Ausstellungen zur Kultur und Geschichte der Deutschen in den Böhmischen Ländern

Sudetendeutsches Museum

Veranstalter
Sudetendeutsches Museum
PLZ
81669
Ort
München
Land
Deutschland
Vom - Bis
01.11.2020 -

Naši Němci - Unsere Deutschen

Veranstalter
Collegium Bohemicum
Veranstaltungsort
Muzeum města Ústí nad Labem / Museum der Stadt Aussig
PLZ
40001
Ort
Ústí nad Labem
Land
Czech Republic
Vom - Bis
17.11.2021 -

Publikation(en)

Planker, Stefan (Hrsg.): Sudetendeutsches Museum. Kurzführer durch die Dauerausstellung des Sudetendeutschen Museums. München 2022 : Druckerei Vogl 86 S. € 10,00
Fendl, Elisabeth; Mohr, Klaus (Hrsg.): HeimatGeschichten. Aus den Sammlungen des Sudetendeutschen Museums. München 2018 : Volk Verlag, ISBN 978-3-86222-272-8 200 S. € 19,90
Rezensiert für H-Soz-Kult von
Natalie Reinsch, freiberufliche Historikerin; Cornelia Eisler, Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Universität Oldenburg

In jüngerer Zeit eröffneten gleich zwei Museen, die sich der Geschichte der deutschsprachigen Bevölkerung in den Böhmischen Ländern widmen. Das von der Sudetendeutschen Stiftung getragene Sudetendeutsche Museum in München (SdM) wurde im Oktober 2020 offiziell eröffnet und das Collegium Bohemicum in Ústí nad Labem weihte im November 2021 im Stadtmuseum die Dauerausstellung „Naši Němci – Unsere Deutschen" ein. Beide Museen blicken auf eine lange Vorbereitungszeit zurück, in der diverse Konzeptionen erstellt, politisch und wissenschaftlich kontrovers diskutiert, verworfen und überarbeitet wurden. Die Musealisierung der Geschichte eines Teils der Bevölkerung in verschiedenen Regionen, die zum Königreich Böhmen, zum Habsburger Reich, später zur Ersten Tschechoslowakischen Republik, seit dem Münchener Abkommen von 1938 zum Deutschen Reich, nach 1945 zur ČS(S)R gehörten und heute in Tschechien liegen, ist keine einfache Aufgabe. Das gilt hier besonders, da es sich um ein politisch äußerst schwieriges Erbe handelt. Die Herangehensweisen, Perspektiven und Umsetzungen unterscheiden und ergänzen sich in den beiden neuen Museen. In der Zusammenschau legen sie gewissermaßen Zeugnis über die sich allmählich wandelnden Erinnerungskulturen ab.

Die Dauerausstellung „Naši Němci – Unsere Deutschen“ in Ústí nad Labem (ehemals Aussig an der Elbe) ist in einem repräsentativen Neorenaissance-Bau untergebracht. Der große vierflügelige, zweigeschossige Bau wurde 1875/76 nach Entwürfen des Wiener Architekten August Krumholz als Volks- und Bürgerschule erbaut. Nach einer Zwischennutzung durch die Post und das Stadtmuseum ab 1972 wurde das Gebäude mit EU-Förderung und städtischen Mitteln von 2009 bis 2011 umfangreich rekonstruiert. Heute beherbergt es ausschließlich das Stadtmuseum. Den 2010 ausgeschriebenen Wettbewerb um die Ausstellungsgestaltung von „Naši Němci – Unsere Deutschen“ gewann das Architekturbüro Projektil aus Prag. Es hat bereits eine Reihe von Bildungsinstitutionen entworfen und bemüht sich dabei stets um die Verwendung traditioneller und nachhaltiger Materialien. So sind beispielsweise zahlreiche Elemente der Ausstellungsgestaltung aus Holz, die dadurch den Eindruck erzeugt, provisorisch und jederzeit veränderbar zu sein. Die durchgängig zweisprachige, d.h. tschechisch-deutsche Ausstellung erstreckt sich auf rund 1.500 m² über 22 Räume auf zwei Etagen. Unterhalb der Raumtitel finden sich an den Wänden verschiedene Zitate, die den jeweiligen Zeitgeist vermitteln bzw. verschiedene Sichtweisen auf das behandelte Thema darstellen sollen.

