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"Moratorium der Bergpredigt"

 

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Liebe Kolleginnen und Kollegen,

Kurt Tucholsky schrieb 1918 in einer Besprechung der Neuausgabe von J.G. Fichtes Schrift 'Inwiefern Macchiavellis Politik auch noch auf unsere Zeiten Anwendung habe' (Eingeleitet und hg. von Josef Hofmiller, Leipzig: Reclam [1918]), es sei "in diesem Kriege das bittere Wort von dem Moratorium der Bergpredigt gefallen". Was damit gemeint ist, geht aus einer nur als Handschrift/Typoskript erhaltenen Predigt von Max Josef Metzger hervor: "Ein christlicher Engländer, Sir William Byle, hat vor kurzem das treffende Wort geprägt von dem Moratorium der Bergpredigt. Er wollte damit die überaus traurige Tatsache zum Ausdruck bringen, daß durch den grauenhaften Weltkrieg das hehre Gesetz außer Kraft gesetzt worden sei, das der Heiland der Menschheit in der Bergpredigt gegeben. Was der Engländer mit brennender Scham empfand, das fühlt wahrhaftig auch ein jeder von uns, der sich dem gewaltigen Eindruck der Worte des Heilands nicht entzieht. Was heute draußen an der Front ganz Europas sich vollzieht, dieses entsetzliche Morden der Völker Europas, es läßt sich mit allen Künsten der Sophistik und Dialektik nicht rechtfertigen vor dem Geist der Bergpredigt, vor dem Gesetz des Herrn! Das Gesetz des Heilands ist das Gesetz der absolutesten Lauterkeit und Ehrlichkeit." (zitiert nach:
www.kthf.uni-augsburg.de/forschung/metzger/einleitung.shtml)

Ich stehe nun vor dem Abschluß des Kommentars zu Tucholskys Texten der Jahre 1914 bis 1918 und suche immer noch eine Quelle dieser Äußerung, die auch Tucholsky zugänglich gewesen sein kann.

Zum Stand der Ermittlungen: Nach langer vergeblicher Suche war ein Kommentar entstanden, der zumindest den Kontext skizzieren sollte; Grundlage waren letztlich vor allem die Titel zum Thema Bergpredigt im Krieg, die in der Kriegssammlung der Staatsbibliothek zu Berlin erhalten sind (ich hänge den Kommentar der Vollständigkeit halber an diese E-Mail an). Nun fand ich durch Zufall in einer von Klaus Kienzler (Augsburg) erstellten Dokumentation über Max Josef Metzger den Hinweis auf eine Predigt, in der Metzger - wie oben zitiert - die Wendung "Moratorium der Bergpredigt" als Prägung eines "christlichen Engländers" namens "Byle" angibt (vgl. www.kthf.uni-augsburg.de/forschung/metzger/einleitung.shtml und www.kthf.uni-augsburg.de/forschung/metzger/dokumente1927.shtml). Da die Predigt nur als 1971 angefertigtes Typoskript eines Stenogramms im Archiv in Meitingen vorliegt, möchte ich diese Predigt ungern als einzigen Beleg anführen (für Tucholsky war sie mit Sicherheit nicht die Quelle). Da auch die Schreibung "Byle" den Verdacht auf einen (Ab-)Schreibfehler nahelegt ("Boyle" oder "Bayle" wäre wahrscheinlicher), bin ich auf diesem Weg auch nicht weitergekommen. Immerhin findet sich die englischsprachige Wendung ("moratorium on the sermon on the mount" bzw. "moratorium of") - wie einfache Internetsuche ergab - in der katholischen Arbeiterbewegung Englands (vgl. deatspeace.tripod.com/muriel.html) und ist auch für die Zeit des 2. Weltkriegs belegt. Kennt jemand von Ihnen die Wendung vom "Moratorium der Bergpredigt" aus anderen Quellen und/oder kann mir einen Hinweis auf nähere zeitliche Eingrenzung geben (etwa für eine einigermaßen eingegrenzte Presserecherche)? Für jeden Hinweis wäre ich Ihnen sehr zu Dank verbunden.

