Myth, Matriarchy and Modernity

Pahud de Mortanges, Elke </>
 
Autor(en):
Titel:Myth, Matriarchy and Modernity. Johann Jakob Bachofen in German Culture. 1860–1945
Reihe:Interdisciplinary German Cultural Studies 7
Ort:Berlin
Verlag:de Gruyter
Jahr:
ISBN:978-3-11-173981-6
Umfang/Preis:462 S.

Elke Pahud de Mortanges
E-Mail: </>

1861 publizierte der aus Basel stammende und nach Studienjahren in Deutschland, Frankreich und England wieder dort lebende und an der Universität lehrende Rechtshistoriker Johann Jakob Bachofen (1815–1887) sein monumentales Werk Das Mutterrecht. Die Publikation dieses opus magnum erfolgte in der Schweiz, nachdem der deutsche Verleger Johann Georg von Cotta ihm mehrfach einen Korb gegeben hatte. Stand doch das, was Bachofen mit seiner Methode der intuitiven Analyse und empathischen Einfühlung in die Welt der Mythen als deren Wahrheit zu Tage beförderte, quer zu dem, was die Altertumswissenschaft mit ihren quellenkritischen Methoden, was ein Savigny und die Historische Rechtsschule taten. Ganz abgesehen davon, dass diese im Gegensatz zu Bachofen nicht gewillt waren, der mythischen Überlieferung den Rang einer zuverlässigen Geschichtsquelle zuzuerkennen. Religion, so Bachofen die Wahrheit der Mythen zusammenfassend, ist die Wurzel und das Movens allen sozialen Wandels, insofern ihr der Konflikt zwischen männlichem und weiblichem Prinzip inhärent ist. Folgerichtig liest er die Entwicklung zur modernen Gesellschaft gemäss (s)einem Drei-Stadien-Modell als Abfolge von 1. «Hetärismus (Muttergottheiten)» 2. «Gynaikokratie/Mutterrecht (Muttergottheit)» 3. «Patriarchat/ Vaterrecht (Vatergottheit)».

Bachofen selber hat zwar nicht wie andere Köpfe des 19. Jahrhunderts eine Schule im eigentlichen Sinn begründet. Doch seine Sicht hat Schule gemacht, insofern sie in mannigfaltigen wissenschaftlichen, kulturellen und politischen Kontexten und Konflikten rezipiert und in die Waagschale geworfen wurde. Und zwar dort, wo um die Gestalt der Moderne, um Mythos und Geschichte, um Intuition und Ratio, um Utopie und Rationalismus, um Rasse und Nation, um Sex und Gender, um Feminismus und Anti-Feminismus gerungen wurde.

Genau diesen Rezeptionsprozessen der Ideen Bachofens in der deutschsprachigen Welt des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts ist die hier anzuzeigende Arbeit von Peter Davies gewidmet. Die, das muss an dieser Stelle ganz ausdrücklich hervorgehoben werden, ein Meisterwerk ist. Wissenschaftliche Akribie und Sorgfalt, stupende Sachkenntnis über die Grenzen einzelner Wissenschaftsdisziplinen hinweg gehen hier einher mit gedanklicher Schärfe und sprachlicher Luzidität. Und nicht zuletzt ist es eine unglaubliche Materialfülle und Detailkenntnis, die Davies hier ausbreitet, was sein Werk zu einer wahren Fundgrube für die verschiedensten Disziplinen – heissen sie nun Anthropologie, Soziologie oder Psychologie, Politikwissenschaft oder Genderforschung – macht.

Die erste Rezeption des Oeuvres Bachofens erfolgte innerhalb der engen universitären und namentlich fachwissenschaftlichen Grenzen. Dass das Geschlechterverhältnis die fundamentale, allen sozialen Strukturen zugrundeliegende Matrix sein soll, war in der akademischen Anthropologie und Rechtsgeschichte keineswegs mehrheitsfähig. An Bachofen anzuknüpfen war somit einer Minderheit vorbehalten, die ihr wissenschaftliches Selbstverständnis aus dem Gegenüber zum wissenschaftlichen Mainstream bezog. Die in den Jahren um 1900 entworfenen Schlüsselkategorien der Interpretation des Bachofschen Mutterrechts sollten aber für die weitere Rezeption während des ganzen 20. Jahrhunderts grundlegend und bestimmend bleiben. In den 1920ern wurden die Grenzen der fachspezifischen Binnendiskurse dann aber endgültig überschritten. Bachofens Matriarchatstheorie wurde in literarischen wie in politischen Kontexten und Diskursen öffentlichkeitswirksam. Und somit auch einem breiten Publikum bekannt. Der Referenzrahmen der Rezeption verschob sich dadurch. Elemente des Bachofenschen Ideengeflechts wurden in sozialkritisches und utopisches Denken «eingepasst». In der Folge wurde es selber immer wieder ideologisiert und radikalisiert.

