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Konzepte vom ‚anderen Deutschland’

 

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Holger R. Stunz (Johannes Gutenberg-Universität Mainz / Graduate Student Cornell University, Ithaca)

Anfr: Konzepte vom ‚anderen Deutschland’

Sehr geehrte Listenteilnehmer(innen)!

Die Metapher, das Konzept und der Topos vom ‚anderen Deutschland’ durchzieht zahlreiche Diskurse der Zeitgeschichte. Allerdings ist die Verwendung heterogen und es sind auf den ersten Blick verschiedene Verwendungsfelder zu unterscheiden: Meiner vorläufigen Meinung nach fungiert das ‚andere Deutschland’ jeweils als Chiffre für ...

1. die freiheitliche ‚Gegenwelt’ der Emigration im Ausland während des NS (geprägt Mitte der 1930er Jahre)
2. den Widerstand innerhalb des nationalsozialistischen Deutschlands v.a. 20. Juli, Weiße Rose (späte 1940er Jahre)
3. die Geistestradition der Klassik und der als ewig imaginierten Werte deutscher Kunst und Philosophie (Anfang 1950er Jahre)
4. die DDR als (‚unbekanntes’) alternatives Gesellschaftsmodell (späte 1960er Jahre)
5. für jüngere politische Alterität wie: die ‚Antifa’ repräsentiere d.a.D., Mallorca / die Schweiz sei d.a.D., Angelika Merkel repräsentierte in Washington d.a.D etc. (diffus)

Während die letztgenannten Beispiele zeigen, wie sehr sich das Schlagwort unterdessen von den anderen Bedeutungsfeldern gelöst hat und einfach sprachlich verfügbar wurde, sind die Diskurse um die ersten beiden Felder eher einzugrenzen. So lassen sich schnell Namen wie Bert Brecht, Thomas Mann und Willy Brandt nennen, die den Begriff im ersteren Sinne prägten und in die öffentliche Debatte einführten. Eine in Argentinien erschienene Zeitschrift setzte dieses Motto auf den Titel. Zwei Sammelbände nehmen die Emigration in Frankreich bzw. Großbritannien unter diesem Motto in den Blick. Den Widerstand als das andere Deutschland zu bezeichnen, ist ein Phänomen der Nachkriegszeit und auch hier gibt es einschlägige Literatur wie beispielsweise den von Gerd A. Überschär herausgegebenen Sammelband.
Mich interessiert im Rahmen meiner Dissertation zur Kulturpolitik in den 1950er Jahren das dritte Verwendungsfeld, das mit Goethe, deutscher Geistesgröße, den Werken deutscher Architektur, Philosophie und Kunst assoziiert und mit dem suggeriert wurde, das andere und ‚gute Deutschland’ sei das der guten Traditionen, die im ‚Dritten Reich’ ‚pervertiert’, aber nicht unterbrochen wurden.

Mir ist die in diesen Kontexten benutzte Formel bislang vor allem in Reden und Memoranden begegnet und ich suche weitere Anregungen, in welchen Textsorten bzw. in welchen konkreten Texten die Wendung vom ‚anderen Deutschland’ noch im Sinne des 3. Typus verwendet wird. Generell bin ich für alle Anregungen dankbar, ob meine obige Unterteilung Sinn macht bzw., ob die Differenzierung anders vorzunehmen ist.

Ziel meiner Recherchen ist es herauszufinden, inwiefern das Konzept (nach 3.) in der Mentalität der ‚Adenauerzeit’ auf Resonanz stieß, und mit dem indirekt wie auch explizit versucht wurde, die Wendungen (nach 1. und 2.) umzudefinieren, zu entpolitisieren und in eine positiv konnotierte Sphäre zu überführen.

Mit besten Grüßen
Holger R. Stunz

URL zur Zitation dieses Beitrageshttp://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/id=350&type=anfragen
 
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