Führerinnen-Generationen? Überlegungen zur Vergesellschaftung von Frauen im Nationalsozialismus [1]
I. Einleitung
Anna Kallsperger interpretiert Adolf Hitler oder:
Kameradin, Führerin, Mutter
Durch alle Forschungs-Konjunkturen hindurch findet sich ein Diktum des „Führers“ regelmäßig zitiert: „Das Ziel der weiblichen Erziehung hat unverrückbar die kommende Mutter zu sein.“ Als sich die historiographische Auseinandersetzung mit der NS-Frauengeschichte Ende der 1960er, Anfang der 1970er Jahre etablierte, wurde es zum schlagenden Argument. Es entlarvte, ideologisch fixiert in Mein Kampf, den chauvinistisch-patriarchalen Charakter des Hitler-Regimes. Mit ihm ließ sich ‚die’ Frau als passives Opfer den wirklich entrechteten, verfolgten, ermordeten Menschen – und allererst den Juden – an die Seite stellen. Von einem menschenverachtenden Diktator zu Papier gebracht, entbarg es in idealer Weise das männliche Antlitz von Macht und Gewalt.
Überspitzt formuliert, ist die Dominanz der Mutter als „Gebärmaschine“ in der Ikonographie der NS-Frauengeschichte nicht zuletzt auf eine Rückprojektion der Nachkriegsgesellschaft zurückzuführen. Nach 1945 bestand ein kollektives Bedürfnis nach dem – zwar Heilung versprechenden, letztlich aber fiktiven – Bild der passiven, deswegen schuldentlasteten Mutter. Dieses Bild war indes ein Hologramm. Hielt man es ins Licht des Wiederaufbaus, so erstand die aktiv-tatkräftige Trümmerfrau mit hochgekrempelten Ärmeln, die mit den Zerstörungen des Krieges auch die Erinnerung an die deutsche Täterschaft wegräumte.
Dass Adolf Hitler mit seinem bürgerlich-konventionellen Frauen- und Familienbild nicht nur „seinen Ideologen und der weitaus radikaleren NS-Politik nostalgisch hinterher“ hinkte (Barbara Vinken), sondern auch dem Selbstverständnis vieler Frauen, zeigt die hintersinnige Kontextualisierung des „Führer“-Satzes bei einer jungen Doktorandin. Auf den verschlungenen Argumentationspfaden ihrer von Ernst Krieck, einem führenden NS-Pädagogen, betreuten Dissertation über den weiblichen Reichsarbeitsdienst (RAD) gelangte die 1912 geborene Anna Kallsperger 1939 zu folgender Aussage:
„Das Ziel der weiblichen Erziehung hat unverrückbar die kommende Mutter zu sein.“ Die „weibliche Eigenart“ ist also erzieherisch nicht dort berücksichtigt, wo man auf das „schwache Geschlecht“ Rücksicht nimmt, sondern wo man, wie die Natur den weiblichen Organismus auf die Mutterschaft vorbereitet, das Mädchen an seine mütterlichen Aufgaben im Volk heranführt. Das wird besonders für die Reifezeit (im weiteren Sinne), vom 14. bis zum 21. Lebensjahr, in der unmittelbaren Erziehungsarbeit immer am besten den Frauen selbst gelingen, die Kameradin und Führerin sein können.
Die aus einer Bauernfamilie stammende Autorin kam, wie es ihrem am Schluss der Arbeit dokumentierten Lebenslauf zu entnehmen und dem NS-Verständnis einer gelebten politischen Wissenschaft gemäß ist, selbst aus der praktischen RAD-Arbeit. Bereits 1933/34, nach ihrem Abitur, absolvierte sie ein – damals noch freiwilliges – Arbeitsdiensthalbjahr und war 1937/38 als Lagerführerin in Brandenburg eingesetzt. 1933 gerade erwachsen geworden, hatte sie den Beruf der RAD-Führerin aus freien Stücken und – anders als die zu diesem Zeitpunkt noch Jugendlichen – ohne eine vorgängige NS-Sozialisation ergriffen. Ganz offensichtlich hatte ihr das neue Regime einen Aufstieg jenseits der Hausfrauen- und Mutterrolle ermöglicht. Ihre Exegese der nationalsozialistischen ‚Bibel’-Stelle nimmt deswegen einen interessanten Verlauf: Zwar akzeptiert sie die Grundannahme einer natürlichen Mutterrolle der Frau vordergründig, wehrt sich aber in einer beinahe ironischen Formulierung gegen das Verständnis von der Frau als „schwachem Geschlecht“. Außerdem sei man erst als Kameradin und Führerin in idealer Weise auf die „mütterlichen Aufgaben im Volk“ vorbereitet. Frau, sagt sie an anderer Stelle, sei man sowieso von Natur aus (und dreht damit die biologistischen Grundannahmen des Nationalsozialismus für ihre Argumentation), deswegen könne eine militärisch organisierte Lagererziehung auch nicht zur „Vermännlichung“ führen.
Fragen an eine generationell perspektivierte Führerinnengeschichte
Noch ins Unreine und als Anregung gedacht, möchte ich diese zeitgenössische Interpretation des später vielzitierten Hitler-Satzes aufgreifen und daran einige Ansätze zu einer möglichen Systematik für die seit den 1990er Jahren verstärkt angelaufene Suche nach (Mit-)Täterinnen, Mitwisserinnen und Unterstützerinnen des NS-Systems knüpfen. Kallsperger umreißt Kamerad- und Führerinnenschaft als spezifisch weibliche Sozialisationsstufen auf dem Weg hinauf zum nationalsozialistischen Mutter-Ideal, verortet sie also innerhalb einer spezifischen Jugendphase „im weiteren Sinne“, die vor derjenigen der Familiengründung liegt. Für die noch jungen Führerinnen des BDM und RAD, aber auch für die Führerinnen unter den Wehrmachtshelferinnen, die ich in meiner Dissertation untersuche, galt, für die Zeit ihres Dienstes möglichst weder zu heiraten noch Kinder zu bekommen. In den ersten beiden als sekundäre Sozialisationsagenturen fungierenden Organisationen war dies allein schon durch das Postulat „Jugend soll von Jugend geführt werden“ bedingt, und die Wehrmachtshelferinnen waren häufig im Ausland oder jedenfalls fern von zu Hause im Kriegseinsatz und schieden ebenfalls meistens aus dem Dienst aus, wenn sie schwanger wurden oder heirateten.
Die verschiedenen Führerinnenschaften, denen sich die Forschung bislang noch kaum systematisch angenommen hat [2], sollten idealiter als weibliche Elite fungieren, die den Nationalsozialismus weiblicherseits repräsentierte und in die nächsten Generationen vermittelte. Um auf der Führerinnenleiter hochzuklettern, mussten Frauen ein eigeninteressiertes Aufstiegsverhalten an den Tag legen. Sie standen dem NS-Regime wahlweise fanatisch-überzeugt, pragmatisch-karrieristisch, vielleicht auch indifferent, aber wohl kaum ablehnend gegenüber. Aus welchen vorstrukturierenden Erfahrungen aber setzte sich der Nährboden für ein nationalsozialistisches Eigenengagement von Frauen zusammen? Was machte die Führerinnentätigkeit attraktiv? Welche Rollenbilder standen Frauen vor Augen, wie hatten sich diese entwickelt? Und wie wurden sie umgesetzt? Wie wurde das Verhältnis zum anderen Geschlecht modelliert, wie das zum eigenen? Welche Spielräume boten sich Frauen in führenden Positionen, auch und gerade im Zusammenhang mit der NS-Vernichtungspolitik? Und welche Konsequenzen zeitigte ihr Engagement in der Nachkriegszeit? Bei einer Annäherung an diesen Fragenhaufen trägt neben anderen Aspekten (schichtungsmäßigen, konfessionellen usf.) der „synchrone Faktor“ der Generation (Reinhard Koselleck) m.E. eine wesentliche Bedeutung. Anna Kallsperger wird sich aus ganz anders gelagerten Motiven für eine Führerinnenlaufbahn entschlossen haben als die zehn Jahre früher, 1902, geborene Trude Mohr, die als Reichsreferentin den BDM zwischen 1934 und 1937 leitete. Und erst diejenigen Mädchen, die seit Mitte der 1920er Jahre geboren wurden, durchliefen die Pflichtsozialisation im Bund Deutscher Mädel (BDM) und im RAD von der Pike auf und konnten sich gleichsam aus ihrer „Verorganisiertheit“ heraus organisch in eine Führerinnenposition hinein entwickeln. Möglicherweise wurden sie auf diesem Wege zu fanatisch überzeugten Jugendlichen und ‚führten’ am Ende des Krieges vielleicht eine „Jungmädelschaft“ von zehn Mädchen; hernach konnten sie ihre Begeisterung aber mutmaßlich viel leichter als die älteren Führerinnen unter dem Motto der „jugendlichen Verblendung“ in ihrer persönlichen Bilanz verbuchen und galten auch juristisch als „jugendliche Mitläufer“. 1945 gerade 17/18 Jahre alt, lag das Leben als Erwachsene noch vor ihnen. Zwischen Anna Kallsperger, die als Erwachsene in den Nationalsozialismus hineinging, und einer etwa 1927 geborenen BDM-Jungmädelschaftsführerin, die ihn gerade noch als Jugendliche verließ, liegen die Jahrgänge derjenigen Führerinnen, die einen Großteil der verschiedenen weiblichen Kriegseinsätze trugen und die hier im Zentrum stehen sollen. Für viele dieser Frauen, die im Nationalsozialismus als Führerinnen agiert, häufig gerade während des Krieges einen deutlichen Mobilisierungsschub erfahren, Verantwortung getragen und damit Schuld auf sich geladen hatten, kann die Charakterisierung als Mutter unpassender nicht sein.