Was die politische Frauenbewegung angeht, so wurde die Matriarchatstheorie vor dem ersten Weltkrieg etwa von Theoretikerinnen im Umfeld des dem radikalen Teil der bürgerlich-feministischen Frauenbewegung zugehörenden Bundes für Mutterschutz (Ruth Bré, Iwan Bloch, Grete Meisel-Hess) rezipiert. Ihr strategischer Rekurs auf das unwandelbare Wesen des Weiblichen ermöglichte ihnen, konkrete Machtstrukturen und Machtverhältnisse zu kritisieren und in utopische Alternativen zu transformieren. Insofern sie zwar dem Wesen des Weiblichen Unwandelbarkeit zusprachen, nicht aber den konkreten Ausgestaltungen der Geschlechterbeziehung. Diese waren ihnen historisch kontingent und darum auch wandel- und verhandelbar.

Nach dem ersten Weltkrieg bekam die politisch-feministische Rezeption eine Schlagseite. Der matriarchale Utopismus schlug um in einen völkischen Irrationalismus. Dem so genannten «offiziellen» Nationalsozialismus war das Matriarchatsprinzip zwar Ausdruck von kultureller Krise und Dekadenz schlechthin, wie Alfred Rosenberg in seinem Mythos des zwanzigsten Jahrhunderts unzweifelhaft pointierte. Gleichwohl gab es Versuche, Nationalsozialismus und Matriarchat zu versöhnen. Einen solchen unternahm der aus Utrecht stammende, sich selber als Aussenseiter begreifende Hermann Wirth in seiner 1928 entstandenen Schrift Der Anfang der Menschheit. Untersuchungen zur Geschichte der Religion, Symbolik und Schrift der atlantisch-nordischen Rasse. Wirth wurde damit zwar für Rosenberg zur persona non grata. Der SS Reichsführer Heinrich Himmler aber machte ihn 1935 zum Präsidenten des neugegründeten Instituts SS-Ahnenerbe. Unter Berufung auf Bachofen forderte 1933 Pia-Sophie Rogge-Börner – die zusammen mit Mathilde Ludendorff, Irmgard Reichenau und Leonore Kühn die Gruppe feministischer Nationalsozialistinnen repräsentierte – in einem offenen Brief an Hitler, Frauen am politischen, sozialen und militärischen Leben des Dritten Reiches gleichberechtigt teilnehmen zu lassen. Die nationale Gemeinschaft germanischen Blutes könne, so Rogge-Börner, nicht andauern, wenn sie nur und ausschliesslich von Männern geführt werde.

In die Psychoanalyse hielten matriarchale Ideen Eingang auch durch Lou Andreas- Salomé, die zu einer Zeit zu Freud stiess, als dieser gerade mit Alfred Adler, Wilhelm Stekel und C.G. Jung gebrochen hatte. Sie hatte sich bereits mit ihrem literarischen Schaffen (1899 Der Mensch als Weib; 1910 Die Erotik) in den Debatten um Mütterlichkeit und matriarchale Mythen zu Wort gemeldet. Während Sigmund Freud Bachofens Ideen explizit zurückwies, zeigte sich C.G. Jung mehr als aufgeschlossen. Lou Andreas-Salomé nahm zwischen beiden eine Art Mittelposition ein. Für sie war das Unbewusste nicht wie für Freud ein rein individuelles Phänomen, das durch den Akt der Repression entsteht, sondern eine weibliche, überindividuelle, archaische Kraft. Wer sich inskünftig vom Freudschen Mainstream distanzieren wollte, der konnte dies manifest dadurch tun, dass er in irgendeiner Weise positiv an Bachofen anknüpfte.

Letztlich tragen alle die von Davies beschriebenen und minutiös aufgerollten Rezeptionsprozesse – in Anthropologie, Marxismus und germanischem Mystizismus (Kapitel 2), in der Frauenbewegung (Kapitel 3), in der Literatur des Fin-de-siècle (Kapitel 4), in der Psychoanalyse (Kapitel 5), im Expressionismus (Kapitel 6), in Philologie, Politik und Literatur der 1920er Jahre (Kapitel 7 und 8), in Nationalsozialismus und im Kampf gegen denselben (Kapitel 9 und 10) – eindeutige und nachhaltige Spuren von Ideologisierung und Instrumentalisierung. James Davies macht eines klar: die – geschweige denn die eine – neutrale Rezeption Bachofens gab es nicht. Es gab auch nicht ein politisches Lager oder ein kulturelles Segment, das sich ausschliesslich seiner bediente. Der Rekurs auf ein unterdrücktes, mythisches Weibliches als Kontrapunkt und Kritik der Moderne erfolgte in vielen, sich zum Teil auch widerstrebenden Bereichen sozialer, politischer und kultureller Opposition. Bachofen zu rezipieren respektive sich auf ihn zu beziehen war oftmals weniger Ausdruck der Wertschätzung Bachofens selber, denn Hinweis darauf, dass man sich in den Diskursräumen der verschiedensten Debatten vom vorherrschenden Mainstream abzugrenzen suchte. Wie man sich zu seinen Ideen stellte und diese rezipierte, war deshalb immer schon Programm. Man bezog dadurch im ideologisch eingefärbten Diskurs über die Natur, die Bedeutung und die Konsequenzen von Moderne und Modernität eindeutig Position.

Zitierweise Elke Pahud de Mortanges: Rezension zu: Peter J. Davies, Myth, Matriarchy and Modernity. Johann Jakob Bachofen in German culture 1860–1945, Berlin, de Gruyter, 2010. Zuerst erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte, Vol. 105, 2011, S. 584-586. <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/infoclio/id=22347>