14. Workshops des Arbeitskreises Historische Frauen- und Geschlechterforschung, Regionalgruppe Neue Bundeslaender
Zentrum fuer Zeithistorische Forschung, Potsdam 15.12.2000
Ein Tagungsbericht von Gisela Mettele

Am 15. Dezember 2000 trafen sich in Potsdam zum 14. mal WissenschaftlerInnen verschiedener Universitaeten der neuen Bundeslaender zu einem eintaegigen Workshop. Ein Schwerpunkt des 1991 gegruendeten Arbeitskreises liegt auf der DDR-Frauengeschichte. Daneben wird, den Forschungsprojekten der beteiligten WissenschaftlerInnen entsprechend, eine breite Palette von Themen von der Fruehen Neuzeit bis zur Zeitgeschichte diskutiert. Beides, sowohl die thematische Vielfalt als auch die kontinuierliche Diskussion zur Geschichte der Frauen in der DDR, machen den Workshop zu einem der interessantesten Gespraechskreise der Historischen Frauen- und Geschlechterforschung in den neuen Bundeslaendern.

Dieses Mal standen drei Vortraege zur Diskussion:

- Dr. Ingrid Miethe: Frauenfriedensbewegung der DDR - eine biografische Rekonstruktion

- Dr. Renate Huertgen: FrauenWende-WendeFrauen. Frauen in den ersten betrieblichen Interessenvertretungen der Neuen Bundeslaender

- Dr. des. Eva Pietsch: "Just a comic figure?" Zur Entwicklung von Frauenbild und Geschlechterstereotypen in visuellen Darstellungen U.S. amerikanischer Gewerkschaftszeitungen 1910-1940

Im ersten Vortrag untersuchte Ingrid Miethe (Universitaet Greifswald) in einer biographischen Rekonstruktion die Frauenfriedensbewegung der DDR. Sie ging am Beispiel einer Gruppe "Frauen fuer den Frieden" der DDR der Frage nach, wie es dazu kommt, dass Frauen sich in bestimmten Situationen zusammenschliessen und gemeinsam politisch handeln.

Die "Frauen fuer den Frieden" (Ost) gruendeten sich 1982 in Protest gegen die Verabschiedung des neuen Wehrdienstgesetzes der DDR, das im Falle der Mobilisierung auch die Einbeziehung von Frauen vorsah. Empirische Basis der Untersuchung sind lebensgeschichtlich-narrative Interviews, die als hermeneutische Fallrekonstruktionen (Rosenthal) ausgewertet wurden, sowie eine Gruppendiskussion.

Mit ihrer Aktivitaet in der Frauenfriedensgruppe, so die These, setzten die Frauen sich indirekt mit ihrer Familiengeschichte in deren jeweiligen zeitgeschichtlichen Bezuegen auseinander. Mit dieser unterschiedlichen Bedeutung der Familiengeschichte und damit verbunden des DDR-Systems korrespondiert dann auch die - teilweise sehr verschiedene - politische Verortung der Frauen nach 1989. Es wurden drei Typen rekonstruiert:

Erster Typus: Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus ("68er des Ostens"): Zu diesem Typus zaehlen in erster Linie die Kriegskinder, aber auch noch juengere Frauen, die dieselbe Elterngeneration wie die Kriegskinder haben. Die politische Aktivitaet stellte die indirekte Bearbeitung eines Generationenkonfliktes zwischen den Frauen und deren in den NS involvierten Elterngeneration dar. Zentral ist das Verstaendnis der DDR als "Diktatur", da nur in einem System, das als strukturell mit dem NS verbunden gesehen werden kann, das eigene Handeln eine Bedeutung im Hinblick auf den NS erhaelt. Entsprechend sind die Repraesentantinnen dieses Typus konstitutiv an das System gebunden, das sie eigentlich bekaempften. Die Wende und der damit verbundene Wegfall der DDR stellt einen Bruch dar, der zum Rueckzug aus weiterer politischer Betaetigung fuehrte.

Zweiter Typus: Auseinandersetzung mit stalinistischen Repressionen: Zu diesem Typus zaehlen in erster Linie Frauen der 50er Geburtsjahrgaenge und es sind sozialisatorische Erfahrungen, wie z.B. Repressionen gegen die Eltern oder auch das eigene Erfahren der Diskrepanz zwischen Anspruch und Realitaet des DDR-Systems zentral. Da sie sich sehr viel staerker als die Vertreterinnen des ersten Typus mit dem Pro und Contra des DDR-Systems auseinander gesetzt haben, waren sie nach 1989 schneller in der Lage, veraenderte Handlungsstrategien zu entwickeln.