Die NS-Frauengeschichte als Generationengeschichte ist bislang noch ungeschrieben. Aber bietet sie sich überhaupt an? Häufig wird im Anschluss an Karl Mannheims 1928 veröffentlichten Aufsatz „Das Problem der Generationen“ ein normativ aufgeladenes Generationskonzept verwendet: „Generation“ muss nicht selten als Ausweich- und Ersatzbegriff für Behauptungen irgend gearteter kollektiver Identitäten in der Vergangenheit oder für die anmutende Forderung an kommende Generationen herhalten. Nach dem Krieg tauchten Frauen der hier angesprochenen Jahrgänge aber nirgendwo als spezifisch markante Generation auf, sondern eher kollektiv unter. Keine weibliche „Kriegsjugendgeneration“ (Jg. 1900-1910) machte von sich reden, eine „Flakhelferinnengeneration“ stand sprichwörtlich für die personellen Aufbau- und Trägerschichten der neuen Bundesrepublik. Im Untergrund ihrer privaten Biografien aber bewährten sich die zuvor aufgebauten, weiblichen Kameradinnen-Netzwerke: Manch hohe Führerin, die ursprünglich aus Ostdeutschland stammte, wurde von einer westdeutschen Kameradin ‚rübergeholt’. Die Nachrichtenhelferinnenschaft des Heeres trifft sich bis heute alljährlich zu Kameradschaftstreffen: ein weibliches Pendant zu den organisierten oder privaten soldatischen Erinnerungsrunden in der Nachkriegszeit. Lässt sich möglicherweise das m.E. oft zu festgefügte Generationskonzept mit einem weiblichen Blick produktiv unterlaufen, ohne bei einer nutzlosen, weil atomistischen Analyse versprengter Jahrgangsvertreterinnen-Biografien zu enden? Könnte „Generation“ auf diese Weise eine Differenz markieren statt einer Einheit?
Auf den entwickelten Fragenkatalog kann ich im Folgenden keine Antworten geben, sondern möchte versuchen, anhand von einzelnen Beispielen implizit Antwort-Richtungen vorzuschlagen. Dabei werde ich die nachschlagbaren Fakten-, Organisations- und Datengeschichten der verschiedenen hier genannten Führerinnenschaften ganz unwissenschaftlich außer Acht lassen, weil sie für den angesteuerten Fragenhorizont zunächst einmal unerheblich sind. Nach einigen allgemeineren Bemerkungen zur Struktur weiblicher Führerschaft lasse ich zwei BDM-Führerinnen der weiblichen Kriegsjugendgeneration, Trude Mohr (Jg. 1902) und Lydia Gottschewski (Jg. 1906), als Vorläuferinnen zu Wort kommen, weil Vertreterinnen dieser Generation erstens maßgebliche Positionen in den weiblichen Organisationen besetzten und dabei zweitens Diskurse über Führerinnen-, aber auch über Kameradschaft ausprägten, die in der generationellen Überlieferungskette an die jüngeren Führerinnen weitergegeben wurden. Danach folgen die (ausschnitthaften) Analysen dreier Führerinnenbiografien: Leni Ullmann (Jg. 1912), die ich ebenso wie Karen Erich für meine Dissertation über Wehrmachtshelferinnen interviewt habe [3], stieg in der Heeres-Nachrichtenhelferinnenschaft zur zweithöchsten Frau auf. Melita Maschmann (Jg. 1918), die ihre Erinnerungen in der 1963 erstmals erschienenen Autobiografie „Fazit“ festgehalten hat, arbeitete in der Reichsjugendführung leitend im Bereich Presse/Propaganda und als Lagerführerin beim RAD, und Karen Erich (Jg. 1923) brachte es aufgrund ihres Alter bis 1945 nurmehr zur RAD-Maidenunterführerin. In ihren Erinnerungsnarrationen werden die vorgeprägten Führerinnenkonzeptionen und -diskurse zwar zum Teil wieder aufgenommen, aber auch irritierend verändert oder spielen gar keine Rolle.
Führerinnenschaft als spezifische Struktur weiblicher Vergesellschaftung im Nationalsozialismus
Die weiblichen Führerschaften waren im Nationalsozialismus aufgrund der hierarchischen Durchstrukturierung der Gesellschaft über den Führer- und Gefolgschaftsgedanken die übliche Struktur in den Mädchen- und Frauenorganisationen. In der Forschung wurden die weiblichen Parallelhierarchien nicht selten als bedeutungslos, als bloße Alibistrukturen interpretiert. Godele van der Decken beispielsweise betont zwar, ganz in der Tradition der zweiten Frauenforschungs-Etappe Mitte der 1980er Jahre, die „Mittäterinnenschaft“ und die Identifikation auch von Frauen mit dem NS-Staat. Letztere sei aber über eine vordergründige und vollkommen einflusslose Schaffung weiblicher Parallelorganisationen als Ersatz für wirkliche politische Teilhabe hergestellt worden: „Die Frauen erhalten eine Scheinöffentlichkeit, die es ihnen erlaubt, selber Staat zu spielen. Dem Führer wird eine Führerin gegenübergestellt.“ Die hier in Frage gestellte These einer machtlosen, von der gesellschaftlichen Realität abgekoppelten weiblichen Sphäre knüpft direkt an die Dichotomie privat (weiblich)/öffentlich (männlich) an; in dem nur scheinbar gesellschaftlichen Raum, der den Frauen männlicherseits erschlossen wurde, war nach diesem Verständnis kein Platz für Einflussnahme und eigenbestimmtes Handeln.
Nach Anna Kallspergers nationalsozialistischer Chronologisierung weiblicher Lebensläufe ist die Vorbedingung für Führerinnenschaft in der Kameradschaft zu suchen; der Begriff der „Kameradschaftsältesten“ für die unterste Verantwortlichkeitsstufe in der Hierarchie macht den engen Zusammenhang deutlich. Aber nicht nur in der Propagandasprache, sondern auch in Erinnerungsnarrationen taucht der Begriff immer wieder auf. Zur Kameradschaft von Soldaten im Zweiten Weltkrieg hat Thomas Kühne inspirierende Ansätze entwickelt und zahlreiche stil-volle geschlechtergeschichtliche Aufsätze publiziert. Er schält dabei die harte Außenhaut dieses ‚Männerbegriffs’ vom weichen Kern mannmännlicher Zärtlichkeit und Weichheit. Auch die weiblichen Sozialisationsagenturen BDM und RAD boten nach Kühnes Lesart „geschlechtsspezifische Vergemeinschaftungsräume, in denen Frauen unter sich ‚Kameradschaft’ inszenieren und erleben konnten (und mussten)“:
Die Kameradschaft blieb jedoch immer ein männlich geprägtes und beherrschtes Deutungsmuster. Die Frau als Kameradin des Mannes verkörperte ein Gegenbild zu dem des „Heimchens am Herd“. Aber sie blieb eine Kreation des Mannes, das Produkt einer von Männern imaginierten Weiblichkeit, so sehr sich Frauen auch damit identifizieren mochten.
Betrachtet man indes die je spezifischen Ausprägungen, in denen Frauen ‚ihren’ Kameradschaftsdiskurs und -mythos diskursiv gestalteten, und die Erfahrungen weiblicher Kameradschaft, die sie realiter machten und nachmalig erinnern, so muss diese Behauptung mit einem Fragezeichen versehen und einer – an dieser Stelle gleichwohl nicht zu leistenden – intensiven Analyse zugeführt werden. Schon allein die Kameradinnen-Netzwerke, die teilweise bis heute Bestand haben, und die in Interviews mit Zeitzeuginnen häufig zum Ausdruck gebrachte Erfahrung einer „guten Kameradschaft“ lassen Zweifel aufkommen. Weibliche Kameradschaft, so meine Hypothese, war ein integrativer und sinnbildender Deutungsrahmen, den Frauen selbst aufspannten und der zentrale Funktionen übernahm: Sie konnte sowohl dazu dienen, eine Ebene der Distanz zum anderen Geschlecht einzuziehen, so dass hernach die Architektur der Geschlechterpolarität einem anderen Bauplan folgte, als auch dazu, Erlebnisse einer intimen (weiblichen) Volksgemeinschaft zu zelebrieren, die in den Narrationen der Erinnerung mit einer starken Tendenz zur Ausgrenzung verbunden sind.
Weibliches Führertum als Spezialität nationalsozialistischer Vergesellschaftung von Frauen trägt letztlich seine Bedeutung in der Struktur selbst. Die „Deutsche Demokratische Diktatur“ (Götz Aly) erhielt sich die Unterstützung durch die permanente Inklusion junger Menschen, die den „rassischen“ Kriterien entsprachen, in die „Volksgemeinschaft“. Im Innern stabilisierte sich die Gemeinschaft über scheinbar zutrittsoffene Hierarchien, die eine paradoxe Form von ‚egalitärer’ Über- und Unterordnung markieren. Diese Struktur der Hierarchisierung unter ‚volksgemeinschaftlichem’ Vorzeichen trug die Dynamik des Ausschlusses in sich und wurde weiblicherseits durch die idealtypische nationalsozialistische Führerin repräsentiert.
