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Frühe Neuzeit

Ph. Zwyssig: Täler voller Wunder

 

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Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit infoclio.ch (Redaktionelle Betreuung: Eliane Kurmann und Philippe Rogger). www.infoclio.ch/

Autor(en):
Titel:Täler voller Wunder. Eine katholische Verflechtungsgeschichte der Drei Bünde und des Veltlins (17. und 18. Jahrhundert)
Reihe:Kulturgeschichten. Studien zur Frühen Neuzeit 5
Ort:Affalterbach
Verlag:Didymos Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-939020-46-2
Umfang/Preis:468 S.; € 59,00

Jon Mathieu, Historisches Seminar, Universität Luzern
E-Mail: <jon.mathieubluewin.ch>

In seinem umfangreichen Werk Täler voller Wunder untersucht Philipp Zwyssig die vielfältigen Beziehungen zwischen Rom als Zentrum der katholischen Christen und den lokalen Kultgemeinschaften im rätischen Alpenraum des 17. und frühen 18. Jahrhunderts. Die leicht überarbeitete Berner Dissertation ist Teil eines Forschungsprojekts, welches die neuere Konfessionalisierungs- und Katholizismusforschung mit der Außenbeziehungsforschung zusammenführt. Zentral ist der Begriff der Verflechtung in einem auch über personale Netzwerke hinausgehenden Sinn. Um es gleich vorwegzunehmen: Bezüglich Quellenarbeit, sorgfältiger Ausführung und differenzierter Argumentation erreicht die Studie ein hohes Niveau. Das untersuchte Fallbeispiel der Drei Bünde (des heutigen Schweizer Kantons Graubünden) mit ihren südlichen Untertanengebieten (der heutigen italienischen Provinz Sondrio) eignet sich gut für das Unterfangen. Gemeinden und gemeindeähnliche Verbände besaßen hier viel politisches Gewicht, auch bei konfessionellen Fragen. Entsprechend wurde der Bündner Freistaat zu einem protestantisch-katholischen Flickenteppich. Während die Protestanten im herrschenden Landesteil in der Mehrheit waren, blieben die Untertanen im Veltlin mit Chiavenna und Bormio katholisch. Als konfessioneller Grenzraum rückte das Gebiet in der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs in den Fokus der europäischen Politik. 1620 fiel das Veltlin von den Drei Bünden ab, um 1639 unter veränderten Bedingungen wieder zu ihnen zurückzukehren.

1621 rief der Papst per Dekret die „rätische Mission“ des Kapuzinerordens ins Leben, die den Protestantismus in diesem „Tor zu Italien“ zurückdrängen sollte und zu einem Prestigeprojekt der neuen Kurienkongregation de Propaganda Fide wurde. Die Bilanz fiel allerdings durchwachsen aus: Die Rekatholisierung protestantischer Gemeinden misslang; daher zog sich die Mission in der Jahrhundertmitte in katholische Gemeinden zurück, wo sie der religiösen Kultur dann starke Impulse verlieh. Solche großräumigen Beziehungsphänomene werden im ersten Hauptteil der Studie thematisiert unter dem Titel „Translokaler Katholizismus: Akteure und kommunikative Praktiken“ (S. 35–156). Der zweite Hauptteil trägt den Titel „Barocke Gnadenlandschaften: Aneignungen und Deutungen eines konfessionellen Grenzraums“ (S. 157–296) und richtet den Blick auf die soziale Praxis vor Ort. Mit Verweis auf konstruktivistische Raum- und Landschaftstheorien analysiert der Autor die Sakralisierung der alpinen Umwelt vor allem durch eine aufwändige Bautätigkeit. „Die Missionare gingen davon aus, dass das bloße Betrachten prunkvoll gestalteter und schön geschmückter Gotteshäuser eine tiefe Frömmigkeit bewirken müsse. Sie nahmen an, mit der alpinen Umwelt als Kontrast würden die opulenten Kirchen und Kapellen bei den Menschen geradezu einen überwältigenden Eindruck hinterlassen und sie in ihrem Innersten bewegen. Im ästhetischen Erlebnis sahen sie daher einen Angriffspunkt für die Vermittlung nachtridentinischer Frömmigkeitsideale und Glaubensinhalte.“ (S. 234)