Dritter Typus: Auseinandersetzung mit familialer Gewalt: Fuer die Vertreterinnen dieses Typus stellt die politische Aktivitaet die Auseinandersetzung mit familialer Gewalt dar, die diese sowohl innerhalb der Herkunftsfamilie als auch der eigenen Familie erlebt haben. Politische Aktivitaet ermoeglichte, einen aktiven Umgang mit der erlebten Gewalt zu finden und sich als handlungsfaehig zu erleben. Die Wende und der damit verbundene Systemwechsel hat fuer die Repraesentantinnen dieses Typus die geringste Bedeutung, da die politische Aktivitaet nicht mit dem politischen System verbunden war. Literatur: Ingrid Miethe, Frauen in der DDR-Opposition. Lebens- und kollektivgeschichtliche Verlaeufe in einer Frauenfriedensgruppe. Opladen: Leske+Budrich, 1999. Kontakt zur Referentin: miethe@mail.uni-greifswald.de

Den zweiten Vortrag hielt Renate Huertgen (Zentrum fuer Zeithistorische Forschung, Potsdam) zum Thema FrauenWende - WendeFrauen - Frauen in den ersten betrieblichen Interessenvertretungen der neuen Bundeslaender. Sie griff dafuer einige Ergebnisse aus ihrem Forschungsprojekt zur Transformation von Gewerkschaftsstrukturen nach 1990 und ihrer Publikation zum Thema (s.u.) heraus. Der Schwerpunkt des Vortrags lag auf der Sozialisationserfahrung der Frauen sowie ihrer bis zum Untersuchungszeitraum ausgebildeten Werte, Normen, Einstellungen und Verhaltensweisen. Im Projekt war gefragt worden, welche Frauen sich 1990/91 in die ersten Betriebsraete der neuen Bundeslaender haben waehlen lassen; gab es Typisches, Gemeinsames in dieser "ersten Generation" von weiblichen Betriebs- und Personalraeten? Im Ergebnis zeigte sich, dass die 30 interviewten Frauen aus 5 Betrieben a) aus verschiedenen Generationen kamen b) 50% von ihnen eine Hoch- oder Fachschulqualifikation hatten c) 13 Frauen in der SED waren d) 21 eine ehren- oder hauptamtliche Funktion im FDGB hatten e) nur eine Frau 1995 arbeitslos war. Die Dominanz von Funktionstraegerinnen und Mitgliedern der Partei weist die Frauengruppe einerseits als besondere Gruppe aus, andererseits fuehrte die vergleichbare Sozialisation aller Frauen in der DDR auch zu gleichen bzw. vergleichbaren Werten und Verhaltensmustern.

Die meisten Frauen des Samples waren in der Kindheit zu Neutralitaet und Anpassung erzogen worden, sie hatten schon in der Familie, spaeter im Beruf hart arbeiten muessen. Zu ihren groessten Tugenden rechnen sie, dabei nicht gemeckert und trotz aller Widrigkeiten alles durchgestanden zu haben. Sie verstehen sich als unpolitisch, auch dann, wenn sie eine Funktion in der Gewerkschaft uebernommen haben. Sie verbanden ihre Funktion vor allem damit, Freundlichkeit und Harmonie zwischen den Kolleg/innen, aber auch zwischen diesen und der staatlichen Leitung zu verbreiten. Konfliktverhalten lehnen sie ab. Ihr Einsatz fuer die sozial Schwachen im Kollektiv geschah nie konfrontativ.

Mit eben diesem Selbstverstaendnis und den entsprechenden Faehigkeiten ausgestattet, uebernahmen die Frauen 1990/91 ihre Funktion im Betriebs- bzw. Personalrat. Sie fuehlten sich auch hier sogleich fuer die sozialen Belange der Kolleg/innen zustaendig, die im Zuge der Massenentlassungen zu regeln waren und sind besonders haeufig in den Sozialausschuessen taetig. Nachdem diese Aufgabe am Ende der Entlassungswelle "geloest" war - so eine These des Projektes - gaben die meisten Frauen die Betriebsratsarbeit auf. Im Vortrag wurde auf einen Aspekt des Verhaltens der Frauen im Betriebsrat besonders verwiesen: das Konfliktverhalten. Hier dominierten a) die Konfliktvermeidung und b) die Konfliktdeutung als Personenkonstellation, nicht als Interessenkonflikt. Hervorhebenswert ist jedoch, dass es fuer einige Frauen moeglich wurde, c) Konflikte zu erleben, auszutragen und Konfliktverhalten positiv zu werten. Nicht nur an diesem Beispiel wird sichtbar, dass sich die einst sehr homogene Frauengruppe mit einer veraenderten Praxis ausdifferenzierte.

