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Forum: Diskussionsbeitrag zum Konzept für die Ausstellungen der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“

 

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Von:
Peter Haslinger, Herder Institut Marburg / Historisches Institut, Justus-Liebig-Universität Gießen
E-Mail: <haslingerherder-institut.de>

Wissenschaftlichkeit statt Identitätspolitik – zu den „Konzeptionellen Überlegungen für die Ausstellungen der ‚Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung’“.

Bei den „Konzeptionellen Überlegungen für die Ausstellungen der ‚Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung’“[1] handelt es sich um eine höchst begrüßenswerte Initiative. Zwei Dinge verdienen hier Anerkennung: Zum einen dass der Entwurf keinen prinzipiellen Gegensatz aufbaut zwischen dem Aufklärungs- und Versöhnungsauftrag, der Einordnung in einen europäischen Rahmen und dem Hauptakzent auf der Vertreibung der Deutschen, zum anderen dass letztere in eindeutiger Weise auf den Fluchtpunkt bezogen wird, ohne den ein entsprechendes Unternehmen fast automatisch zum Scheitern verurteilt wäre: auf die Gewaltverbrechen der deutschen Expansions- und Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg. Die Initiative leistet damit auch einen wertvollen Debattenbeitrag angesichts der Aussagearmut der Homepage des dafür gesetzlich vorgesehenen Trägers, der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“[2], und der offenbar geplanten Vorgangsweise, das „vollständige Ausstellungskonzept“ zunächst dem Stiftungsrat bei seiner nächsten Sitzung am 25. Oktober 2010 vorzulegen, um es „anschließend“ mit dem – inzwischen ausgedünnten – Wissenschaftlichen Beraterkreis zu diskutieren und zu entwickeln.[3]

Zwar bleibt natürlich abzuwarten, ob dieses Stiftungskonzept dem hermetischen Gruppenbild und der stereotypen Opfer-Täter-Zuschreibung folgt, die der Ausstellung „Erzwungene Wege“ von 2006 zugrunde lagen.[4] Die „Konzeptionellen Überlegungen“ bieten hier jedoch genügend Anknüpfungspunkte für ein Gegensteuern. Die bisherigen Reaktionen auf das Diskussionspapier befinden sich überwiegend im Einklang mit der Grundidee, wenn auch zwei wesentliche Punkte zu seiner Weiterentwicklung noch einmal benannt werden müssen:

1) Am wichtigsten erscheint mir ein Hinweis, den in der bisherigen Debatte am klarsten Wolfram von Scheliha formuliert hat:[5] Dem Konzeptentwurf fehlt über weite Strecken noch eine schlüssige und ausgefeilte museumspädagogische Umsetzung, etwa in Hinblick auf Inszenierungs- und Präsentationsoptionen, Möglichkeiten der sprachenübergreifenden Interaktion oder zur bereits diskutierten Frage, welchen Platz dreidimensionale Exponate in der Präsentation einnehmen sollen. Hier verweise ich angesichts der Kritik allerdings auf das allgemeine Dilemma der generellen „Materialarmut“ von Zwangsmigrationen: Neben Foto- und Schriftquellen sind hier in der Regel vor allem Objekte überliefert, die einer umfassenden Erklärung und Kontextualisierung bedürfen, um Bedeutung transportieren zu können (wie etwa Armbinden, Koffer oder Schlüssel). Eine selbsterklärende und dichte materielle Überlieferung findet meist erst nach den Vertreibungen statt, in der Erinnerungskultur derjenigen Menschen, die an ihrem neuen Verankerungsort die eigenen Erfahrungen zu reflektieren und artikulieren beginnen. Erst diese Phase konstituiert die „Vertriebenen“ als eine Erfahrungsgemeinschaft, die sich jenseits ihres Herkunftsgebiets als Leidenskollektiv begreift. Dieser Aspekt müsste in den „Konzeptionellen Überlegungen“ noch deutlicher aufgegriffen werden, da sich nur so die existenziellen Vertreibungs- und Verarbeitungserfahrungen (Integration greift hier eindeutig zu kurz) in allen Variationsbreiten abbilden lassen. Eine Ausstellung hätte hier zu zeigen, in welcher Weise eine ganze Reihe von Vorgängen, die heute gemeinsam unter der Chiffre „Flucht und Vertreibung“ verhandelt wird[6], zu einer identitätsstiftenden politischen Gemeinschaftserfahrung systematisiert wird bzw. – in der DDR – auch „privatisiert“ wurde.