II. Vorläuferinnen – die weibliche Kriegsjugendgeneration (Jg. 1900-1910): Führerinnenkonzeptionen und vorstrukturierende Erfahrungen
Obwohl Führerinnen mit generationell unterschiedlichen Voraussetzungen in ihre Tätigkeit hineingingen und diese dementsprechend je anders erlebten, sozialisierten die alten Führerinnen doch auch immer die jungen, führten sie in die NS-Gesellschaft ein. So entstand eine generationelle Überlieferungskette, in der bestimmte Interpretamente weiblicher Führerschaft in die unteren Jahrgänge durchgereicht wurden. Die ersten zentralen Führungspositionen in den Mädchen- und Frauenorganisationen wurden, gemäß der Definition des Nationalsozialismus als einer „jungen Bewegung“, mit Vertreterinnen der weiblichen Kriegsjugendgeneration besetzt. Bislang ist die Generation, die während des Ersten Weltkrieges im Kinder- und Jugendalter war, fast ausschließlich als Männergeneration definiert und untersucht worden. Es entstand das Profil einer vaterlosen oder physisch und psychisch kriegsbeschädigten Vätern gegenübergestellten männlichen Jugendgeneration, die sich als gleichermaßen heroische und „sachliche“ ausprägte, sich nach rechts in männerbündischen Vereinigungen (etwa der völkischen bündischen Jugend, in Burschenschaften und Freikorps) radikalisierte und in vielen Fällen schließlich im Nationalsozialismus Karriere machte.[4] Die spezifische Kultur des Männerbündischen mündete fast zwangsläufig in misogyne Diskurse. Um die durch die fehlenden oder entwerteten Väter angeschlagene Männlichkeit erneut zu etablieren und die Unsicherheitserfahrungen der Moderne zu kompensieren, wurde besonders die weibliche Forderung nach gesellschaftlicher Teilhabe, für die die alte Frauenbewegung beispielhaft stand, entschieden abgelehnt. Diese galt als (oft jüdisch konnotiertes) Sinnbild der grenzverwischenden und deswegen abzuwehrenden Moderne. Frauen präfigurierten als „Gehirndamen“ und „Mannweiber“ den drohenden „Untergang des Abendlandes“ (Oswald Spengler). Wo und wie positionierten sich vor diesem Hintergrund die völkisch/nationalsozialistisch ideologisierten Generationsgenossinnen? Und wie modellierten sie weibliche Führerschaft?
Gegen Männerrechtler und Frauenrechtlerinnen
Lydia Gottschewskis (Jg. 1906) Predigerin-Führerin in der „neuen Frauenbewegung“
Lydia Gottschewski versuchte sich 1934 mit ihrem Buch „Männerbund und Frauenfrage“ in einer Antwort und konzeptualisierte gleichzeitig diskursiv ein Modell nationalsozialistischer Führerinnenschaft. Realiter verließ sie im Jahr der Publikation des Buches die NS-Führungsetagen bereits wieder und arbeitete in einer Nischenfunktion bei der Reichsfrauenführung in Berlin, aber bis zu diesem Zeitpunkt konnte sie eine gradlinige, wenngleich nur kurze nationalsozialistische Karriere vorweisen: 1929 war sie in die NSDAP eingetreten und strickte seit Anfang der 1930er Jahre an ihrer Karriere im BDM, als dessen „Bundesführerin“ sie durch Baldur von Schirach 1932 eingesetzt wurde. Gleichzeitig leitete sie die NS-Frauenschaft von April 1933 bis September 1934, bevor Gertrud Scholtz-Klink (1902-1999) diesen Posten bis zum Ende des „Dritten Reiches“ übernahm.
Für unseren Zusammenhang interessant ist Gottschewskis Kritik am „übersteigerten“ und generell misogynen Männerbündischen, mit der sie die männliche Dominanz zurückzudrängen und der „neuen Frauenbewegung“ des Nationalsozialismus sowie deren Führerinnen einen gebührenden Platz zu gewinnen sucht: „[D]ie Übersteigerung dieser Idee, ihre Festlegung als alleiniger Maßstab aller Dinge zerreißt die Volksgemeinschaft.“ Zwar rechtfertigt sie die männerbündische Kritik an der „alten“ Frauenbewegung, verwehrt sich aber gegen den allgemeinen Chauvinismus, der sich auf die (jüdisch konnotierte) „Frau an sich“ beziehe. Diese Abirrung verdanke sich dem Einfluss des „Juden Weininger“ und seines Werkes „Charakter und Geschlecht“ auf die „Männerrechtler“, die „in die gleiche Übersteigerung hineingeraten seien wie die Frauenrechtlerinnen“. Gottschewski zieht damit die diskursive Trennlinie nicht mehr zwischen den Geschlechtern, sondern zwischen den „Rassen“. Auf der ‚falschen’ Seite stehen jene „männerrechtlichen“ Positionen innerhalb der männerbündischen Bewegung, mit deren Frauenfeindschaft Homoerotik und Verachtung für die Institution Ehe einhergehe, und die ebenso verachtenswerten Frauenrechtlerinnen. Beide seien „liberalistisch“ und werden jüdisch konnotiert. Diesseits der Grenze bilden der richtig verstandene Männerbund, die „rassereine“ Familie und die „neue Frauenbewegung“ das „Reich der Deutschen“. Im Kern konzipiert Gottschewski die nationalsozialistische Frauenbewegung als „Frauenbund“ nach den Strukturregeln des Männerbündischen, aber unter dem Banner einer „seelischen Mütterlichkeit“. So erkämpft sich Gottschewski diskursiv einen Platz an der Seite ihrer männlichen Generationsgenossen, allerdings um den Preis einer harschen Kritik an NS-Vordenkern wie Hans F. K. Günther, dem sie eine an Weininger geschulte „übersteigerte“ Frauenfeindschaft vorwirft, was ihr nicht zum Vorteil gereicht haben wird.[5]
Die Hauptaufgabe der Führerinnen als nationalsozialistischer Frauenelite liegt nach Gottschewski in der Erziehung der Jugend „zu Volksverbundenheit und Opferbereitschaft, eine Erziehung nach dem Vorbilde der deutschen Frau und Mutter“. Ihnen obliegt, und nun zitiert sie Rosenberg, die „‚Predigt von der Reinhaltung der Rasse’“. Für diesen Zweck gelte es, innerhalb der „neuen Frauenbewegung“ eine „innere Rangordnung“ zu installieren, die sich nach „geistige[r] Tragkraft“ und nicht nach der Fähigkeit zum Kommandieren bestimme. Auch die Führerinnen selbst seien zu diesem Zweck in Gruppen, „besser ‚Stufen’“ zu gliedern. Hier deutet sich 1934 eine Struktur der Führerinnenschaft an, die in der Folge deutlich Gestalt gewinnt: Die Hierarchie in den weiblichen Formationen ist ebenso ausgefeilt wie bei den Männern, es finden sich verwirrend viele Dienstgrade.
Gottschewskis Führerin figuriert als ‚Predigerin’ der neuen politischen Religion, die – als Reingebliebene nur mit ihrer Religion verheiratet – eine höhere Wahrheit verkündigt. Die Führerin gewinnt die Gestalt eines Mediums für ihre Gefolgschaft: Deren Liebe nämlich „geht durch die Führerin hindurch, über deren Menschsein und seine Zufälligkeiten hinweg zur Fahne“. Der Topos von der Predigerin-Führerin taucht in Erinnerungsnarrationen, der nachmaligen diachronen Durchstrukturierung des Erlebten und Erfahrenen (Reinhard Koselleck), wieder auf, und das beweist seine Wirkmächtigkeit. Weiter unten werden wir in einer gruseligen Szene eine hohe BDM- und RAD-Führerin, die über ein Jahrzehnt später geborene Melita Maschmann, den Volksdeutschen im „Warthegau“ im wortwörtlichen Sinne den Nationalsozialismus predigen hören: Sie ersetzt den fehlenden Pfarrer. Der vulgärreligiöse Topos von der Predigerin-Führerin ist jedoch nicht der Einzige. Daneben entwickelte sich eine eher „sachliche“ Führerinnenkonzeption, die im BDM von Gottschewskis Nachfolgerin Trude Mohr vertreten wurde. Unter ihrer Ägide als Reichsreferentin des BDM entstand, wesentlich beeinflusst durch die bündische Jugendbewegung der Zwischenkriegszeit, das „neue Mädel“, die eher herbe und sportlich durchtrainierte „Kameradin“ und die dazu passende Führerin.
Der Einfluss der bündischen Jugendbewegung vor 1933 und Trude Mohrs (1902-1989) „neues Mädel“ als unverschwärmte Kameradin
Der Einfluss der (bündischen) Jugendbewegung auf den BDM und dessen Führerinnenschaft, den Frau Lauer in ihrem Interview betont und der einen bislang noch weitgehend unbeachtet gebliebenen Komplex in der ansonsten gut beforschten BDM-Geschichte darstellt, darf nicht unterschätzt werden. Arno Klönne schreibt, dass diesem Wirkungszusammenhang in der wissenschaftlichen Literatur „kaum Beachtung gegeben“ werde. Beide Führerinnen, die neben Lydia Gottschewski den BDM aufgebaut und maßgeblich beeinflusst haben, waren ‚mädelbündisch’ sozialisiert worden: Die erste „Bundesführerin“ des BDM, Elisabeth Greiff-Walden wurde eben deswegen abgesetzt, betonte sie die bündischen Elemente doch zu sehr. Trude Mohr, die den BDM bis 1937 als Reichsreferentin leitete [6], wuchs, wie sie dem BDM-Forscher Martin Klaus in einem lebensgeschichtlichen Interview Anfang der 1980er Jahre erzählte, in einem gutbürgerlichen, deutschnationalen Elternhaus auf. Die Orientierung in Richtung eines (mit der politischen Ausrichtung im Elternhaus kompatiblen) Jugendbundes verbindet sie mit der Erfahrung der Kriegsniederlage 1918, die sie als pubertierende 16-jährige machte:
„Der Zusammenbruch 1918 war für mich deshalb so sehr einprägsam, weil am 8. November unser Schulleiter [Mohr besuchte das Lyzeum, F.M.] uns in die Aula rief und nach einer Viertelstunde nach Hause schickte mit der dringlichen Ermahnung, Hauptstraßen zu meiden, weil dort Meuterei, Gewehrfeuer usw. heftige Unruhe verursachten. Im Winter 1918 wurde dann der Deutsch-Nationale Jugendbund gegründet, und mein sehnlichster Wunsch war, dort einzutreten; zum Geburtstag 1919 ist er mir dann auch von meinen Eltern erfüllt worden.“
Der Chef des „Großdeutschen Jugendbundes“ – 1921 hatte sich der Bund gespalten – war Vizeadmiral von Trotha, der für Wehrertüchtigung und die Durchsetzung des Führergedankens plädierte und beim Kapp-Putsch 1920 einen Einsatz gegen die Putschisten ablehnte. „In dieser bündischen Jugend wurde der Begriff ‚Auslese‘ groß geschrieben, ein wenig abgehoben sein von der Masse“, führt Mohr aus. Sie arbeitete ein Jahr lang als Reichsführerin der Jungmädel dieses Bundes.
