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Historische Bildungsforschung Online

T. Ruoss: Zahlen, Zählen und Erzählen in der Bildungspolitik

 

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Diese Rezension wurde redaktionell betreut von: Philipp Eigenmann <peigenmannife.uzh.ch>

Die Rezension ist hervorgegangen aus der Kooperation mit der Historischen Bildungsforschung Online. (Redaktionelle Betreuung: Philipp Eigenmann, Michael Geiss und Elija Horn). www.fachportal-paedagogik.de/hbo/

Autor(en):
Titel:Zahlen, Zählen und Erzählen in der Bildungspolitik. Lokale Statistik, politische Praxis und die Entwicklung städtischer Schulen zwischen 1890 und 1930
Ort:Zürich
Verlag:Chronos Verlag
Jahr:
ISBN:978-3-0340-1450-2
Umfang/Preis:239 S.; € 44,00

Rezensiert für die Historische Bildungsforschung Online bei H-Soz-Kult von:
Nicolas Bilo, Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte, Universität Göttingen
E-Mail: <Nicolas_Bilogmx.de>

Statistiken bilden nicht nur Wissen ab, sie sind auch zentrales Entscheidungsinstrument für die Politik. Spätestens ab dem 19. Jahrhundert lässt sich das in wesentlichen Bereichen der (europäischen) politischen Landschaft nachweisen. Wenn Thomas Ruoss eine wachsende Bedeutung der Statistik für die Bildungspolitik in der Schweiz an der Wende zum 20. Jahrhundert konstatiert, überrascht diese Erkenntnis zunächst nicht weiter. Interessant ist aber der Zugang, den Ruoss wählt. In seiner 2016 als Dissertationsschrift an der Universität Zürich angenommenen Studie zeichnet er diese Bedeutung detailliert und akribisch nach.

Seit den Arbeiten von Michel Foucault und Pierre Bourdieu in den 1970er- und 1980er-Jahren kann die Interpretation von Ordnungskategorien als wirklichkeitsstrukturierend in weiten Teilen der Kultur-, Sozial- und Geisteswissenschaften als common sense angesehen werden. Umso überraschender ist es, dass es zwar zentrale Publikationen, etwa von Ian Hacking oder Theodore M. Porter, aus dem vergangenen Jahrhundert gibt[1], zumindest für den deutschsprachigen Raum die zentralen geschichtswissenschaftlichen Arbeiten zur Statistik aber erst um die Jahrtausendwende erschienen. Einige wichtige Arbeiten erst in den vergangenen fünf Jahren.[2] Ruoss stützt sich auf diese jüngeren Arbeiten und ergänzt sie um eine Dimension: In Anlehnung an Paul Starr begreift Ruoss Statistik weniger als Momentum der staatlichen Verdichtung und Zentralisierung, denn als Medium politischer Kommunikation.[3] Diese Erweiterung des Zugangs erlaubt ihm, nicht nur nach der Generierung von Wissen, sondern auch nach der Kommunikation zwischen unterschiedlichen Öffentlichkeiten zu fragen. Im konkreten Fall sind dies insbesondere Behörden und Lehrpersonen, Ruoss bezieht sich aber auch auf eine „politische Öffentlichkeit“ (S. 14) im weiteren Sinne, wobei etwas unscharf bleibt, wer diese Öffentlichkeit ist.

Ruoss betrachtet Schulstatistiken aus der Schweiz, die Schulinfrastruktur, Schülerleistungen und Daten über Schülerkörper erheben. Seine Quellen – Statistiken aus dem städtischen Raum der deutschsprachigen Schweiz, – liegen gut erschlossen in den Archiven Zürich, Winterthur und St. Gallen. Über die umfassende Auswertung dieses Quellenbestandes gelingt es ihm, einen lokalen politischen Mikrokosmos nachzuzeichnen. Dabei fragt er zunächst nach den institutionellen Veränderungen des Schulwesens in den genannten Städten. In einem zweiten Teil beleuchtet er die Praktiken der Datenerhebung in der Beschulung von Minderheiten, um abschließend nicht-amtliche Statistiken zu untersuchen.