2) Dies leitet über zum zweiten Kritikpunkt, der allerdings leicht zu korrigieren ist: Die zu große Verschränkung von Multiperspektivität mit städtischen Beispielen. Wie bereits Markus Krzoska festgehalten hat[7], birgt die Beschränkung auf den damals schon weitgehend nationalisierten städtischen Raum die Gefahr, die Ausgrenzungs- und Entflechtungslogiken nationaler Gruppenkonzepte zu sehr zu betonen und die Vertreibungen in Zeiten der Umsetzbarkeit als quasi logische Entwicklung erscheinen zu lassen. Hier scheint es notwendig, Module aus dem ländlichen Raum in die Darstellung zu integrieren und in diesem Zusammenhang auch den von Stefan Troebst angeregten stärkeren biographischen Ansatz einer „individualisierenden Exemplifizierung“[8] zum Einsatz zu bringen. Erst eine Zahl gut dokumentierbarer Beispiele, die innerdörfliche, kleinregionale oder familiäre Erfahrungshorizonte, Eigendynamiken und Außeneinflüsse in einzelnen Phasen von Vertreibung und Neuansiedlung schlüssig abbildet, würde die städtischen Module im didaktischen Anliegen unterstützen, „sich von eindimensionalen Erklärungsansätzen zu lösen, simple Opfer-Täter-Schemata aufzubrechen und nach dem Zusammenhang von staatlicher Planung und individuellem Akteurshandeln zu fragen.“[9]

Trotz dieser beiden Einschränkungen erweisen sich die „Konzeptionellen Überlegungen“ in ihrer inhaltlichen Strukturierung insgesamt als tragfähige Basis zukünftiger Ausstellungen, die auch dem Stiftungsauftrag gerecht werden. Verfehlt wäre demgegenüber jede Präsentationsweise, die die Vertreibungen der Deutschen im Mittelpunkt einer Chronologie verankert, die Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Nationalisierung der Gesellschaften in Zentraleuropa einsetzt, Opfer- und Täterbeziehungen aus den Vertreibungen der Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg heraus reduktionistisch entwickelt und entsprechende Grundkonstellationen für diesen Zeitraum als naturgegeben ansieht. Dieses Narrativ erfüllt vorrangig den Zweck einer existenziellen Fortschreibung einer Gruppe, die sich im heutigen Deutschland in erster Linie über das Erinnern an Prozesse definiert, die zeitlich immer weiter zurückliegen.

Hier ist erneut auf die Ausstellung „Erzwungene Wege“ zu verweisen. Zwar würdigte damals die Presse (in mir unverständlicher Weise) den Umstand, dass das Kernanliegen des Bundes der Vertriebenen, die Dokumentation der Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg, vom Umfang her keinen herausgehobenen Platz einnahm. Trotz dieser thematischen Weiterung bedeutete die dort vorgeschlagene europäische Rahmung nämlich keineswegs ein Abgehen von einem selbstreferenziellen Opferdiskurs. In den „Erzwungenen Wegen“ ist der Europäisierungsansatz vielmehr um Kernprämissen des eigenen Opfernarrativs herum gruppiert, die im Grunde nicht europäisierbar sind: Sie enthalten zu wenig Elemente, um eine tragbare kausale Verbindung zu Vorgängen herzustellen, die tatsächlich mit der Vertreibung der Deutschen funktional zusammenhängen. Es handelt sich eher um Erzählweisen, die durch den Verweis auf völkerrechtliche Kategorien und die Wahl der Beispiele eine neue kontextuelle Nähe herstellen – zu Genoziden[10] und nicht zuletzt auch zum Holocaust; letzteres ist in dem völlig untauglichen Versuch der „Erzwungenen Wege“ zu sehen, die rechtliche Ausgrenzung, Verfolgung und Ermordung der Juden im Deutschland bis 1939 in den späteren Vertreibungskontext einzubetten, sozusagen als eine Vorstufe zur Vertreibung der Deutschen zu reklamieren.

