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Zeitgeschichte (nach 1945)

B. Stalder: Der Gymer. Geschichte und Gegenwart des Gymnasiums

 

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Autor(en):
Titel:Der Gymer. Geschichte und Gegenwart des Gymnasiums Kirchenfeld
Ort:Thun
Verlag:Werd & Weber Verlag AG
Jahr:
ISBN:978-3-03818-189-7
Umfang/Preis:€ 30,00

Thomas Gees
Berner Fachhochschule, Departement Wirtschaft
thomas.geesbfh.ch

Mit «Der Gymer» legt die Historikerin Birgit Stalder eine Geschichte des Berner Gymnasiums Kirchenfeld vor, die aus einer historischen Perspektive den Leser/die Leserin bis in die Gegenwart führt. Das Buch trägt mit seiner Würdigung ehemaliger und aktueller Lehrkräfte, Rektoren und Vertreter der Erziehungsdirektion Züge einer Festschrift, obwohl es nicht aus Anlass eines Jubiläums erschienen ist. Vielmehr stellt es eine interessante Fallstudie für die historische Bildungsforschung dar. Im Folgenden interessieren vor allem diejenigen Kapitel, welche die bildungsgeschichtliche Entwicklung aus der Mikroperspektive einer Schule erzählen. Der im Berndeutschen so genannte «Gymer» ist eine Mittelschule, die im Kanton Bern einzigartig war, heute allerdings nur noch ein Gymnasium unter mehreren innerhalb einer eidgenössisch und kantonal harmonisierten Bildungslandschaft darstellt. «Der Gymer» ist insofern historisch gesehen durchaus ein zutreffender Titel.

Das Gymnasium Kirchenfeld war bis 1966 die einzige staatliche Mittelschule im Kanton Bern und entstand 1880, als sich die burgerliche Realschule, die Kantonsschule und die neu gegründete Handelsschule zum Städtischen Gymnasium zusammenschlossen. Paradoxerweise waren die leeren Kassen des Kantons der Grund, weshalb die vormals getrennten Schulen als gymnasiale Abteilungen in die Hoheit der Stadt Bern überführt wurden. Rund 50 Jahre später bezog der «Gymer» seinen heutigen Ort im Kirchenfeld, demjenigen Quartier, das erst nach 1900 durch eine neue Brücke über die Aare (Kirchenfeldbrücke) erschlossen worden war. Die Entwicklung des Berner Gymnasiums vor dem Umzug an den heutigen Standort wird im Buch nur summarisch dargestellt, der Schwerpunkt liegt auf der Darstellung der Entwicklungen in den letzten 40 Jahren. Denn erst nach 1980 seien «die richtungsweisenden Ereignisse» geschehen, welche die Gegenwart der Schule charakterisieren (S. 10).

Die Lektüre dieser Schulgeschichte ist erhellend, weil es der Autorin – selber Lehrerin am Gymnasium Kirchenfeld – gelingt, eine Geschichte von Schulreformen aus der Perspektive «von unten», aus der Sicht der Betroffenen, nachzuzeichnen. Damit liefert Stalder eine wichtige Ergänzung zur Forschung, wie sie etwa die historische Bildungsforschung am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität Zürich um den Lehrstuhl von Lucien Criblez leistet.[1]

Im Anschluss an eine überblicksartige Schulchronik (S. 24–107) analysiert Stalder Themen wie Maturitätsreformdebatten, Reorganisationsfragen der kantonalen Bildungsangebote auf der Gymnasialstufe nach 2005, die Lateinfrage, die Zunahme des Frauenanteils im lange männliche dominierten Lehrköper, die verschiedenen Jugendbewegungen, die Schulraumentwicklung, den Einsatz von neuen Technologien im Unterricht sowie das Qualitätsmanagement. Auch wenn Stalder die schulgeschichtlichen Aspekte, welche sie vertieft behandelt, nicht in den bildungshistorischen Forschungskontext einbettet (zitiert wird ausschliesslich Sekundärliteratur im engeren Sinn zur Geschichte des Untersuchungsobjektes), liefert sie dennoch eine relevante Studie zum oben erwähnten Forschungsgebiet. Stützen kann sie sich hierfür auf die vorhandenen Primärquellen (diverse Konferenzprotokolle der Rektoren und der Schulkommission, Reglemente sowie Lehr- und Baupläne). An ihnen lässt sich die Umsetzung eines Reformprozesses nachvollziehen, der auf nationaler Ebene im Bereich der Sekundarstufe II in den frühen 1960er Jahren einsetzte und sich in den 1980er Jahren beschleunigte. Wer mit diesen Reformbestrebungen ein wenig vertraut ist, staunt nicht schlecht, wie lange Bildungsreformen brauchen, bis sie in den Schulen wirklich ankommen.

