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Zeitgeschichte (nach 1945)

T. Mittmann: Kirchliche Akademien

 

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Zuerst erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte, Vol. 105, 2011, S. 579-580.
Autor(en):
Titel:Kirchliche Akademien in der Bundesrepublik Deutschland. Gesellschaftliche, politische und religiöse Selbstverortungen
Reihe:Geschichte der Religion in der Neuzeit 4
Ort:Göttingen
Verlag:Wallstein Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-8353-0864-0
Umfang/Preis:264 S.

Daniel Gerster, Centrum für Religion und Moderne, Westfälische Wilhelms-Universität Münster
E-Mail: <daniel.gersteruni-muenster.de>

Thomas Mittmanns Buch über die kirchlichen Akademien in der Bundesrepublik Deutschland ist das jüngste Resultat der Bochumer DFG-Forschergruppe «Transformation der Religion in der Moderne» (Zur Konzeption der Arbeit der Forschergruppe und ihren bisherigen Ergebnissen vgl. www.fg-religion.de). Entsprechend theoretisch gerüstet ist es erklärtes Anliegen des Autors, keine reine Organisationsgeschichte zu schreiben, sondern die Geschichte der konfessionellen Akademien in eine weitläufigere Religionsgeschichte einzubetten. Der gewählte kulturhistorische Ansatz erweist sich hierbei in mehrfacher Hinsicht als gewinnbringend, zumal für den Bereich der katholischen Akademien erst vor einigen Jahren eine ausführliche, organisationshistorische Studie vorgelegt wurde. (Vgl. Oliver M. Schütz, Begegnung von Kirche und Welt. Die Gründung Katholischer Akademien in der Bundesrepublik Deutschland 1945–1975, Paderborn 2004). Oliver Schütz’ Untersuchung von 2004 krankt jedoch gerade daran, dass strukturelle und personelle Veränderungen zwar en detail nachgezeichnet werden, weitergehende Überlegungen zur Rolle der Akademien in den kirchlichen und religiösen Wandlungsprozessen des 20. Jahrhunderts jedoch unterbelichtet bleiben.

Mittmanns Studie will diesem Manko entgegenwirken, indem sie neben den organisatorischen und strukturellen Veränderungen diskursive und semantische Prozesse in den Blick nimmt. Eine solche Verflechtung von diskurs- und sozialhistorischer Analyse hat wenig mit einer neuaufgelegten Ideengeschichte gemein, wie jüngst mit Blick auf das vorliegende Buch behauptet wurde. (Vgl. Thomas Schulte-Umberg über Mittmann, Thomas, Kirchliche Akademien in der Bundesrepublik Deutschland. Gesellschaftliche, politische und religiöse Selbstverortungen. Göttingen 2011, in: H-Soz-u-Kult 20.5.2011) Vielmehr bemüht sich ein solcher Ansatz verschiedene Ebenen der Transformation von Religion und Kirche nach 1945 ernstzunehmen. Dazu zählen für Mittmann in erster Linie das veränderte Kommunikationsverhalten der Kirche, ihr politisches Engagement und insbesondere der Umgang mit der «Entmonopolisierung der Kirche als Sinnstifter» (9). Um dies zu untersuchen, wählt die Studie eine offene methodische Herangehensweise, indem sie nach dem Verhältnis von Fremd- und Selbstkonzeptionen von «Kirche» zur organisatorischen «Realität» fragt. Ob es dabei sinnvoll ist, das Verhalten der Kirche als blosse «Reaktionen » (10) zu präjudizieren, muss freilich fraglich bleiben.

Trotz des diskursanalytischen Fokus eröffnet Mittmann die Studie im ersten Kapitel mit einer umfassenden Organisationsgeschichte der kirchlichen Akademien in der Bundesrepublik. Nachdem er dabei zunächst auf Traditionslinien aus der Zeit vor 1945 verweist, widmet er sich kenntnisreich und prägnant den Entstehungsgeschichten der Akademien. Dabei zeichnet der Autor die personellen Konstellationen in enger Verbindung zu thematischen Schwerpunktsetzungen nach. Dadurch gelingt es ihm, nicht nur die herausragende Stellung einzelner Akademieleiter als kirchliche Diskurssetzer herauszuarbeiten, denen es ferner gelang, die Akademien als «‹moderne› Formen kirchlicher Präsenz in der Öffentlichkeit» (13) zu etablieren. Darüber hinaus erlaubt dieses Vorgehen − vor allem für die evangelischen Kirchen −, Ansätze kirchlicher Netzwerke aufzuzeigen, die nicht nur für die Akademien, sondern insgesamt für die Transformation des religiösen Feldes in der Bundesrepublik von grosser Bedeutung waren. Eine detailliertere Untersuchung solcher Netzwerke wäre für die Zukunft wünschenswert, ist jedoch erklärtermassen nicht Teil der vorliegenden Studie.