Ruoss unterscheidet zwischen amtlichen und quasiamtlichen Statistiken, wobei letztere nicht auf den dezidierten Forschungswillen eines statistischen Amtes, sondern auf die Initiative einer Behörde oder von Beamten zurückzuführen sind. Der Reiz dieser Materialien liegt sicherlich in ihrer unmittelbaren Bezogenheit auf konkrete politische Vorgänge und vor dem Hintergrund des oben geschilderten Zugangs darin, dass sie die Bedeutung der Statistik für politische Aushandlungsprozesse unterstreichen.

Wohl am meisten überzeugt die Studie im ersten der drei Teile. Ruoss arbeitet, nicht ohne Akribie, die Besonderheiten der drei untersuchten Städte heraus. Deutlich wird dabei, wie unterschiedlich die Formen der Schulorganisation und auch die Entwicklung der Statistik verliefen. Während in Zürich die Erhebung an ein statistisches Amt übergeben wurde und in St. Gallen die Datenerhebung polizeiliche Aufgabe wurde, scheiterte die Professionalisierung in Winterthur. Für Winterthur beschreibt Ruoss die geringe Bedeutung einer zentralisierten Statistik. Obwohl statistische Belege zentrales Momentum der politischen Auseinandersetzung gewesen seien, habe sich die Tätigkeiten der Winterthurer Schulbehörde nicht durch eine „ausgeprägte Praxis von Datenerhebungen“ ausgezeichnet (S. 64). Relevant für die Veränderungsprozesse wurde die Statistik dennoch: Ruoss beschreibt, wie durch Lehrkräfte angefertigte Statistiken dazu führten, dass politische Entscheidungen im Sinne der Lehrerschaft entschieden wurden (S. 70f.). So zeigt sich gerade an diesem Beispiel die Wirkmächtigkeit der Statistik als politischer Kommunikationsform. Der Lehrerkonvent konnte die Einführung des Einklassensystems 1909 durchsetzen, neun Jahre vorher war ihm dies nicht gelungen. Der Erfolg ist, so Ruoss, auch darauf zurückzuführen, dass organisatorische Fragen durch die Erhebung gewissermaßen vorab beantwortet wurden und somit in der Entscheidung der Schulbehörde als gegeben angenommen wurden. Die Bedeutung der Statistik als schlagendes Argument betont Ruoss noch expliziter an anderer Stelle, wenn er Statistik als „Chiffre“ beschreibt, die „unabhängig davon, welche Inhalte sie eigentlich zu Tage fördert“ (S. 159), funktioniert.

Vielleicht etwas kurz greift der zweite Teil der Studie. Ruoss untersucht die Datenerhebung über Minderheiten am Beispiel jüdischer, katholischer und italienischer Bevölkerungsgruppen. Pointiert arbeitet er heraus, wie diese durch die Statistik erfasst wurden und die jeweiligen Zuschreibungen durch veränderte Kategorien und Zusammenhänge variierten. Ruoss spricht von „statistisch generierten Minderheiten“ (S. 156), meint dabei aber nur die tatsächliche statistische Genese. Die Minderheiten „oszillieren zwischen Sprache, Herkunft, Konfession, Klassenlage und Geschlecht“ (ebd.). Insbesondere für den Zeitraum um die Jahrhundertwende erscheint mir aber bedeutsam, dass diese Minderheiten durch gesellschaftliche Debatten erst klar umgrenzt werden. Das Oszillieren, das Ruoss beschreibt, lässt sich auch begreifen als diskursive Herstellung einer gesellschaftlichen Gruppe. Bénédicte Zimmermann hat diesen Komplex etwa für die erstaunlich junge Kategorie der Arbeitslosigkeit nachgezeichnet.[4] Dass Ruoss diesen Punkt eher anreißt als ausführt, ist sicherlich dem Zuschnitt seiner Arbeit geschuldet. Ein Verweis auf die sozialen Wirkmächtigkeiten der Statistik hätte seine Arbeit aber bereichert.