Für das SdM in München wurde hingegen ein modernes Bauwerk direkt am Sudetendeutschen Haus errichtet, dessen monolithischer, zur Straßenseite fensterloser Bau sich zum Auer Mühlbach hin durch verglaste Durchbrüche in der Fassade öffnet. Eine Vielzahl an Besucher:innen zeigt(e) sich von der Architektur beeindruckt, wie im Gästebuch ersichtlich. Faszinierend ist tatsächlich, wie auf einem recht begrenzten Grundstück ein Gebäude mit mehreren Ebenen entstand, das keineswegs beengend wirkt, obwohl es eine zwar teils verwinkelte, aber doch recht große Dauerausstellung – die Angaben schwanken zwischen 1.000 bis 1.300 m² – beherbergt. Bereits an der Außenfassade wirbt das Museum mit einem Zitat Václav Havels aus dessen Rede anlässlich der Deutsch-Tschechischen Erklärung 1997: „Nichts Geringeres und nichts Größeres als das Erlebnis namens Heimat“.


Abb. 1: Der Eingangsbereich des Sudetendeutschen Museums in München ist einladend gestaltet und von allen Seiten einsehbar.
(Fotografie: Cornelia Eisler)

Die Ausgestaltung des SdM übernahm die Dr. Ulrich Hermanns Ausstellung Medien Transfer GmbH Münster.1 In ihren Vitrinenpräsentationen sowie der Ausleuchtung der Exponate erscheint die Ausstellung klassisch. Abwechslung entsteht durch unterschiedliche Schauwände, thematische Farbkonzepte und diverse Medienstationen, die über die Informationsvermittlung anhand von musealen Objekten hinausgehen. Die Ausstellungsmacher:innen legten großen Wert auf Barrierefreiheit und Inklusion, etwa durch taktile Leit- und Informationssysteme und Objekte zum Ertasten mit Erläuterungen in Brailleschrift. Die Bereichstexte sind durchgängig dreisprachig (deutsch, tschechisch, englisch) und gut lesbar angebracht. Weniger Sorgfalt widmeten die Gestalter:innen den Objektbeschriftungen, die aufgrund ihrer geringen Größe, unruhiger Hintergründe oder unvorteilhafter Anbringung teils schwer lesbar sind. Die Informationen sind zudem minimal gehalten. Der neue Audioguide, der hier möglicherweise Abhilfe geschaffen hätte, war im Februar 2023 nicht ausleihbar, da es Probleme beim Aufladen der Geräte gab.

Beide Ausstellungen widmen sich der Kultur und Geschichte der deutschsprachigen Bevölkerung in den Böhmischen Ländern vom Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert. Das SdM in München beginnt mit einer Definition dessen, was „sudetendeutsch“ bedeutet bzw. bedeuten kann. Abgeleitet von einer geografischen Bezeichnung (dem Gebirgszug der Sudeten), wurden die „Sudetendeutschen“ demnach zum Sammelbegriff einer „Volksgruppe“, die unterschiedliche deutschsprachige Bevölkerungsteile in den Böhmischen Ländern umfasste. Die Diversität der regionalen Gruppen in Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien wird anhand verschiedener Dialekte verdeutlicht, die mittels einer „Klangdusche“ zu hören sind. Den Kurator:innen geht es darum, zu zeigen, dass es sich nicht um ein „einheitliches Siedlungsgebiet“ handelt. Allerdings wirkt die Präsentation der Regionen durch jeweils ein Exponat mitunter etwas folklorisch-stereotyp.


