Petition und Dokumentation zur Strukturreform der Österreichischen Akademie der Wissenschaften


Petition von Mitarbeitern der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

Von: Christian Balluch aus Wien, Österreich: christian.balluchoeaw.ac.at

Zusendung an die HSK-Redaktion

Drohende Massenentlassungen an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften

Im Zuge einer so genannten "Leistungsvereinbarung" mit dem Österreichischen Wissenschaftsministerium hat die Österreichische Akademie der Wissenschaften realen Kürzungen ihres Budgets zustimmen müssen: Diese haben zur Folge, dass – nach derzeitiger Planung – die Zahl der Institute drastisch reduziert werden muss und bis zu 300 der knapp 800 wissenschaftlichen Mitarbeiter der Akademie ihre Stellen verlieren werden; in der Folge wären dann auch zahlreiche drittmittelfinanzierte Stellen bedroht.

Aus den bisher bekannt gewordenen Planungen geht hervor, dass die Hauptlast der Einsparungen eindeutig von der philosophisch-historischen Klasse zu tragen sein wird. Zu dieser gehören eine ganze Reihe historisch orientierter Forschungseinrichtungen: Eine genaue Liste finden Sie unter www.oeaw.ac.at/deutsch/forschung/einrichtungen/zentren.html. Es wird also zwangsläufig eine große Zahl von Vertretern historischer Disziplinen von Jobverlust betroffen sein.

Die Mitarbeiter der Österreichischen Akademie der Wissenschaften haben eine Internet-Petition formuliert, mit der sie öffentlich gegen die Entlassungen und Institutsschließungen protestieren:

www.openpetition.de/petition/online/bedrohung-des-forschungsstandortes-oesterreich

Wenn Sie die wissenschaftlichen Mitarbeiter der Österreichischen Akademie der Wissenschaften unterstützen wollen, können Sie die Petition online unterschreiben und an mögliche weitere Interessenten weiterleiten.

----------------------------------------------------------

Einzelheiten zur Leistungsvereinbarung

Ein direkter Verweis auf die strittige Leistungsvereinbarung findet sich hier: www.oeaw.ac.at/shared/news/2011/pdf/Leistungsvereinbarung_2012-14.pdf

Die Leistungsvereinbarung beruht auf dem im April 2011 beschlossenen ÖAW-Entwicklungsplan. Die Schwerpunkte der Leistungsvereinbarung im Überblick:
- Festlegung auf sechs schwerpunktmäßig von der ÖAW zu bearbeitende Forschungsgebiete (europäische Identitäten sowie Wahrung und Interpretation des kulturellen Erbes, demographischer Wandel, Migration und Integration von Menschen in heterogenen innovativen Gesellschaften, biomedizinische Grundlagenforschung, molekulare Pflanzenbiologie, angewandte Mathematik inklusive Modellierung und Bioinformatik, Quantenoptik und Quanteninformation)
- Fokussierung und Redimensionierung von ÖAW-Forschungseinheiten mit dem Ziel der Weiterführung ausschließlich international konkurrenzfähiger Einheiten in kritischer Größe
- Etablierung eines international konkurrenzfähigen Karrierepfads für Wissenschaftler(innen) an der ÖAW
- Steigerung der Drittmitteleinwerbung der ÖAW-Forschungseinrichtungen
- Optimierung der Governance-Strukturen und weitere Professionalisierung des ÖAW-Managements, insbesondere auch des Beteiligungsmanagements
- Stärkung der Koordination und Kooperation zwischen ÖAW und Universitäten in der Forschung, bis hin zur Übertragung von ÖAW-Forschungseinheiten an Universitäten
- Stärkung des Dialogs zwischen ÖAW und interessierter Öffentlichkeit

Pressemitteilungen zur Leistungsvereinbarung der Leitung der ÖAW

Presseinformation der Akademieleitung vom 04.11.11
www.oeaw.ac.at/shared/news/2011/press_inf_20111104.html

Zitat: "Erstmals in ihrer Geschichte legt die Akademie ihre 2012-2014 geplanten Leistungen explizit gegenüber dem Bund dar und erhält im Gegenzug dreijährige finanzielle Planungssicherheit. (Vorher wurde der Etat jeweils jährlich ausgehandelt, Anm.d.R.) (...) ÖAW-Präsident Denk erklärt: 'Die Leistungsvereinbarung 2012-2014 beruht auf dem im April 2011 beschlossenen ÖAW-Entwicklungsplan, dem intensive Diskussionen innerhalb der ÖAW vorangingen. Die Leistungsvereinbarung ermöglicht es, wichtige Teile des Entwicklungsplans umzusetzen. Zwar sind Einschnitte in manchen Leistungsbereichen der ÖAW nicht zu vermeiden, die vielversprechendsten Forschungsschwerpunkte sowie die Identität der ÖAW als außeruniversitäre Forschungsträgereinrichtung mit ihrer einzigartigen Schnittstelle zur Gelehrtengesellschaft bleiben aber gewahrt und können weiter gefördert werden.'"

