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H. Einhaus: Für Recht und Würde. Georges Brunschvig

 

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Zuerst erschienen in: Berner Zeitschrift für Geschichte, Jg. 78 Nr. 4, 2016, S. 43-52.
Autor(en):
Titel:Für Recht und Würde. Georges Brunschvig: Jüdischer Demokrat, Berner Anwalt, Schweizer Patriot (1908–1973)
Reihe:Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz 17
Ort:Zürich
Verlag:Chronos Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-0340-1324-6
Umfang/Preis:324 S.

Christoph Zürcher
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Der jüdische Berner Anwalt Georges Brunschvig (1908 – 1973) studierte in Bern und Dijon die Rechte und eröffnete zusammen mit Emil Raas eine Anwaltspraxis in Bern. Bekannt wurde er als Strafverteidiger in verschiedenen spektakulären Prozessen. Seinen Ruf begründete der Prozess um die Protokolle der Weisen von Zion 1933 – 1937. 1940 – 1948 war Brunschvig Präsident der Jüdischen Gemeinde Bern, von 1946 bis zu seinem Tod Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes. In seiner Dissertation Die Kollektiv-Ehrverletzung (1937) legte er die wissenschaftliche Grundlage für die 1995 eingeführte Antirassismus-Strafnorm.

Nun liegt eine Biografie dieser interessanten Persönlichkeit vor, die sich zeitlebens für Menschenrechtsanliegen und gegen Rassismus und Antisemitismus eingesetzt hat. Die Autorin hatte dafür eine grosse Menge an Quellen und Darstellungen zu durchforschen (darunter den umfangreichen Nachlass Brunschvigs im Archiv für Zeitgeschichte, die Archive des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes und der Jüdischen Nachrichtenagentur JUNA). Das Resultat ist weit mehr als eine Biografie. Jacques Picard nannte es anlässlich der Vernissage «biografisches Erzählen aus bewegten Zeiten», was den Sachverhalt gut trifft. Die Lebensgeschichte Brunschvigs fügt sich nahtlos ein in die Geschichte der Schweiz und ihrer Juden seit der rechtlichen Gleichstellung vor 150 Jahren. In seiner Persönlichkeit spiegelt sich die Frage der Identität als Schweizer Jude und jüdischer Schweizer. Von der formalrechtlichen Gleichstellung in der Bundesverfassung bis zur gesellschaftlichen Akzeptanz der jüdisch-schweizerischen Minderheit war, wie Hannah Einhaus eindrücklich zeigt, ein weiter Weg zurückzulegen. Besonders belastend, aber auch stimulierend waren für Brunschvig die Kriegs- und Holocaustjahre. Sie wurden für ihn zur Zerreissprobe zwischen der Pflichterfüllung als Offizier und der Hilfe für jüdische Flüchtlinge.

Die Biografie ist in Abschnitte gegliedert, denen jeweils ein Kernthema zugeordnet wird: 1. Jugend in Zeiten fragiler Gleichberechtigung (1908 – 1933), 2. Ein Balanceakt zwischen Redefreiheit und Diskriminierung (1933 – 1969), 3. Von der Vernichtung zur Wiedergeburt (des Judentums) (1936 – 1948), 4. Die fatale Haltung der Behörden gegenüber jüdischen Flüchtlingen (1942 – 1957), 5. Ein Aufstieg in Raten nach dem Krieg (1945 – 1966), 6. Israel als Hoffnung auf ein «Nie wieder» (1948–1967), 7. Die Suche nach Dialog und Frieden trotz Terror und Propaganda (1968 – 1973).

Wie Brunschvig gegen Rassismus und Antisemitismus kämpfte, zeigt die Autorin an vier Prozessen. Der Prozess um die Protokolle der Weisen von Zion ist zwar bereits gründlich erforscht und wissenschaftlich aufgearbeitet.1 Das Verdienst der Autorin ist es, ihn für Geschichtsinteressierte eingängig und eindrücklich dargestellt zu haben. Wer weiss zum Beispiel, dass dieser Prozess gegen die Verbreiter der «Protokolle» (aus den Reihen frontistischer Organisationen) mangels einer Rassismus-Strafnorm unter Berufung auf ein bernisches Gesetz von 1916 gegen das «Lichtspielwesen und die Schundliteratur» geführt werden musste? Obwohl die Verurteilten in zweiter Instanz freigesprochen wurden, war der Ausgang ein voller Erfolg Brunschvigs, war es doch in erster Linie darum gegangen, die «Protokolle» vom Gericht als antisemitische Fälschung entlarven zu lassen.

