Das Historische Buch 2004

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Geschichte der Geschichtsschreibung
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Publikumspreis

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Essay von Peter Haber für H-Soz-u-Kult

1. Rang (28 Punkte, 8 Voten)

Reinhard, Wolfgang: Lebensformen Europas. Eine historische Kulturanthropologie. München 2004.

So bleibt Reinhards historische Anthropologie nahe am Menschen. Seine Lebensformen handeln von Körpern und Gefühlen, von Kleidung und Essen, von Beziehungen und Bindungen, von Arbeit und Ethik, auch von Krieg, Gewalt und Tod. Sie berichten davon, wie Menschen in immer wieder neuen Formen und zu sich über die Jahrhunderte hinweg kaum verändernden Zwecken Gruppen bilden. Wie damit innerer Zusammenhalt bewirkt und zugleich äußere Abgrenzung markiert sein sollen: Eigenes und Fremdes, "wir" und "die". Sie zeigen, wie wenig "natürlich" Natur sein kann, seitdem sie Gegenstand menschlicher Bearbeitung und Reflexion ist. Und sie verkörpern so aufschlussreiche Muster und Widerspiegelungen alltäglichen Lebens, die sich wie Folien nebeneinander und übereinander legen lassen. Ein ebenso facettenreicher wie kompakter Überblick eines umfassend gebildeten Historikers. http://www.zeit.de/2004/14/P-Reinhard

Es handelt sich um die Selbstdarstellung einer neuen Art der Historiographie, um eine Programmschrift, die mit Recht davon ausgeht, daß es nicht die methodologischen Fanfarensignale sind, die zählen, sondern die geduldige und fruchtbare Durchführung. Der Verfasser kennt den mißtrauischen Blick seiner Historikerkollegen; sie verlangen Belege, keine Konfessionen. Er nimmt darauf so viel Rücksicht, wie es sein Mammutprojekt überhaupt duldet; er bringt Details über Details; er zitiert eine ganze historische Bibliothek. Und für die Nichtfachleute transformiert er den gewaltigen Stoff in ein kulturhistorisches Lesebuch, wie weiland Oswald Spengler. Der Verfasser ist zu bewundern: Er hat keinen historischen Wälzer geschaffen, keinen Wackerstein, der im Bauch des Bildungsbürgers rumpelt und pumpelt; er faßt seine Ergebnisse elegant zusammen und stellt zugleich sein Verfahren in einem einzigen Anlauf dar.
Wenn es für dieses Buch einen Vergleich gäbe, dann wäre es eine Ballonfahrt. Wie ein Ballon gleitet es im energischen Tempo über die europäische Kulturlandschaft, besichtigt so gut wie alle ihre Felder, streift auch einmal Afrika oder Asien und erlaubt einen Blick auf die Zukunft in den Vereinigten Staaten. Ein Ballon fliegt bekanntlich nur, wenn er aufgeblasen und abgehoben ist; kein Ballon kann ständig wieder landen, um am Boden neue Erkundungen zuzulassen.
http://www.buecher.de/w1100485faz3406517609


 

2. Rang (27 Punkte, 6 Voten)

Algazi, Gadi; Groebner, Valentin; Jussen, Bernhard (Hg.): Negotiating the gift. Pre-modern figurations of exchange. Göttingen 2003.


 

3. Rang (26 Punkte, 9 Voten)

Tanner, Jakob: Historische Anthropologie zur Einführung. Hamburg 2004.


 

4. Rang (23 Punkte, 7 Voten)

Berghoff, Hartmut; Vogel, Jakob (Hg.): Wirtschaftsgeschichte als Kulturgeschichte. Dimensionen eines Perspektivenwechsels. Frankfurt/Main [u.a.] 2004.

In dem breiten Themenfeld, das den Gegenstandsbereich historischer Forschung ausmacht, liegen "Wirtschaft" und "Kultur" nicht gerade nahe beieinander; fast könnte man sie als Antipoden bezeichnen, die gerade in letzter Zeit immer weiter auseinander driften. In ihrer Einführung erläutern die Herausgeber, weshalb sowohl der Wirtschaftswissenschaft als auch der Kulturwissenschaft mangelnde Realitätsnähe vorgeworfen wird; erstere, weil sie zu viele wichtige Faktoren ausblende, letztere, weil sie sich weigere, ökonomische Sachverhalte zu thematisieren. Dabei, so die diesem Band zugrunde liegende These, könnten sich beide Wissenschaftskulturen durchaus bereichern. In dem Sammelband stellen die Herausgeber daher einen neuen Ansatz, eben "Wirtschaftsgeschichte als Kulturgeschichte" vor, der den Spagat zwischen diesen beiden Welten überwinden will. Mark Spoerer für H-Soz-u-Kult


 

5. Rang (21 Punkte, 7 Voten)

Fried, Johannes: Der Schleier der Erinnerung. Grundzüge einer historischen Memorik. München 2004.