Der Vergleich von Zwangmigrationen erschöpft sich aus dem Selbstverständnis von Historikerinnen und Historikern heraus nicht allein in einer phänomenologischen Parallelisierung von gewalthaften Verlaufsformen. Entsprechend ist eine Präsentation, die zwar den Genozid an den Armeniern und die Vertreibungen infolge der Krisen in Zypern und Bosnien in den Blick nimmt, den Umstand jedoch ausklammert, dass die nationalsozialistische Unterdrückungs- und Vernichtungspolitik in den später verlorenen Ostgebieten von weiten Teilen der Bevölkerung passiv oder auch aktiv mitgetragen wurde, verfehlt. Eine Ausstellung zu „Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ hat jeden Eindruck einer Teilausklammerung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft oder ihrer ‚Auslagerung’ in unbeeinflussbare oder ferne Sphären unbedingt zu vermeiden. Das worst-case-Szenario würde dabei eine Präsentation darstellen, die – etwa über eine mechanische Nennung von möglichst hohen Opferzahlen – eine Nivellierungsoption zwischen dem qualitativen Unterschied von Vertreibung und Holocaust eröffnet.[11] Eine Ausstellung, die hier auch nur den Hauch eines Zweifels aufkommen lässt, wäre nicht nur ein innen- wie außenpolitisches Ärgernis. Sie würde genügend Stoff für einen geschichtspolitischen Skandal bieten und müsste wohl nach drei oder vier Jahren heftiger Debatten entsorgt bzw. zur Unkenntlichkeit entschärft werden. Mit diesem neuerlichen Zeitverlust jedoch wäre niemandem gedient, am wenigsten den Menschen, die das existenzielle Trauma der Vertreibung und Neuorientierung durchlebt haben und darüber heute noch berichten können. Es bleibt daher zu hoffen, dass der einer interessierten Öffentlichkeit bald präsentierte Stiftungsentwurf einen zentralen Punkt der „Konzeptionellen Überlegungen“ aufgreift, nämlich dass für das geplante Zentrum eine forschungsbasierte Kontextanalyse leitend sein muss, welche ausschließlich aktuellen Erkenntnissinteressen sowie methodischen, theoretischen und museumspädagogischen Leitlinien folgt – und nicht den Vorgaben einer Identitätspolitik von Interessensgruppen.

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Peter Haslinger ist seit 2007 Professor für die Geschichte Ostmitteleuropas an der Justus-Liebig-Universität Gießen und Direktor des Herder-Instituts in Marburg. Er ist Mitherausgeber des Sammelbandes „Diskurse über Zwangsmigrationen in Zentraleuropa. Geschichtspolitik, Fachdebatten, literarisches und lokales Erinnern seit 1989“, München 2008. Seine neueste Monographie erschien 2010 mit dem Titel „Nation und Territorium im tschechischen politischen Diskurs 1880-1938“.

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Die Beiträge zum Diskussionsforum „Vertreibungen ausstellen. Aber wie? Debatte über die konzeptionellen Grundzüge der Ausstellungen der Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“ können Sie auf der Webseite von H-Soz-u-Kult einsehen unter der Adresse: www.hsozkult.de/index.asp?pn=texte&id=1350.

