1 / 1 Rezension

Geschichte allgemein

Z. Keller: Abwehr und Aufklärung

 

Externe Angebote zu diesem Beitrag

Informationen zu diesem Beitrag

Zuerst erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, Vol. 61 Nr. 2, 2011, S. 260-261
Autor(en):
Titel:Abwehr und Aufklärung. Antisemitismus in der Nachkriegszeit und der Schweizerische Israelitische Gemeindebund
Reihe:Veröffentlichungen des Archivs für Zeitgeschichte des Instituts für Geschichte der ETH Zürich 6
Ort:Zürich
Verlag:Chronos Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-0340-1042-9
Umfang/Preis:345 S.

Thomas Metzger, Seminar für Zeitgeschichte, Universität Freiburg (Schweiz)
E-Mail: <metzgerthomashotmail.com>

Mit welchen Strategien begegnete der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) dem Antisemitismus in Staat und Gesellschaft der Schweiz gegen Kriegsende und in der Nachkriegszeit? Diese Fragestellung steht im Zentrum der Dissertation des Historikers und Theologen Zsolt Keller, die als sechster Band der «Veröffentlichungen des Archivs für Zeitgeschichte des Instituts für Geschichte der ETH Zürich» erschienen ist. Zsolt Keller zeigt aus der Perspektive des SIG zentrale Aspekte des schweizerischen Nachkriegsantisemitismus auf und untersucht die juristischen, theologischen und publizistischen Abwehr- und Aufklärungsmassnahmen, mit denen der jüdische Dachverband der Bedrohung durch den Antisemitismus begegnete. Mit dieser Herangehensweise leistet das Buch sowohl einen wertvollen Beitrag zur Erforschung der Institutionen- und Mentalitätsgeschichte des Judentums in der Schweiz als auch zur schweizerischen Antisemitismusforschung.

Die Festlegung des Untersuchungszeitraums auf die Periode von 1943 bis zum Beginn der 1960er Jahre begründet Zsolt Keller mit den Veränderungen innerhalb des Gemeindebundes gegen Ende der Kriegsjahre und mit dem Prozess gegen Adolf Eichmann, dessen Rezeption auch in der Schweiz eine Zäsur dargestellt habe. Die Dissertation legt einen starken Fokus auf die Quellen. Als zentralen Quellenbestand untersuchte der Autor die Akten des SIG-Ressorts «Abwehr und Aufklärung», die sich im Archiv für Zeitgeschichte in Zürich befinden. Zusätzliche Bestände aus dem Archiv für Zeitgeschichte und aus anderen Archiven sowie zeitgenössische Schriften, Zeitungs- und Zeitschriftenartikel dienten als weitere Quellenbasis. Theoretische Überlegungen stehen nicht im Mittelpunkt der Arbeit. Stärkere Bezüge auf die internationale Antisemitismusforschung mit Fokus auf den Nachkriegsantisemitismus wären sicherlich interessant gewesen.

Die Doktorarbeit ist in acht thematische Kapitel gegliedert. Die flache Gliederung trägt zur Lesbarkeit des Buches bei. Mehrheitlich der Darstellung der institutionellen und organisatorischen Entwicklungen insbesondere des Gemeindebundes widmen sich Kapitel 1, 2, 4, 6 und 7. Nach der kompakt gehaltenen Einleitung lenkt Zsolt Keller als Einstieg in Kapitel 1 seinen Blick auf den Aufbau der jüdischen Archive in der Schweiz, ihre Rolle als helvetischer «lieu de mémoire» und ihre spezifische Funktion im Kampf des SIG gegen den Antisemitismus. Das Nachzeichnen der Struktur des SIG (Kap. 2) und insbesondere des Ressorts «Abwehr und Aufklärung» (Kap. 4) veranschaulicht die innerorganisatorischen Transformationen und Konfliktfelder. Die Erfahrungen in der Abwehr- und Aufklärungsarbeit während des Krieges und in den ersten Nachkriegsjahren führten dem SIG vor Augen, dass ein rein defensives Vorgehen nicht genügte. Umso wichtiger wurden deshalb zwei Organisationen, zu denen der Gemeindebund enge Beziehungen unterhielt und die zu einer Diversifizierung der verfügbaren Abwehrkanäle führten. Vor dem Hintergrund der Shoah konstituierte sich 1946 die «Christlich-Jüdische Arbeitsgemeinschaft» (Kap. 7) als Institution des in der Nachkriegszeit einsetzenden christlich-jüdischen Dialogs, die sich mit der Zeit primär zu einer Vereinigung von Theologen entwickelte. Ein politisches Profil hingegen besass die Mitte der 1950er Jahre gegründete «Gesellschaft Schweiz-Israel» (Kap. 6). Diese interreligiösen Organisationen erwiesen sich als wichtige Mitstreiter des SIG. Die «Gesellschaft Schweiz-Israel» ermöglichte dem SIG auch ein selbstbewussteres Einstehen für Israel und setzte auch gegenüber der Bundesverwaltung, die judenfeindliche Tiefenstrukturen im Umgang mit dem jungen Staat und den zionistischen Organisationen erkennen liess, ein Zeichen.