Ihre Konversion zum Nationalsozialismus datiert von Ende der 1920er Jahre: 1928 wählte sie erstmals die NSDAP und trat 1930 aus dem Großdeutschen Jugendbund aus. Ihren eigenen Aussagen zufolge wurde sie für den BDM von einem ehemaligen Kameraden aus der Bündischen Jugend geworben; ihm habe sie zuerst gesagt, sie sei zu alt für eine Führerinnentätigkeit im BDM. „Wenn, dann kann ich nur in der Frauenschaft mitarbeiten, doch dazu hab ich keine Lust“, zitiert Mohr sich selbst lapidar im Interview. Sie entscheidet sich trotz ihres Alters dann aber doch für den BDM und wird 1934 Reichsreferentin. Im BDM kann sie ihre Affinität für Formen bündischer Jugendarbeit mit den politischen Inhalten, von denen sie überzeugt ist, optimal zusammenbringen:
Die eigentliche Jugendarbeit war, was Heimabend, Spiel, Sport, Lied und Tanz anbetraf, von der deutschen Jugendbewegung her ganz stark beeinflusst. Der gedankliche Unterbau war aber eindeutig das nationalsozialistische Gedankengut, dem wir uns ohne Einschränkung verbunden und verpflichtet fühlten.
Vor diesem Hintergrund ist einleuchtend, dass Trude Mohr „keine Lust“ hatte, in der NS-Frauenschaft mitzuarbeiten: Das Engagement in der bündischen Jugend seit der Pubertät hatte prägende Spuren hinterlassen, und Mohrs Frauenbild war, anders als bei Gottschewski, zu diesem Zeitpunkt keineswegs auf die „deutsche Mutter“ hin ausgerichtet. Aus der folgenden Einlassung Mohrs im Völkischen Beobachter von 1934 lässt sich die „sachliche“ Generationstönung deutlich herauslesen:
„Eine Mädelgeneration ist unserem Volke not, die gesund an Körper und Geist, zielsicher unterscheidend – stolz und selbstverständlich ihren Weg geht, die prüfend und kühl im Alltagleben steht, die frei ist von allem Sentimentalen und Verschwärmten, und die gerade deshalb in herber Fraulichkeit dem Manne Kamerad sein will, weil sie in ihm nicht irgendein Idol sieht, sondern den Gefährten! Solche Mädel werden dann einmal zwangsläufig den Nationalsozialismus als geistige Haltung unseres Volkes weitertragen in die nächste Generation.“ [Hervorhebungen F.M.]
Der kommenden Generation nationalsozialistischer „Mädels“ werden Eigenschaften zugeschrieben, die kaum den typisch weiblichen Stereotypen entsprechen und an die Charakterisierung der kalten persona (Helmut Lethen) in der „sachlichen Generation“ erinnern: Die Fähigkeit, „prüfend“ und „kühl“ im Alltagsleben zu stehen, erfordert Distanz zur Umgebung, nicht zuletzt wohl, um dadurch „zielsicher“ unterscheiden zu können. Mohr sagt nicht, zwischen wem oder was, aber der letzte Satz deutet es an: Junge Frauen mit diesen Eigenschaften werden – als Führerinnen – „zwangsläufig den Nationalsozialismus als geistige Haltung unseres Volkes weitertragen in die nächste Generation“. Aufgrund ihrer Distanz zur Umwelt können sie unterscheiden, wer dieser geistigen Haltung wert ist und wer nicht. Sentimentale und verschwärmte Geister, so lässt sich assoziieren, entwickeln eine falsch verstandene Menschlichkeit, sie lassen sich von ersten Eindrücken ablenken und bauen Nähe dort auf, wo sie nicht angebracht ist. Nehmen sie diese Ausgangsposition nicht ein, fehlt es ihnen an Unbeugsamkeit, um die nationalsozialistische Haltung zu bewahren und an andere weiterzugeben. Aus dieser Argumentation heraus kann Mohr ein Frauenbild zeichnen, das die Frau eben nicht vornehmlich als Mutter, sondern „in herber Fraulichkeit“ als „Kamerad“ des Mannes und Kampfgefährtin an dessen Seite zeigt. Das weibliche Rollenverständnis der „Kameradin“ war indes bereits in der bündischen Jugend dominant gewesen und diffundierte von dort aus, radikalisiert und nationalsozialistisch gewendet, in das NS-Regime hinein.
III. Führerinnen im Kriegseinsatz
An die eben skizzierten Diskurse und vorstrukturierenden Erfahrungen der Kriegsjugendgeneration knüpften die aufrückenden Führerinnen an und nahmen sie als Gepäck mit in die Kriegseinsätze, bei denen sie je nach Alter mehr oder weniger verantwortungsvolle Positionen übernahmen. Alle drei Führerinnen, auf die ich eingehen möchte, gingen als Ledige in ihre Einsätze hinein. Anna Kallsperger hatte in ihre Chronologisierung weiblicher Lebensläufe ein Moratorium der Mutterschaft eingebaut, während dem die Mädchen und jungen Frauen als Kameradinnen und Führerinnen ‚reifen’ sollten. Diese Moratoriumsphase wurde durch den Krieg nicht selten gedehnt und endete in den drei Lebensläufen, die nun vorgestellt werden sollen, auch danach nicht.
Den Führerinnen der Kriegseinsätze oblagen wesentliche Zuständigkeiten für die ‚andere Seite der Vernichtung’: für die ‚Verdeutschung’ besetzter östlicher Räume im Krieg. Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass sie auf diese Weise mitten im Zentrum nationalsozialistischer Vernichtungspolitik agierten. Da sie sich dazu in diesen geographischen Breiten aufhalten mussten, bekamen und trugen sie die Vertreibungen, Deportationen und letztlich die Ermordung von Menschen mit. Die Figur der nationalsozialistischen Führerin begreift, ob in der mystischen Variation einer Lydia Gottschewski oder der eher pragmatischen Lesart Trude Mohrs, Ausschluss, Austreibung und „Ausmerze“ mit ein.
Leni Ullmann (Jg. 1912): von der DRK-Unterführerin zur Hauptführerin bei den Nachrichtenhelferinnen des Heeres
Leni Ullmann wurde 1912 in der Niederlausitz geboren und ist – anders als alle anderen hier behandelten Führerinnen – vor Kriegsbeginn nicht mit dem NS-Regime in Berührung bekommen. Es liegt keinerlei Eigenengagement vor, das sich in der Übernahme einer Führungsposition in BDM oder RAD manifestiert hätte. Zwar äußert sie sich über ihre Position mit einem gewissen Stolz und benutzt für die Helferinnen und Führerinnen der Anfangszeit, deren Einsatz im Gegensatz zu den später eingezogenen Helferinnen noch auf einer freiwilligen Meldung beruhte, den Begriff „Elite“, nimmt aber kaum die bislang herausgearbeiteten Stereotype zur Selbstcharakterisierung auf. Die Freiwilligkeit ihres Einsatzes und das konstante Engagement, mit dem sie sich hocharbeitete, sind eher mit ihrer persönlichen Art in Zusammenhang zu bringen: Während ihre Schwestern heirateten und Kinder bekamen und ihre beste Freundin zielstrebig tat, was sie tun wollte und Ärztin wurde, war Ullmann sich unsicher in der Wahl ihres Lebensweges. Sie ist die dritte Tochter – eine vierte folgte noch nach – gut situierter Kaufleute: Ihren Vater, der Mitte der 1870er Jahre geboren wurde und im Ersten Weltkrieg als Leutnant im Einsatz war, lernte sie kaum kennen; er starb 1921. Ihre Mutter (Jg. 1882) führte das Geschäft, eine Kohlehandlung und Bahnspedition, bis zu ihrem Tod 1942 weiter; sie lehrte ihre Töchter Selbstständigkeit und sorgte für eine gute Ausbildung. Nach ihrem Abitur 1932 entschied Ullmann sich schließlich für die Arbeit bei einem Arzt, der später seinen leitenden Posten aufgrund der Zugehörigkeit zur Freimaurerloge verlor. Sie war freiwillige Schwesternhelferin des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) und nahm auf Vorschlag ihrer DRK-Bereitschaftsführerin an einer Schulung für Unterführerinnen teil; diese Führerin warb sie später auch für die Nachrichtenhelferinnenschaft des Heeres an, deren Uniform Ullmann 1940 anlegte. Dieser Akt symbolisierte für sie einen „neuen Anfang“ und schuf die Möglichkeit, ihrem Leben eine Richtung zu geben.
