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Theoretische und methodische Fragen

P. Föhr: Historische Quellenkritik im Digitalen Zeitalter

 

Informationen zu diesem Beitrag

Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). www.infoclio.ch/

Autor(en):
Titel:Historische Quellenkritik im Digitalen Zeitalter
Ort:Basel
Verlag:Universität Basel
Jahr:
ISBN:/
Bemerkungen:DOI: dx.doi.org/10.5451/unibas-006805169
Umfang/Preis:346 S.; Creative Commons

Guido Koller, Biel/Bienne
E-Mail: <Guido.Kollerbar.admin.ch>

Nicht nur die Gesellschaft, auch die Wissenschaft und mit ihr die Historiographie ändern sich. Findet dieser Wandel außerhalb von bestehenden Grundmustern wissenschaftlichen Denkens statt, liegt ein Paradigmenwechsel vor, induziert von neuen Techniken und Begriffen. Der von Computern, Programmen und Algorithmen ausgelöste und vom Internet verstärkte und verbreitete „digital turn“ müsste sich geradezu als Paradefall einer wissenschaftlichen Revolution im Sinne von Thomas Kuhn erweisen, auch wenn dieser sein Konzept primär für die Naturwissenschaften entwickelt hat. Die Schwierigkeit einer entsprechenden Untersuchung liegt allerdings auch in der Frage begründet, von welchem Standpunkt aus wir sie führen sollten – wir stecken mitten drin. Dies zeigt sich auch in der Dissertation von Pascal Föhr. Während die Fragestellung seiner Untersuchung der traditionellen historischen Methode entspricht, stammt ein Großteil der von ihm verwendeten Begriffe aus der neuen Welt der Informatik.

Der Autor geht in seiner umsichtig gestalteten Untersuchung der Frage nach, wie sich die historische Quellenkritik gerade verändert. Sein Ziel ist es, neue, zeitgemäße Grundlagen für die historisch-kritische Methode zu erarbeiten. Dies ist notwendig, weil digitale Quellen neue Eigenschaften aufweisen, sich von bisher bekannten Materialien unterscheiden. Um die neuen Typen und Gattungen digitaler Quellen für die Historiographie nutzbar zu machen, stützt sich Föhr insbesondere auf informationstechnische Methoden. Er stellt die Probleme im Umgang mit digitalen Objekten ausführlich dar und präsentiert Lösungsvorschläge, um die Infrastruktur und Arbeitsweise der Geschichtswissenschaft auf einen neuen, digitalen Stand zu bringen.

Es ist zwar nicht so, dass in der Geschichtswissenschaft Digitalität überhaupt nicht diskutiert wird. Diese Diskussion sei aber, so Föhr, geprägt durch neue Formen des Gewinnens und Vermittelns von Wissen sowie durch die digitale Archivierung; hingegen würden digitale quellenkritische Methoden bis anhin kaum thematisiert. Föhr leitet aus diesem Defizit die Wahl des Themas seiner Dissertation ab. Er sieht die Geistes- und Sozialwissenschaften vor der Herausforderung, ein (kritisches) Bewusstsein für die Handhabung von digitalen Objekten herauszubilden. Er scheint dabei ein klares Bekenntnis zu den neuen Möglichkeiten zu vermissen: Historiker und Historikerinnen würden sich die notwendigen Informatikkenntnisse nur zögerlich aneignen. Aber auch Föhr lässt eine gewisse Skepsis erkennen, ob die „Digital Humanities“ tatsächlich ein neues, eigenständiges Forschungsfeld bilden. Den Tatbeweis dafür müssen sie erst noch mit genuin neuen Fragestellungen und Erkenntnissen liefern.