Der dritte und letzte Hauptteil der Studie heißt: „Ökonomien des (Un)Heils: Religiöse Erfahrungswelten und Ambivalenzen im Umgang mit dem Sakralen“ (S. 297–384). Hier geht es nun um die zahlreichen als Wunder identifizierten Erscheinungen. Sie konzentrierten sich an den Gnaden- und Wallfahrtsorten, die auch in kartografischer Übersicht zusammengestellt sind. Erzählt werden etwa die Vorgänge rund um den seligen Luigi Gonzaga (1568–1591) und die Heilkraft seines Lampenöls. Die Lebensgeschichte dieses Jesuiten wies keine Berührungspunkte mit dem rätischen Alpenraum auf. Der Kult, der sich seit 1607 am kleinen Ort Sazzo im Veltlin entwickelte, begann mit der gedruckten Vita, die dem Vizepfarrer relativ zufällig in die Hände fiel. Er war von Luigi derart begeistert, dass er handschriftliche Kopien unter seinen Pfarrkindern verteilte und ihnen den eben erst selig Gesprochenen für ihre Anliegen empfahl. Schon wenige Monate später ereignete sich das erste „Wunder“, das auf Luigis Vermittlung zurückgeführt wurde: Eine Jugendliche, die im Sterben lag, erlangte nach einem Gelübde schnell ihre Gesundheit. Die Verehrung des neuen Hoffnungsträgers nahm damit in der Bevölkerung zu. Der Pfarrer beschaffte ein Luigi-Gemälde, kurz darauf kamen Reliquien dazu. Jetzt pilgerten Hunderte von Menschen in ganzen Prozessionen nach Sazzo, um vor dem Bild und den Reliquien zu beten. Zum Zentrum des Kults wurde aber das Öl der Lampe vor dem Luigi-Bild, galt es doch bald als eigentliches, vielfach nachgefragtes Heil- und Wundermittel. Der Gnadenort Sazzo ist auch deshalb ein bemerkenswertes Beispiel für den Einfluss der Laien auf die nachtridentinische Religiosität, „weil kirchenrechtlich gesehen die dort praktizierte Verehrung noch Jahrzehnte nach der Ausstellung des Bildes nicht offiziell anerkannt war“ (S. 342).

Die Studie von Philipp Zwyssig enthält gerade im dritten Hauptteil mehrere interessante und sorgfältig recherchierte Geschichten dieser Art. Weil sie zusammenhängende Kultentwicklungen anschaulich vor Augen führen, hätte man von der Erzählökonomie her überlegen können, sie an den Anfang zu stellen. So wären die analytischen Passagen der ersten Hauptteile, die mit vielen Einzelbeispielen argumentieren, wohl eingängiger geworden. Auch stellt sich die Frage, ob die Begründung des gewählten großräumigen Ansatzes mit der lokalistischen Perspektive der bisherigen Literatur nötig und gerechtfertigt ist. Dass die missionierenden Kapuziner Italiener und (vorerst) keine Einheimischen waren, ist ja seit jeher bekannt. Die angeführten „lokalistischen“ Autoren (Randolph C. Head, Ulrich Pfister) haben einen anderen Untersuchungsbereich gewählt, den Außeneinfluss aber nicht bestritten (S. 35). Umgekehrt könnte man Zwyssig vorhalten, dass er den Einfluss in bestimmten Punkten überzeichnet. So suggeriert er, die auf italienischem Substrat basierenden rätoromanischen Schriften der Kapuziner hätten die Grammatik und Orthographie dieser Kleinsprache wesentlich geprägt (S. 63). Das ist eine Frage für Linguisten. Die von mir konsultieren SpezialistInnen finden die These in dieser Form unrealistisch.[1]

Zwyssigs Ansatz ist auch ohne solche akademischen Nebengeräusche sehr produktiv. Indem er die backstage stories der römischen Amtskirche und ihren Institutionen und Netzwerken rekonstruiert, eröffnet er aus Bündner Sicht einen neuen Wissenshorizont. Er kann damit einerseits die zunehmende Anbindung an den „langen Arm Roms“ detailliert nachweisen. Gleichzeitig erhält er Einsicht in die Vielfalt und Eigendynamik des nachtridentinischen Katholizismus. Obwohl die gängige These der protestantischen Kritik als Antrieb für die barocke Religiosität hier naheliegend gewesen wäre, lenkt er den Blick auf interne Gründe: „Verschiedene Gruppierungen, allen voran die unterschiedlichen Ordensgemeinschaften, sahen sich in einen veritablen Konkurrenzkampf um die Gunst der Gläubigen verwickelt und versuchten diese mit jeweils eigenen Heilsmitteln an sich zu binden. Unter diesen Voraussetzungen herrschte ein gewisser Zwang zur Rücksichtnahme auf die Bedürfnisse der Laien, weshalb diese indirekt einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Ausgestaltung der kirchlichen Kultlandschaft ausübten.“ (S. 381)