Im Fall Gustlow-Frankfurter ging es darum, den 1936 als Mörder verurteilten jüdischen Studenten David Frankfurter freizubekommen, der 1936 in Davos Wilhelm Gustlow, den Nazi-Gauleiter in der Schweiz, erschossen hatte. Frankfurter wurde 1945 durch den Bündner Grossen Rat begnadigt. Brunschvig hätte lieber eine Revision des Prozesses gesehen, aber Frankfurters Freilassung liess sich auf dem Weg der Begnadigung leichter erreichen. Sehr interessant ist der Fall des Mossad-Geheimagenten Joseph Ben Gal, der auf die ägyptische Rüstungsindustrie angesetzt worden war. Nasser versuchte damals mithilfe von deutschen Wissenschaftlern und Technologie-Lieferanten den Bau einer Atombombe. Der wohl spektakulärste Fall war aber derjenige des israelischen Sicherheitsbeamten Mordechai Rachamin, der am 18. Februar 1969 beim palästinensischen Attentat auf eine El-Al-Maschine in Kloten einen von 4 Attentätern erschossen hatte. War das Tötungsdelikt als Mord, Totschlag oder Notwehr einzustufen? Rachamin wurde mangels Beweisen freigesprochen. Der Fall erhielt natürlich eine massiv politische Dimension auf dem Hintergrund des israelisch-arabischen Konfliktes.

Zu den eindrücklichsten Kapiteln des Buches zählen diejenigen, die sich mit der Haltung der schweizerischen Behörden zwischen 1942 und 1957 gegenüber den jüdischen Flüchtlingen aus dem Nazi-Reich befassen. Brunschvig war hier sehr direkt involviert als Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Bern und ab 1946 als Präsident des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebundes.

Die Politik der jüdischen Gemeinschaft der Schweiz in diesen Jahren schwankte zwischen Widerstand und Anpassung. Brunschvig wehrte sich gegen die auch nach heutigem Verständnis überangepasste Haltung der Mehrheit der SIG-Exponenten. Hatten die jüdischen Organisationen noch beim Kampf gegen die Protokolle der Weisen von Zion Mut und Selbstbewusstsein bewiesen, so änderte sich das nach dem Erlass der Nürnberger Rassengesetze vom September 1935. Von jetzt an orientierte sich der SIG am Prinzip «nicht auffallen». «Mit der Abwehr sogenannter innerer Schädlinge versuchten die jüdischen Gemeinden, unliebsames Aufsehen zu verhindern. Sie hoben ihren Patriotismus und ihr Schweizertum hervor, versuchten Ostjuden, Linke und Zionisten zu massregeln und legten den Warenhausbesitzern nahe, keine zusätzlichen Geschäfte zu eröffnen.» (S. 90) Diese Haltung zeigt, wie fragil die rechtliche Gleichstellung der Juden als Schweizerbürger in diesen Jahren wirklich war. Würde beim Überschwappen der nationalsozialistischen Vernichtungspropaganda in die Schweiz auch hier der latente Antisemitismus virulent werden? Hauptexponent der Anpassungspolitik war der damalige SIG-Präsident Saly Mayer. Die ausweglose Situation führte zum Bruch mit Brunschvig. Auslöser war die schockierende Ausweisung eines jungen belgischen Flüchtlingspaares, das über Frankreich den Weg in die Schweiz geschafft hatte und sich auf dem jüdischen Friedhof Berns versteckt hielt. Am 13. August hatte Bundesrat von Steiger die hermetische Abriegelung der Grenzen verfügt. Brunschvig ging mithilfe von Hermann Böschenstein, dem Bundeshausredaktor der Nationalzeitung, an die Öffentlichkeit, was endlich zu einer öffentlichen Diskussion und am 23.9.1942 zu einer neunstündigen Nationalratsdebatte führte, in der von Steiger harte Vorwürfe einzustecken hatte. Ein Erfolg blieb aus. Erst im Juli 1944 beendete der Bundesrat die furchtbare Rückweisungspolitik und schloss die Juden in den Flüchtlingsbegriff ein. Da standen aber die Alliierten bereits in der Normandie.

Fazit: Der jüdisch-schweizerisch geprägte und universal denkende Georges Brunschvig war seiner Zeit weit voraus. Seine Sicht der Dinge ist heute wieder von brennender Aktualität. Das Buch ist spannend zu lesen, man legt es aber sehr nachdenklich aus der Hand.

Zitierweise Christoph Zürcher: Rezension zu: Einhaus, Hannah: Für Recht und Würde. Georges Brunschvig: Jüdischer Demokrat, Berner Anwalt, Schweizer Patriot (1908 – 1973). Beiträge zur Geschichte und Kultur der Juden in der Schweiz. (Schriftenreihe des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds, Band 17). Zürich: Chronos 2016. Zuerst erschienen in: Berner Zeitschrift für Geschichte, Jg. 78 Nr. 4, 2016, S. 43-52. <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/infoclio/id=29387>
 
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