Abb. 2: Im einführenden Bereich des Sudetendeutschen Museums München werden die Regionen jeweils durch ein Exponat repräsentiert.
(Fotografie: Cornelia Eisler)

Im Verlauf der Ausstellung verliert sich die regionale Vielfältigkeit jedoch zunehmend; wahlweise werden die Sudetendeutschen als „Volksgruppe“, „Nation“ oder „Stamm“ bezeichnet. Nicht erwähnt wird, dass sich die sudetendeutsche völkische Bewegung, die den Begriff prägte, auf den „Arierparagrafen“ stützte und jüdische Menschen ausschloss.2

Die Ausstellung „Naši Němci – Unsere Deutschen“ in Ústí nad Labem vermeidet diesen Begriff bislang und beschäftigt sich explizit mit der deutschsprachigen Bevölkerung der Böhmischen Länder, weil dies auch die Prager Deutschen sowie die deutschsprachige jüdische Bevölkerung einschließt.3 Der Titel „Unsere Deutschen“ greift ein integrativ gemeintes Zitat des tschechoslowakischen Staatspräsidenten Tomáš G. Masaryk auf. Obwohl die Formulierung paternalistisch wirkt, wollen sie die Ausstellungsmacher:innen wohl in ihrer positiven Auslegung verstanden wissen.4 Im ersten Raum mit dem Titel Wer sind unsere Deutschen? sehen die Besuchenden einen Film des bekannten tschechischen Regisseurs Robert Sedláček.5 Dieser führt in das Thema ein, indem er verschiedene, originelle Objekte präsentiert, etwa ein T-Shirt mit dem Porträt Franz Kafkas, eine Armeejacke der aus Aussig/Ústí stammenden Wissenschaftlerin Lilli Hornig oder – überraschenderweise – die Platte „Yellow Submarine“ der britischen Popband The Beatles, die vom ebenfalls in Aussig/Ústí geborenen Illustrator Heinz Edelmann gestaltet wurde. Im Kontrast zu diesen kosmopolitischen Beispielen empfängt der darauffolgende Raum die Besucher:innen mit einer akustischen wie bildlichen Waldatmosphäre, Vogelgesang und deutschen Volkslied-Einspielungen. Gezeigt werden Landschaftsansichten der Regionen, in denen die deutschsprachige Bevölkerung lebte. Der Titel dieses Bereichs: Wo ist mein Heim, mein Vaterland? verweist zugleich auf den Wortlaut der tschechischen Nationalhymne.

Die weiteren großen thematischen Schwerpunkte der beiden Museen stimmen trotz der Unterscheidungen in der Bezeichnung ihres zentralen Gegenstandes in etwa überein. Zentrale Aspekte sind Religion, Wirtschaft, Kunst und Kultur, Nationalitätenkonflikte, die Zeit des Nationalsozialismus sowie die Flucht und Vertreibung bzw. Aussiedlung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Während die Dauerausstellung in München diesen Themen insgesamt eine Chronologie unterlegt und den Weg durch fünf Ausstellungsebenen von oben nach unten vorgibt, ist die Gestaltung in Ústí offener konzipiert. Die Besuchenden können entscheiden, ob sie gegen den Strom der Zeit bis zum Mittelalter zurückgehen oder im 2. Stock die Geschichte ab Mitte des 19. Jahrhunderts weiterverfolgen. Aufgelockert wird der Erkundungsgang im Erd- und Obergeschoss durch Karikaturen des bekannten tschechischen Karikaturisten Jaz, die direkt auf die Wände gezeichnet sind. Sie weisen jeweils Bezug zu den Inhalten der dahinterliegenden Ausstellungsräume auf.6


Abb. 3: Die Flurgestaltung in der Dauerausstellung „Naši Němci – Unsere Deutschen" des Stadtmuseums in Ústí nad Labem zeigt zeitgenössische Karikaturen des tschechischen Künstlers Jaz.
(Fotografie: Natalie Reinsch)