Der dritte und letzte Teil seiner Untersuchung beantwortet eine sich geradezu zwangsläufig ergebende Frage, ohne dabei zur Pflichtübung zur werden. Während Ruoss sich ja dezidiert nicht mit zentralisierten Statistiken statistischer Ämter auseinandersetzt (und hier auch kaum von einer Forschungslücke gesprochen werden kann), evoziert die Frage nach quasiamtlichen Statistiken die nach ihrem nichtamtlichen Pendant. Durchaus überzeugend zeichnet Ruoss diesen Bereich anhand zweier Beispiele nach, einer Auseinandersetzung um Kinderarbeit und eines Konflikts um die Lehrerbesoldung. Er kann dabei zeigen, dass auch parastaatliche Statistik nicht zwangsläufig als eine „Statistik von unten“ verstanden werden kann (S. 207). Vielmehr belegt er die enge Verflechtung staatlicher und nichtstaatlicher Statistik.

Zahlen, Zählen und Erzählen: Ruoss macht in seiner Arbeit einen Dreiklang statistischer Wissensproduktion auf, der jenseits der sprachlichen Ebene auch inhaltlich überzeugt. Die Praxis des Zählens und die Wirkmächtigkeit, die bereits die Datenerhebung entfaltet, kann er überzeugend anhand lokaler Beispiele aus der Schweiz nachzeichnen. Seine Arbeit belegt überdies schlüssig für einen spezifischen Raum und ein spezifisches Thema den speziellen Charakter der Zahlen, ihre inhärenten Logiken und ihre zunehmende Bedeutung im politischen Diskurs des 19. und 20. Jahrhunderts. Das eigentlich Besondere ist aber der dritte Aspekt: der des Erzählens. Ruoss zieht die narrative Ebene in seine Analyse ein und kann damit nicht nur die ambivalente Rezeption statistischen Wissens erklären, sondern auch ihre Verwendung als Medium politischer Kommunikation besser beschreiben, als die Forschung dies bisher konnte. Seine Arbeit weist damit auch jenseits ihrer Bedeutung für den lokalen Gegenstand in eine spannende Richtung der historischen Statistikforschung.

Anmerkungen:
[1] Ian Hacking, The Emergence of Probability. A Philosophical Study of Early Ideas about Probability, Induction and Statistical Inference, London 1975; Theodore M. Porter, The Rise of Statistical Thinking, 1820–1900, Princeton 1986; ders., Trust in Numbers. The Pursuit of Objectivity in Science and Public Life, Princeton 1995.
[2] Wolfgang Göderle, Zensus und Ethnizität. Zur Herstellung von Wissen über soziale Wirklichkeiten im Habsburgerreich zwischen 1848 und 1910, Göttingen 2015; Hans Ulrich Jost, Von Zahlen, Politik und Macht. Geschichte der schweizerischen Statistik, Zürich 2016; Michael C. Schneider, Wissensproduktion im Staat. Das königlich preußische statistische Bureau 1860–1914, Frankfurt am Main 2013.
[3] Paul Starr, The Sociology of Official Statistics, in: William Alonso / Paul Starr (Hrsg.), The Politics of Numbers, New York 1987.
[4] Bénédicte Zimmermann, Arbeitslosigkeit in Deutschland. Zur Entstehung einer sozialen Kategorie, Frankfurt am Main 2006.

ZitierweiseNicolas Bilo: Rezension zu: Ruoss, Thomas: Zahlen, Zählen und Erzählen in der Bildungspolitik. Lokale Statistik, politische Praxis und die Entwicklung städtischer Schulen zwischen 1890 und 1930. Zürich 2018, in: H-Soz-Kult, 22.01.2019, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/rezensionen/2019-1-037>.
 
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