Führte die Dynamik auch zu einer flächendeckenden Sakralisierung der alpinen Landschaft? „Das Heilige Land in den Alpen: Wo das Heilige heimisch ist“ – was soll man von diesem Untertitel mit geradezu touristischer Resonanz halten? (S. 264) Ist ein derart markiertes Gebiet eine ernstzunehmende Konkurrenz zum Heiligen Land Tirol? Im Unterschied zum östlichen Nachbarn hat sich in Katholisch Bünden meines Wissens keine solche Bezeichnung etabliert. Wir müssen also die sachliche Fundierung der historischen Zuschreibung prüfen. Mit der Untersuchung der forcierten Sakralisierungsanstrengungen und der dokumentierten Vervielfältigung heiliger Orte in Form von Kirchen, Kapellen, Kalvarienbergen, Bildstöcken und Feldkreuzen trifft die Studie sicher einen wichtigen Punkt. Doch gilt es die Relationen zu wahren. Der sakralisierte Raum umfasste im 17. und frühen 18. Jahrhundert nur einen inneren Teil der Landschaft. Zwar wurden auch gewisse Alpweiden (mit neuen Kapellen) einbezogen, nicht aber die Wälder und vor allem die weitläufige Gipfelregion. Das 1704 bei Dalò über Chiavenna errichtete Kreuz ist kein eigentliches Gipfelkreuz, wie der Autor schreibt (S. 162), sondern ein relativ siedlungsnahes Denkmal. Die Gipfelregion liegt in dieser Gegend tausend oder sogar zweitausend Meter höher. Diese oberste Region wurde allgemein erst seit dem 19. Jahrhundert mit christlichen Zeichen besetzt. Es wäre ein interessantes Unterfangen, diese weitere „Sakralisierung“ von ihrer religiösen und alpinistischen Motivation her so detailliert zu untersuchen, wie es Zwyssig für seine Periode tut.

Ein letzter Punkt bezieht sich ebenfalls auf die moderne Reinterpretation der Alpen. Bei der Frage der Wiederbelebungswunder totgeborener Kinder zwecks katholischer Taufe rekurriert Zwyssig auf den „im ganzen Alpenraum“ verbreiteten Volksglauben. Dieser gehe aus den Sagen über arme Seelen, wütende Heere, Nachtvolk usw. hervor (S. 346). Solche Sagen lassen sich tatsächlich gut fassen, aber meistens in Sammlungen, die im 19. und 20. Jahrhundert unter dem Einfluss der romantischen Schule produziert wurden. Der romantische Blick brachte zugleich eine Engführung auf Bergebiete, „wo keine falsche Aufklärung eingegangen oder ihr Werk ausgerichtet hat“, wie Jacob Grimm 1811 schrieb. Da ruhe noch ein Schatz von „vaterländischer Gewohnheit, Sage und Gläubigkeit“.[2] Weshalb sollten sich die früheren populären Vorstellungen im flachen Land aber grundsätzlich von denjenigen im Bergebiet unterschieden haben?

Dem Buch als Ganzem tun diese offenen Fragen wenig Abbruch. Es ist ein wichtiger Beitrag zur bündnerisch-veltlinischen Regionalgeschichte und ein spannender Input für die internationale Forschungsdebatte.

Anmerkungen:
[1] Vgl. Matthias Grünert, Ils sursilvan el contact cul talian. Consideraziuns generalas ed ina documentaziun davart il 17avel ed il 18avel tschentaner, in: Annalas de la Societad Retorumantscha 125 (2012), S. 47–106.
[2] Der Punkt ist gut ausgearbeitet in Nicolas Disch, Hausen im wilden Tal. Alpine Lebenswelt am Beispiel der Herrschaft Engelberg (1600–1800), Wien 2012.

ZitierweiseJon Mathieu: Rezension zu: Zwyssig, Philipp: Täler voller Wunder. Eine katholische Verflechtungsgeschichte der Drei Bünde und des Veltlins (17. und 18. Jahrhundert). Affalterbach 2018, in: H-Soz-Kult, 05.02.2019, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2019-1-071>.
 
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