Die Themenbereiche Wirtschaft, Industrie und Handwerk im 19. und 20. Jahrhundert erwecken in beiden Museen teilweise den Eindruck einer Art Leistungsschau von Produkten aus den Regionen Böhmen, Mähren und Österreichisch-Schlesien. Die Palette ist vielfältig, von der Stuhlherstellung über Bergbau, Textilproduktion, Heimarbeit oder Hausindustrie bis hin zur Glas- und Porzellanindustrie, dem Maschinen- und Fahrzeugbau sowie dem Bäder- bzw. Wandertourismus. Als besondere Attraktion steht sowohl in München als auch in Ústí ein dreisitziges Motorrad des Böhmerland-Motorenwerks Albin Liebsch, das sich jeweils durch die Farbgebung unterscheidet, im Zentrum der Präsentationen. Allerdings wird im SdM auch ein Werbeplakat für „Karlsbader Becherbitter“, das eine servierende Schwarze Person in gestreiftem Anzug zeigt, ohne jede Einordnung präsentiert. Nicht nur vor dem Hintergrund aktueller Debatten um antirassistisches Kuratieren stellt sich die Frage, warum eine Darstellung, die Rassismus reproduziert, hier unkommentiert Eingang fand.

Ein besonderes Augenmerk wird in beiden Präsentationen auf den Nationalitätenkonflikt gelegt. In Ústí nad Labem wird dieser symbolisch durch eine Barrikade inszeniert, die vorwiegend aus deutschen und tschechischen Wörterbüchern besteht, in denen Säbel und ein Gewehr stecken. Sie soll die Teilung der Bevölkerung in zwei moderne Nationen mit unterschiedlichem politischem Programm versinnbildlichen. Neben der Bücherbarrikade ermöglicht es eine Audiostation, alle drei Strophen des „Liedes der Deutschen“ von August Heinrich Hoffmann von Fallersleben zu hören.


Abb. 4: Eine Barrikade aus deutschen und tschechischen Büchern versinnbildlicht die beginnenden Nationalitätenkonflikte während der Revolution von 1848/49.
(Fotografie: Jiří Preclík, Muzeum města Ústí nad Labem)

Das Thema Nationalismus und Nationalstaat im 19. Jahrhundert ist im Münchner Museum ebenfalls symbolisch unter dem Titel „Ende der Selbstverständlichkeiten“ inszeniert. Zwei Fahrräder der Marken Slavia bzw. Germania, die sich nach 1848 in unterschiedliche Richtungen zu bewegen scheinen, stehen für die Trennung. Die Texte in der Ausstellung suggerieren, dass die Defizite des neu gebildeten Tschechoslowakischen Staates schließlich zu einer Art Gegenreaktion führten, der Gründung der Sudetendeutschen Heimatfront durch Konrad Henlein 1933, und es somit vorrangig die tschechische Politik gewesen sei, die Schuld an den ökonomischen, politischen wie gesellschaftlichen Problemen Anfang des 20. Jahrhunderts hatte.


Abb. 5: Flachware bestimmt den Bereich des Politischen im SdM. Die Vitrinen, in denen die Sudetendeutsche Heimatfront (SHF) und die Sudetendeutsche Partei (SdP) vorgestellt werden, bleiben vergleichsweise arm an Exponaten.
(Fotografie: Cornelia Eisler)

