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Neuere Geschichte

K. Kellerhals: Schulgesetzgebung, Fächerkanon und Geschlecht in der Volk

 

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Zuerst erschienen in: Berner Zeitschrift für Geschichte, Jg. 74 Nr. 1, 2012, S. 64-66.
Autor(en):
Titel:Der gute Schüler war auch früher ein Mädchen. Schulgesetzgebung, Fächerkanon und Geschlecht in der Volksschule des Kantons Bern 1835 – 1897
Ort:Bern
Verlag:Haupt Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-258-07603-4
Umfang/Preis:283 S.

Eva Keller
E-Mail: <eva.kellerhist.unibe.ch>

Die Frage nach einem Zusammenhang zwischen Geschlecht und schulischem Erfolg prägt seit einigen Jahren politische und öffentliche Debatten um das Schulsystem in der Schweiz. Eine historische Kontextualisierung des Gegenstandes stand aber bisher aus. Diesem Umstand wirkt Katharina Kellerhals mit ihrer Dissertation Der gute Schüler war auch früher ein Mädchen entgegen. Ausgehend vom egalitär ausgerichteten kantonalen Primarschulgesetz von 1835 verfolgt Kellerhals darin die Entwicklung der Berner Schulgesetzgebung, des Fächerkanons sowie der Lehr- und Unterrichtspläne im Laufe des 19. Jahrhunderts, wobei der Fokus auf deren geschlechterspezifischer Ausdifferenzierung liegt. Ergänzend analysiert sie die Veränderungen des pädagogischen und schulpolitischen Diskurses in derselben Zeitspanne, wozu pädagogische Zeitschriften und Parlamentsprotokolle des bernischen Grossen Rates als Quellengrundlage dienen.

Nicht nur in geschlechtergeschichtlicher Hinsicht stellt Kellerhals’ Dissertation eine wichtige Ergänzung zur bestehenden Forschung dar. Die Berner Schulgeschichte des 19. Jahrhunderts wurde bisher hauptsächlich anhand von Regionalstudien aufgearbeitet, ein Überblickswerk über die kantonale Entwicklung des Primarschulwesens fehlte. Hier schafft Kellerhals’ Studie mittels einer detaillierten Aufarbeitung der Entwicklung von Schulgesetzgebung und Lehrplänen Abhilfe.

Ihre Analyse beginnt mit der liberalen Revolution des Jahres 1831 und der dadurch
Eingeleiteten Übernahme der Schulgeschäfte durch den Staat. Das neu eingesetzte Erziehungsdepartement des Kantons Bern erarbeitete bis 1835 ein kantonsweit gültiges Primarschulgesetz. Festgelegt wurden darin ein verbindlicher Fächerkanon und die Gewichtung einzelner Fächer, wobei keinerlei Unterschiede zwischen den Geschlechtern gemacht wurden. Im Gegenteil hielten die Autoren des Gesetzes explizit fest, dass der Unterricht nicht durch sogenannte weibliche Arbeiten gestört werden dürfe. Diese egalitäre Ausrichtung des öffentlichen Primarschulwesens blieb in Bern bis in die 1870er-Jahre erhalten. Kellerhals schreibt es veränderten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen zu, dass im Schulgesetz von 1870 erstmals eine geschlechterspezifische Ausdifferenzierung des Fächerkanons vorgenommen wurde: Der bereits 1864 eingeführte Handarbeitsunterricht für Mädchen wurde gesetzlich festgeschrieben, die Jungen sollten in dieser Zeit am neu eingeführten Turnunterricht teilnehmen. Diese Veränderung, welche der bisherigen egalitären Ausrichtung des Berner Schulsystems zuwiderlief, wurde keineswegs widerstandslos durchgesetzt. Wie Kellerhals zeigt, war die Einführung der neuen Fächer Turnen und Handarbeit lange Jahre Thema pädagogischer Debatten, sowohl im Parlament als auch in den entsprechenden Zeitschriften. Damit einher gingen während des ganzen 19. Jahrhunderts ausführliche Diskussionen um das Verhältnis der Geschlechter innerhalb der öffentlichen Schule. Das Aufzeigen dieses Diskurses ist ein zentrales Element der Dissertation Kellerhals’, was spannende Einblicke in die jeweiligen Gesetzgebungsprozesse gestattet. Schade ist einzig, dass die Autorin in diesen Passagen über weite Strecken dem Deskriptiven verhaftet bleibt.

Die geschlechterspezifische Ausdifferenzierung des Schulgesetzes von 1870 steht symptomatisch für die sukzessive Durchsetzung eines bürgerlichen Geschlechtermodells und die Konstruktion typisch weiblicher Betätigungsfelder. Die Vermittlung dieses Geschlechtermodells und damit verbundener Werte gehörte von da an zur Tätigkeit der öffentlichen Schule des Kantons Bern. Hierdurch wird deutlich, wie sich die Schulgesetzgebung und insbesondere die Lehr- und Unterrichtspläne zu Steuerungsinstrumenten sozialer Normierung entwickelten. Kellerhals zeigt auf, dass diese Instrumente auch zur gezielten Förderung von Jungen eingesetzt wurden. Während die Mädchen immer mehr mit Handarbeitsunterricht beschäftigt waren, erhielten die Jungen in dieser Zeit zusätzlichen Unterricht in der allgemeinen Schulbildung. Trotz dieser Massnahme schnitten die Mädchen im gesamten Untersuchungszeitraum der Studie deutlich besser ab als die Jungen. Kellerhals schreibt diese Tatsache – die sich auch dann nicht änderte, als die Mädchen aufgrund des Handarbeitens weniger Schulstunden besuchten – den schulkonformeren Verhaltensweisen von Mädchen zu. Mit dieser bis heute bestehenden Gleichsetzung von als typisch weiblich eingestuftem Verhalten mit höherer Schultauglichkeit schliesst die Autorin den Kreis zu den eingangs erwähnten aktuellen Diskussionen.

Die Dissertation Kellerhals’ bietet also nicht nur einen Überblick über die Berner Schulgeschichte des 19. Jahrhunderts. Dank der detaillierten Aufarbeitung politischer und pädagogischer Debatten gestattet die Studie Einsicht in die Wahrnehmung des Geschlechterverhältnisses in schulischem Kontext sowie in die Argumentationskultur von Schulpolitikern und Pädagogen. Getrübt wird das Bild einzig durch die erwähnten allzu deskriptiven Passagen, denen ein höheres Mass analytischen Tiefgangs zuträglich gewesen wäre. Insgesamt ist die Studie als wichtiger Beitrag zur Schul- und Geschlechtergeschichte zu werten, der nicht zuletzt eine vertiefte historische Auseinandersetzung mit aktuellen Problemen der Schulpolitik ermöglicht.

Zitierweise Eva Keller: Rezension zu: Kellerhals, Katharina: Der gute Schüler war auch früher ein Mädchen. Schulgesetzgebung, Fächerkanon und Geschlecht in der Volksschule des Kantons Bern 1835 – 1897. Bern: Haupt Verlag 2010. Zuerst erschienen in: Berner Zeitschrift für Geschichte, Jg. 74 Nr. 1, 2012, S. 64-66. <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/infoclio/id=19444>
 
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