Obwohl das hier untersuchte Gymnasium Kirchenfeld bis heute das grösste im Kanton Bern darstellt, ist es doch nur ein Gymnasium in einer nach wie vor sehr heterogenen Bildungslandschaft Schweiz, was Maturitätsquoten, Aufnahmewahrscheinlichkeiten, Ausbildungsdauer und Fächerangebote betrifft. Die Lektüre des Buches lässt anschaulich nachvollziehen, weshalb eine so beachtliche Differenz zwischen nationalen Konzepten in Form von Verordnungen und der lokalen Praxis besteht. Im Kanton Bern waren etwa regionalpolitische Befindlichkeiten ausschlaggebend dafür, dass lange Zeit die Gemeinden eine Art progymnasialen Unterricht anboten auf Kosten der Bildungsqualität. In Bern waren einerseits ein Stadt-Land-Konflikt, andererseits ab den 1990er Jahren die knappen Finanzen der Grund, weshalb die gymnasiale Ausbildungsdauer stetig verkürzt und der Unterricht mit den lokalen Sekundarschulen geteilt werden musste, sehr zum Missfallen der Lehrkräfte am Gymnasium.

Eindrücklich zeigt Stalder auf, wie die Lehrerschaft am Gymnasium Kirchenfeld in den 1980er Jahren Opposition gegen den neusprachlichen Typus D (Neue Sprachen) machte. Diese Ergänzung zu den klassischen Typen mit Griechisch, Latein, Mathematik und Wirtschaft war schon seit 1974 eine eidgenössisch anerkannte Variante zum prüfungsfreien Zutritt an die Hochschulen. Dennoch gelang es der Lehrerkonferenz, dessen Umsetzung an der eigenen Schule zu blockieren. Auch wenn die Autorin diese Verweigerungshaltung klar benennt, hält sie sich mit einer Bewertung zurück. Man kommt nicht umhin zu vermuten, dass das Lehrerkollegium nicht alleine um Qualitätseinbussen bei der gymnasialen Ausbildung besorgt war, sondern sich aus durchaus eigennützigen Motiven gegen den Typus D stellte, weil die etablierten Lehrkräfte ihre Fächerpensen gegen die neuen Sprachen verteidigen wollten. Am Typus D interessierten Berner Schülerinnen und Schülern blieb in dieser Zeit nur ein Ausweichen auf Privatschulen. Stalder zitiert zwei Lehrkräfte aus einem (anonymisierten) Protokoll, welche 1982 eine kleine Debatte vor der Lehrerkonferenz abhielten. Während der Befürworter des Typus D lediglich formal argumentiert («Der Typus D bewährt sich in verschiedenen Kantonen.»), holt der Gegner zum Rundumschlag aus («Der Typus D entspricht dem gymnasialen Niveau nicht!», S. 116f.).

Die aus Primärquellen erarbeiteten, analytischen Kapitel werden jeweils durch Interviews mit den beteiligten Akteurinnen und Akteuren aus den damaligen Schulleitungen ergänzt. Anschliessend werden diese Interviews von der Autorin «kommentiert» – eine gelungene Entscheidung, um nicht ausschliesslich auf eine affirmative Deutung der Entwicklungen durch die betroffenen Akteure zu verfallen.