1939/40 befand sich Ullmann als DRK-Unterführerin in einem Lager der Volksdeutschen Mittelstelle für Wolhyniendeutsche im „Warthegau“. Am Ende des Krieges konnte sie auf einen, ihrer schüchtern-unsicheren Art gemäß fast unauffälligen, eigentlich aber rasanten Karriereaufstieg und – nach Führerinnen-Einsätzen in Frankreich, der Ukraine und Bulgarien – auf eine quasi soldatische Biografie zurückblicken. In der zweithöchsten Position der Nachrichtenhelferinnen des Heeres leitete sie neben dem Kommandeur die „Heeresschule für Nachrichtenhelferinnen“, die sich während fast des ganzen Krieges in den Gießener Kasernen befand. Sie schulte selbst Helferinnen, empfing und verabschiedete Einsätze und organisierte den Kasernenalltag. Die Atmosphäre beim Stab in Gießen beschreibt sie als „familiär“ und betont an einigen Stellen im Interview den Zusammenhalt zwischen den Frauen, der sich besonders im Einsatz bewies.
Über die Nachrichtenhelferinnenschaft des Heeres besitzt die Forschung noch weniger Kenntnis als über die Wehrmachtshelferinnen überhaupt. Es wäre rahmensprengend und verließe die verfolgte Fragenbahn, das an dieser Stelle ändern zu wollen. Kurz sei aber vermerkt, dass der Übergang von der DRK-Führerin zur Führerin der Nachrichtenhelferinnen des Heeres keine Zäsur bezeichnet, ganz im Gegenteil. Die Einrichtung der Nachrichtenhelferinnenschaft 1940/41 stand nicht, wie häufig bei weiblichen Kriegseinsätzen, in Zusammenhang mit einer Niederlage, sondern mit dem deutschen Sieg im Frankreichfeldzug. Da weniger DRK-Personal in den Lazaretten vonnöten war, dagegen aber immer größere Räume mit einer ausgedehnten Infrastruktur von Nachrichtenverbindungen überspannt werden sollten, ‚lieh’ das DRK dem Heer einen Grundstock seiner Helferinnen und Führerinnen aus. Im Nachblick muss man diesen Prozess so zynisch beschreiben, wie es eine andere Nachrichtenhelferin mir gegenüber getan hat: Man habe vor der Gefangennahme durch die Alliierten nur den Blitz, die Führerinnentressen und -winkel von der Uniform abtrennen müssen, und schon sei man wieder DRK-Schwester gewesen. Hier wird eine weibliche Metamorphose phantasiert zurück zu Frauen, denen im Krieg das typisch weibliche Heilen und Pflegen verwundeter, beschädigter Soldatenkörper obliegt. Realiter lässt sich die Nachrichtenhelferinnenschaft als die am besten strukturierte, organisierte und hierarchisierte Helferinnengruppe in der Wehrmacht beschreiben, die während des Krieges Schlüsselpositionen mit hohem Geheimhaltungsgrad innehatte.
Bereits als DRK-Unterführerin im „Warthegau“ sah Ullmann deutlich den Zusammenhang der Vertreibung von Juden und Polen mit ihrer Arbeit. Da die „Völkerwanderung“, wie sie die Vertreibung und die Ansiedlung von „Volksdeutschen“ euphemistisch nennt, schon angefangen hatte, bestand ihre Aufgabe in der Betreuung von Wolhyniendeutschen:
L.U.: „Ja, und das, und dann, von Litzmannstadt ist dann das ganze Lager verlegt worden in eine wunderbare Waldgegend, ganz dicht bei Lódz, wo Juden ihre Wochenendhäuser hatten, die schon geräumt waren [F.M.: also abtransportiert waren die […]]. Ja, abtransportiert, sah man manchmal, durch die Stadt, wie die da… und da wurde dann so ne Art Lazarett eingerichtet, so für Kinder und Frauen und so weiter, und die wurden auch in den Häusern mit untergebracht dann […]“
In dieser kurzen Erinnerungssentenz ist die Gleichzeitigkeit von Integration und Ausgrenzung genau festgehalten; selbst analytisch lässt sich die Szene kaum auflösen. Ullmann versucht vergeblich, durch die Verwendung einmal des eingedeutschten, einmal des polnischen Namens der Stadt (Litzmannstadt und Lódz) Klarheit in ihre Beschreibung zu bringen. Auch mein einhakender Orientierungsversuch („also abtransportiert waren die […]“) schlägt fehlt: Sowohl die unspezifische und distanzierte Bezeichnung „die“ als auch das Verb „abtransportieren“ drücken ein Abwehrverhalten aus. Fast direkt schließt sich ein Gesprächsteil an, in dem wir zwar an diesem konkreten Beispiel, eigentlich aber kumulativ für ihre Kriegseinsätze ihre Mitwisserinnenschaft diskutieren:
F.M.: Und was haben Sie da mitbekommen, von der Judenverfolgung in Polen, weil Sie grad sagten, Sie sahen da…
L.U.: Ja, das hab’ ich einmal gesehen.
F.M.: … abtran… Und was ham’ Sie da gesehen?
L.U.: Wie die durch die Stadt gingen mit den Judensternen und …
F.M.: Mmh. Also Sie wussten doch eigentlich ziemlich schnell, was passiert, oder?
L.U.: Ja, aber was genau… wie… wie unmenschlich das Ganze war, das wussten wir eigentlich nich’.
F.M.: Aber Sie hatten schon ’ne Ahnung, dass die sterben, oder?
L.U..: … kann ich nich sagen, aber wahrscheinlich. Wahrscheinlich.
F.M.: Mmh, mmh.
Das Gespräch, das sich ursprünglich um die Betreuung von Wolhyniendeutschen gedreht hatte, wird nicht nur zu einer Klärung dessen, dass Juden „umgesiedelt“ wurden, damit Lódz zu Litzmannstadt werden konnte, sondern greift wie ein Selbstläufer nach vorne aus, bis hin zur Ullmanns wissender Ahnung von der Judenvernichtung.
Getriebene Suche nach „Volksgemeinschaft“ oder: RAD-Lagerführerin Melita Maschmann (Jg. 1918) homogenisiert den „Warthegau“
Anhand von Melita Maschmanns autobiografischer Selbstthematisierung „Fazit“ lassen sich die Elemente dieses gleichzeitigen Prozesses von Ein- und Aussiedlung, von Eindeutschung und Ausgrenzung heller anleuchten. Zuerst aber einige Anmerkungen zu Maschmanns Initiation in den Nationalsozialismus: 1918 geboren, gehört sie zu denjenigen Jahrgängen, die die „Machtergreifung“ mitten in der Pubertät erlebten. Sie entstammte einem deutschnational gesinnten, sehr politisierten bürgerlichen Elternhaus. Die intergenerationelle Problematik zündete allererst den Motor für ihr zwölfjähriges nationalsozialistisches Engagement; die damals 15-jährige probte den Aufstand:
Auf die Frage, welche Gründe junge Menschen damals veranlasst haben, Nationalsozialisten zu werden, wird es viele Antworten geben. Vermutlich hat der Gegensatz der Generationen und das Zusammentreffen der Hitlerschen Machtübernahme mit einem bestimmten Pubertätsstadium dabei oft eine Rolle gespielt. Für mich war es ausschlaggebend: Ich wollte einen anderen Weg gehen als den konservativen, den mir meine Familientradition vorschrieb. Im Mund meiner Eltern hatte das Wort ‚sozial‘ oder ‚sozialistisch‘ einen verächtlichen Klang.
Die „sozialistische“ Komponente des Nationalsozialismus öffnete ihr auf der einen Seite die Tür für die pubertäre Opposition gegen ihre rechtskonservativen, national gesinnten Eltern, die „nationale“ auf der anderen die Möglichkeit, an den elterlichen Wertehaushalt anzuknüpfen, etwas mit hinüberzuretten in die neue Zeit. Der „nationale Sozialismus“, wortwörtlich verstanden, steht bei Maschmann für jugendliche, für politische Revolution, und die energetische Kraft dieses Spannungsfeldes ließ sie bis 1945 wie aufgezogen Tag für Tag an der Verwirklichung der „Volksgemeinschaft“ arbeiten. 1933 endlich erlaubten die Eltern Melita Maschmann und ihrem Zwillingsbruder den Eintritt in eine (entsprechend ihrer Ausrichtung: deutsch-nationale) bündische Jugendorganisation: Als der Zwillingsbruder das grüne Hemd der „Bismarck-Jugend“ trägt, hat Melita nur Hohn und Spott für das „monarchistische“ Engagement ihres Bruders übrig. Sie selbst verweigert den Eintritt in den „Bund Königin Luise“ und wird heimlich Mitglied des BDM. Hier liegt der Knackpunkt einer genuin nationalsozialistischen Überzeugung und Einsatzbereitschaft der damals in der Pubertät steckenden neuen Mädchen-Generation. Die rüde Absage an Königin Luise, die so vielen Mädchen- und Frauengenerationen als weibliche Rollenvorlage Vorbild war, stellt im Zäsurjahr 1933 symbolisch die Weichen um auf andere weibliche Möglichkeitswelten. Die 16 Jahre ältere Trude Mohr hatte noch dezidiert auf Königin Luise als Vorbild hingewiesen und bereits in der bündischen Jugend einen erfahrungsmäßigen Grundstock für ihr späteres nationalsozialistisches Engagement gelegt.