Die Darstellung antisemitischer Vorfälle ab 1943 und die Analyse der Abwehrstrategien des SIG bestimmen mehrheitlich die Kapitel 3, 5, 7 und 8. Noch während des Krieges hatte der SIG beispielsweise erfolglos gegen eine gehässig geführte und unterschwellig antisemitische Debatte über Schweizerinnen und Schweizer gekämpft, die aus Sicherheitsgründen die Schweiz während der Kriegsjahre verlassen hatten. Vorstösse seitens des Gemeindebundes richteten sich häufig gegen die Verbreitung antisemitischer Machwerke. Aufgrund der Rechtslage – Bemühungen des Gemeindebundes für ein Antirassismusgesetz stiessen beim Staat auf Ablehnung – hatten Verbotsanträge nur betreffend ausländischer Erzeugnisse Aussicht auf Erfolg. Wiederholt verweist Zsolt Keller auf die Strategie der Behörden, in denen sich judenfeindliche Tendenzen auch in der Nachkriegszeit hielten, antisemitische Täter zu pathologisieren und somit die Vorfälle zu verharmlosen. Neben Abwehrstrategien setzte es sich der SIG, von der Ratio des Menschen überzeugt, zum Ziel, der Judenfeindschaft durch Aufklärungsmassnahmen den Boden zu entziehen. Der SIG liess etwa Publikationen und Dokumentationen erstellen, nahm Kontakt mit Pfarrern, Autoren sowie Verlagen auf und leistete Öffentlichkeitsarbeit. Abgeschlossen wird das Buch mit einem Resümee, welches den Inhalt der Dissertation noch einmal kompakt zusammenfasst.

Mit seiner sehr gelungenen und lesenswerten Dissertation über die Abwehr- und Aufklärungsstrategien, mit denen der SIG auf judenfeindliche Vorfälle zwischen 1943 und dem Beginn der 1960er Jahre reagierte, legt Zsolt Keller, wie er betont, den Fokus auf eine Geschichte des Antisemitismus in der Schweiz (S. 243). Ein besonderes Verdienst des Buches ist hierbei, dass es die Judenfeindlichkeit mit ihren Kontinuitäten und Brüchen über das Ende des Zweiten Weltkriegs – das für die Schweiz eine weniger einschneidende Zäsur als für den Grossteil Europas war – hinaus analysiert und damit einen wertvollen Beitrag zu einer in der schweizerischen Antisemitismusforschung bislang nur sehr unzureichend untersuchten Periode des Antisemitismus leistet.

Zitierweise Thomas Metzger: Rezension zu: Zsolt Keller: Abwehr und Aufklärung. Antisemitismus in der Nachkriegszeit und der Schweizerische Israelitische Gemeindebund. Zürich, Chronos Verlag, 2011. Zuerst erschienen in: Schweizerische Zeitschrift für Geschichte, Vol. 61 Nr. 2, 2011, S. 260-261 <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/infoclio/id=20716>
 
1 / 1 Rezension