Dass man sich einer Begebenheit erinnert, verbürgt allemal noch nicht deren historische Wirklichkeit. Diese Einsicht zwingt gerade jene Wissenschaft zur methodologischen Reflexion, die sich das Verständnis vergangenen Geschehens zur Aufgabe macht. Der Frankfurter Mediävist Johannes Fried hat in seinem jüngsten Buch „Der Schleier der Erinnerung“ diese Herausforderung angenommen. Er will darin, wie es im Untertitel heißt, „Grundzüge einer historischen Memorik“ entwickeln, die ergänzend zu den herkömmlichen Methoden der Geschichtswissenschaft hinzutreten und der es gelingen soll, den Schleier zu lüften und der Begebenheit ins Angesicht zu schauen. Marcel Müllerburg für H-Soz-u-Kult

So bleibt der Eindruck, dass hier ein großer Wurf gewagt wurde – aber wo wird der Ball landen? Nichts gegen eine interdisziplinäre, kritische Memorik, die neben einer überzeugenden Einbeziehung der Ethnologie auch die kognitiven Neurowissenschaften berücksichtigt, insofern die methodische Skepsis alle zur Verfügung stehenden Analysemittel betrifft. So oder so ist Fried für sein hartnäckiges Insistieren auf einen kritischen Umgang mit der Gedächtniskultur zu preisen. In einer Zeit, in der das Gedächtnis zum Zauberwort der Kulturwissenschaften geworden ist, sind diesem Buch viele Leser zu wünschen. http://www.buecher.de/w1100485sz3406522114


 

5. Rang (21 Punkte, 7 Voten)

Jaeger, Friedrich; Liebsch, Burkhard; Rüsen, Jörn; Straub, Jürgen (Hg.): Handbuch der Kulturwissenschaften, 3 Bde., Stuttgart 2003.

Um den Gesamteindruck auf den Punkt zu bringen: Das Handbuch verfügt über genügend Beiträge, die klar strukturiert sind, Neugier für das kulturwissenschaftliche Studium wecken und die Pluralität der methodischen Zugänge anzeigen. Sinnbezüge, Handlungsorientierung, Zeichenhaftigkeit, diese drei Pole verknüpft der komplexe Kulturbegriff, der dem Handbuch anstelle einer plakativen aber immer zu simplen Definition von "Kultur" zugrunde liegt. Gangolf Hübinger für H-Soz-u-Kult


 

5. Rang (21 Punkte, 5 Voten)

Sarasin, Philipp: "Anthrax". Bioterror als Phantasma. Frankfurt am Main 2004.

Versucht man den Essay auf die methodische Umsetzung der theoretischen Vorgaben hin zu prüfen, so zeigt sich, dass Sarasin sein früher entworfenes Programm Punkt für Punkt umsetzt. Gewisse assoziative Verknüpfungen metaphorischer Gehalte wirken zumindest in ihren Schlussfolgerungen recht gewagt, so zum Beispiel wenn die Angst vor bzw. die Lust am Spiel mit der «Infektion durch das Fremde» anhand einer bösartig grinsenden nationalsozialistischen Judenkarikatur auf einem Ansteck-Button einer US-Metal-Band namens «Anthrax» zum Ausdruck des «westlich Imaginären» (Infektionsangst) bzw. zum provokativen Spiel der Band mit dieser Angst stilisiert wird. Die Verknüpfungen erzeugen aber einen hohen Grad an Plausibilität – was nicht zuletzt an Sarasins schillerndem Spiel mit der Sprache und ihren Bedeutungen liegt. Die Lektüre ist denn auch eine wahre Lust, insbesondere dann, wenn Sarasin die analysierte Biosprache selbst als stilistisches Mittel verwendet. So wie das Phantasma des «Bioterrors» die Angst vor dem Fremden codiert, befördert es auch die schamlose Lust an der Infektion als radikaler Akt der Subversion. Diese «Jouissance», die Lust am subversiven Akt korrespondiert mit der Wirkung des Textes von Sarasin auf den Leser, welcher aufklärend (mithin «infizierend») wirkt. Stefan Keller für H-Soz-u-Kult