Maschmann stieg im BDM schließlich bis zur Referentin für Presse- und Propagandaarbeit in der Reichsjugendführung auf, eigentlich aber befriedigte sie die bürokratische Büroarbeit nicht; immer wieder suchte sie das direkte Erlebnis der „Volksgemeinschaft“. 1941, nachdem sie als BDM-Führerin im „Warthegau“ mit nicht enden wollender Aktivität die Pressestelle der HJ aufgebaut und gleichzeitig ein Volontariat beim „Ostdeutschen Beobachter“ absolviert hatte, „desertierte“ sie und ließ sich für zwei Jahre zum Reichsarbeitsdienst beurlauben, der für sie als „vollkommenes Modell“ einer immer nur passager verwirklichten Volksgemeinschaft dastand. Störungen dieser kollektiven Hyperidentität finden sich beinahe auf jeder Seite: männlicher Machismus, der Frauen in Führungspositionen der Lächerlichkeit preisgab; Karrierismus; Mädchen, die sich nicht einfügen wollen usf. Wo immer aber sie das nationalsozialistische ‚Urerlebnis’, die klassennivellierende, rauschhaft erlebte und ‚rassenreine’ Volksgemeinschaft erfahren konnte („Wir haben uns nicht gebildet, wir haben immer nur ‚erlebt’“, fasst sie es lakonisch.), da nimmt sie Austreibung und Vernichtung und sich selbst als Teil dieses Regimes in Kauf. Die Angst, die „Volksgemeinschaft“ vor dem Tod Hitlers nicht mehr verwirklichen zu können, aus der ein atemloses Arbeitstempo ohne jegliches Privatleben entsprang, der Vokabelstrom von „Kraft“, „Begeisterung“, „Opferbereitschaft“, dem das bloße „Bewahren“ in einer Zeit nach Hitler und die „erloschene Bereitschaft“ entgegengesetzt werden, verweisen auf eine zeittheoretische Komponente der Erfahrungsschichten und nachmaligen Erinnerungen von Führerinnen. Zeitspannen von Jahren werden auf Minuten und Stunden verdichtet; unermüdliches Engagement und daraus folgend die fehlende Zeit zum Nachdenken spielen eine wesentliche Rolle im Selbst-Verständnis des jugendlichen Gesamteinsatzes aller Kräfte.
Im Frühjahr 1942 leitete Maschmann ein kleines Lager im „Warthegau“, in dem nur ein Dutzend Arbeitsmaiden ihren Arbeitsdienst ableisteten, und bald auch das kleine, nach der Austreibung der Polen mit „Volksdeutschen“ aus Bessarabien und Galizien neu besiedelte Dorf in eigener Regie: Sie übernahm sogar die Aufgaben des „alten, schwerhörigen“ Ortsvorstehers und konnte die Droge Volksgemeinschaft von nun an selbst produzieren. Die 24-jährige stützte sich auf den Gedanken, dass sie als „Repräsentantin der nationalsozialistischen Führung“ diese Aufgaben eben übernehmen müsse, und trotz ihres sich selbst gegenüber oft sehr kritischen Nachblicks lassen sich die Überlegenheitsgefühle deutlich ablesen: Sie zog gegen den polnischen „Aberglauben“ zu Felde und gewöhnte sich an, die religiösen „Volksdeutschen“ mit nationalsozialistischen Predigten zu versorgen. („Die Frau Fihrerin hat so scheen gered‘ wie der Herr Pfarrer“, hätten die Bauern angeblich gesagt.) Zuerst hatte sie Morgenfeiern als „Stunden der Sammlung für meine Kameradinnen und mich“ ausgerichtet, als eine Art „gläubiger Besinnung“:
„Bald empfanden wir, daß wir auch diese Stunden mit unseren Bauern teilen sollten, mit denen wir eine immer engere Gemeinschaft anstrebten. Nun suchten wir nach einfacheren Worten und Liedern. […] Was blieb mir übrig, als von jetzt an eine Art Predigt in den Mittelpunkt unserer Besinnung zu stellen? Es kostete mich einige Überwindung, aber nachdem ich die ersten Versuche unternommen hatte, machte mir auch das Freude. Es gab damals kaum eine Aufgabe, die mir keine Freude gemacht hätte. Die Bauern saßen mit gefalteten Händen vor mir, und ihre Blicke hingen an meinen Lippen. Die Augen der Frauen füllten sich oft mit Tränen.“
Die Figur der Predigerin-Führerin, die Gottschewski diskursiv modelliert hatte und die in ihrer Übersteigerung fast parodistisch wirkt, wird in dieser Szene tatsächlich lebendig und zeigt in Aktion ihre Bestimmung: Deutsche zu generieren. Die volksdeutschen Bauern, mit denen Maschmann und ihre „Kameradinnen“ eine „immer engere Gemeinschaft“ anstrebten, wurden auf diese Weise integriert und zu „unseren Bauern“. Indem sie „eine Art Predigt“ hielt, erleichterte sie ihnen den Übergang von Aberglauben und Katholizismus zur nationalsozialistischen Religion. Mitten im Krieg schuf Maschmann sich ihren eigenen Mikrokosmos, einen Möglichkeitsraum, in dem sie als Nationalsozialistin handeln konnte.
Dass diese Volksgemeinschaft im kleinen nur um den Preis der Ausgrenzung zu haben war, beschreibt Maschmann in einem anderen Kapitel, in dem es um eine „Umsiedlungsaktion“ geht. Als ein SS-Offizier Maschmann bat, in einem Dorf die Vertreibung der Polen zu überwachen (damit sie nicht mehr mitnähmen als erlaubt!) und danach die Häuser für die „Volksdeutschen“ herzurichten, da er nicht genügend Männer zur Verfügung hätte, nahm sie gemeinsam mit ihren „Kameradinnen“, von denen keine „auch nur einen Augenblick [zögerte]“, diese Aufgabe an.
Wenn du [Maschmann adressiert ihren Erinnerungsbericht an eine Jüdin, mit der sie während ihrer Schulzeit befreundet war, F.M.] berücksichtigst, daß alle Mädchen meines Lagers sich freiwillig für den „Osteinsatz“ gemeldet hatten, wirst du mir glauben, daß die meisten von ihnen beherzt und manche auch ein wenig abenteuerdurstig waren. Ich selbst habe mich bei dieser Arbeit niemals gefürchtet, und meine Sicherheit muß sich auf meine Kameradinnen übertragen haben. Sie sagten mir manchmal: Wenn wir sehen, wie ruhig Sie sind, fühlen wir uns ganz sicher.
Es liegt klar zutage, dass der Gruppenzusammenhalt die Frauen in dieser Situation entlastete und die „ruhige“ Führerinnenschaft Maschmanns (die ihre eigene Sicherheit aus dem Glauben gewann, im „Auftrag Deutschlands“ dort zu stehen) ihnen mögliche Zweifel an dem, was sie taten, nahm. Sie hätten sich damals eben als „Soldaten an der Front der Heimat“ verstanden, schreibt Maschmann.
Karen Erichs (Jg. 1923) Führerinnenträume oder: Einschleusungsversuche in ein abgeschottetes Gedächtnis
Am Beispiel der RAD-Maidenunterführerin Karen Erich soll noch eine weitere Motivationslage aufgerufen werden, die ebenfalls generationsabhängig ist: 1923 in einem sächsischen Vier-Häuser-Dorf geboren, war Erich 1933 erst zehn Jahre alt und gehörte damit zum ersten Jahrgang, der von Anfang an über den BDM sozialisiert werden konnte. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt der Eintritt noch freiwillig (bis 1936), und obwohl häufig wie unter Gruppenzwang ganze Schulklassen in die Hitlerjugend eintraten, kam der Ideologisierung durch die primäre Erziehungsinstanz, das Elternhaus, wohl vermehrt Bedeutung zu. Mit der Frage nach Karen Erichs Vater (Jg. 1894), der zugleich Lehrer in der kleinen Dorfschule und Leiter des Kirchenchors war, hält die nationalsozialistische Familientradition Einzug in unser Gespräch, die vorher ausgespart geblieben war: Ihr Vater war „fast würde ich sagen: ein Militarist. [lacht; I.: Ja.] Nein, mein Vater war sehr streng. Er war […] Beim Ersten Weltkrieg war er Leutnant […] und hatte das EK I, EK, Eiserne Kreuz und da war er sehr stolz drauf.“ Obwohl er seinen Kindern von seinen Kriegserlebnissen nie etwas erzählte, wurden diese über eine militärische Erziehung in die Familie eingebracht, „also: Fünf Minuten vor der Zeit ist militärische Pünktlichkeit“. Und in der Schule, „da sei ebend Stille gewesen, da hat keiner ein Mucksmäuschen von sich gegeben, wenn der Lehrer sprach, […] also da war eben militärischer Schliff drin“.
Der Vater betritt die Bühne des Familientheaters eben nicht in seiner Rolle als Familienmitglied, sondern in seinen gesellschaftlich relevanten Funktionen als mit dem EK ausgezeichneter Kämpfer im Ersten Weltkrieg und Volksschullehrer. Der von diesen Rollen abgeleitete männlich-militaristische Tugendkatalog mit seinen obersten Positionen Härte, Strenge, Disziplin galt auch innerhalb der Familie und als Maßgabe für die Kindererziehung: Der zackige Tonfall, in dem Karen Erich den militärischen Sinnspruch (Fünf Minuten vor der Zeit ist militärische Pünktlichkeit.) wiedergibt, und das Schweigen über die Kriegsteilnahme des Vaters spiegeln die Kommunikationstradition innerhalb der Familie: Entweder wurde gar nicht oder in vorgestanzten Formeln miteinander gesprochen. Auch in der Schule war der Vater, wie für alle anderen Kinder auch, ausschließlich der Lehrer, bei dem man mucksmäuschenstill so lange zu sitzen hatte, bis man zum Reden aufgefordert wurde. Das der Familie auferlegte Schweigegebot kommt in Karen Erichs Erzählungen immer wieder zum Tragen: Im Stand-Bild der vor Angst bewegungslosen Kinder, die während des väterlichen Mittagsschlafs noch nicht einmal ein Buch umzublättern wagten, wird die innerfamiliäre Beziehungs- und Sprachlosigkeit auf die Spitze getrieben. Die familientradierte Kommunikationsform scheint in den Redegewohnheiten Karen Erichs wieder auf: In ungewöhnlicher Häufung gebraucht sie Phrasen des Nicht-Wissens oder Nicht-Wissen-Wollens, die mir eine Art der Gesprächsverweigerung signalisierten. Tatsächlich empfand ich das Interview mit ihr nur selten als Austausch. Immer wieder rissen die Fäden eines gleichmäßigen kommunikativen Textdurchschusses, und so glich die Interpretation einem Einschleusungsversuch in ein abgeschottetes Gedächtnis.