Der Nationalsozialismus wird im Münchner Museum zwar durchaus angesprochen, doch erscheint er als eine „Kraft“ von außen und nicht als eine unmittelbar von vielen „Sudetendeutschen“ mitgetragene Bewegung. Hinsichtlich der NS-Akteure wie Konrad Henlein und Karl Hermann Frank bleibt die Darstellung erstaunlich unkonkret. Sehr viel präsenter als eine „sudetendeutsche“ Täterschaft erscheinen im SdM die Warnungen vor den Nationalsozialisten, etwa diejenigen des kommunistischen Künstlers John Heartfield mit seiner Fotocollage in der Prager Volks-Illustrierten: „Krieg – Sudetendeutsche, euch trifft es zuerst!“. Heartfield selbst, dessen Werke auch in Ústí nad Labem zu sehen sind, hatte zunächst Zuflucht in Prag gefunden, um später vor den Nationalsozialisten nach London zu fliehen. Die in dieser Hinsicht unkritische Haltung des SdM zeigt sich auch in vermeintlich unverfänglichen Bereichen, etwa der Ebene Heimat und Glaube. So werden dort Gemälde von Ferdinand Staeger und Franz Gruss ohne weitere Informationen zu diesen Künstlern gezeigt. Gruss war einerseits an den Ausstellungen der Wiener Sezession beteiligt, andererseits schuf er das Wandgemälde in der Egerer Gedenkhalle für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges, das im Rahmen eines Frontkämpfertreffens 1937 durch Konrad Henlein enthüllt wurde. Staeger wiederum widmete sich nicht nur der Landschaftsmalerei, sondern auch nationalsozialistischen Themen und erhielt zahlreiche nationalsozialistische Ehrungen.


Abb. 6: Landschaftsgemälde in Petersburger Hängung auf der Ebene Heimat und Glaube im SdM
(Fotografie: Cornelia Eisler)

In Ústí setzten die Kurator:innen die Themen NS-Besatzung und Zweiter Weltkrieg auf sehr eindrückliche Weise um. Anhand der Raumgestaltung verdeutlichen sie die unterschiedlichen (Über-)Lebensmöglichkeiten der Menschen in der Tschechoslowakei, die von der Aufteilung nach rassistischen und antisemitischen Kriterien durch die NS-Besatzung bestimmt wurden. Der Ausstellungsbereich für den Zeitraum von 1938 bis 1945 ist in drei räumlich voneinander getrennte „Wege“ aufgeteilt: einen jüdischen, einen deutschen und einen tschechischen. Der erste „Weg“ zeigt die Diskriminierung, Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung. Der Raum endet mit einer großen Collage von Fotografien von rund 900 während des NS als Juden verfolgten Menschen und 350 Holocaustüberlebenden, die hell hervorgehoben sind. Die Zahlen entsprechen dem Verhältnis der ermordeten und überlebenden jüdischen Bürger:innen aus der Tschechoslowakei. Der zweite „Weg“ ist den Erfahrungen der tschechischen Bevölkerung zwischen 1938 und 1945 gewidmet. Besonderes Augenmerk liegt hier auf dem tschechischen Widerstand, dessen Attentat auf Reinhard Heydrich und der folgenden Vergeltungsaktion durch die Nationalsozialisten: Letztere hatten das Dorf Lidice zerstört, seine männlichen Einwohner ermordet, die Frauen ins KZ verschleppt und die Kinder entweder ermordet oder zur „Germanisierung“ ins Deutsche Reich entführt. Der dritte „Weg“ zeigt auf, dass ein Großteil der deutschen Bevölkerung den Nationalsozialismus begrüßte. Erwähnt werden aber auch die Schicksale von NS-Gegner:innen, etwa des Sozialdemokraten Josef Hofbauer, sowie ambivalenter Charaktere wie Oskar Schindler, der zwar Hunderten Jüd:innen das Leben rettete, aber als Mitglied der SdP und ab 1938/39 der NSDAP sowie des militärischen Auslandsgeheimdienstes „Abwehr“ an der „Zerschlagung“ der Tschechoslowakei direkt beteiligt und zunächst ein Profiteur der Besatzungspolitik war.