Zweite Presseinformation der Akademieleitung vom 21.11.11
www.oeaw.ac.at/shared/news/2011/press_inf_20111122.html

Zitat: "Basierend auf dem geltenden Finanzrahmengesetz und einem konkreten Reform- und Restrukturierungsplan, den die ÖAW bis Ende März vorzulegen hat, wird es darum gehen, gemeinsam - auch mit den Universitäten - die bestmöglichen Lösungen zu finden um dieses Vorhaben umzusetzen. [...] Das in der Vereinbarung vorgesehene 3-jährige Globalbudget von rund 224 Millionen Euro ist eine Fortschreibung des Budgets von 2011. Durch Übertragungen von Forschungseinheiten an Universitäten werden der ÖAW in dieser Leistungsvereinbarungsperiode bis zu 27 Millionen Euro zusätzlich an Bundesmitteln zur Neuvergabe zur Verfügung stehen. Zur Umsetzung der notwendigen Restrukturierungs- und Reformmaßnahmen stellt das BMWF der ÖAW maximal 10 Millionen Euro zur Verfügung. Darüber hinaus werden Mittel der Nationalstiftung für Forschung, Technologie und Entwicklung zusätzlich für die Förderung von exzellenten wissenschaftlichem Nachwuchs an der ÖAW bereit stehen."

----------------------------------------------------------

Zur Organisationsreform der Akademie

Die Organisationsreform der Akademie stärkt seit 2011 die Leitung des Präsidiums, die größere Entscheidungsbefugnisse bzgl. Öffnung und Schließung von Instituten bekommen hat.

"Institutsstreichungen und Reformen bei der ÖAW", in: Der Standard, 09.05.2011: derstandard.at/1304551394237/Institutsstreichungen-und-Reformen-bei-der-OeAW

Zitat: "Die Österreichische Akademie der Wissenschaften (ÖAW) setzt ihre seit einigen Jahren laufenden Reformbemühungen fort. In den vergangenen Monaten wurden eine neue Satzung, eine neue Geschäftsordnung und ein Entwicklungsplan beschlossen - mit weitreichenden Veränderungen: Das Präsidium wurde gestärkt. Es gibt erstmals einen Finanzdirektor und die derzeit 63 Forschungseinheiten der Akademie sollen auf 53 reduziert werden. Das gab das ÖAW-Präsidium am Montag bei einer Pressekonferenz in Wien bekannt."

----------------------------------------------------------

"Forschungsstrategie 2020 - Forschung, Technologie und Innovation für Österreich"

Diesem strategischen Grundsatzpapier sind vorangegangen die "Strategie 2010" aus dem Jahr 2005 sowie die "Exzellenzstrategie" von 2007 des österreichischen "Rates für Forschung und Technologieentwicklung". Die Forschungsstrategie 2020 ist als Download einsehbar unter: www.forschungsstrategie.at/sites/forschungsstrategie.at/files/090824_FINALE%20VERSION_FTI-Strategie2020.pdf

Rat für Forschung und Technologieentwicklung

Rahmeninformationen zum "Rat für Forschung und Technologieentwicklung", der seit seiner Konstituierung im September 2000 in Kooperation mit Fachleuten aus den Ministerien sowie externen Experten strategische Entwicklungspapiere für den Bereich Forschung und Technologieentwicklung in Österreich erarbeitet, und zum Entstehungsprozess der "Strategie 2010" finden sich auf folgender Webseite: www.rat-fte.at/aktivitaeten.html

Zitat: "Mit der Erreichung des in der Strategie 2010 festgelegten Zeithorizonts sah der Rat die Notwendigkeit der Erarbeitung einer langfristigen forschungs-, technologie- und innovationspolitischen Strategie mit einem Zeithorizont bis 2020. Am 24. August 2009 hat der Rat die Strategie 2020 mit Vorschlägen und Empfehlungen für die zukünftige Entwicklung des österreichischen FTI-Systems vorgelegt."