Pascal Föhr versteht „Digital History“ als die Bearbeitung von geschichtswissenschaftlichen Fragestellungen mit computergestützten Analysemethoden anhand von digitalen Quellen. Diese (Arbeits-)Definition trägt dem offenen Praxisfeld Rechnung, indem es verschiedene Entwicklungen zulässt: neue Forschungsmaterialien, neue Methoden und Techniken für die Quellenkritik, neue Kanäle für die Produktion und Vermittlung von historischem Wissen (Internet, Wikipedia), digitale Archivierung, E-learning, Hybridität, Interdisziplinarität. Der Protagonist, um den Föhr seine Dissertation kreisen lässt, ist das „digitale Objekt“. Er geht davon aus, dass es „physisch nicht greifbar ist“ und nimmt deshalb an, dass es „eine neue Art von Quelle“ darstellt. Demzufolge muss es auch neue Quellentypen und eine neue Quellenkritik geben, die nur mit Hilfe der Informatik beschrieben und entwickelt werden können. Föhr schließt daraus, dass Digitalität, in der Begrifflichkeit von Kuhn, ein neues Paradigma darstellt und zeigt in seiner Arbeit im einzeln auf, wie dieses die Arbeitsweise der Geschichtswissenschaft verändert.

Der Autor untersucht zunächst die Eigenschaften des digitalen Objekts, das in drei Formen existiert, „digitized data“, „born-digital data“ und „reborn-digital data“. Er prüft sodann, wie die „Prozessschritte“ der traditionellen historisch-kritischen Methode – Heuristik, Quellenkunde, Quellenkritik, Interpretation, Darstellung – aufgrund der drei neuen Quellentypen angepasst werden müssen. Die Heuristik als solche bleibt bestehen, wird aber durch neue Räume, Strategien und Methoden der Suche ergänzt. Auch die Quellenkunde ändert sich im Grundsatz nicht, wird aber durch algorithmisch genierte Hinweise durch Suchmaschinen erweitert.

Bei der Quellenkritik kommt Föhr zu einer überraschenden Forderung: Um die Authentizität und den Aussagewert einer Quelle zu bestimmen, verlangt er nicht nur die Anwendung von informationstechnischen Fragen – mit welcher Hard- und Software wurde das Objekt generiert? in welchem Format liegt es vor? –, sondern auch eine (individuelle!) Sicherung. Er will so der volatilen Eigenschaft digitaler Objekte Rechnung tragen. Es stellen sich hier allerdings zwei Fragen: Sollte die Sicherung nicht den Spezialisten in den Archiven und Bibliotheken überlassen und (stattdessen) das eigene Vorgehen besser dokumentiert werden?

Bei der Interpretation wiederum ergeben sich keine grundlegenden Anpassungen. Föhr weist aber darauf hin, dass das Informationssystem, in dem das zu interpretierende digitale Objekt vorliegt, immer berücksichtigt werden muss. Schließlich bleibt auch die Darstellung als Prozessschritt bestehen, wobei sich im Internet neue Möglichkeiten der Vermittlung und Vernetzung der Forschungsresultate ergeben. Insgesamt kommt Föhr zum Schluss, dass nicht mehr physische, sondern digitale Objekte als „Leitmedium“ betrachtet werden müssen.

Bei der Quellenkritik legt der Autor großen Wert auf Authentizität und Integrität: Eine Quelle soll eine Begebenheit so wiedergeben, wie sie tatsächlich gewesen ist; das sie zum Zeitpunkt der Forschung repräsentierende Objekt müsse ihrem vormaligen Zustand entsprechen. Das Objekt ist semantisch integer, wenn der reale oder modellierte Sachverhalt wahrheitsgetreu wiedergegeben wird. Geprüft werden kann dies mit einem „Hashwert“ oder einer „digitalen Signatur“. Föhr vermerkt, dass die Reproduktion eines digitalen Originals nicht eine Kopie schafft, sondern zwei „Klone“. Er lehnt deshalb den Begriff der „Originalkopie“ ab, mit dem Gisela Fehrmann den Status von Original und Kopie als Produkt transkriptiver Prozesse zu fassen versucht.

Föhr regt an, einen Zeitstempel als Nachweis der Integrität eines digitalen Objekts in wissenschaftliche Publikationen einzuführen. Er legt ebenfalls großen Wert auf die Lösung der Persistenz, denn Angebote wie „Digital Object Identifier (DOI)“ oder „Permalinks“ garantieren nicht wirklich eine dauerhafte Adressierung der Autorenschaft, außer sie sei mit einer Langzeitarchivierung verbunden, wie etwa bei den von Bibliotheken vergebenen URN. Untersuchungen zeigen, dass rund ein Drittel der in „Social Media“ verlinkten Quellen nach zwei Jahren nicht wiederauffindbar sind. Föhr verlangt deshalb auch einen „Link-Check“; als relevant bezeichnet er Verknüpfungen auf Informationen, die das Primärobjekt inhaltlich ergänzen.