Jedenfalls schält sich ein Übervater aus den Erzählungen Frau Erichs heraus, der als Mini-Dorfpotentat und kleine Führerkopie das Leben des Mädchens bestimmte und omnipräsent war: In der Volksschule als erster sekundärer Sozialisationsinstanz und im Kirchenchor hatte das Kind ihn ständig vor Augen. Außerdem war der Vater „sehr fortschrittlich“, umtriebig und innovationsfreudig, und überschritt damit die enggezogenen Grenzen eines sächsischen Dörfchens: Während Hitler Autobahnen baute, ließ der Vater im Schulhaus, in dem die Familie auch wohnte, eine Heizung einbauen, legte eine Wasserleitung (Die Töchter hatten das Wasser aus dem Keller hochzupumpen!), baute ein Bad und in der Küche einen Elektroherd ein, und natürlich hatte die Lehrerfamilie als erste ein Telefon. Die entschiedene Parteinahme für den Nationalsozialismus (so hat der Vater nach 1933, wie Erich es ausdrückt, „irgendeine“ Funktion im Dorf) spielt eine entscheidende Rolle für das nationalsozialistische Engagement der Tochter, das im BDM seinen Anfang nimmt:
F.M.: Waren Sie dann auch Führerin, BDM-Führerin oder so was?
K.E.: Ja, [da] war ich auch irgendwas. Das, das lag wahrscheinlich bei uns im Blut, ne. [E. lacht ein bisschen.] Vom Vater her so’n büschen angehaucht, dass man dann irgendwie, dass irgendwie so’n büschen Fingerspitzen hatte oder Lust hatte, so’n büschen was auf die Beine zu stellen.
Die vom Vater ‚vererbten’ und quasi eingehauchten Führungsqualitäten lassen die zukünftige Karriere erstmalig am Erwartungshorizont aufscheinen.
Nach dem zweijährigen Besuch einer Handelsschule und ihrem Pflichtjahr 1939/40 arbeitete sie wohl auf väterlichen Wunsch beim örtlichen Büro des „Nationalsozialistischen Lehrerbundes“ (NSLB). Dort konnte sie ihre eigenen Führungsqualitäten nicht zum Ausdruck bringen; sie wollte selbst Lehrerin sein. Der von ihr so bezeichnete „Ausbruch“ aus dem NSLB-Büro durch die freiwillige Meldung zum RAD steht als Willensbekundung für einen eigenen nationalsozialistischen Weg mitten im Krieg, der die wesentliche Prägephase der jungen Frau darstellt. Am 20. April 1941 wurde sie auf den ‚Führer’ vereidigt. Nur etwas über einen Monat vorher war sie 18 Jahre alt geworden, hatte wenige Tage später den Antrag zur Aufnahme in die NSDAP gestellt und dokumentiert damit ihre politische Überzeugung gesellschaftlich, so dass im Hintergrund dieser Entscheidung mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits die Ambition einer Führerinnenlaufbahn angelegt war. Die Position als Arbeitsdienstführerin wurde mittlerweile de facto als Frauenberuf angesehen; Erichs Arbeitsdiensteinsatz kann nicht, wie bei den meisten Frauen, als traditionell durchlaufene Station der sekundären NS-Sozialisation angesehen werden, sondern markiert eine bewusste berufliche Entscheidung. Daran hängt gleichzeitig noch eine andere, private Entscheidung: solange nicht zu heiraten, wie sie einen Führerinnenposten beim RAD besetzte. Karen Erich wurde beim RAD, wo sie bald zur Maidenunterführerin aufgestiegen war, als die sie zwar noch kein Lager führen durfte, aber über ein eigenes Zimmer und ein bisschen mehr Verantwortung verfügte, zur Betreuung von Volksdeutschen in Sachsen selbst eingesetzt und aktiviert in ihren Erinnerungsnarrationen ähnliche Fremdkultur-Stereotype und Invektiven gegen die noch völlig undeutschen „Volksdeutschen“ wie Melita Maschmann. Deswegen sei an dieser Stelle bereits abschließend auf einen anderen Sachverhalt hingewiesen: Anders als die älteren Führerinnen konnte Karen Erich aufgrund ihres Alters kaum mehr aufsteigen. Bereits 1944 wurde sie als Scheinwerferführerin zu einem Flakkommando abgeordnet, und dieser letzte Einsatz war für sie bereits der Anfang vom Ende, sie beschreibt ihn als primitiv und sinnlos und hat dementsprechend das meiste davon verdrängt. Der Krieg, den sie aus der harmonischen Volksgemeinschaft der RAD-Lager so weit als möglich herausgehalten hatte, drang als verlorener in ihre Erfahrungswelt ein, stoppte ihren Aufstieg, zerbrach ihre Zukunftsperspektive und leitete eine lange Phase von Frustrationen ein, die in der Besetzung ihres Heimatdörfchens durch die Russen kulminierte und bis heute nicht beendet ist.
Führerinnen nach 1945
Das Kriegsende bedeutete also besonders für Karen Erich den Zusammenbruch der Zukunft, den abgebrochenen Aufstieg, ein unerfülltes Bedürfnis:
F.M.: Und wie war das so für Sie, die letzte Kriegszeit, also gerade wenn man so überzeugt ist, sieht man da so irgendwie ‘nen Traum zuende gehen? Dachten Sie überhaupt noch, dass das noch klappen kann?
K.E.: Nein, also dass da noch was würde, war... Ich meine, natürlich brach was zusammen, denn wann war... Es war ja irgendwie mein, mein Lebens..., na… ziel oder... Ich mein, ich weiß nich, was ich gemacht hätte, wenn das weitergegangen wäre, ich wär’ eben vielleicht noch ’ne Oberführerin oder was weiß ich gewesen, und wo ich dann gelandet wäre, was weiß ich, aber das war ja nun aus, und im Grunde genommen war ja eben jetzt erst mal Schluss und es war, im Grunde genommen keine, kein Lichtstreif am Horizont.
Der (Erwartungs-)Horizont blieb nach 1945 dunkel. Anders als Leni Ullmann, die noch am 1. April 1945 zur NH-Stabsführerin befördert wurde (ein guter Aprilscherz, wie sie findet), und Melita Maschmann, die in der Hierarchie noch sehr weit – in die Führungsetagen auf der zweiten Ebene – aufsteigen konnten, brach die von Erich angesteuerte Laufbahn schon ab, kaum dass sie überhaupt begonnen hatte. Ihre hochfliegenden Führerinnenträume zerplatzten, und die Fußstapfen des uneingeholt gebliebenen Vaters führten nun nach Bautzen. Dort wurde er wegen seiner nationalsozialistischen Engagements für einige Zeit interniert, wozu mir Erich aber nichts Genaueres sagen konnte oder wollte, da sie zu dieser Zeit bereits nach Westdeutschland geflüchtet war. Auch sie selbst hatte Angst, „eingebuchtet zu werden“, wenn sie dazu gestanden hätte, „Reichsarbeitsdienstführerin in dem Naziladen“ gewesen zu sein. Eine Zeit lang arbeitete sie bei denselben Bauern, bei denen sie ihr Pflichtjahr abgelegt hatte; die kannten sie schon und fragten nicht viel. Aber „auf die Dauer war das nun auch nicht mein Job, da nun als Magd da mein Leben zu fristen“, und so ließ sie sich 1947 von einer alten Kameradin helfen, eine Existenz in Westdeutschland aufzubauen.
Auch Leni Ullmann profitierte, nachdem sie aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft entlassen worden war, von Kameradinnen-Netzwerken. Sie ging gar nicht erst wieder in ihre Heimat zurück, sondern blieb über 20 Jahre lang bei der Familie der ehemaligen NH-Oberstabsführerin, die den höchsten Leitungsposten im Oberkommando des Heeres (OKH) bekleidet hatte. Im Familienunternehmen arbeitete sie als Buchhalterin und Sekretärin und zog Ende der 1960er Jahre zu Schwester und Schwager in eine nordrhein-westfälische Stadt, wo sie bis zur Pensionierung in derselben Berufssparte wie Karen Erich, nämlich in einer Bank tätig war. Maschmann arbeitete nach dem Krieg weiter als Journalistin und Buchautorin. Vor ihrer Autobiografie hatte sie drei Romane veröffentlicht, in denen sie sich auf dem Wege der Fiktion an ihrer Geschichte abarbeitete. Deren erster, 1955 publizierter, trägt den sprechenden Titel „Das Wort hieß Liebe.“ Um nicht, so kurz vor Schluss, noch in dessen Nacherzählung abzugleiten, sei nur kurz angemerkt, dass es um eine Frau mit Vertriebenenschicksal geht, die nicht das ist, was sie zu sein scheint und daran fast verzweifelt. Aber der Roman hat ein ganz klischeehaftes Happy End, bei dem sich die Familie (plus dunkelhäutigem Ziehsohn!) in den Armen liegt. Ganz offensichtlich nähert sich Maschmann auf diesem Weg Differenzerfahrungen an, die sie vorher nicht zulassen konnte und hält sie aus, wenngleich sie noch immer und immer wieder in Fremdkulturstereotype verfällt. Das Wesentliche aber scheint mir zu sein, dass eine zwischengeschlechtliche Beziehung ausprobiert wird, dass es – im Gegensatz zu der acht Jahre später publizierten Autobiografie – Liebe zwischen Mann und Frau gibt.