Stattdessen nähern sich die folgenden beiden Kapitel der Arbeit konfessioneller Akademien aus diskursanalytischer Perspektive. Während das erste der beiden sich anhand ausgewählter Themen mit dem sich wandelnden «politischen Mandat» der Kirchen und ihrer Akademien auseinandersetzt, fragt das zweite nach den Funktionen kirchlicher Bildungsstätten im religiösen Feld der Bundesrepublik. Mittmann gelingt es in beiden Fällen eindrucksvoll, die Beispiele in die allgemeineren Entwicklungen der Zeit- und Religionsgeschichte einzubetten und zugleich den besonderen Stellenwert der Akademiearbeit hervorzuheben. Quintessenz bildet die Feststellung, dass die kirchlichen Bildungsstätten mit ihrer Arbeit wesentlich zur «Selbstmodernisierung» (225) der Kirchen beigetragen haben. Sie fungierten dabei als wichtige Kontaktstellen zur sich wandelnden Öffentlichkeit, wobei sie ihre anfängliche Stellung als neutraler «Makler» (70) zugunsten einer aktiven «Anwalts»- und «Lotsenfunktion» (106/207) aufgaben. Trotz vergleichbarer Entwicklungen unterstreicht die Untersuchung zugleich konfessionelle Unterschiede: So bemühten sich die protestantischen Akademien zunehmend um eine «Inklusion von Kirche in Gesellschaft» (227), während die katholischen Institutionen versuchten, eine «eigene katholische Identität zu wahren» (227).

Mittmann kommt folglich zu der Überzeugung, dass die Geschichte der konfessionellen Akademien in der Bundesrepublik als ein weitgehend gelungener Versuch gewertet werden muss, «kirchliche Kompetenzen zu verteidigen, zurückzugewinnen oder auszuweiten» (228). Ein solches positives Urteil stellt sich gegen die Einschätzung von manchem Zeitgenossen. So befand der katholische Friedensaktivist Ulrich Wenner jüngst, dass ein Thema «endgültig tot [sei], wenn es die katholischen oder evangelischen Akademien erreicht hat». (Ulrich Wenner, Religiöse Semantik in den pazifistischen Aktivitäten der «Initiative Kirche von unten». Reflexionen eines Zeitzeugens in: Helke Stadtland [Hg.], «Friede auf Erden». Religiöse Semantiken und Konzepte des Friedens im 20. Jahrhundert, Essen 2009, 291–299, hier 299). Dem stellt das vorliegende Buch anschaulich Beispiele entgegen, in denen die Akademien Themen- und Handlungsfelder frühzeitig und entschlossen besetzt haben. Darüber hinaus verweist die Studie in einem kurzen, vierten Kapitel auf die Bedeutung von neuen Kommunikations- und Aktionsformen, die durch die Arbeit der Akademien Eingang in den kirchlichen Raum fanden. Es wäre wünschenswert gewesen, dieses Thema gebündelter und ausführlicher zu behandeln. Dessen ungeachtet erweist sich das Buch von Thomas Mittmann als wichtiger Beitrag, die Transformation von Religion in der Moderne besser zu verstehen. Es unterstreicht die vielschichtigen Verflechtungen und Widersprüche des Prozesses und belegt letztlich, dass konfessionelle Akademien nicht nur Orte, sondern Impulsgeber des kirchlichen Wandels in der Bundesrepublik waren.

Zitierweise Daniel Gerster: Rezension zu: Thomas Mittmann, Kirchliche Akademien in der Bundesrepublik. Gesellschaftliche, politische und religiöse Selbstverortung, Göttingen, Wallstein Verlag, 2011. Zuerst erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für Religions- und Kulturgeschichte, Vol. 105, 2011, S. 579-580. <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/infoclio/id=22343>
 
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