Abb. 7: In Ústí nad Labem zeigt die Ausstellungsgestaltung drei „Wege“ des (Über-)Lebens während der NS-Besatzung: einen jüdischen, einen tschechischen und einen deutschen.
(Fotografie: Jiří Preclík, Muzeum města Ústí nad Labem)

Die Perspektiven auf die jüdischen und tschechischen Menschen enden in einer Art Sackgasse. Gestalterisch-räumlich führt nur der dritte „Weg“, also die Perspektive der Deutschen, weiter. Thematisiert werden nun das Kriegsende und die antideutsche Stimmung, die sich in Gewaltakten niederschlug und zu „wilden Vertreibungen“ sowie der späteren Aussiedlung führte. Zu sehen sind außerdem Dokumente, mit denen die Freistellung von der Zwangsaussiedlung erreicht werden sollte, und originale Filmaufnahmen der Internierung und Erniedrigungen von Deutschen.

Das SdM in München hat für die entsprechende thematische Ausstellungsebene eine Chaos-Inszenierung mit Koffern, Flucht- und Kinderwagen sowie einzelnen privaten Erinnerungsstücken erstellt. Zu den Objekten, die zusätzlich digital an die Wand projiziert werden, erscheinen aus dem Off die Erzählungen ihrer ehemaligen Besitzer:innen. Emotional und anschaulich präsentiert werden auch die Aspekte „Internierung und Zwangsarbeit“, „Gewaltakte“, „Repressalien und Gewalt“, „Internierung und Sammellager“, „Formen von Flucht und Vertreibung“, „Flucht und Vertreibung“, „Flucht und wilde Vertreibung“ sowie der „Ablauf der ‚ordnungsgemäßen‘ Vertreibung“. In diesem Kontext wird darüber hinaus ein großformatiges Bild von Bahngleisen, die – wie Martin Schulze Wessel zurecht auf einer Podiumsdiskussion kritisiert hat – ein zentrales Motiv des Holocaust-Bilddiskurses darstellen, auf die Zwangsmigration der Deutschen übertragen.7

Dass ihr jeweiliges aktuelles politisches Umfeld einigen Einfluss auf die beiden Museen ausgeübt hat, wird besonders an der Ausgestaltung der Thematik Nachkriegszeit und Neuanfang deutlich. Die Schwerpunkte liegen beim SdM auf Bayern und seinen Durchgangslagern, den Vertriebenensiedlungen, den Verbandsstrukturen, der Vertriebenenpolitik sowie der Erinnerungskultur bzw. „Heimatpflege“ in Westdeutschland. Die Geschichtsschreibung ist positivistisch gehalten und hebt retrospektiv den landsmannschaftlichen Beitrag zur Integration sowie zur Verständigung mit Tschechien hervor. Über die rechtskonservativen bis rechtsextremen Einstellungen sudetendeutscher Akteur:innen vor allem in den 1950er- und 1960er-Jahren sowie die nationalsozialistischen Kontinuitäten einiger Organisationen finden sich keine Informationen. Abgesehen vom Blick auf die „Heimatreisen“ der Betroffenen wird auch die Entwicklung der heute tschechischen Regionen und ihrer Bewohner:innen nach 1945 nur wenig thematisiert.

Zentraler Aspekt im letzten großen Ausstellungsbereich ist Heimat – hier allerdings mit einem Fragezeichen versehen. Der Heimatbegriff wird einseitig aus der Sicht der Betroffenen, insbesondere der organisierten Sudetendeutschen definiert. Eine offene Herangehensweise an diesen kontroversen Begriff, wie er jüngst im Haus der Geschichte Bonn mit der Ausstellung „HEIMAT. Eine Suche“ als „Heimat-Labor“ erfolgte, findet sich hier kaum. In Ústí steht weniger der Heimatbegriff im Vordergrund, es geht vielmehr um Identitätsfragen. Indem das Wirken und der Beitrag der Deutschen in den Böhmischen Ländern dargestellt werden, soll auch die tschechische Geschichte besser verständlich gemacht, eine Lücke in der tschechischen Erinnerungskultur geschlossen und die Suche nach der regionalen Identität befördert werden.8 Dem Neuanfang in Westdeutschland ist lediglich ein geöffneter Holzschrank auf dem Flur gewidmet. Darin sind Heimatandenken von Flüchtlingen und Vertriebenen versammelt, etwa Ansichtsteller oder ein Puzzle „Heimat Sudetenland“. Dem Kurator Tomáš Okurka zufolge soll der Schrank „das Bewahren von Erinnerungen an eine verlorene Heimat evozieren“.9 Diese Absicht wurde uns beim Besuch allerdings nicht deutlich.