Anmerkungen:
[1] Martin Schulze Wessel, Forum: Konzeptionelle Überlegungen für die Ausstellungen der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, in: H-Soz-u-Kult, 10.09.2010, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=1355&type=diskussionen> (27.09.2010).
[2] Vgl. <www.dhm.de/sfvv/konzeption.html> (27.09.2010).
[3] So eine Pressemitteilung vom 18. September 2010, <www.dhm.de/sfvv/presse.html> (27.09.2010), und ein Vortrag des Stiftungsdirektors Manfred Kittel: <www.dhm.de/sfvv/docs/Vortrag_Kittel_Symposium2010.pdf> (27.09.2010).
[4] Eine Bewertung des Konzepts der Ausstellung findet sich in Joachim von Puttkamer, Irrwege der Erinnerung. Die Ausstellung „Erzwungene Wege“ im Berliner Kronprinzenpalast, in: Monika Gibas u.a. (Hrsg.), Couragierte Wissenschaft. Eine Festschrift für Jürgen John zum 65. Geburtstag, Jena 2007, S. 174-190. Vgl. auch die Ausstellungskataloge Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.): Flucht, Vertreibung, Integration, Bonn 2006; Erzwungene Wege. Flucht und Vertreibung im Europa des 20. Jahrhunderts, Wiesbaden 2006.
[5] Wolfram von Scheliha, Forum: Diskussionsbeitrag zum Konzept für die Ausstellungen der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, in: H-Soz-u-Kult, 22.09.2010, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=1371&type=diskussionen> (27.09.2010).
[6] Der Begriff „Vertriebene“ ist hier als Sammelbegriff für eine ganze Reihe von Personengruppen zu nennen, die keineswegs immer identische Opfererfahrungen teilten. Hans Henning Hahn unterscheidet mehrere Gruppen. Neben den von der so genannten „Heimholung“ Betroffenen (die „nichthaltbaren Splitter des deutschen Volkstums“) bezeichne der Begriff ebenso die vor der nahenden Front Geflohenen und Evakuierten bis zu den nach Kriegsende Ausgesiedelten, mitunter auch bis hin zu Spätaussiedlern. Selbst bei der Vertreibung im engeren Sinne müsse zwischen der Evakuierung durch die NS-Behörden und Flucht, der „oft auch mit gewaltsamen Mitteln vollzogene[n] Ausweisung“ bis zur Potsdamer Konferenz, „oft auch als ‚wilde Vertreibung’ bezeichnet“, und einer „mehr oder weniger geregelte[n] Ausweisung und Umsiedlung“ nach Potsdam unterschieden werden: Hans Henning Hahn, Beobachtungen zum Vertreibungsdiskurs in der Bundesrepublik Deutschland, in: Thomas Strobel / Robert Maier (Hrsg.), Das Thema Vertreibung und die deutsch-polnischen Beziehungen in Forschung, Unterricht und Politik, Hannover 2008, S. 67-84, hier S. 70.
[7] Markus Krzoska, Forum: Diskussionsbeitrag zum Konzept für die Ausstellungen der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, in: H-Soz-u-Kult, 17.09.2010, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=1365&type=diskussionen> (27.09.2010).
[8] Stefan Troebst, Kursorische Gedanken zu den „Konzeptionellen Überlegungen für die Ausstellungen der Stiftung ‚Flucht, Vertreibung, Versöhnung’“, in: H-Soz-u-Kult, 16.09.2010, <hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=1362&type=diskussionen> (27.09.2010).
[9] Konzeptionelle Überlegungen für die Ausstellungen der ‚Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung’, S. 7.
[10] Mit Verweis auf den historischen Kontext hat der amerikanische Historiker Norman Naimark, der eine der ersten Synthesen einer globalen Genozidgeschichte des 20. Jahrhunderts vorgelegt hat, jedoch auch der Auffassung widersprochen, es handele sich bei der Vertreibung der Deutschen um einen Genozid. Zwar gebe es durchaus ethnische Säuberungen, die in einen Genozid münden (wie an den Armeniern); die Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg sei jedoch nicht als Genozid einzustufen, da diese eindeutig nicht getötet, sondern vertrieben werden sollten. Da diese auch unter den Tätern oder zumindest Profiteure aus der Unterwerfung der slavischen Bevölkerung gewesen seien, sei es auch eine moralische Frage, ob man diesen ein Zentrum widmen könne. Vgl. seinen Beitrag in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 21. Januar 2004.
[11] Diese Argumentationsfigur hat der tschechische Historiker Jan Havránek 1997 auf folgende plastische Formel gebracht hat: „Der Weg der zweiten [der Vertriebenen] endete nach dem Übertritt der bayrischen oder sächsischen Grenze in Armut […]. Der Weg der ersten [der Juden] führte fast immer über Theresienstadt in die Gaskammern nach Auschwitz.“ Jan Havránek, Das tragische Jahrzehnt in Mitteleuropa, in: Richard G. Plaschka u.a. (Hrsg.), Nationale Frage und Vertreibung in der Tschechoslowakei und Ungarn 1938-1948. Aktuelle Forschungen, Wien 1997, S. XIII-XVIII, hier S. XVII.

ZitierweisePeter Haslinger: Forum: Diskussionsbeitrag zum Konzept für die Ausstellungen der „Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung“, in: H-Soz-Kult, 29.09.2010, <http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=1376&type=diskussionen>.

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