Am Ende des Vortrages wurde beschrieben, mit welchem Selbstverstaendnis von Emanzipation die Frauen 1990/91 ihre Betriebsratsfunktion angetreten hatten, was nicht unerheblich das Verhaeltnis der West- und Ostgewerkschafterinnen praegen sollte. So war allen aus der DDR kommenden Frauen gemeinsam, dass sie den Grad ihrer Emanzipation am Grad der Anerkennung messen, die sie von der Familie, den Kollegen, den Vorgesetzten, "der Gesellschaft" erhalten hatten: Wie gut sie den Anforderungen gewachsen gewesen sind, die das Leben stellte, wie "verwendbar" sie gewesen waren, wie bestmoeglich sie die ihnen zugedachte Rolle erfuellten. Umgekehrt verbindet sich ihnen mit Emanzipation eher ein privates als politisches Verhalten. Sie wollen nicht zu den "ewigen Meckerern" gehoeren.

Unschwer wird erkennbar, dass die Frauen (wie die Maenner) die Werte einer arbeitszentrierten Gesellschaft fuer sich angenommen haben, dass mit der Erwerbstaetigkeit wohl ein Selbstbewusstsein gewachsen ist, jedoch keines, dass die gesellschaftlichen Strukturen, auch nicht die patriarchalischen, in Frage stellt. Ein solcher Befund wirft die Frage nach den Effekten von Erwerbsarbeit unter diktatorischen Bedingungen auf, aber auch die nach der kritischen Verwendung von Emanzipation gekoppelt an Erwerbsarbeit unter heutigen aktuellen Entwicklungstendenzen.

Literatur: Renate Huertgen, FrauenWende - WendeFrauen. Frauen in den ersten betrieblichen Interessenvertretungen der neuen Bundeslaender. Muenster: Westfaelisches Dampfboot, 1997. Kontakt zur Referentin: huertgen@rz.uni-potsdam.de

Eva Pietsch (Technische Universitaet Chemnitz) fragte in ihrem Vortrag "Just a comic figure?" nach der Entwicklung von Frauenbild und Geschlechterstereotypen in visuellen Darstellungen U.S. amerikanischer Gewerkschaftszeitungen 1910-1940.

Der Ausgangspunkt dieses Beitrags waren die methodischen Probleme, denen kunstgeschichtlich eher unbewanderte (Sozial-)HistorikerInnen der Arbeiter- und Arbeiterbewegungskultur beim Versuch begegnen, Bildillustrationen als historische Quellen zu erschliessen. Das Hauptaugenmerk lag auf sogenannten Comics und Cartoons. Dieses Genre humoristischer Zeichengeschichten fand ab dem zweiten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts wachsende Verbreitung in einigen progressiven amerikanischen Gewerkschaftszeitungen. Die Analyse stellte Illustrationen aus der Zeitung The Advance vor, dem offiziellen Organ des Industrieverbands der Herrenkonfektionsarbeiter (Amalgamated Clothing Workers of America), aus dem Zeitraum 1917-1940. In einer anfangs maennlich dominierten Industriearbeiterschaft mit handwerklichen Wurzeln, die sich mit zunehmender Arbeitsteilung und Elektrifizierung der Arbeitsprozesse stark verweiblichte, galt der Entwicklung von Frauenbild, Weiblichkeitsvorstellungen und Geschlechterstereotypen im vorfindlichen Bildrepertoire besondere Aufmerksamkeit. Die Ergebnisse der Bildquellenanalyse sind sicher nicht ohne weiteres ueber industrielle Branchengrenzen oder gewerkschaftliche Organisationsprinzipien hinweg vergleichbar oder verallgemeinerbar. Dennoch eroeffnet das ab 1917 in der Gewerkschaftspresse neu eingesetzte visuelle Angebot einen detaillierten Einblick in zeitgenoessische Norm- und Wertvorstellungen der Arbeiterschicht, die sich in den vorgefundenen Motiven, Themen und Darstellungsmustern spiegeln. Der Cartoon setzte die Kritik an kapitalistischer Ausbeutung, an einwanderer- und sozialismusfeindlicher Klassenjustiz ebenso ins Bild, wie das Lob der internationalen Arbeitersolidaritaet und die Segnungen der industriegewerkschaftlichen Organisationsform. Die anschliessende Diskussion des Beitrags ergab zudem, dass ein Vergleich ikonographischer Praesentationen der amerikanischen und sowjetischen bzw. europaeischen Arbeiterbewegung sicherlich spannende Einsichten ueber den Grad ihrer Uebereinstimmung zutage foerdern wuerde.