Obwohl sie dasselbe Thema behandeln und sich beide als international und austauschorientiert präsentieren, lassen sich deutliche Unterschiede zwischen den Ausstellungen in München und Ústí nad Labem feststellen. Diese betreffen nicht nur die jeweils national bzw. regional gefärbten Deutungen, sondern auch das avisierte Publikum. Fast scheinen die Zielgruppen komplementär zu sein: Während das Museum in Ustí in erster Linie auf die tschechische Gesellschaft abzielt, und hier insbesondere auf die jüngere Generation, werden in München durch den Fokus auf das „Erlebnis Heimat“ vor allem die älteren Generationen und damit letztlich die Betroffenen und ihre Nachfahren angesprochen. Internationale Gäste bzw. Besucher:innen aus dem jeweils anderen Land scheinen allenfalls an zweiter Stelle zu stehen. Es trifft wohl genau den Punkt, wenn Niklas Zimmermann schreibt: „In München besitzen die sudetendeutschen Vertriebenen nun ein Museum“.10 Sowohl die „Erzählweise“ als auch der Blick ins Gästebuch bestätigen diesen Eindruck.

Mit dem Neubau hatte das SdM alle Möglichkeiten, eine multiperspektivische Erzählung auch gestalterisch umzusetzen. Doch dominiert die Würdigung von Geschichte und Leistung im Rahmen einer Meistererzählung von der Besiedlung im 12. Jahrhundert bis zum Neuanfang in Westdeutschland. Insofern scheint es sich hier mehr um ein bayerisch-sudetendeutsches als um ein deutsch-tschechisches Projekt zu handeln. Die darin vorherrschende Kollektiverfahrung der „Sudetendeutschen“ wird lediglich an wenigen Stellen unterbrochen, in denen die tschechische bzw. tschechoslowakische Perspektive eingebracht wird. So bildet beispielsweise der Brünner Versöhnungsmarsch den Abschluss der Münchner Dauerausstellung. Bild- und Filmmaterial aus dem Jahr 2018 zeigen diese von Tschech:innen initiierte Veranstaltung, auf der mehrere Hundert tschechische, österreichische und deutsche Teilnehmende einen Teil des „Brünner Todesmarsches“ vom Mai 1945 in entgegengesetzter Richtung von Pohořelice nach Brno gemeinsam gehen.

Zusammenfassend lässt sich trotz der Kritik jedoch festhalten, dass das Sudetendeutsche Museum in München mit seiner beeindruckenden Architektur, vielen hochinteressanten Objekten11, seiner durchgängigen Dreisprachigkeit und der konsequenten Barrierefreiheit punktet. Die Dauerausstellung „Naši Němci – Unsere Deutschen“ überzeugt ebenfalls durch eine funktionale Architektur im historischen Prunkbau, mit einer konsequenten Zweisprachigkeit und ansprechenden Objekten. Was die Hinterfragung der Deutungshoheit der Kuratierenden sowie Multiperspektivität anbelangt, ist die Ausstellung in Tschechien auf der Höhe der Zeit. Obwohl die Kurator:innen auf die Räumlichkeiten des historischen Gebäudes Rücksicht nehmen mussten, ist es ihnen gelungen, jedwede Meistererzählung zu vermeiden und durch Gestaltungselemente sowie die Offenheit des Rundgangs den konstruierten Charakter ihrer Präsentation zu vermitteln. Aus tschechischer Sicht handelt es sich bei der Ausstellung um einen Anstoß, die Sicht auf die Deutschen zu transformieren. Indem sowohl positive als auch negative Aspekte der Deutschen gezeigt werden, wird das häufig einseitig negative Bild, das tschechische Nationalist:innen und Kommunist:innen von den (Sudeten-)Deutschen entworfen hatten (und teilweise noch haben), nicht reproduziert. Es bleibt zu wünschen, dass es der Ausstellung gelingt, die Geschichte der Deutschen in den Böhmischen Ländern im tschechischen Geschichtsbewusstsein und der Erinnerungskultur zu verankern.