Als schliesslich 1994 mit fast 20jähriger Verspätung auch am „Gymer“ das neusprachliche Gymnasium als jüngster Typus eingeführt wurde, löste bereits die Einheitsmatur das ganze System wieder ab. Ab 1997 wurden schweizweit Schwerpunktfächer eingeführt – und diesmal zog auch das Traditionsgymnasium mit. Gleichzeitig wurde das Gymnasium wieder in die kantonale Zuständigkeit zurückgeführt. In den letzten 20 Jahren, das zeigt Stalder deutlich, jagte eine Schulreform die nächste, sodass die Lehrerschaft zunehmend mit der Entwicklung von Leitbildern, fächerübergreifendem Unterricht und Reorganisationen ausgelastet war. Als Ergebnis dieses Prozesses tritt das Gymnasium heute gegen aussen als Einheit auf, nicht zuletzt auch wegen eines kantonal gültigen einheitlichen Lehrplanes. Allerdings wurde dem Gymnasium Kirchenfeld damit auch noch die letzte Möglichkeit genommen, sich als Elitegymnasium zu positionieren. Als vor zwei Jahren ein Abgänger an der Schlussfeier das Wort «Elite-Gymnasium» aussprach, wehrte sich die heutige Rektorin explizit gegen dieses Selbstverständnis. Das über lange Zeit einzige kantonale Berner Gymnasium konnte sich mit seiner Reformverweigerung noch bis zur Jahrtausendwende den Ruf des Traditionellen und damit des Elitären sichern; heute ist das Wort «Elite» zum Unwort geworden. Exemplarisch wird diese Entwicklung auch im speziellen Kapitel über den Bedeutungsverlust der klassischen Musik ausgeführt, welche bei den Gymnasiasten – parallel zum Lateinunterricht – nur noch auf eine geringe Nachfrage stösst.

Die Leistung der Autorin, eine Schulgeschichte aus den Primärquellen quellennah zu rekonstruieren und dabei den Beteiligten viel Raum zur Selbstdarstellung einzuräumen, ist auch aus dem wissenschaftlichen Blickwinkel der historischen Bildungsforschung sehr wertvoll einzuschätzen. Desiderate gibt es in zwei Bereichen: Einerseits kommt die Darstellung der 1960er Jahre zu kurz (die Maturitätsanerkennungsverordnung von 1968/72), insbesondere die grosse, national wie international geführte Debatte um die Bildungsexpansion im Nachgang zum Sputnikschock, andererseits hätten die Auswirkungen der beiden Jugendbewegungen nach 1968 und dann – vermutlich viel bedeutender noch – der 1980er Jahre mehr Raum verdient.

Die abschliessende Bewertung, was genau sich im Mikrokosmos des Gymnasiums Kirchenfeld insbesondere in den zurückliegenden 40 Jahren abgespielt hat, überlässt die Autorin wohlweislich ihren Leserinnen und Lesern – wobei sie den teilweise verklärenden Deutungen von pensionierten Lehrkräften und ehemaligen Schülerinnen und Schülern (die leider allerdings selber im Buch kaum zu Wort kommen) den gebührenden Respekt zollt. Doch die Lektüre des Buches lässt keinen Zweifel: In der Geschichte dieses Gymnasiums hat sich die Bildungsbürokratie im Verbund mit den Rektoraten durchgesetzt. «Der Gymer» ist Vergangenheit – und das Kirchenfeldgymnasium ist heute nur noch «Ein Gymer».

[1] Stellvertretend für viele vgl. den Sammelband anlässlich des 60. Geburtstags von Lucien Criblez: Flavian Imlig / Lukas Lehmann / Karin Manz (Hrsg.): Schule und Reform: Veränderungsabsichten, Wandel und Folgeprobleme, Wiesbaden: Springer VS 2018 (<doi.org/10.1007/978-3-658-19498-7>)

Zitierweise Thomas Gees: Rezension zu: Stalder, Birgit: Der Gymer. Geschichte und Gegenwart des Gymnasiums Kirchenfeld. Thun: Werd & Weber Verlag 2018. <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/infoclio/id=30582>
 
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