Angesichts der tendenziellen Verflachung und konservativen Ausrichtung, die das Genre der von "comic codes" kontrollierten Comistrips in den USA im Zuge seiner massenhaften Verwendung als "eye catcher" im Tageszeitungsgeschaeft der Presseimperien von Hearst und Pulitzer ganz ueberwiegend bestimmte, ist es bemerkenswert, dass die Strichzeichnungen der Labor-Cartoonisten im Verlauf der Zwanziger und Dreissiger Jahre zu ihrer urspruenglich gesellschaftskritischen Tonart zurueckfanden. Sie erfuellten auf diese Weise den Anspruch der gewerkschaftlichen Blattmacher, eine "aufklaerende" und "erzieherische" Funktion auszuueben, die sich in das Projekt einer "education of the industrial worker" bruchlos einfuegte, ohne auf Witz, Haeme oder Spott, mithin den "Unterhaltungswert", dieser Illustrationen als Mitnahmeeffekt zu verzichten.

Eine genauere Betrachtung des Wandels, den die Darstellung von Frauen in diesen Zeichnungen diverser Vertragszeichner des Advance durchlief, laesst jedoch auch die Kehrseiten dieses Mediums erkennen. Die Comiczeichnungen lassen sich als ein Spiegelbild der gewerkschaftlichen Haltung gegenueber seiner weiblichen Mitgliedschaft und potentiellen Anhaengerinnen lesen. Wurden die Illustrationen anfangs von allegorischen Frauengestalten dominiert, die als goettinnenhafte Wesen, Verkoerperungen von "Freiheit", "Gleichheit" oder "Solidaritaet", um weibliche Mitglieder warben, und mit denen sich die Zeichner in die Bildtradition der sozialistischen Arbeiterbewegung stellten, naeherte sich der Stil der Labor-Cartoons ueber Phasen einer vielsagenden "Ausblendung" weiblicher Figuren schliesslich vielbekannten Frauenportraitierungen der "commerical comics" an, wie etwa der Serienheldin "Blondie". Waehrend die Arbeiterin, im Gegensatz zu ihrem maennlichen Kollegen, in den Comics kaum praesent war, wurde die weibliche Gewerkschafterin in den Dreissiger Jahren mit Vorliebe ironisierend als "Fronthelfer" oder "Maedchen fuer alles" dargestellt, und damit auf ein weibliches Rollenverhalten festgelegt, dass den maennlichen Fuehrungsanspruch in der Gewerkschaftsorganisation weitgehend unangetastet liess.

Literatur: Eva Pietsch, Gewerkschaft, Betrieb, Milieu: Klassen- und Geschlechterbeziehungen in ethnisch heterogenen Raeumen. Eine Fallstudie zur amerikanischen Bekleidungsindustrie 1890-1930, Univ. Bielefeld (Diss.) 1999. Kontakt zur Referentin: eva.pietsch@phil.tu-chemnitz.de

Der Arbeitskreis trifft sich zweimal jaehrlich. Der naechste Workshop findet voraussichtlich im Juni in Greifswald im Interdisziplinaeren Zentrum fuer Frauen- und Geschlechterforschung der Ernst-Moritz-Arndt-Universitaet statt. Alle WissenschaftlerInnen, die an einer Universitaet der neuen Bundeslaender im Bereich der Historischen Frauen- und Geschlechterforschung arbeiten, sind herzlich zur Teilnahme eingeladen. Eine genaue Ankuendigung erfolgt im Mai ueber H-Soz-u-Kult.

Informationen zur Regionalgruppe Neue Bundeslaender: Dr. Gisela Mettele, Lehrstuhl Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Technische Universitaet Chemnitz, 09107 Chemnitz, Tel. 0371-531-4062, Email: gisela.mettele@phil.tu-chemnitz.de

Informationen zum bundesweiten Arbeitskreis:

http://www.tu-bs.de/institute/geschichte/AKFrauForsch/index.html


Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>

From: "Gisela Mettele" <gisela.mettele@phil.tu-chemnitz.de>
Subject: Tagungsbericht: Arbeitskreis Historische Frauen- und Geschlechterforschung ...
Date: 11.01.2001


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