Anmerkungen:
1 Die Umsetzung erfolgte durch die „Arbeitsgemeinschaft Sudetendeutsches Museum“ in Zusammenarbeit mit dem wissenschaftlichen Beirat; die Medienplanung und -integration übernahmen „235 Media GmbH“, Köln und die Umsetzung „Winkels Interior Design GmbH“, Kleve.
2 Vgl. Hans-Christian Petersen / Tobias Weger, Neue Begriffe, alte Eindeutigkeiten? Zur Konstruktion von ‚deutschen Volksgruppen‘ im östlichen Europa, in: Jahrbuch des Bundesinstituts für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa 25 (2017), S. 177–198, hier S. 191.
3 Derzeit wird ein weiterer Ausstellungsraum in Ústí nad Labem fertiggestellt, der sich dem Begriff „Sudeten“ bzw. „sudetendeutsch“ widmet. Bei einer Kuratorenführung konnte Natalie Reinsch ihn exklusiv besichtigen. Anhand einer Karte von Tschechien wird jeweils rot dargestellt, was der Begriff zu verschiedenen Zeiten bedeutet hat bzw. welche Gebiete damit jeweils gemeint waren.
4 Vincent Regente, Flucht und Vertreibung in europäischen Museen, Bielefeld 2020, S. 352.
5 Der Film und weitere Einblicke in die Ausstellung sind online abrufbar unter https://www.youtube.com/watch?v=DHgwitQ2fuY (19.07.2023). Sedláček befasst sich häufig mit Themen der tschechischen Geschichte.
6 Der tschechische Historiker Michal Stehlík kritisiert allerdings in seiner Rezension, dass die Karikaturen nicht mit der Ausstellung interagieren würden. Vgl. ders., Němci ztracení v sektorovém nábytku, 02.08.2022, https://blog.aktualne.cz/blogy/michal-stehlik.php?itemid=43177 (19.07.2023).
7 Podiumsdiskussion „Geschichte ausstellen – Museen in Aussig und München“, Veranstaltung des Adalbert Stifter Vereins, der Münchner Volkshochschule und des Collegium Carolinum am 04.03.2021, https://www.youtube.com/watch?v=0yrYI35VWfg (19.07.2023).
8 Vgl. Regente, Flucht und Vertreibung, S. 355.
9 Tomáš Okurka, „Unsere Deutschen“. Die neue Dauerausstellung in Aussig/Ústí nad Labem, in: Natalie Reinsch / Frauke Geyken / Cornelia Eisler / Thomas Overdick (Hrsg.), Herkunft.Heimat.Heute. Zur Musealisierung von Heimatstuben und Heimatsammlungen der Flüchtlinge, Vertriebenen und Aussiedler:innen, Hannover 2023, S. 223f.
10 Niklas Zimmermann, Sudetendeutsches Museum. Wie an Vertreibung erinnern?, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.10.2020.
11 Neben dem Kurzführer durch die Ausstellung (Stefan Planker (Hrsg.), Sudetendeutsches Museum. Kurzführer, München 2022) existiert ein Band mit weiterführenden Informationen zu einigen Exponaten: Elisabeth Fendl / Klaus Mohr (Hrsg.), Heimatgeschichten. Aus den Sammlungen des Sudetendeutschen Museums, München 2018.

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