Offener Brief an den Zentralrat der Juden in Deutschland

Zentralrat der Juden in Deutschland
Dr. Salomon Korn
PF 040207
D-10061 Berlin
Leipzig und Großhennersdorf, den 30.01.04

OFFENER BRIEF

Sehr geehrter Herr Dr. Salomon Korn,

mit Betroffenheit haben wir über die Medien erfahren, daß der Zentralrat der Juden in Deutschland seine Mitarbeit in den Gremien der Stiftung Sächsische Gedenkstätten niederlegt. Wir sind darüber sehr erstaunt, zumal es eine für uns vernehmbare Diskussion im Vorfeld nicht gegeben hat.

Obwohl wir Aufarbeitungsinitiativen zwar neu in den Stiftungszusammenhängen sind, ist uns der Konflikt an sich nicht vollständig verborgen geblieben. In der letzten Zeit schien uns aber eine Lösung absehbar. Im Stiftungsbeirat gab es eine hohe Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Die Wahl sowohl des Vorsitzenden des Stiftungsbeirates als auch die der Vertreter im Stiftungsrat ließ den unbedingten Schluß zu, daß alle gewillt sind, Worten auch Taten folgen zu lassen. Wir sehen keinen Grund, den Wert des erreichten Diskussionsstandes im neuen Stiftungsbeirat in Mißkredit zu ziehen und sind der Überzeugung, daß die Fortführung des begonnenen Dialogs die einzige Basis und Chance für eine weitere Zusammenarbeit überhaupt ist.

Wir arbeiten in Vereinen und Initiativen, die sich seit Jahren der politischen Bildung im Zusammenhang mit der Aufarbeitung der beiden deutschen Diktaturen des vorigen Jahrhunderts und deren verheerenden Folgen auseinandersetzen. Dabei beschränken wir uns keineswegs auf die sächsischen Ausprägungen, sondern versuchen - den historischen und internationalen Kontext im Blick- einen Beitrag zur Stärkung des antitotalitären Konsens in unserer Gesellschaft zu leisten. Das bedeutet für uns, die wir in der zweiten deutschen Diktatur groß geworden sind, daß die Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus, die in der DDR sehr defizitär gewesen ist, immer mit im Mittelpunkt unserer Bemühungen steht - gerade weil neonationalsozialistische Tendenzen in unseren östlichen, postkommunistischen Gefilden durchaus signifikant sind. So organisiert die Umweltbibliothek Großhennersdorf seit Jahren Bildungsreisen nach Theresienstadt, nach Auschwitz und nach Israel. Momentan entwickelt sie gemeinsam mit polnischen Freunden ein Reiseprogramm, um in Ostpolen und der Ukraine über die Geschichte des Holocaust und der ostjüdischen Kulturen zu lernen. Das Bürgerkomitee Leipzig hat in den vergangenen Wochen in Zusammenarbeit mit dem Polnischen Institut und der Jüdisch-christlichen Arbeitsgemeinschaft die Ausstellung „Das Warschauer Ghetto“ in seinem Haus gezeigt. Dies alles tun wir mit großem Engagement in der Sache, in Respekt vor den historischen Fakten und den Menschen und auch in immer wiederkehrender Fassungslosigkeit angesichts der Millionen jüdischer Opfer und im Bewusstsein, daß die deutschen Täter auch unsere Großeltern gewesen sein könnten.

Glauben Sie uns, daß wir mit dem offenen Blick einer Generation arbeiten, die sich zwar nicht selbst schuldig für Völkermord und andere Verbrechen der Nationalsozialisten fühlt, die aber ein tiefes Gefühl der Betroffenheit und der Verantwortung für diesen Teil unserer Geschichte lebt und vermitteln möchte. Uns ist bewußt, daß sich auch unsere Generation im Dialog mit den Heranwachsenden und den Älteren eine verläßliche Haltung besonders zum Holocaust erarbeiten muß, die Teil der Alltagsethik wird. Wir halten dies für eine Grundvoraussetzung dafür, daß Deutschland ein Land bleibt oder wieder wird, das Heimat für jüdische Mitbürger ist.

Um der Stärkung des antitotalitären Konsenses willen, halten wir es allerdings auch für unverzichtbar, uns mit der kommunistischen Diktatur in der DDR und im gesamten Ostblock auseinanderzusetzen und entschieden gegen dessen Verharmlosung aufzutreten.

Es besteht absolut kein Dissens darüber, das die Geschichte der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Sachsen nicht darzustellen und zu vermitteln ist, ohne ihre europäische und Weltdimension zu berücksichtigen. Es gibt aus unserer Sicht auch keine Tendenz, die beiden verheerenden Diktaturformen des 20. Jahrhunderts mit dem Ziel zu vergleichen, den Nationalsozialismus zu bagatellisieren oder gar dem Holocaust seine Singularität abzusprechen. Es geht uns vielmehr darum, Zeitgeschichte zu erhellen, die nachhaltige Auseinandersetzung zu initiieren und vor allem Jugendliche zu interessieren und zu sensibilisieren. Wir haben ein Interesse daran, Differenzen wie Parallelen aufzuzeigen und den Focus auf zu unrecht vernachlässigte Themen zu lenken.

Sehr schmerzlich ist für uns deshalb der Umstand, daß Sie dem Umfeld der Stiftung Sächsische Gedenkstätten Geschichts-Revisionismus unterstellen. Es gibt keinen Grund anzunehmen, daß die Ergebnisse unserer Arbeit dazu dienen sollen oder könnten, den Holocaust oder die Geschichte des Nationalsozialismus zu verharmlosen. Auch im Sächsischen Gedenkstätten-Stiftungsgesetz können wir eine solche Tendenz nicht feststellen. Lassen Sie uns noch einmal versichern, daß wir NS-Unrecht gegenüber DDR-Unrecht nicht relativieren wollen. Unser Bemühen, die Aufarbeitung der SED-Diktatur in der gesamtdeutschen Erinnerungskultur zu etablieren, ist ausdrücklich nicht mit der Absicht einer „Analogisierung und Relativierung von NS-Verbrechen gegenüber denen des Stalinismus und der Staatssicherheit in der DDR“ verbunden.

Wir würden gern mit Ihnen ins Gespräch kommen, um einen notwendigen Beitrag dazu zu leisten, aus dieser schwierigen Situation heraus zu einem kooperativen Diskurs zu finden. Selbst für den Fall, daß wir - ohne es zu ahnen - Teil des Problems geworden sein sollten, liegt uns sehr daran, nun auch Teil der Lösung zu werden.

Inzwischen haben leider auch andere Partner die Gremien der Stiftung Sächsische Gedenkstätten verlassen. Dies macht unser Anliegen noch dringlicher.

Mit Grüßen, die hoffentlich zum Brückenbau taugen
verbleiben wir in Hochachtung

Tobias Hollitzer (Bürgerkomitee Leipzig, Vorsitzender Stiftungsbeirat)
Andreas Schönfelder (Umweltbibliothek Großhennersdorf, Mitglied Stiftungsbeirat)
Uwe Schwabe (Archiv Bürgerbewegung Leipzig, Mitglied Stiftungsrat)

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Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V., Katharinenstraße 11, 04109 Leipzig, 0341/8611626, Infoarchiv-buergerbewegung.de

Bürgerkomitee Leipzig e.V., Dittrichring 24, 04109 Leipzig, 0341/9612443, mailrunde-ecke-leipzig.de

Umweltbibliothek Großhennersdorf e.V., Am Sportplatz 3, 02747 Großhennersdorf, 035873/30920, mailumweltbibliothek.org