Mit freundlichen Grüßen

Bernhard Tempel

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--- Hier noch die inzwischen veraltete Fassung des Kommentars:
75 Moratorium der Bergpredigt] Als wörtliche Äußerung nicht ermittelt. In einem Brief an Mary Gerold schrieb KT am 2.8.1918: «Aber hat Er einmal über diese uralte Sache nachgedacht, wie Seine Pfaffen es fertig bringen, diese Menschenschlächterei mit dem Christentum in Einklang zu bringen? Mit dem ‹Du sollst nicht töten›? Mit der Bergpredigt? Wie sie es machen, daß sie auf allen Seiten da stehen und den Lieben Gott mit ihrem Kram behelligen und auf beiden Seiten beten? Das ist Tragik – aber man darf auch spotten. Nicht über IHN, aber über die Menschen.» Vgl. auch ‹«Fest sei der Bund!»›, Bd. 12 [d.i. Tucholsky: Deutschland, Deutschland über alles], S. 205–206. Noch im Brief an Hedwig Müller vom 14.3.1934 kam KT auf das Thema zurück: «Werden erst einmal die Grundrechte suspendiert, sind sie hin. Man nannte das im Kriege im geistigen Sinne: ‹Das Moratorium der Bergpredigt›. Wenn diese Grundfreiheiten für die Zeiten der Not nicht taugen, dann taugen sie überhaupt nichts.» (Bd. 20 [B 142], 42 ff). – In den Kriegspredigten ist die Frage der Vereinbarkeit von Weltkrieg und den sittlichen Forderungen des NT kaum gestellt worden, und in der professoralen Kriegspublizistik der Theologen wurde argumentiert, daß der Krieg nur scheinbar im Widerspruch zur Bergpredigt (Matth. 5–7 und Luk. 17–49) mit ihrer zentralen Forderung des «Liebet eure Feinde» und der Absage an das alttestamentarische «Auge und Auge, Zahn um Zahn» stehe. So führte Otto Baumgarten in einer vielbeachteten Rede am 10.5.1915 aus, daß «Bergpredigt und der Verteidigungskrieg» sich zwar ebenso ausschlössen «wie die Bergpredigt und der Angriffskrieg» und «die nationalen und die christlichen Grundtriebe unüberbrückbar auseinander» klafften. Jedoch habe Jesus in der Bergpredigt an die «Einzelseele» gedacht: «Das ist es, worüber die Bergpredigt Aufschluß gibt. Dabei fallen alle Rücksichten auf Staat und Recht, auf Ehre und Gesellschaft völlig daneben hinunter.» (Otto Baumgarten: Der Krieg und die Bergpredigt. Rede am 10. Mai 1915. Hg. von der Zentralstelle für Volkswohlfahrt und dem Verein für volkstümliche Kurse von Berliner Hochschullehrern. Berlin 1915 [Deutsche Reden in schwerer Zeit. 24], Zitate 10, 12, 13 und 15; vgl. ‹Bergpredigt und Krieg. Vortrag von Prof. D. O. Baumgarten›, Voss 11.5.1915, A). Weitere Beitr. zu dieser Frage lieferten u.a. Eduard Le Seur: Die Bergpredigt und der Krieg. Vier Kriegspredigten. Berlin 1915; K. Gerecke: Wir Deutschen im Kampfe um die Ideale. Gegen Professor D. Baumgartens-Kiel «Bergpredigt und Krieg» (Vortrag, gehalten in den Kammersälen in Berlin), Braunschweig 1916; und Georg Daxer: Die Bergpredigt und der Krieg. Leipzig 1916. Die evangelischen Landeskirchen erwiesen sich, verglichen mit dem internationalen Charakter der katholischen Kirche, hier als anfälliger, da sie vom jeweiligen Landesherrn abhängig waren (in Preußen Kaiser Wilhelm II., der als König von Preußen zugleich oberster Kirchenherr war), vgl. Hellmut v. Gerlach: Erinnerungen an die Große Zeit. VI. Die Kriegstheologen, in: WB 1925, II, 488–492.

URL zur Zitation dieses Beitrageshttp://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=275&type=anfragen

Reaktionen / Kommentare

29.01.2003 Füllenbach O.P., Elias H. <elias.fuellenbachgmx.de>
Re: "Moratorium der Bergpredigt"

30.01.2003 Finzsch, Norbert <Norbert.Finzschanu.edu.au>Clio-online Forscher/innen-Verzeichnis
Re: "Moratorium der Bergpredigt"

 
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