Während die Echtheit eines digitalen Objekts mit dessen Überlieferungsgeschichte geprüft werden kann und dabei der Speicherort maßgebend ist, kann künftig auf die Angabe eines Erscheinungsortes verzichtet werden. Das digitale Objekt ist stets als Manuskript aufzufassen, hält Pascal Föhr fest, seine Darstellung ist immer von einem Informationssystem abhängig: „The Code is not the Text (unless it is the Text)“ (John Cayley). Föhrs quellenkritische Überlegungen münden in eine Authentizitätsapproximation, welche die Verwendbarkeit einer Quelle anhand von deren Integrität, Persistenz, Datierung, Autorschaft, Adressierung, Inhalt und Beziehungen mathematisch berechnet.

Der Autor betont, dass Informationssysteme es erlauben, mehr Quellenmaterial auszuwerten und neue Zusammenhänge aufzudecken, und ist überzeugt davon, dass die Informatik keine Hilfswissenschaft, sondern das Fundament der neuen, digitalen, historisch-kritischen Methode bildet. Das gilt für ihn auch für die Darstellung von Forschungsergebnissen im Netz, wo Digitalität in Form von Hypertext, Visualisierung und Vernetzung die traditionelle Monographie in Frage stellt. Er spricht sich auch für Blogs als „Wissensorte der Forschung“ (Mareike König) aus. Sie haben sich schon jetzt als Werkzeuge für die modulare Kommunikation und Vernetzung nützlich erwiesen. Da aber Informationen im Internet grundsätzlich „flüchtig“ sind, empfiehlt Föhr jeweils eine ausgebaute Belegkette als Zitierform (Autor, Titel, Identifikator, Link-Check, Version, Datum, Sammlung, Seite).

Am Schluss seiner Dissertation spricht sich Pascal Föhr für die Ausbildung von „Digitalhistorikern“ aus: Er orientiert sich dabei am Entwurf der „Guidelines for the Professional Evaluation of Digital Scholarship in History“ der „American Historical Association“. Im Zentrum stehen die Informations- und die Medienkompetenz, verstanden als Fähigkeit, den Bedarf an Information ermitteln, Suchstrategien entwickeln, Quellen nutzen, Daten bewerten und auswerten sowie Ergebnisse (digital) vermitteln zu können. „Innovative Technik braucht kompetente Menschen, die sie beherrschen, statt von ihr beherrscht zu werden“ (Gerd Gigerenzer).

Pascal Föhr hat eine Dissertation erarbeitet, welche die „Historische Quellenkritik“ ein gutes Stück in das „digitale Zeitalter“ hineinträgt. Ein allfällig neues Paradigma zeichnet sich allerdings erst in Umrissen ab. Föhr zeigt die Probleme des Wandels auf und stellt Lösungsansätze vor. Nachdenklich stimmt sein Befund, wonach den Metadaten und Paratexten von digitalen Objekten und ihrer Umwelt „grundsätzlich nicht zu vertrauen ist“. Aber auch hier schafft er mit seiner innovativen Authentizitätsapproximation Abhilfe. Der hohen Volatilität von digitalen Objekten begegnet Föhr mit (individuellen) Sicherungsmaßnahmen. Zurecht setzt er letztlich auf die Archivierung in einem staatlichen Umfeld: Es sollen so viele Quellen wie möglich digital und physisch zur Verfügung gestellt werden. Die Zukunft bleibt hybrid, auch wenn das neue Leitmedium nicht mehr physisch, sondern digital ist.

ZitierweiseGuido Koller: Rezension zu: Föhr, Pascal: Historische Quellenkritik im Digitalen Zeitalter. Basel 2018, in: H-Soz-Kult, 18.02.2019, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2019-1-103>.
 
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