----------------------------------------------------------

Zum ÖAW-Entwicklungsplan vom April 2011

Zur Vorgeschichte der Leistungsvereinbarung gehört der ÖAW-Entwicklungsplan. Dieser wurde im April 2011 beschlossen und bildete die Grundlage für die spätere "Leistungsvereinbarung". Der Entwicklungsplan wurde von der Akademie selbst vorgelegt, wie aus einer Rede des Akademie-Präsidenten Denk vom 11.05.2011 hervorgeht: www.oeaw.ac.at/shared/news/2011/pdf/FS_2011_Ansprache_Praesident_Denk.pdf

Zitat: "Herausragende wissenschaftliche Leistungen unserer Institute zeigen, dass der Akademie eine unverzichtbare Rolle zukommt, wenn Österreich in die internationale Liga der Innovation Leaders aufsteigen soll. Eine Budgetsteigerung ist hierfür unerlässlich, wie wir in dem im September übermittelten 10-jährigen Liquiditätsplan dargelegt haben. In den vergangenen Jahren mussten wir dringend notwendige Bau- und Sanierungsmaßnahmen aufschieben oder überhaupt abbrechen. Das Verhältnis zwischen Personal- und Sachmitteln hat sich in einigen Instituten bereits dramatisch verschlechtert. Im Fall stagnierender Budgets ist zu befürchten, dass Einrichtungen trotz überzeugender wissenschaftlicher Leistungen geschlossen und hochqualifizierte Forscherinnen und Forscher entlassen werden müssen.
Das in der Forschungsstrategie der Bundesregierung formulierte Ziel einer Forschungsquote von 3,76% im Jahr 2020 muss aus unserer Sicht als Teilziel unbedingt die Steigerung der Grundlagenforschungsquote am Bruttoinlandsprodukt, die derzeit nur 0,44% beträgt, enthalten. Wir ersuchen Sie, sehr geehrter Herr Bundesminister, und die gesamte Bundesregierung um angemessene Finanzierung unserer Vorhaben. Sonst bleibt unser Entwicklungsplan Makulatur."

----------------------------------------------------------

Diskussion im österreichischen Parlament über Wissenschaft und Forschung

"Wissenschaftsbudget - Erwartungen, Hoffnungen und Bangen. Töchterle bleibt bei Forderung nach Studienbeiträgen", in: Parlamentskorrespondenz Nr. 1080, 17.11.2011: www.parlament.gv.at/PAKT/PR/JAHR_2011/PK1080/index.shtml

----------------------------------------------------------

Ausgewählte Pressereaktionen und Kommentare in den Medien

"ÖAW überlegt Personalabbau und Schließungen", in: Wiener Zeitung, 05.10.2010: www.wienerzeitung.at/themen_channel/wzwissen/forschung/34394_OeAW-ueberlegt-Personalabbau-und-Schliessungen.html

Direkter Kommentar von Eva Stanzl zu obigem Artikel: "Unverständnis von hier bis Moskau", in: Wiener Zeitung, 05.10.2010: www.wienerzeitung.at/meinungen/kommentare/34443_Unverstaendnis-von-hier-bis-Moskau.html

Raimund Lang, "Zwischen Wissenschaft und Gesellschaft", in: Die Furche, 19.05.2011: www.austria-lexikon.at/af/Wissenssammlungen/Essays/Vermischtes/Zwischen_Wissenschaft_und_Gesellschaft

Klaus Taschwer, "Akademie der Wissenschaften: Kürzung und Konzentration", in: Der Standard, 04.11.2011: derstandard.at/1319182024608/Akademie-der-Wissenschaften-Kuerzung-und-Konzentration
Dieser Artikel weist mit 233 Kommentaren eine sehr große Resonanz auf. Die meisten Kommentare bewerten die Entwicklung eher negativ.

"Leistungsvereinbarung für die Akademie", Berichterstattung ORF (Science), 04.11.2011: science.orf.at/stories/1690145/

"Kahlschlag des Wissenschaftsstandorts", Berichterstattung ORF (Science), 05.11.2011: science.orf.at/stories/1667710/

Erich Witzmann, "ÖAW: 'Wir sind leider ein Entwicklungsland'", in: Die Presse, 06.11.2011: diepresse.com/home/science/608147/OeAW_Wir-sind-leider-ein-Entwicklungsland

Kommentar von Christoph Landerer: "Wer evaluiert eigentlich die Parteiakademien?", in: Der Standard, 15.11.2011: derstandard.at/1319182925391/Kahlschlag-bei-Akademie-der-Wissenschaften-Wer-evaluiert-eigentlich-die-Parteiakademien

Norbert Swoboda, "Einsparungen: Zittern in den Akademie-Instituten in Graz", in: Kleine Zeitung, 18.11.2011: www.kleinezeitung.at/steiermark/graz/graz/2880584/einsparungen-zittern-den-akademie-instituten.story

Artikel von Martin Kugler, "8488 Unterschriften für Forschung. Der Reformpläne der ÖAW haben eine Lawine losgetreten", in: Die Presse, 19.11.2011: diepresse.com/home/science/710030/8488-Unterschriften-fuer-Forschung?from=simarchiv

"Forschungsrat kritisiert 'Unfug'. Kritik an Kürzungen", Feature von Martin Haidinger im ORF (Politik), 01.12.2011: laos.orf.at/artikel/292100

Stand: 05.12.2011