IV. Schluss
Die offene Frage nach den Führerinnen-Generationen, die zu Anfang gestellt wurde, lässt sich über die nur ausschnitthafte Erfahrungsanalyse einzelner Jahrgangsvertreterinnen, wie ich sie hier versucht habe, nicht beantworten. Dennoch bleiben nicht einfach versprengte weibliche Biografien stehen: Bindungen und Überlieferungsketten zwischen den Jahrgängen, in denen unterschiedliche Vorbedingungen und vorstrukturierende Erfahrungen synthetisiert werden, könnten eine weibliche ‚Kriegseinsatzgeneration’ andeuten. Prospektiv steht zu vermuten, dass durch eine genauere Ausfaltung der Fragen und deren Beantwortung etwa durch kollektivbiografische Analysen spezifischer Führerinnenkategorien und engerer Jahrgangsgrenzen sich deutlichere Muster herausschälen lassen. Abschließend soll Unterscheidendes und Gemeinsames noch einmal kurz zusammengefasst werden:
Vorstrukturierende Erfahrungen und Führerinnendiskurse: Herausgearbeitet wurden generationell bedingte, deutliche Besonderungen in der Vorgeprägtheit für ein NS-Engagement: Leni Ullmann, die 1933 bereits erwachsen war, entwickelte vor 1939 – anders als die im selben Jahr geborene Anna Kallsperger – keinerlei nationalsozialistisches Eigenengagement, das sie dazu gebracht hätte, trotz ihres Alters etwa im BDM oder RAD leitend tätig zu werden. Vorstrukturierende Erfahrungen, die ein solche Eigendynamik forciert hätten, fehlen völlig. Damit geht einher, dass ihre Selbstcharakterisierung aus dem Rahmen der von Gottschewski und Mohr gezeichneten genuin nationalsozialistischen Führerinnenbilder fällt und eher einem ganz persönlichen Stolz auf den Aufstieg Ausdruck gegeben wird, während Melita Maschmann und Karen Erich auf diese Diskurse zurückgreifen und sie umsetzen. Deren vorprägende Erfahrungen finden sich im ersten Fall durch die Zelebrierung der Pubertät als politisch-privaten Affront gegen die ‚nur’ deutschnationalen Eltern im revolutionären Sog des Zäsurjahres 1933 und im zweiten durch eine entschieden nationalsozialistische Familientradition begründet.
Handlungserfahrungen im Vernichtungskrieg: Vereint werden die drei Führerinnen-Geschichten durch die Erfahrung eines ins östliche Zentrum nationalsozialistischer Vernichtungspolitik reichenden Kriegseinsatzes, in dem sie für die andere Seite der Vernichtung, für die Eindeutschung, für die Homogenisierung derjenigen zuständig waren, die der Integration in die „Volksgemeinschaft“ für wert erachtet wurden. Vor die Volksdeutschen gestellt, versinnbildlichten die Führerinnen die „rassereine“ deutsche Elite. Nahezu idealtypisch schlägt sich diese integrative wie ausgrenzende Wirkkraft der nationalsozialistischen Führerin in Melita Maschmanns verstiegener Phantasie von einem eigenen kleinen Reich nieder, in dem sie ihre Idealvorstellungen von Volksgemeinschaft und Führerinnenschaft in die Realität umzusetzen versuchte, nicht zuletzt indem sie an der Vertreibung der Polen teilnahm.
Intra- und zwischengeschlechtliche Texturen: Kameradschaft unter Frauen fungiert dabei – ähnlich wie bei den Männern – als emotionale Halterung und gleichzeitig als Entlastung. Die Imagination einer störungsfreien Harmonie im RAD-Lager, wie sie Erich und Maschmann beschreiben, steht nicht nur für die ideale Volksgemeinschaft, sondern auch für eine (in den hier analysierten Fallbeispielen extrem ausgeprägte) Distanznahme zum anderen Geschlecht. In allen drei Erinnerungstexten stellen zwischengeschlechtliche Beziehungen einen blinden Fleck dar, so dass sich eine Perpetuierung dieser Distanz und der Ledigenanforderung aus dem Nationalsozialismus nach 1945 andeutet. Es gäbe viele Gründe für das fortgesetzte Ledig-Sein nach dem Krieg, zum Beispiel die Theweleitschen Mutmaßungen über die Männer-Angst vor Frauen-Uniformen; Klischees und Vorurteile von Vermännlichung, Homosexualität oder wahlweise auch Promiskuität, die schon während des Krieges wucherten (und den Nachrichtenhelferinnen den fast noch freundlichen Beinamen „Blitzmädels“ und das sehr viel derbere Schimpfwort „Offiziersmatratzen“ einbrachten); die überschießende Selbstständigkeit und Unfähigkeit, sich in einer 50er-Jahre-Familienidylle einem Ehemann unterzuordnen. Aber vielleicht führt diese etwas einseitige Spurenlese in der männlichen Angstwelt auch von einem wesentlichen Grund weg. Wollten sich die ehemaligen Führerinnen nicht in ihrem Partner widerspiegeln und vice versa: Sie hätten dann nämlich der Ausweglosigkeit ihrer Suche nach schuldfreien Zonen ins Auge gesehen.
Übersetzung der Mobilitätspotentiale in die Nachkriegszeit: Die Führerinnentätigkeit weckte weitgehende Mobilitätspotentiale und einen ungewöhnlich großen Aktionsradius, am eindrücklichsten in der Soldaten-Biografie von Leni Ullmann, die dem Krieg – von Polen über Frankreich, die Ukraine und Bulgarien – quasi hinterher reiste; allerdings konnten diese Ressourcen im Nach-Krieg nicht adäquat reaktiviert werden. Man könnte vorsichtig vermuten, dass Aktivitätspotentiale erstens paradoxerweise nur dann produktiv in die Nachkriegszeit ‚übersetzt’ werden konnten, wenn sie aus einer Einsatzverpflichtung erwachsen waren, man sich also der Schuldfrage auf diese Weise vordergründig entledigen konnte; wenn zweitens diese Potentiale weniger weitgehend waren und weniger deutlich in Zusammenhang mit der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik aktiviert worden waren; oder wenn man drittens 1945 noch jung genug war, um das eigene Engagement als Jugendsünde zu begreifen. Der Aufstieg Else Müllers (Jg. 1924) zur Scheinwerferführerin, den Lutz Niethammer in seinem Aufsatz „Heimat und Front“ nachvollzogen hat, markiert diese Möglichkeit einer produktiven Reaktivierung von im Kriegseinsatz entwickelten Aktionspotentialen in der Nachkriegszeit. Man mag aber auch an Christa Wolfs (Jg. 1929) enthusiastische Mädchenbegeisterung für den BDM denken, die zuletzt im Besuch einer Schulung für Führerinanwärterinnen Ausdruck findet und die sie in ihrer fiktiven Autobiografie „Kindheitsmuster“ aus der Verdrängung zu holen und sich – vor dem Hintergrund ihres kommunistischen Nachkriegsweges – zu erklären versucht. Diese beiden letzten, nur angedeuteten Führerinnen-Biografien irritieren den Blick ganz zum Schluss noch einmal und lenken ihn auf differente weibliche Erfahrungsschichten um, deuten andere Antworten an und legen neue Fragenkomplexe nahe. Dankbarerweise stellen sie aber auch das besondere Gemeinsame der hier analysierten Führerinnennarrationen schärfer vor Augen.
Anmerkungen:
[1] Es handelt sich mehr um einen essayistischen Problemaufriss und eine Forschungsanregung denn um einen empirisch gesättigten Text, so dass ich auf Nachweise und die Angabe weiteren Materials in den Fußnoten ganz überwiegend verzichtet habe. Ich würde mich freuen, wenn am ‚Führerinnen-Phänomen’ interessierte Forscher und Forscherinnen mit mir in Kontakt treten würden!
[2] Vgl. aber Böltken, Andrea, Führerinnen im „Führerstaat“: Gertrud Scholtz-Klink, Trude Mohr, Jutta Rüdiger und Inge Viermetz, Pfaffenweiler 1995; vgl. außerdem zu BDM-Führerinnen die Dissertation von Kock, Lisa, „Man war bestätigt und man konnte was!“ Der Bund Deutscher Mädel im Spiegel der Erinnerungen ehemaliger Mädelführerinnen, Münster 1994. Aktuell erarbeitet Gudrun Schwarz (Hamburger Institut für Sozialforschung) eine Studie zur ebenfalls hierarchisierten SS-Helferinnenschaft, und Annett Michel (Universität Karlsruhe) forscht über Gaufrauenschaftsleiterinnen.
[3] Die beiden Interviews habe ich im Sommer 2002 geführt. Die Namen meiner Gesprächspartnerinnen wurden anonymisiert und genaue Ortsangaben meist vermieden.
[4] Vgl. dazu besonders die Arbeiten von Helmut Lethen, Ulrich Herbert und Michael Wildt.
[5] Zur Biografie vgl. u.a. die Arbeiten von Jill Stephenson und Eva-Maria Ziege.
[6] Zur Biografie vgl. Martin Klaus, Andrea Böltken.
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